Gesammelte Unkenntnis: Mit Ökonomie hat die ARD wohl nichts am Hut

Der diesjährige Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften geht an Oliver Hart und Bengt Holmström, die beide in den USA lehren. Sie sind beide Vertreter dessen, was als Neue Institutionenökonomie bekannt ist und u.a. auf den Arbeiten von Oliver Williamson basiert. Die Neue Institutionenökonomie geht wie jede Theorie von einer Reihe von Prämissen aus, die man auf die folgenden drei Postulate reduzieren kann:

  • Akteure streben danach, ihren Nutzen zu maximieren;
  • Sie handeln zweckrational und auf Basis der Informationen, die Ihnen zur Verfügung stehen;
  • Soziale Beziehungen zwischen Akteuren sind Austauschbeziehungen;

Williamson_MOhrDer Witz an der Neuen Institutionenökonomie ergibt sich nun aus dem zweiten Postulat, denn die Informationen, die einem Akteur zur Verfügung stehen, müssen nicht mit den Informationen übereinstimmen, die einem anderen Akteur zur Verfügung stehen, was u.a. im Kontext von sozialen Beziehungen, die als Vertrag kodifiziert werden, zu Informationasymmetrien führt, also dazu, dass Verträge notwendig unvollständig sind. Entsprechend haben manche Vertragspartner privates Wissen in unterschiedlichem Ausmaß, also einen Informationsvorsprung gegenüber ihrem Vertragspartner, den sie zu ihren Zwecken ausnutzen können, um ihren Nutzen auf Kosten des Gegenüber zu maximieren. Opportunistisches Verhalten nennt dies Oliver Williamson und subsumiert darunter jede Form der Übervorteilung, des Betruges und der Täuschung des Gegenüber, mit der Akteure versuchen, die Unvollständigkeit von Verträgen für sich auszunutzen.

Bengt Holmström und Oliver Hart forschen in dieser Tradition.

Holmström hat u.a. untersucht, wie ein Arbeitsvertrag für einen CEO aussehen sollte, der die Interessen von Aktionären optimal berücksichtigt, der die Risiken, die mit zu viel Freiheiten für den CEO einhergehen, mit den Chancen, die sich mit einem flexibel agierenden und mit entsprechenden Freiheiten ausgestatteten CEO verbinden, gewichtet. Der Hintergrund der Forschung von Holmström ist natürlich die Tatsache, dass ein CEO deutlich mehr Wissen über das Unternehmen, das er führt, hat als ein Aktionär. Da von Aktionären erwartet wird, dass sie Manager kontrollieren, ist dies misslich, denn deren Fähigkeit zur Kontrolle ist offensichtlich an die Informationen gebunden, die ihnen der Manager zur Verfügung steht oder die öffentlich verfügbar sind. Es gibt eine Unmenge von Literatur, in der gezeigt wird, dass bestimmte Anreize, z.B. die Koppelung der Entlohnung von Managern an das Geschäftsergebnis eines Jahres, z.B. gemessen als Return on Investment, dazu führen kann, dass ein Manager mehr investiert als angeraten und sinnvoll ist, um seine eigene Entlohnung zu erhöhen. Holmström hat Verträge entworfen, die die Risiken opportunistischen Verhaltens bei Managern reduzieren und dennoch Manager nicht derart gängeln, dass sie keine Anreize mehr haben, sich für ihr Unternehmen einzusetzen.

Oliver Hart hat den Nobelpreis für seinen Beitrag zur Vertragstheorie erhalten, der darin besteht, die Risiken, die sich mit privatem Wissen der Vertragspartner verbinden, an Situationen und Entscheidungen zu koppeln und Szenarien zu entwickeln, die angeben, welche Vertragspartei unter welchen Umständen welche Entscheidungen treffen soll. Die Vertragstheorie von Hart ist ein fein kalibriertes Instrument der Checks and Balances, das es erlaubt optimale Motivation mit optimaler Kontrolle zu verbinden.

hart-contract-theoryDie beschriebene Welt, ist eine Welt, die der ARD und deren Redakteuren offensichtlich völlig fremd ist. Schon die Annahme, Menschen wollten ihren Nutzen maximieren, widersteht wohl den Redakteuren, die Dienst nach Vorschrift für Gehalt nach Gehaltstabelle leisten. Gleiches gilt für die Vorstellung, dass Menschen Informationsvorteile, die sie anderen gegenüber haben, zu opportunistischem Verhalten nutzen könnten, also z.B. dazu Informationen selektiv an Leser weiterzugeben oder Informationen unter den Tisch fallen zu lassen oder wertend oder verfälscht weiterzugeben. Derartige Formen opportunistischen Verhaltens sind in öffentlich-rechtlichen Medien vollkommen unbekannt, und deshalb können die dortigen Redakteuren auch mit den Namen Oliver Hart und Bengt Holmström so gar nichts anfangen.

Dummerweise haben beide den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten. Also muss auch bei der ARD darüber berichtet werden. Vermutlich hat man bei der ARD „pass the parcel“ gespielt, und wen auch immer die Aufgabe getroffen hat, etwas zu Holmström und Hart zu schreiben, der hat Folgendes produziert:

„Vom Grundgesetzt bis zur KfZ-Police – unser ganzes Leben wird von Verträgen bestimmt. Doch wie funktionieren sie? Der Finne Bengt Holmström und der Amerikaner Oliver Hart haben dazu weitreichende Forschungen angestellt. Nun erhalten sie den Nobelpreis. … Die beiden Wissenschaftler erhielten die Auszeichnung für ihren Beitrag zur Kontrakttheorie … Warum verdienen Topmanager Millionen. Hart lehrt an der US Elite-Universität Stanford, Holmström am ebenfalls amerikanischen Massachusetts Institute of Technology (MIT). Ihre Forschungen seien wertvoll für das Verständnis von vielerlei Vertragskonstruktionen, hieß es zur Begründung – etwa was die Entlohnung von Topmanagern betrifft. […]

Mehr konnte der aus öffentlichen Mitteln finanzierte Redakteur der doch deutlich umfangreicheren Pressemeldung des Nobelpreis-Komitees nicht entnehmen. Seine Eigenleistung besteht aus den Hinweisen auf die „Elite-Universität“ und der Frage “Warum verdienen Topmanager Millionen?“, eine Frage, die Hart und Holmström vielleicht in einer ihrer Arbeiten am Rande gestreift haben, so am Rande, dass es der Redakteur der ARD sicher nicht gelesen hat. Alles, was ihm also zu Wissenschaftlern einfällt, die irgend etwas mit Managern untersucht haben, ist Millionenverdienst, alles, was ihm zu deren institutioneller Anbindung einfällt ist: Elite-Universität. Zwei Hinweise und ein fast kohärentes Bild eines Redakteurs, dessen Feindbild sich in Managern mit hohem Einkommen und Wissenschaftlern an Elite-Universitäten niederschlägt.

Was dieser Redakteur wohl bei der nächsten Bundestagswahl wählen wird?


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7 Responses to Gesammelte Unkenntnis: Mit Ökonomie hat die ARD wohl nichts am Hut

  1. fdominicus says:

    “Was dieser Redakteur wohl bei der nächsten Bundestagswahl wählen wird?”

    Eine der SED 2.0 Splitterparteien, vom Gebaren her tippe ich auf SPD oder Grüne, Linke ist nicht ausgeschlossen. Was dieser Journalist aber nicht wählen wird weiß ich zu 99,99999 %.

  2. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Gesammelte Unkenntnis: Mit Ökonomie hat die ARD wohl nichts am Hut

  3. Sven Kuchary says:

    Journalisten haben meist Journalismus studiert, und sonst keinerlei Kenntnis über die reale Welt. Vor allem Wissenschaft ist ihnen höchst suspekt, zumal sie – ernsthaft betrieben – mit Mathematik verbunden ist. Es ist oft grauenhaft, wie dumm Jounalisten Berichte über Forschung aufbereiten, angeblich weil ihre Leser für noch dümmer seien als sie selbst.

  4. reinikeup says:

    Das

    “Gleiches gilt für die Vorstellung, dass Menschen Informationsvorteile, die sie anderen gegenüber haben, zu opportunistischem Verhalten nutzen könnten, also z.B. dazu Informationen selektiv an Leser weiterzugeben oder Informationen unter den Tisch fallen zu lassen oder wertend oder verfälscht weiterzugeben. Derartige Formen opportunistischen Verhaltens sind in öffentlich-rechtlichen Medien vollkommen unbekannt”

    scheint doch eine massive Fehleinschätzung zu sein.

    Kreatives Informationsmanagement mit manipulativer Intention gehört doch zu den Basistugenden der ÖR-Informationsschaffenden. Insofern müsste dies doch eine interessante analytische Bereicherung sein, wenn man sie problemlos aufs eigene Arbeitsumfeld übertragen kann…

  5. fRoStY says:

    Vielleicht kann er das geschriebe einfach nur nicht recht in zusammenhang der Erkenntnisse bringen um daraus klar eine Aufbereitung herbeizuführen. Oder aber es ist gar nicht gewünscht das Thema an sich weiter zu erläutern da sonst die Frage aufkommen würde warum der Staat seinen Bürgern einen Einseitig nützlichen ” Vertrag ” aufgezwungenen hat. Ich habe leider nur eine Ausbildung als Kaufmann und bin mir nicht sicher in wie weit sich das Recht Steuern und Zwangaabgaben zu erheben damit deckt das ja hier auch nichts anderes als ein Vertrag zustande kommt. Ich nenne diesen jetzt einfach mal Information und Bildung 😉 gegen Geld. Mich wundert dann allerdings wo ich unterschrieben habe…da ich als.Kaufmann weiss das Kommentarloses Schweigen als zustimmung gewertet wird.habe ich dem natürlich wiedersprochen und die Zahlungen verweigert…hat 15 Monate geklappt bis der Brief der Staatlichen Geldeintreiber kam
    …und ich dachte immer Zwangsfernsehen kommt nur in Diktaturen vor…..und nicht in unserem freien Demokratischen Land.

  6. Jens Kleinikauf says:

    Der erste, der in der neuen Institutionenökonomik die Grundlage legte war Ronald Coase 1937. Er bekam 1991 dafür den sog. Nobelpreis für Wirtschaft (Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften). Die neue Institutionenökonomik wurde übrigens insbesondere von Sozialwissenschaftlern abgelehnt und “bekämpft”, da eine ökonomische Erklärung für viele menschliche Verhaltensweisen nicht in das Weltbild vieler Sozialwissenschaftler passt(e). Es wurde den Wirtschaftswissenschaften auch eine Kannibalisierung der Sozialwissenschaften vorgeworfen. Das Menschen sich ökonomisch Verhalten (und damit zutiefst eigennützig und egoistisch) können Redakteure in der ARD nicht akzeptieren und damit auch nicht die zugrundeliegenden Ansätze verstehen (wie leider viele Soziologen).

    • Von “The Nature of the Firm” bis zu “The Economic Institutions of Capitalism” ist es schon noch ein gutes Stück theoretischen Weges, wenngleich Sie natürlich recht haben, dass Coase die “Governance Structures” als Konzept vorweggenommen hat, für die Williamson berühmt geworden ist.

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