Altruismus ist ein (modernes) Unterdrückungsmittel

Verzicht und Solidarität sind wohl die beiden Forderungen, die Gesellschaften, die sich für modern halten, am meisten auszeichnen. Verzicht wird in vielerlei Hinsicht gefordert: Man soll auf sein Auto verzichten, auf Egoismus, auf Meinungen und Verhaltensweisen, die gerade nicht politisch-korrekt sind uvm. Solidarität wird immer dann gefordert, wenn eine gesellschaftliche Gruppe auf Kosten einer anderen gesellschaftlichen Gruppe bereichert werden soll, häufig durch Steuern und Abgaben, von denen behauptet wird, dass sie solidarisch verwendet würden, z.B. dazu, um auch in Wurzen ein Frauencafé zu eröffnen oder in Freiburg einen weiteren Radweg anzulegen. Markenzeichen der Solidarität ist regelmäßig, dass sie denjenigen, der sie leisten (muss), ärmer macht, während sie den Empfänger begünstigt, ohne dass dieser auch nur ansatzweise Dankbarkeit für denjenigen empfinden würde oder empfinden müsste, der sich solidarisch verhalten hat oder musste.

Hinter beidem, der Forderung nach Verzicht und der Forderung nach Solidarität, steckt das Motiv des Altruismus. Altruismus, der Verzicht auf etwas, zu Gunsten von anderen, Selbstlosigkeit, wie es auch heißt, ist eines der ältesten Herrschaftsinstrumente, eine der nützlichsten Formen von Unterdrückung und Umverteilung, denn: aus irgendwelchen Gründen ist Altruismus bei vielen positiv konnotiert. Wer altruistisch ist, hat fast so etwas wie einen Heiligenschein, wobei ihm eher eine Narrenkappe stünde, denn Altruismus ist nichts anderes als moralisch verpackte Ausbeutung, die Menschen ihr Recht, sich selbst der nächste zu sein, bestreitet.

Ayn Rand hat Altruismus die erste Hypothek des Lebens genannt und die Nützlichkeit der moralischen Ausbeutung durch Altruismus, ein sehr erfolgreiches Unterfangen wie z.B. die Milliarden der katholischen Kirche in Deutschland zeigen, offengelegt. Altruismus bestreitet dem Individuum eine Existenz aus eigenem Recht und lässt nur eine Existenz in Form eines Dieners anderer zu. Wo Philosophen einst geschrieben haben, der Mensch sei frei geboren, macht Altruismus die Einschränkung, dass jeder Mensch sich seine Freiheit dadurch erkaufen müsse, dass er zu Gunsten anderer verzichte, sich mit anderen solidarisch verhalte, die keinerlei Gegenleistung erbringen, zu Gunsten anderer verzichten müsse, die keinerlei Verzicht zu seinen Gunsten leisten.

Eine Stelle, an der Ayn Rand ihre Einwände gegen Altruismus besonders scharf formuliert, findet sich im Aufsatz: „Faith and Force: The Destroyers of the Modern World“.

Ayn Rand Philosophy“What is the moral code of altruism? The basic principle of altruism is that man has no right to exist for his own sake, that service to others is the only justification of his existence, and that self-sacrifice is his highest moral duty, virtue and value.

Do not confuse altruism with kindness, good will or respect for the rights of others. These are not primaries, but consequences, which, in fact, altruism makes impossible. The irreducible primary of altruism, the basic absolute, is self-sacrifice—which means; self-immolation, self-abnegation, self-denial, self-destruction—which means: the self as a standard of evil, the selfless as a standard of the good.

Do not hide behind such superficialities as whether you should or should not give a dime to a beggar. That is not the issue. The issue is whether you do or do not have the right to exist without giving him that dime. The issue is whether you must keep buying your life, dime by dime, from any beggar who might choose to approach you. The issue is whether the need of others is the first mortgage on your life and the moral purpose of your existence. The issue is whether man is to be regarded as a sacrificial animal. Any man of self-esteem will answer: “No.” Altruism says: “Yes.””

Unsere Übersetzung:

Was ist der moralische Kern von Altruismus? Die Kernaussagen von Altruismus ist, dass Menschen kein Recht haben, für sich zu existieren. Vielmehr wird der Dienst am Nächsten als einzige Rechtfertigung menschlicher Existenz dargestellt und selbst-Aufopferung als höchste moralische Pflicht, höchste Tugend und höchster Wert gesetzt.

Verwechsle nicht Altruismus mit Freundlichkeit, gutem Willen und Respekt für die Rechte anderer. Das sind keine Hauptsachen, sondern Konsequenzen, die durch Altruismus unmöglich gemacht werden. Der Gegenstand des Altruismus ist die Aufopferung für andere, das bedeutet: Selbstopfer, Selbstverleugnung, Selbstzerstörung. Egoismus wird so zum Standard des Bösen, Selbstlosigkeit zum Standard des Guten erklärt.
Verstecke Dich nicht hinter solchen künstlich geschaffenen Problemen wie der Frage, ob Du einem Bettler einen Euro geben sollst. Darum geht es nicht. Es geht um die Frage, ob Du das Recht zu leben hast, ohne dem Bettler einen Euro zu geben. Die Frage ist, ob Du Dein Leben, Euro für Euro, von jedem Bettler kaufen musst, der Dich anspricht. Die Frage ist, ob die Bedürfnisse anderer die erste Hypothek Deines Lebens und der moralische Zweck Deines Lebens sind. Die Frage ist ob Menschen als aufopferungswillige Tiere angesehen werden oder nicht. Jeder Mensch mit Selbstachtung wird auf diese Frage mit „Nein“ antworten. Altruismus verlangt ein „Ja“

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9 Responses to Altruismus ist ein (modernes) Unterdrückungsmittel

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  2. Dogbert says:

    Für mich sind Altruisten nichts anderes als scheinheilige Moralapostel, die Wasser nicht nur predigen und auch tatsächlich als Vorbildwirkung demonstrativ trinken, aber heimlich Wein saufen. Ich meine auch, hier eine geistige Verwandtschaft zum Gutmenschen ausmachen zu können.

  3. Karsten Annmann says:

    Nietzsche sagte, dass es Altruismus überhaupt nicht gibt und selbst dann, wenn man etwas für einen anderen “selbstlos” täte, macht man es immer noch mit dem egoistischen Ziel, sich gut zu fühlen.
    Daher ist Altruismus stets nur eine verschämte Version des Egoismus und d.h. Altruismus in Opposition zu Egoismus existiert nicht, sondern Altruismus ist eine Unterart des Egoismus.

    Wer also bspw. denkt, er rette im Mittelmeer Menschen um dieser Menschen willen, kennt sich selbst nicht. Er rettet die nämlich nur, um sich selbst gut zu fühlen. Dass er sie dabei rettet, ist nur die Voraussetzung für das Gutfühlen, womit Altruisten stets die, für die er solidarisch zu sein vorgibt, als Mittel zum Zwecke betrachtet. Also der Altruismus instrumentalisiert Leid anderer zur Befriedigung des eigenen Bedürfnis danach, sich gut und anständig zu fühlen.

    “Seid solidarisch!” ist damit die Ansage, sich zur eigenen Gewissensbefriedigung der Instrumentalisierung anderer Menschen zu bedienen. Es wird also dann ausgerufen, wenn man Grund für schlechtes Gewissen haben könnte, insbesondere bezogen auf den eigenen Egoismus des Solidaritätsrufers. Deswegen hören wir politischer seits auch gerade gefühlt jeden Tag diese Aufforderungen. Unbewusst weiß man sehr wohl, dass man aus egoistischen Zwecken (zb Pöstchen behalten) einen riesen Bockmist angerichtet hat, der einem ein schlechtes Gewissen noch bis zur Geburt der Kinder der eigenen Kinder geben könnte. Damit das nicht so schlimm ist: seid solidarisch, nutzt anderer Leute Elend, um euch besser zu fühlen.

  4. Seb says:

    Altruismus, wenn er zur Forderung, ausgesprochen oder unausgesprochen, wird, ohne die der Non-Konformist durch Politik und Medien gleichsam geächtet oder doch zumindest gemaßregelt wird, ist abzulehnen. Und dann deckt er sich auch ziemlich mit dem, was Ayn Rand meinem Verständnis nach zum Ausdruck bringen will.

    Anders sieht es mit dem aus, was unter Christen seit 2.000 Jahren unter Nächstenliebe verstanden wird (oder werden sollte). Hier geschieht die Zuwendung zum anderen vollkommen freiwillig. Geschieht sie unter Druck oder um gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen, so stellt das das Gegenteil der auch als Christusliebe bezeichneten Nächstenliebe dar. Sie ist dann pharisäerhaft.

    Nächstenliebe im christlichen Sinne wird (sollte) aber immer den emanzipierenden Charakter haben, den auch Christus selbst vorlebte. Sie ist kein Selbstzweck. Sie wird und soll dem Empfänger dazubringen, wieder oder erstmalig für sich selbst verantwortlich zu sein bzw. zu werden.

    Als Christus Kranke heilte, Lahme gehen und Blinde sehen ließ, dann nicht weil dies erwartet wurde, nicht um den Selbstzweck willen. Er tat dies – abgesehen von der theologischen Implikation, also um seine göttliche Herkunft zu zeigen – immer um den Geheilten dadurch ein eigenständiges Leben zu ermöglichen, unabhängig von anderen und ihren Almosen. In diesem Sinne verstanden und angewendet, macht dann das Geben den Empfänger UND den Geber reicher.

  5. Shitlord says:

    Ist “Solidarität” – als Konzept zumindest – nicht grundsätzlich reziprok? Und damit das, was uns heute als “solidarisch” verkauft wird, eben genau nicht solidarisch?

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  7. Klaus Eckhard says:

    Von interessierter Seite wird in Artikeln und ganzen Büchern versucht, den Altruismus auf eine evolutionsbiologische Grundlage zu stellen. Er wird so als ein Darwinscher Mechanismus hingestellt, der zum Überleben einer Art oder zur Vergrößerung des Gen Pools eine Art notwendig sei. Und beschworen wird immer die Mitarbeit der Oma die so versuche ihren 25 % Anteil an den Genen der Enkel zu sichern.
    Altruismus als ein Darwinscher Mechanismus mag für einige Arten zutreffen. Für homo sapiens müsste aber die Evidenz evtl. statistisch erst noch erbracht werden.
    Mir kommen solche Versuche immer so vor, als solle dem Altruismus auf diese Weise ein wissenschaftliches Kleid verpasst werden, zumal sie immer von Kulturleuten und Geisteswissenschaftlern kommen.
    Auf der alleruntersten Ebene, Familie, Freunde, stellt sich die Sache für mich persönlich so dar, dass ich meinen Geschwistern und engsten Freunden immer helfen würde, weiter Entfernten eher nicht. Deswegen gibt es ja auch die Sozialgesetzgebung, denn ohne gesetzlichen Zwang sinkt die Bereitschaft mit der Entfernung.
    Mich würde interessieren was andere Foristen und Herr Klein dazu sagen.

    • merxdunix says:

      @ Klaus Eckhard
      Wie vorstehend von “@Seb” schon dargelegt, bestehen zwischen Nächstenliebe und Altruismus wesentliche Unterschiede. Altruismus ist eine Ideologie, daher auch die Endung “-mus”. Er bezweckt keinen sozialen Ausgleich, viel mehr soll er Schuldgefühle generieren. Altruisten erwarten von den Verschuldeten mehr zurückzuerhalten, als sie selbst geben müssen, quasi Zinserträge auf Entbehrliches, und somit erweckt Altruismus nur den Anschein von Großzügigkeit und Mitgefühl. Er ist im wesentlichen eine Investmentstrategie für Verarmte und Aussätzige, erzwungene Aufmerksamkeit oder eben Hass.

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