Die Opferstiftung aus Berlin und der St. Martin vom Tagesspiegel

Mit „Volle Kanne Hass“ hat Matthias Meisner einen Beitrag im Tagesspiegel überschrieben, den er besser mit: Ansichten eins Clowns überschrieben hätte, ist der Meisnersche Beitrag doch ähnlich hilflos wie die Böllschen Versuche, innere Deprimiertheit durch äußere Regenfälle auszudrücken.

Der Beitrag von Meisner ist schnell zusammengefasst:

Das Opfer, die Amadeu-Antonio-Stiftung, die fortan nur noch als Opferstiftung bezeichnet wird, sieht sich rechtsextrem umstellt, aggressiv, antisemitisch, von rechts mit Attacken attackiert , vom ZDF verulkt, Gegenstand von Hass-Attacken aus einschlägigen Kreisen, FAZ, Achse des Guten, Tichy, Junge Freiheit und Kopp-Verlag, von allem, was rechts von linksaußen ist, eben attackiert, mit Hass, und persönlich, das Oberopfer Kahane und das Nebenopfer Schramm, zu dem selbst „das Ministerium [BMI] derweil auf Distanz“ geht, sind Ziel einer „außer Rand und Band“ geratenen Diskussion, „die Wellencharakter“ hat, in ihren Angriffen aus „kampagnenhafter Bösartigkeit“, bei der sich die Kritiker „gegenseitig anstacheln“ und die Opferstiftung, das Ober- und das Nebenopfter mit „Verleumdung und Falschbehauptungen“ traktieren.

Fast, dass einem die Tränen in den Augen stehen, ob dieser Opferstiftung, die völlig unverschuldet von der Meute der Hasser überfallen wird. Fast. Denn wie so oft, in Prosa, die man als Schundliteratur werten muss, ist die Wirklichkeitsliebe der Autoren nicht in dem Maße vorhanden, wie es notwendig wäre, um die Lektüre zu einem Leseerlebnis zu machen. Meisner macht sich gleich mehrerer Unwahrhaftigkeiten schuldig.

(1)
Lexikon PsychologieBeginnen wir mit etwas, was wir wirklich nicht mehr hören können: Hass. Wir verhängen jetzt ein Hass-Embargo. Der Begriff „Hass“ ist ab sofort nur noch von qualifizierten Personen zu verwenden, die eine ungefähre Vorstellung von seiner Bedeutung haben. Meisner ist die entsprechende Verwendung untersagt, denn für ihn ist alles Hass, was er nicht mag, Hass und rechtsextrem. Sein Fundus der Emotionen ist ähnlich beschränkt, wie seine Einteilung der ideologischen Welt. Und bei lauter Hass-Fixierung merkt er nicht, was er schreibt, denn:

“Hass entsteht als Reaktion auf emotional sehr verletzende … oder existenzbedrohende Erlebnisse. Angestrebt wird stets die Vernichtung des Hassobjektes“. (Arnold, Eysenck, Meili,1994: 847).

Wenn Meisner die Opferstiftung also zum Adressaten von Hass stilisieren will, so als „wolle man die Stiftung erledigen“, wie er schreibt, dann sagt er damit, dass die Opferstiftung gar keine Opferstiftung, sondern eine Täterstiftung ist, denn Hassobjekt kann die Stiftung nur werden, wenn von der Stiftung ein Anlass für Hass geliefert wurde, z.B. dadurch, dass andere Menschen durch Aktionen der Stiftung stark in ihrem emotionalen und moralischen Empfinden verletzt wurden oder dadurch, dass Aktionen der Stiftung von Dritten als existenzbedrohend erlebt wurden. Wenn Meisner also darauf besteht, die Opferstiftung zum Hassobjekt zu stilisieren, dann macht er die Opferstiftung unwillkürlich zum Täter, zum Ausgangspunkt der Verletzungen, die zu dem Hass führen, der nach Ansicht von Meisner in Richtung der Opferstiftung schwappt.

(2)
Meisners einziges stilistisches Mittel, das er zu kennen scheint, besteht in der Verwendung von Adjektiven, die für ihn mit einer negativen Bewertung verbunden sind: rechts, rechtsextrem, aggressiv, antisemitisch… Leser, die durch diese Begriffe ins Bockshorn gejagt werden können, die die stilistische Armut des Matthias Meisner teilen, wird es freuen, alle anderen wird es langweilen, schon weil nichts bleibt, wenn man die Bewertung von Meisner einmal weglässt:

“Dann kamen um die Ecke drei Männer in Stasi-Uniform, ein weiterer filmte. Sie … [wollten] Stiftungschefin Anetta Kahane eine Urkunde für hervorragende Dienste bei der Zensur von ‚einwanderungskritischen Kommentaren‘ überreichen … Schon im April hatte die Identitäre Bewegung Plakate und Flugblätter an die Eingangstür des Stiftungsbüros geklebt“.

Wird der erste Teil der Beschreibung in der Zeit um 30 Jahre zurückversetzt, dann hat nicht einmal Stiftungschefin Kahane an der Stasi-Uniform etwas auszusetzen, und der zweite Teil, der schon im April spielt, vermittelt ohne alle Bewertung den Eindruck einer Aktion von Robin Wood, Greenpeace oder einer anderen Gruppe, die bei diesen Organisationen üblichen Methoden, wie sie oben beschrieben werden, benutzen, um auf ihre Zwecke aufmerksam zu machen.

hate_speech1Sieht hier irgendjemand außer Meisner Hass? Hass kann man nur sehen, wenn man (1) immer dann Hass sieht, wenn jemand etwas tut, was einem fremd ist und man (2) dieses Tun als bedrohlich auffasst. Dass es Meisner nicht nachvollziehbar, ja fremd ist, was die Identitäre Bewegung (was immer das auch sein mag) tut, ist offenkundig, dass er sich dadurch bedroht fühlt, auch, dass daraus bei ihm und nur bei ihm Hass entsteht, ist die logische Folge.

(3)
Es ist schon erstaunlich, dass die Mitarbeiter einer Stiftung, „die sich seit Jahren für Zivilgesellschaft und demokratische Kultur einsetzt“, nicht in der Lage sind, dann, wenn sie mit Vertretern dieser Zivilgesellschaft und ihrer höchst eigenen politischen Kultur konfrontiert sind, diese jahrelange Erfahrung umzusetzen und einen netten Plausch mit den Herren in Stasi-Uniform zu starten, sie zum Kaffee einzuladen und ihre Anliegen ernst zu nehmen.

(4)
Dass die jahrelange Erfahrung nicht hinreicht, um sich mit harmlosen Vertretern der Zivilgesellschaft zu unterhalten, mag an dem liegen, was Matthias Meisner unterschlägt bzw. was er zum Gegenstand von Geschichtsklitterung machen will. Denn die Amadeu-Antonio-Stiftung ist nicht über Nacht zum Opfer einer Meute von Hassern geworden, die auf der Suche nach einer Opferstiftung waren.

Bleiben wir einen Moment in der gedanklichen Enge von Matthias Meisner, die durch Signalworte wie Hass und rechts begrenzt wird: Da Hass, wie oben dargestellt, eine Reaktion auf etwas ist, muss dem Hass etwas vorausgegangen sein, eine Aktion, eine Aktion der Amadeu-Antonio-Stiftung, eine Aktion, die diejenigen, die nun hassen, wie Meisner meint, so sehr verletzt oder angegriffen hat, dass sie mit Hass reagieren.

Professional victim.jpgAber diese massiven Hass-Geschütze, die von Meisner mit dem Ziel aufgefahren werden, eine Diskussion über die Rolle der Amadeu-Antonio-Stiftung im öffentlichen Leben Deutschlands zu unterbinden, um die Kritik daran, dass eine ehemalige Mitarbeiterin der Stasi nunmehr zur Überwachung des Internets abkommandiert wurde und dafür von Steuerzahlern fürstlich entlohnt wird, zu ersticken, um den Hinweis darauf zu unterdrücken, dass Mitarbeiter der Stiftung sich als völlig ungeeignet erwiesen haben, um sich ausgerechnet für das neue Modethema der politisch Wirkungslosen, No Hatespeech, zu engagieren, um eine generelle Diskussion darüber, ob man Stiftungen wie die Berliner Opferstiftung überhaupt aus Mitteln der Steuerzahler fördern kann, muss oder darf, gleich gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Kurz: Matthias Meisner geriert sich hier als jemand, der Zivilgesellschaft und demokratische Kultur unterdrücken will, der aus jeder Form der Kritik, Hass machen und damit die Kritik erledigen will.

Und weil das alles noch nicht reicht, betreibt Meisner gleich noch Geschichtsklitterung:

“Kurz danach veröffentlichte die Stiftung ein Gutachten des Stasi-Forschers Helmut Müller-Enbergs, laut dem es keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass Kahane im Rahmen ihrer inoffiziellen Stasi-Tätigkeit von 1974 bis 1982 Dritten Nachteile zugefügt hat.”

Das ist falsch.
Zum einen hat Müller-Enbergs sein Gutachten nur auf Basis der Informationen, die ihm Kahane zur Verfügung gestellt hat, erstattet, also auf Grundlage eines Auszugs aus den Stasi-Akten zu Kahane. Zum anderen hat Müller-Enbergs in seinem Gutachten ausdrücklich Folgendes festgestellt:

“Frau Kahane hatte zu Beginn der Kooperation [mit der Stasi] über ihr näheres Umfeld, Freunde und Studienkollegen zu berichten. Sie berichtete darüber nach den Niederschriften ihres Führungsoffiziers auch ‚belastend‘. Allerdings bemerkt der Führungsoffizier, dass Frau Kahane von Anfang an auch Sachverhalte ‚verschweigt‘. … Außerdem wirkt … Frau Kahane nach dem Eindruck aus den Akten altklug, insbesondere, was die Bewertung politischer Kader angeht“.

Tatsächlich war Kahane im Bereich der Bekämpfung „politisch-ideologischer Diversion“ der Staatssicherheit eingesetzt, und zwar acht Jahre lang. Wozu die Staatssicherheit Informationen genutzt hat, wie sie Kahane bereitwillig geliefert hat, haben wir in einem entsprechenden Post am Beispiel der „Zersetzung“ dargestellt. Dass man vor diesem Hintergrund in keiner Weise behaupten kann, Kahane haben durch ihre Spitzeltätigkeit niemandem geschadet, ist eine Offensichtlichkeit, und man muss auch gar nicht spekulieren, denn die bekannten Fakten sprechen eine eindeutige Sprache.

Und so muss man sich abschließend nur fragen, worauf die Verbundenheit des Matthias Meisner mit der Amadeu-Antonio-Stiftung begründet ist. Da Menschen interessegeleitete Wesen sind, kann man mit Max Weber vier Motive der Meisnerschen Handlung vermuten:

  • Zweckrationale Motive: einen finanziellen oder einen sonstigen materiellen Vorteil.
  • Wertrationale Motive: Vorteile, wie sie aus der Selbstzuschreibung zu einer religiösen Gemeinschaft entstehen.
  • Affektive Motive: Vorteile im Hinblick auf eine emotionale Verbindung, die Meisner zur Amadeu-Antonio-Stiftung, deren Mitarbeitern, unterhält oder zu unterhalten hofft;
  • Traditionale Motive: Vorteile im Hinblick auf die Konsistenz der eigenen Handlung, die sich daraus ergeben, dass entsprechende pro-Amadeu-Beiträge Meisner in der Vergangenheit Vorteile verschafft haben, und er versucht, sich diese Vorteile abermals zu verschaffen.

Welches Motiv auf Meisner zutrifft, wissen wir nicht. Es könnte jedes davon sein oder alle.


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