Freie Deutsche Ahnungslosigkeit: “Unabhängige Studie zum Rassismus in der Polizei jetzt”

Falls es dem einen oder anderen entgangen ist: Im Bundestag gibt es eine Kuriosität aus 80 Abgeordneten, die von sich sagen, sie wären Liberale. Sie sehen sich in den Fußstapfen von Gerhard Baum, Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel obwohl sie vergessen haben, was noch einmal dieser Liberalismus, den man ihnen ständig unterstellt, sein soll.

Und die FDP im Bundestag hat ein Problem: Sie ist weitgehend unsichtbar.
Alle reden von der AfD. AfD hier, AfD dort, AfD vorne, AfD hinten, niemand redet von der FDP.
Selbst für CDU und SPD besteht mehr Interesse als für die FDP.

Was tut man, als notorisch übersehene Bundestagsfraktion, die doch so gerne in den Medien wäre, wenn die Phantasie vollständig fehlt, um etwas Neues, etwas Interessantes zu erdenken? Man versucht sich als Trittbrettfahrer und klaut abgehalterte Ideen bei anderen, in der Hoffnung, man könne sich damit profilieren. DiMaggio und Powell haben dieses Phänomen der Isomorphie, den Ringtausch unter Langweilern, bereist 1983 beschrieben. Seitdem ist es nicht besser geworden.



In ihrem Bemühen, ein Trittbrett zu finden, auf dem die FDP in der Wählergunst vielleicht die 7 Prozent-Marke zu knacken im Stande ist, haben sich die FDPs auf den Rassismus gestürzt, den, den es vermeintlich bei der Polizei gibt, und fordern nunmehr der Bundestag möge das Folgende beschließen:

“II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,

1. unverzüglich die erforderlichen Schritte einzuleiten, um eine unabhängige wissenschaftliche Studie in Auftrag zu geben, deren Ziel es ist, die Verbreitung rassistischer, antisemitischer und fremdenfeindlicher Überzeugungen in den Sicherheitsbehörden des Bundes (Bundesamt für Verfassungsschutz, Bundespolizei, Bundeskriminalamt) zu ermitteln;

2. die entsprechenden Haushaltsmittel bereitzustellen sowie den Forscherinnen und Forschern freien Zugang zu den Liegenschaften und zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Behörden zu gewähren, soweit dies zur Durchführung der Studie notwendig ist und keine Sicherheits- oder Geheimschutzbedenken entgegenstehen;

3. die Länder zur Durchführung vergleichbarer Studien anzuhalten und sie hierbei gezielt zu unterstützen.

Wir wundern uns schon seit diese irre Idee, einer Studie zu Rassismus bei der Polizei aufgekommen ist, darüber, dass das jemand ernsthaft fordern kann, und haben uns entsprechend gefragt, wie groß das Maß an Ahnungslosigkeit und das Bemühen, sich zu inszenieren, Wählerstimmen nicht mehr mit Inhalten, sondern mit virtue signalling zu gewinnen, mit der Behauptung, “Ey, wir sind gut”, tatsächlich ist.

Antwort: monströs.

Es ist immer einfach, etwas zu fordern, von dem man keine Ahnung hat, vollmundig nach einer unabhängigen wissenschaftlichen Studie zu schreien, die die Verbreitung (sofern vorhanden) von [siehe oben] in den Sicherheitsbehörden des Bundes fordert. Die Frage, wie diese Studie durchgeführt werden soll, um die gewünschte Information zu liefern, die ist dann schon schwieriger zu beantworten. Deshalb wird sie von der FDP erst gar nicht gestellt. Das erinnert an Kleinkinder, die von ihrem Papa verlangen, ein Heffalump zu entdecken. Sie wissen nicht, was ein Heffalump ist? Aber das wir sie doch nicht von seiner Entdeckung abhalten – oder?

Um die Monstrosität dieses – sorry: idiotischen Antrags der FDP zu überschauen, hier ein paar grundlegende Informationen:

  • Mitarbeiter beim Bundesamt für Verfassungsschutz: 3.864;
  • Mitarbeiter im Bundeskrminalamt: ca. 7.100;
  • Mitarbeiter bei der Bundespolizei: 51.315,

Empirische Forschungsmethoden, die man anwenden kann, um “Rassismus, Antisemitismus oder Fremdenfeindlichkeit” als Einstellung oder Überzeugungssystem zu erheben:

  • Quantitative Befragung,
  • Beobachtung,
  • Qualitative Interviews,
  • Fokusgruppen,
  • Experteninterviews,

Keine dieser Methoden erbringt das gewünschte Ergebnis.

Um die “Verbreitung rassistischer, antisemitischer und fremdenfeindlicher Überzeugungen in den Sicherheitsbehörden des Bundes” zu ermitteln, ist es entweder notwendig, alle 62.279 Mitarbeiter zu beobachten oder zu befragen oder eine repräsentative Auswahl zu treffen, im vorliegenden Fall wäre eine Zufallsauswahl von 3.200 Mitarbeitern (eine 5%-Stichprobe) wohl ausreichend, um sich die Illusion zu verschaffen, man habe repräsentative Daten, die auf alle Mitarbeiter hochgerechnet werden können.



Wollte man mit 3.200 Mitarbeitern Fokusgruppen-Interviews oder qualitative Interviews führen, die in der Regel mindestens eine, meist zwei bis drei Stunden in Anspruch nehmen, dann wären allein zur Datenerhebung 9.600 Arbeitsstunden erforderlich, wobei die Arbeitsstunden von trainierten Sozialforschern erbracht werden müssen, für die sich die Frage stellt, wie man sie rekrutieren soll, zumal mindestens 50 notwendig wären, um die qualitative Befragung in einem angemessenen Zeitraum umsetzen zu können. Aber die Suche nach den entsprechenden Mitarbeitern kann man sich sparen, denn das Material, das bei einer solchen qualitativen Befragungen anfiele, umfasst (sehr konservativ geschätzt bei minimal 10 Seiten pro Interview) mindestens 100.000 Seiten Text, digital oder in Papierform. Kein qualitativer Sozialforscher auf dieser Welt und kein Rudel von Sozialforschern, die mit qualitativen Methoden arbeiten, ist in der Lage, eine solche Menge von Information a) zu überschauen und b) systematisch und c) konsistent auszuwerten.

Qualitative Interviews und Fokusgruppen fallen aus.

Experteninterviews sind zwar für viele – vor allem in den Hausfrauenwissenschaften – das Mittel der Wahl. Aber Experteninterviews sind in der Regel keine Methode, mit der sich Erkenntnis gewinnen lässt. Man erfährt, was jemand, der sich für einen Experten hält oder zu einem solchen erklärt wird, zu einem bestimmten Thema zu wissen glaubt. Mehr nicht. Ungeeignet zur Erforschung der FDP-Monstrosität.

Bleibt die quantitative Sozialforschung in dem Stil, der in den Mitte-Studien seit Jahren angewendet wird und von dem mehr oder minder bekannt ist, dass nicht allzu viel damit gemessen wird. Aber gehen wir davon aus, dass die Items der Mitte-Studien, von denen behauptet wird, sie würden Antisemitismus und Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, also eine antisemitische und eine rassistische und eine fremdenfeindliche Einstellung messen, tatsächlich messen, was sie zu messen vorgeben. Gehen wir weiter davon aus, dass es möglich ist, eine einigermaßen zufällige Auswahl aus den Mitarbeitern der drei Ämter zu ziehen und sie dazu zu verdonnern, immerhin sind es Beamte, an der Befragung teilzunehmen. Wie hat man sich eine solche Befragung vorzustellen?

Hallo, wir wollen herausfinden, wie antisemitisch oder rassistisch Sie sind?
Eher nicht.

Who would you vote for …?
Baloo

Sehr geehrter Herr Polizist. Wir wissen, dass sie kein Rassist und auch kein Antisemit sind. Aber vielleicht haben Sie ja Lust, einen Kollegen anzuschwärzen? Unser Fragebogen gibt ihnen dazu Gelegenheit.
Auch nicht.

Lieber Verfassungsschützer: Sie denken bestimmt, Sie seien kein Rassist. Studien haben gezeigt, dass viele, die sich nicht für einen Rassisten halten, doch ihnen ganz unbewusst, Rassist sind. Machen Sie den Selbstest.
Wohl auch nicht.

Oder:

Im folgenden haben wir fünf Aussagen zusammengestellt. Sagen Sie uns, wie sehr Sie den entsprechenden Aussagen zustimmen, bzw. sie ablehnen.

  • Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform.
  • Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert.
  • Die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Interessengruppen schaden dem Volksganzen.
  • Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.
  • Wahlen sind nur dann gut, wenn dadurch keine Linken an die Macht kommen.

Mit Aussagen wie diesen wird eine latente Einstellung gemessen, die mit “Befürwortung einer rechtsnationalen Diktatur” benannt ist. Schon die Benennung ist unwissenschaftlich, denn es kann auch eine Ablehnung gemessen werden. In jedem Fall wird mit solchen Aussagen nur eine Einstellung gemessen, von der niemand weiß, was sie denn nun bedeutet, ob und wenn ja, wie sie sich in Verhalten niederschlägt. Aber Aussagen wie diese, sind die einzige Möglichkeit, um der FDP zumindest ansatzweise vorgaukeln zu können, dass der Auftrag im Antrag erfüllt worden sei. Vorgaukeln wegen dem, was in der empirischen Sozialforschung als “soziale Erwünschtheit” bekannt ist.

Stellen wir uns vor, es gäbe bei der Bundespolizei eine relevante Anzahl von Mitarbeitern, die rechtsextrem sind, was auch immer das bedeutet. Glauben die Herrschaften bei der FDP, diese Leute sind blöd? Wenn Forscher X anmarschiert kommt, und seinen Fragebogen austeilt, dann wird er – sofern er überhaupt auf Gegenliebe stößt, alles messen, was in der Öffentlichkeit als politisch-korrekte Antwort bekannt ist. Die wochenlange Publicity für diese absurde Idee politischer Aktivisten reicht hin, um die Ergebnisse jeder Befragung so zu verzerren, dass rechtsextreme Beamte, so es sie denn gibt, nicht erkannt werden können. Die Publicity und das wochenlange Einschlagen auf die Polizei hat aber noch andere Konsequenzen: Wenn man Ihnen wochenlang gesagt hat, dass man sie für “Abfall”, für einen rechtsextremen Schläger und was auch immer hält, obwohl sie nur Ihren Job machen, wie hoch ist dann ihre Bereitschaft einen Fragebogen auszufüllen, der scheinheilig daherkommt, um das Extremismuspotential bei der Polizei oder deren Verfassungstreue oder was auch immer zu messen? Eben. Die einfachste Methode, die sich in diesem Fall anbietet, ist in allen Fällen die “Weiss nicht” Kategorie anzukreuzen und in den Fällen, in denen die Kategorie fehlt, den Fragebogen leer zu lassen. Die Befragung ist anonym, ergo gibt es keine Konsequenzen.



Selbst wenn die armen wissenschaftlichen Mitarbeiter, die ein entsprechender Auftrag ereilt, weil ihr Professor sich profilieren will, den indirekten Weg gehen und auf das Denunziationspotential unter Kollegen hoffen, also danach fragen, ob man von rechtsextremen Kollegen oder Vorfällen im Kollegenkreis weiß und wie häufig sie sind, gibt es keinerlei Möglichkeit die Validität solcher Angaben zu prüfen. Das einzige, was durch ein solches Vorgehen erkennbar wird, ist die Anzahl der Charakterschweine im Polizeidienst.

Alle diese Unmöglichkeiten haben wir unter der Annahme beschrieben, dass es möglich ist, eine Stichprobe unter Bundespolizei, Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt zu ziehen, die Rückschlüsse auf alle Beamten zulässt. Diese Annahme ist aus vielen Gründen problematisch, obwohl es sich um eine geschlossene und bekannte Population handelt, denn man muss annehmen, dass dann, wenn es Rechtsextremismus bei Bundespolizisten, Bundeskriminalbeamten oder Verfassungsschützern gibt, dieser Rechtsextremismus auf eine selegierte Population beschränkt ist, die man nur erforschen kann, wenn man sie kennt. Man benötigt also Zugang zu denen, deren Existenz erst zu zeigen wäre. Ein Ding der Unmöglichkeit, schon weil die Konsequenzen, die auf Beamte warten, die sich als Rechtsextremist zu erkennen geben, sofern es diese Beamten wirklich gibt, erheblich sind, was die Wahrscheinlichkeit, Zugang zu erhalten, sehr gering werden lässt. Zugänge, die Journalisten behaupten, zu haben, sind bislang in keinem Fall dahingehend überprüft worden, ob die aufgestellten Behauptungen tatsächlich zutreffen oder fabriziert wurden.

Und das ist dann das letzte Problem, das die FDP nicht kennt und das nicht lösbar ist. Wenn man einen Beschuldiger hat und Beschuldigte, dann werden beide Seiten, wenn keine Belege vorliegen, behaupten, die Gegenseite sage nicht die Wahrheit, und es gibt keine Chance, diesen Widerspruch zu lösen. Eine Befragung, bei der es keinerlei Konsequenzen für falsche Behauptungen gibt, weil eine fiktive Gruppe, die die Befrager nicht kennen, von einem anonymen Teilnehmer kostenlos beschuldigt werden kann, potenziert die gerade beschriebenen Probleme und führt dazu, dass man die Angeber, die aus Groll oder Ärger auf Kollegen falsche Angaben machen, von denen trennen muss, die tatsächlich etwas zu berichten wissen. Ein weiteres Ding der Unmöglichkeit.

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Sollte die “unabhängige wissenschaftliche Studie” vom Bundestag beschlossen und auf den Weg gebracht werden, dann werden diejenigen, die damit beauftragt werden, etwas liefern. Aber das, was sie liefern, wird keinerlei Aufschluss über die “Verbreitung rassistischer, antisemitischer und fremdenfeindlicher Überzeugungen in den Sicherheitsbehörden des Bundes” geben, der einer näheren Überprüfung stand hält.

Aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass die FDP signalisieren will, dass es sie noch gibt und dass sie auch zu denen gehört, die sich für moralische Herrenmenschen halten.

Und die Frage, warum die Einstellung von Menschen relevant sein soll, wo Studien seit Jahrzehnten zeigen, dass zwischen Einstellung und Verhalten kaum eine bis keine Verbindung besteht, haben wir dabei noch gar nicht gestellt.



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