Wut-Journalisten: Der BREXIT offenbart die tiefe Krise des deutschen Journalismus

Für einen Beobachter der deutschen Presseszene, der das Glück hat, den Irrsinn von außen beobachten zu können, ist es jeden Tag aufs Neue spannend, die Phasen der geistigen Verfassung der deutschen Journalie zu rekonstruieren (wir benutzen zum Rekonstruieren gerne die Methode der qualitativen Inhaltsanalyse von Mayring, die einzige uns bekannte qualitative Methode der Datenauswertung, die versucht, reliable und nachvollziehbarer Ergebnisse zu produzieren).

Wir haben bisland die folgenden Phasen rekonstruiert:

BREXIT_the-great-escape-443x264Da hatten wir zunächst die Phase des ungläubigen Staunens. Offensichtlich hat auf dem Kontinent niemand auch nur im Entferntesten damit gerechnet, dass es zu einem BREXIT kommen könnte. Die politische Kaste und ihre journalistische Hilfstruppe, sie wähnten sich in Sicherheit. (Wozu die Medien Auslandskorrespondenten unterhalten ist uns vor diesem Hintergrund ein Rätsel.)

Die zweite Phase kann als Trotzphase beschrieben werden. Die Trotzphase, die man auch als infantile Phase bezeichnen kann, sie besteht aus dem Versuch, das, was nicht sein kann, zum Verschwinden zu bringen. Es gibt gar keinen BREXIT. Bestimmt hat Cameron nur Spaß gemacht. Bestimmt pfeifen die britischen Abgeordneten im House of Commons auf den Willen der Wähler, so wie man das aus Deutschland gewohnt ist. In die Trotzphase fällt das Hochjubeln einer Petition, die eine politische Unmöglichkeit fordert, die gegen geltendes Verfahrensrecht verstößt und die gefakt ist, aber ein zweites Referendum zum Gegenstand hat: Der Strohhalm, auf den die deutschen Realitätsverweigerer in den Medien gewartet haben.

Die dritte Phase ist die Phase der infantilen Reaktanz, in der die Journalie in der Weise kindisch reagiert, wie ein abgewiesener Liebhaber: Geht doch! Wir wollen Euch auch gar nicht. Ihr werdet schon sehen, was Ihr davon habt. Großbritannien wird zu Little England, weil die Schotten und die Nordiren nun austreten, so fabulieren sich manche die Welt zurecht. Vor lauter Eifer (oder Geifer) vergessen sie, dass weder Nordirland noch Schottland in der EU sind: Mitglied der EU ist das United Kingdom, und es ist das United Kingdom, das austritt. Die Schotten und die Nordiren sind Teil des United Kingdom. Sie haben weder den völkerrechtlichen Status, der notwendig ist, um auf eigene Faust Mitglied der EU zu werden noch die Möglichkeit, diesen Status in absehbarer Zeit zu erreichen, denn David Cameron hat angekündigt, ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit von Schottland zu blockieren. Derartige Realitäten interessieren deutsche Journalisten jedoch nicht. Sie sind im bockig-Mode und phantasieren, die wirtschaftliche und finanzielle Katastrophe für das Vereinigte Königreich (zwischenzeitlich steigt das britische Pfund wieder und der FTSE-100 hat seine BREXIT-Verluste weitgehend wieder wettgemacht), niemand wird mehr mit den Briten Handel treiben wollen, so giften sie (Kanada, Indien und die USA streiten derzeit darüber, wer zuerst ein Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Königreich abschließen darf) und so weiter und so fort. Die wohl infantilste Variante dieser kindischen Reaktanz findet sich im Focus in einem journalistischen Auswurf, bei dem man sich mit Recht fragt, ob der Verfasser jemals bei klarem Verstand gewesen sein kann.

Fokus Auswurf
Albert Linner, von dem dieser Unsinn stammt, weiß offensichtlich nicht, dass Wales auch Teil des großen britischen Königreiches ist. Es ist ihm zu wünschen, dass er bis zum nächsten Text, mit dem er das Niveau des Fokus noch weiter reduziert, sein ungeheuerliches Maß an Selbstüberschätzung, das nur auf Unbildung basieren kann, zumindest zum Teil überwunden hat.

Auf die Phase der kindischen Reaktanz folgt die Phase der persönlichen Beleidigung, die Phase in der der kindische Journalist zum Wut-Journalisten mutiert, der, weil er keine Argumente hat, mit Beleidigungen und persönlicher Diskreditierung reagieren muss. Beim Deutschland Radio Kultur ist man in dieser Phase angekommen. Mangels Argumenten muss man sich über Personen hermachen. Entsprechend wird Boris Johnson zum Polit-Clown erklärt. Er trage schlecht sitzende Anzüge, seine Frisur sei so, dass der Wind sie zerzause und weitere Aussagen, die man nur als peinlichen Versuch werten kann, einen Menschen zu verunglimpfen, dem man nicht ansatzweise das Wasser reichen kann. (Boris Johnson ist übrigens ein, wie es im Vereinigten Königreich heißt: „Oxford educated“ Historiker, der seine schulische Laufbahn in Eton abgeschlossen hat. Von dem Maß an Bildung, das Johnson besitzt, können Vladimir Balzer und Axel Rahmlow vom Deutschlandfunk nur träumen. Denn müssten sie nicht von Bildung träumen, sie hätten es nicht nötig, Fehlschlüsse ad hominem zu benutzen, um Personen zu diskreditieren, die ihnen nicht gefallen. Das machen nur Dumme.).

evil-gnomeSchließlich entwickelt sich in der vierten Phase auch auch der Wut-Journalist in seiner traurigen Gestalt, jener Journalist, der gesellschaftlichen Wandel nicht verkraftet, der so im Status Quo verhaftet ist, dass im Veränderung und Pluralität der Gesellschaftsentwürfe zuwider sind. Richard Herzinger ist ein solcher Wut-Journalist von der traurigen Gestalt. Er hat keinerlei Argument, aber viel Wut.

Seine Worte sprechen für sich:
Boris Johnson sei ein „politischer Gaukler“, Nigel-Farage ist ein „rassistischer Nationalist“ und „Putin-Bewunderer”. Farage und Johnson haben auf dem Kontinent „völkisch-nationale Kumpane“ und einen „Spiritus Rektor im Kreml“. Boris Johnson ist ein „narzistischer Schaumschläger“, Farage ein „Demagoge in der „Nachfolge von Oswald Mosley, dem britischen Faschistenführer der 1930er“.

Er kann einem leid tun, der Herr Herzinger. Ein schlichtes Nein der Briten zur EU bringt ihn so aus der Fassung, dass er nur noch mit Schimpf und Beleidigung reagieren kann. Da wo normale Menschen ein Argument machen, eine Begründung vorbringen, kann er nur beleidigen. Er kann einem wirklich leid tun, ob seiner Unfähigkeit den Wandel der Zeit zu verarbeiten und der daraus folgenden psychologischen Notwendigkeit, zum Wut-Journalisten zu werden. Bei allem Mitleid: Was denkt die Welt, aller Leser-Welt diesen außer Rand und Band geratenen Menschen zuzumuten?

Johnson ChurchillDie journalistische Landschaft in Deutschland, sie ist in weiten Teilen an Armseligkeit und Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten. Die meisten derer, die sich heute Journalist nennen, haben irgendetwas studiert. Was immer sie studiert haben, Logik, Argumentationslehre, Ethik oder gar Fairness waren keine Bestandteile des Studiums. Nun kann man argumentieren, dass Ethik und Fairness Eigenschaften sind, die ein Mensch für sich entwickeln muss. Dann muss man allerdings nicht nur erklären, wie ein Studium aussehen muss, an dessen Ende Journalisten stehen, die Beiträge wie die im Zuge des BREXIT in (Re)Mainstream-Medien verfassten Texte verfassen können, dann muss man auch erklären, wie es sein kann, dass Menschen, die nicht einmal die grundlegendsten Regeln von Anstand, Ethik (um nicht zu sagen: Moral) und Fairness erlernt haben, sich Journalisten nennen können.

Der BREXIT er hat in der Tat zu einer tiefen Krise geführt: Der Journalismus in Deutschland steckt in einer tiefen Krise, vermutlich deshalb, weil die Anzahl der Journalisten immer geringer, die Anzahl der Wutbürger, die sich Journalist nennen, immer größer wird.

P.S. Herzingers Text in der WELT ist mit “Die Gaukler, die Britannien in den Brexit trieben” überschrieben. Spulten wir die Zeit um 76 Jahre zurück , dann hätte Julius Streicher vielleicht die Schlagzeile: “Die Gaukler, die Britannien in den Untergang und den Widerstand gegen Deutschland trieben” gedichtet.


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