Für einen Beobachter der deutschen Presseszene, der das Glück hat, den Irrsinn von außen beobachten zu können, ist es jeden Tag aufs Neue spannend, die Phasen der geistigen Verfassung der deutschen Journalie zu rekonstruieren (wir benutzen zum Rekonstruieren gerne die Methode der qualitativen Inhaltsanalyse von Mayring, die einzige uns bekannte qualitative Methode der Datenauswertung, die versucht, reliable und nachvollziehbarer Ergebnisse zu produzieren).
Wir haben bisland die folgenden Phasen rekonstruiert:
Die zweite Phase kann als Trotzphase beschrieben werden. Die Trotzphase, die man auch als infantile Phase bezeichnen kann, sie besteht aus dem Versuch, das, was nicht sein kann, zum Verschwinden zu bringen. Es gibt gar keinen BREXIT. Bestimmt hat Cameron nur Spaß gemacht. Bestimmt pfeifen die britischen Abgeordneten im House of Commons auf den Willen der Wähler, so wie man das aus Deutschland gewohnt ist. In die Trotzphase fällt das Hochjubeln einer Petition, die eine politische Unmöglichkeit fordert, die gegen geltendes Verfahrensrecht verstößt und die gefakt ist, aber ein zweites Referendum zum Gegenstand hat: Der Strohhalm, auf den die deutschen Realitätsverweigerer in den Medien gewartet haben.
Die dritte Phase ist die Phase der infantilen Reaktanz, in der die Journalie in der Weise kindisch reagiert, wie ein abgewiesener Liebhaber: Geht doch! Wir wollen Euch auch gar nicht. Ihr werdet schon sehen, was Ihr davon habt. Großbritannien wird zu Little England, weil die Schotten und die Nordiren nun austreten, so fabulieren sich manche die Welt zurecht. Vor lauter Eifer (oder Geifer) vergessen sie, dass weder Nordirland noch Schottland in der EU sind: Mitglied der EU ist das United Kingdom, und es ist das United Kingdom, das austritt. Die Schotten und die Nordiren sind Teil des United Kingdom. Sie haben weder den völkerrechtlichen Status, der notwendig ist, um auf eigene Faust Mitglied der EU zu werden noch die Möglichkeit, diesen Status in absehbarer Zeit zu erreichen, denn David Cameron hat angekündigt, ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit von Schottland zu blockieren. Derartige Realitäten interessieren deutsche Journalisten jedoch nicht. Sie sind im bockig-Mode und phantasieren, die wirtschaftliche und finanzielle Katastrophe für das Vereinigte Königreich (zwischenzeitlich steigt das britische Pfund wieder und der FTSE-100 hat seine BREXIT-Verluste weitgehend wieder wettgemacht), niemand wird mehr mit den Briten Handel treiben wollen, so giften sie (Kanada, Indien und die USA streiten derzeit darüber, wer zuerst ein Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Königreich abschließen darf) und so weiter und so fort. Die wohl infantilste Variante dieser kindischen Reaktanz findet sich im Focus in einem journalistischen Auswurf, bei dem man sich mit Recht fragt, ob der Verfasser jemals bei klarem Verstand gewesen sein kann.
Auf die Phase der kindischen Reaktanz folgt die Phase der persönlichen Beleidigung, die Phase in der der kindische Journalist zum Wut-Journalisten mutiert, der, weil er keine Argumente hat, mit Beleidigungen und persönlicher Diskreditierung reagieren muss. Beim Deutschland Radio Kultur ist man in dieser Phase angekommen. Mangels Argumenten muss man sich über Personen hermachen. Entsprechend wird Boris Johnson zum Polit-Clown erklärt. Er trage schlecht sitzende Anzüge, seine Frisur sei so, dass der Wind sie zerzause und weitere Aussagen, die man nur als peinlichen Versuch werten kann, einen Menschen zu verunglimpfen, dem man nicht ansatzweise das Wasser reichen kann. (Boris Johnson ist übrigens ein, wie es im Vereinigten Königreich heißt: „Oxford educated“ Historiker, der seine schulische Laufbahn in Eton abgeschlossen hat. Von dem Maß an Bildung, das Johnson besitzt, können Vladimir Balzer und Axel Rahmlow vom Deutschlandfunk nur träumen. Denn müssten sie nicht von Bildung träumen, sie hätten es nicht nötig, Fehlschlüsse ad hominem zu benutzen, um Personen zu diskreditieren, die ihnen nicht gefallen. Das machen nur Dumme.).
Seine Worte sprechen für sich:
Boris Johnson sei ein „politischer Gaukler“, Nigel-Farage ist ein „rassistischer Nationalist“ und „Putin-Bewunderer“. Farage und Johnson haben auf dem Kontinent „völkisch-nationale Kumpane“ und einen „Spiritus Rektor im Kreml“. Boris Johnson ist ein „narzistischer Schaumschläger“, Farage ein „Demagoge in der „Nachfolge von Oswald Mosley, dem britischen Faschistenführer der 1930er“.
Er kann einem leid tun, der Herr Herzinger. Ein schlichtes Nein der Briten zur EU bringt ihn so aus der Fassung, dass er nur noch mit Schimpf und Beleidigung reagieren kann. Da wo normale Menschen ein Argument machen, eine Begründung vorbringen, kann er nur beleidigen. Er kann einem wirklich leid tun, ob seiner Unfähigkeit den Wandel der Zeit zu verarbeiten und der daraus folgenden psychologischen Notwendigkeit, zum Wut-Journalisten zu werden. Bei allem Mitleid: Was denkt die Welt, aller Leser-Welt diesen außer Rand und Band geratenen Menschen zuzumuten?
Der BREXIT er hat in der Tat zu einer tiefen Krise geführt: Der Journalismus in Deutschland steckt in einer tiefen Krise, vermutlich deshalb, weil die Anzahl der Journalisten immer geringer, die Anzahl der Wutbürger, die sich Journalist nennen, immer größer wird.
P.S. Herzingers Text in der WELT ist mit „Die Gaukler, die Britannien in den Brexit trieben“ überschrieben. Spulten wir die Zeit um 76 Jahre zurück , dann hätte Julius Streicher vielleicht die Schlagzeile: „Die Gaukler, die Britannien in den Untergang und den Widerstand gegen Deutschland trieben“ gedichtet.
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