Kommunistische Küche

Wir sind auf eine Perle der deutschen politischen Literatur gestoßen, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Sie stammt aus der Kategorie: Linke haben für alles eine Lösung und aus dem entsprechenden Buch „Die Frau im Sozialismus“, das August Bebel zu verantworten hat. In diesem Buch gibt es nicht nur eine Fehlrezeption von Charles Darwin’s Evolutionstheorie, die eine Vielzahl von Lesern belustigt hat, es gibt darin auch Tipps für den Weinbau der Zukunft und die Beschreibung der Kommunistischen Küche.

August Bebel ist ein wahrer Vertreter der Klasse derer, die zu allem etwas wissen, aber zu nichts etwas Richtiges.

August_BebelHier also seine Beschreibung der kommunistischen Küche, in der bereits der Schmalhans, der im Kommunismus regelmäßig Küchenmeister war, beschrieben und die Emanzipation der Frauen von Privatküchenarbeit durch die Einführung der staatlich beaufsichtigten Massenkantine, in der nach Bebels Ansicht chemisch zubereitete Naturprodukte verköstigt werden, dargestellt wird.

Man muss wirklich zugestehen, dass es ohne sozialistische Literatur weit weniger zu lachen gäbe.

Kommunistische Küche

„Bei der Nahrung handelt es sich aber weit mehr um die Qualität als die Quantität, viel hilft nicht, wenn das Viele nicht gut ist. Die Qualität wird aber durch die Art und Weise der Zubereitung bedeutend verbessert. Nahrungszubereitung muß ebenso wissenschaftlich betrieben werden wie andere menschliche Tätigkeiten, soll sie möglichst vorteilhaft sein. Dazu gehört Wissen und Einrichtung. Daß unsere Frauen, welchen gegenwärtig die Nahrungszubereitung hauptsächlich zufällt, dieses Wissen oft nicht besitzen und nicht besitzen können, bedarf keines Beweises mehr.

Die Technik der großen Küchen hat schon gegenwärtig eine Vollkommenheit erreicht, welche die aufs beste eingerichtete Familienküche nicht kennt. Insbesondere ist es die mit Elektrizität für Heizung und Beleuchtung eingerichtete Küche, die dem Ideal entspricht. Kein Rauch, keine Hitze, keine Dünste mehr; die Küche gleicht mehr einem Salon als einem Arbeitsraume, in dem alle möglichen technischen und maschinellen Einrichtungen vorhanden sind, welche die unangenehmsten und zeitraubendsten Arbeiten spielend erledigen. Da sind die elektrisch betriebenen Kartoffeln- und Obstschäler, die Entkernungsapparate, Würstestopfer, Speckpresser, Fleischhacker, Fleischröster, Bratapparate, Kaffee- und Gewürzmühlen, die Brotschneideapparate, Eiszerkleinerer, Korkzieher, Korkpresser und hundert andere Apparate und Maschinen, die einer verhältnismäßig kleinen Zahl Personen mit mäßiger Anstrengung ermöglichen, für Hunderte von Tischgästen die Speisen zu bereiten. Dasselbe ist mit den Spül- und Reinigungseinrichtungen der Fall.

Die Privatküche ist für Millionen Frauen eine der anstrengendsten, zeitraubendsten und verschwenderischsten Einrichtungen, bei der ihnen Gesundheit und gute Laune abhanden kommt und die ein Gegenstand der täglichen Sorge ist, namentlich wenn, wie bei den allermeisten Familien, die Mittel die knappsten sind. Die Beseitigung der Privatküche wird für ungezählte Frauen eine Erlösung sein. Die Privatküche ist eine ebenso rückständige und überwundene Einrichtung, wie die Werkstätte des Kleinmeisters, beide bedeuten die größte Unwirtschaftlichkeit, eine große Verschwendung an Zeit, Kraft, Heiz- und Beleuchtungsmaterial, Nahrungsstoffen usw.

Der Nährwert der Speisen wird durch ihre leichte Assimilierfähigkeit erhöht; diese ist entscheidend [Fußnote]. Eine naturgemäße Nährweise aller kann also auch erst die neue Gesellschaft ermöglichen. Cato rühmt vom alten Rom, daß es bis zum sechsten Jahrhundert der Stadt (200 vor Christo) wohl Kenner der Heilkunde gab, aber es an Beschäftigung fehlte. Die Römer lebten so nüchtern und einfach, daß Krankheiten selten vorkamen und der Tod durch Altersschwäche die gewöhnliche Form des Todes war. Erst als Schlemmerei und Müßiggang, kurz, das Lotterleben auf der einen, Not und Überarbeit auf der anderen Seite um sich griffen, wurde es gründlich anders. Die Schlemmerei und das Lotterleben sollen künftig unmöglich sein, aber auch Not, Elend und Entbehrung. Es ist für alle genug vorhanden. Sang doch schon Heinrich Heine:

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrthen, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen [Fußnote].

»Wer wenig ißt, lebt gut« (das heißt lange), sagte der Italiener Comaro im sechzehnten Jahrhundert, wie Niemeyer zitiert. Schließlich wird künftig auch die Chemie für die Herstellung neuer und verbesserter Nahrungsmittel in bisher ungekannter Weise tätig sein. Heute wird diese Wissenschaft sehr mißbraucht, um Fälschungen und Prellereien zu ermöglichen; es ist aber klar, daß ein chemisch zubereitetes Nahrungsmittel, das alle Eigenschaften eines Naturproduktes hat, denselben Zweck erfüllt. Die Form der Gewinnung ist nebensächlich, vorausgesetzt, daß im übrigen das Produkt allen Ansprüchen gerecht wird.“

Auszug aus: August Bebel: Die Frau im Sozialismus.


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12 Responses to Kommunistische Küche

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Kommunistische Küche

  2. Hosenmatz says:

    „Daß unsere Frauen, welchen gegenwärtig die Nahrungszubereitung hauptsächlich zufällt, dieses Wissen oft nicht besitzen und nicht besitzen können, bedarf keines Beweises mehr.“

    Das haben die Linksfeministinnen wohl immer überlesen. 🙂

  3. Max Mertens says:

    So komisch Bebels Einlassungen heute auch wirken mögen: warum nicht die Zeitbedingtheit bemerken und ein wenig ‚Gnade‘ walten lassen. Das Lächeln ist ja auch dann nicht ausgeschlossen. Über wieviel heutigen wissenschaftlichen Fug & Unfug wird man in Zukunft lachen?

    • Heike Diefenbach says:

      Uns kann man schwerlich vorwerfen, wir würden nicht ebenso über den derzeitigen pseudowissenschaftlichen Unsinn lachen und ihn als den Unsinn erweisen, der er nun mal ist.

      Davon abgesehen:

      Wie genau machen Sie denn aus dem Unsinn von Bebel mehr Sinn, wenn Sie die „Zeitbedingtheit“ berücksichtigen?

      Nicht, dass ich nicht der Auffassung wäre, dass zeitgenössische Bezüge Phänomene erhellen könnten – aber sie machen nicht notwendigerweise aus jedem Unsinn Sinn. Wenn der Unsinn in seiner Zeit Sinn machen soll, dann müsste man schon angeben, WIE er das machen soll.

      Also: Was in der Zeit, in der Bebel geschrieben hat, macht seinen Unsinn denn sinnvoller?

      Übrigens:

      Dinge machen entweder Sinn oder nicht, sind empirisch begründbar oder nicht, sind logisch korrekt argumentiert oder nicht, aber „Gnade“ ist mir als Beurteilungskriterium zur Qualität von Einzel- oder Zusammenhangsaussagen noch nicht begegnet – jedenfalls nicht in der Wissenschaft und nicht einmal, wenn es um alltägliche Sach- oder Zusammenhangsaussagen geht.

  4. Peter Trier says:

    Möchte mich Max Mertens anschließen. Seien wir nicht ungerecht gegen Bebel und die alte, aus der Arbeiterbewegung hervorgegangene Linke, für die er steht: Sie schätzte Rationalität und glaubte an die Wissenschaft und den technischen Fortschritt, wobei sie es gelegentlich sicher übertrieb. Die heutige, postmoderne, grüne, feministische und gefühlsduselige Linke hingegen verteufelt Wissenschaft und Technik, schert sich nicht um Rationalität und Logik und hat, so mein Eindruck, von der alten Linken nur eine und zwar die unseligste Tradition übernommen, nämlich das Denken in Kollektiven.

    • Sie können Bebel nicht gelesen haben, sonst würden Sie im Zusammenhang mit August Bebel den Begriff der Rationalität nicht benutzen. Bebel ist eher das Beispiel für einen Überzeugungstäter, dem man mit Rationalität nicht kommen darf, einer, der wie Genderisten heute, alle Kritik als unberechtigt abtut, Kritikern unterstellt, sie hätten nicht die Einsicht in die Realität, die er natürlich für sich in Anspruch nimmt und einer, der immer dann, wenn er seine Einsicht deutlich macht, sich als Popanz, der von wenig bis nichts eine Ahnung hat, entpuppt.

      • Peter Trier says:

        Zugegeben, ich habe Bebel nicht gelesen, mir ging es vor allem um das Verhältnis zu Wissenschaft und Technik, das aus dem zitierten Absatz spricht. Dass er etwa empfiehlt, die Chemie auf die Nahrungsmittelzubereitung anzuwenden (vgl. heute: „Ist da etwa Chemie drin?“) und feststellt, „daß ein chemisch zubereitetes Nahrungsmittel, das alle Eigenschaften eines Naturproduktes hat, denselben Zweck erfüllt“ sticht für mich durchaus vorteilhaft von der Naturmystik ab, die heute im Zusammenhang mit Lebensmitteln betrieben wird („mit natürlicher Kohlensäure versetzt“, als ob Kohlensäure nicht gleich Kohlensäure wäre). Das rechne ich ihm als Rationalität an. Dass er dieselbe Rationalität vermissen lässt, wenn es um seine Überzeugungen und Interessen geht, will ich nicht bezweifeln, das ist menschlich-allzumenschlich, erst recht für einen Parteipolitiker, der Bebel ja war.
        Der Pferdefuß der Bebelschen Gemeinschaftsküchen ist natürlich die Bevormundung samt verordneter Diät, die sie mit sich brächten, aber das geschieht heute auch, nur subtiler (Steuern auf vermeintlich ungesunde Lebensmittel, Nudging)

        • Heike Diefenbach says:

          … „daß ein chemisch zubereitetes Nahrungsmittel, das alle Eigenschaften eines Naturproduktes hat, denselben Zweck erfüllt“

          – fällt Ihnen an diesem Satz nicht irgendetwas als seltsam auf???

          Vielleicht, dass ein CHEMISCH zubereitetes Nahrungsmittel ALLE Eigenschaften eines NATURproduktes haben soll???

          Wenn Sie solche mentalen Purzelbäume nicht bemerken, sie gar als Ausdruck von Rationalität werten (die Bebel nur woanders missen lässt,) dann ist es vielleicht nicht so verwunderlich, dass Sie es irgendwie schaffen, angesichts der in Bebelschen Textprodukten erkennbaren doch sehr eingeschränkten Geisteskraft ernst zu bleiben, vielleicht sogar, denselben etwas abgewinnen zu können.

          Ich persönlich weiß bei Bebel und Konsorten (allen voran: Engels) bei keinem einzigen Satz, der einem von ihnen zugemutet wird, ob ich lachen, schreien oder weinen soll! Immer wenn man denkt, man hat die geistige Talsohle erreicht, wird man eines besseren belehrt und ins Reich der unterirdischen mentalen Fähigkeit befördert.

  5. Bernhard says:

    Ich stelle ganz einfach fest: „Bebel war seiner Zeit weit voraus.“
    Die meisten Milchtrinker sind der Meinung ein Naturprodukt zu verzehren!
    Ergo: Glaube ersetzt Chemie

    • Heike Diefenbach says:

      … ja, und leider nicht nur diese – Glaube ersetzt für viel zu viele Zeitgenossen und anscheinend ebenso für viel zu viele unserer Vorfahren nahezu alles Wissen (hier: im Sinn von Faktenwissen).

    • Dummerjan says:

      „Die meisten Milchtrinker sind der Meinung ein Naturprodukt zu verzehren!“
      Die meisten Milchtrinker sind der Meinung Rohmilch wäre gesund. Dabei gab es allein in 2014 92 Neuerkrankungen an Rindertuberkolose (lt. Robert-Koch-Institut). Früher war Kuhmilch der Hauptübertragungsweg der Tuberkulose – nach der Übertragung von Mensch zu Mensch. Die Erhitzung über 60 Grad -auch Pasteurisieren genannt – mach daraus ein ziemlich sicheres Nahrungsmittel. Also bitte Vorsicht mit diesen „Naturprodukten“.

  6. corvusalbusberlin says:

    Mein Sohn hat als jungendlicher nach dem Sport manchmal 1 – 2 Liter Milch getrunken. Ihm hat’s geschmeckt, also bitte, warum nicht. Butter dagegen hat er bis zum heutigen Tage nicht gegessen. Heute trinkt er auch keine Milch mehr.
    Ich selbst trinke auch keine normal Milch – manchmal Soya-Mandelmilch, worin ich mir meine Chiasamen (sonst in Wasser) einrühre. Schmeckt sündhaft gut.

    Aber seit einiger Zeit haben es mir Sprossen angetan zu jeder Tages-und Nachtzeit.
    Und sie tun mir richtig gut. also jedem Tierchen sein Pläsierchen.

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