Heiko Maas und Philosophie: Zwei Welten, nichts Gemeinsames

Heiko Maas twittert wieder. Dieses Mal hat er eine philosophische Erkenntnis getwittert, die ihm wohl auf der Toilette gekommen ist:

 

Wir sind zwar nicht alle gleich.
Aber wir sind alle gleich viel wert.

Wir haben schon die mannigfaltigsten Verwirrungen über Gleichheit gelesen, aber Heiko Maas schafft es, noch die letzte Normalität aus dem Fenster zu werfen, denn: Wir sind alle gleich, aber wir sind nicht alle gleich viel wert: Das ist die Crux der philosophischen Geschichte des Abendlandes, die mehrere tausend Jahre zurückreicht. Nein, das war die Crux, denn jetzt gibt es ja Heiko Maas, den Philosophen aus dem Saarland.

Halten wir uns dennoch an den Standard, der vorhanden war, bevor die Maassche Verwirrung eine Verständigung über Grundlegendes zerstört hat.

sciencefiles-rationaler-widerstand-vorlageEntsprechend sind wir alle bei Geburt gleich. Liest man z.B. bei Thomas Hobbes nach, dann geht die Gleichheit noch weiter und erstreckt sich auf alle Rechte, die man als Mensch von Natur aus so haben kann. Von Naturrechten ist entsprechend die Rede. Die umfassen z.B. das Recht auf Freiheit und finden bei Hobbes gar kein Ende, denn bei ihm gibt es keine Instanz außer dem jeweiligen Menschen selbst, die das Recht auf alles, das ein Mensch hat (und das umfasst ausdrücklich das Recht, Leben und Besitz eines anderen zu nehmen) einschränken kann. Und weil Menschen neben Rechten auch mit Verstand ausgestattet sind, vertraut Hobbes darauf, dass sie zu einer Übereinkunft dahingehend kommen, dass es besser ist, sein Recht auf alles, einzuschränken, weil man, wenn man z.B. das Recht, anderer Leben zu nehmen, abgibt und einen Leviathan einsetzt, um zu überwachen, dass auch andere das entsprechende Recht nicht mehr nutzen, zwar nicht mehr Leben nehmen kann, aber in der Gewissheit Leben kann, das eigene Leben nicht genommen zu bekommen. An dieser Übereinkunft sind alle Menschen in gleicher Weise beteiligt, mit den gleichen Rechten, denn von Natur aus sind alle Menschen gleich.

Da kommt so ein Mensch also auf die Welt, wächst und entwickelt sich, und ein anderer Mensch kommt auf die Welt, wächst und entwickelt sich anders. Der eine wird Erfinder, der nächste wird Maurer, wieder ein anderer wird Politiker und alle drei sind sie nicht dasselbe wert, denn der Wert, den Heiko Maas im Munde führt, er ist nicht von Geburt an vorhanden, wie die Gleichheit, von der oben die Rede war, der Wert wird zugewiesen.

In einem Markt erfolgt die Zuweisung durch die Nachfrage. Wir alle wollen ein Dach über dem Kopf. Der Maurer wird entsprechend gewertschätzt, hat einen angegbaren Wert. Der Erfinder, der den Mörtel und die Ytongsteine erfunden hat, ohne ihn hätte der Maurer nichts zu mauern oder nichts so Schönes zu mauern, entsprechend hat der Erfinder auch einen Wert, einen, der vielleicht höher geschätzt wird, als der des Maurers. In Kriegszeiten wird der Wert von Soldaten hoch geschätzt. Wer einen Unfall hat, kann den Wert des Feuerwehrmannes, der ihn aus dem Auto schneidet, gar nicht hoch genug einschätzen.

Je nach Situation und Motiv der Zuschreibung von Wert, variiert der Wert von Menschen. Für die Gesellschaft sind Menschen, die arbeiten und einen Nutzen erwirtschaften, mehr wert als Menschen, die nur konsumieren und keinen Finger krumm machen. Wir sind entsprechend nicht alle dasselbe Wert. Um das zu sehen, muss man sich einfach nur überlegen, was passieren würde, wenn man einen bestimmten Menschen einfach streichen würde. Streichen wir Howard W. Florey, Ernst B. Chain und Norman Heatley aus der Geschichte und wir haben damit Penicillin gestrichen, Antibiotika ade, denn Florey, Chain und Heatley sind für die Erfindung des Penicillin verantwortlich (und Ian Fleming war später auch dabei). Der Beitrag, den Florey, Chain und Heatley zur Wohlfahrt der Menschheit geleistet haben ist viel mehr wert als z.B. der Beitrag von Wladimir Iljitsch Lenin, der hauptsächlich darin bestand, Marxens Ausgangspunkt zu einer totalitären Philosophie weiter zu entwickeln und einen blutigen Bürgerkrieg vom Zaun zu brechen. Oder nehmen wir Heiko Maas, wer würde, wenn er sich entscheiden müsste, zwischen seinem Müllfahrer und Heiko Maas, auf den Müllfahrer verzichten und Heiko Maas wählen?

Eben.
Deshalb sind wir nicht alle gleich viel wert.

P.S.

Die Behauptunug, wir seien alle gleich viel wert, ist Ergebnis eines Essentialismus, der sich aus der Maaschen Formel der Ungleicheit ableitet: Wir sind nicht alle gleich, was bedeutet: schon bei Geburt verschieden. Diese Aussage macht nur Sinn, wenn man Menschen Eigenschaften unterstellt, die sie definierren, und zwar so, dass sie nicht gleich sein können, Eigenschafen wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, ethnische Abstammung usw. Diese Eigenschaften müssen für Heiko Maas essentiell, also unveränderlich sein, und sie müssen auf alles durchschlagen, was den entsprechenden Menschen ausmacht. Damit löst Maas die Gemeinsamkeit zwischen Menschen auf, ersetzt sie durch essentielle Unterschiede und stellt sich auf eine Stufe mit den Nationalsozialisten, die auch der Meinung waren, es gäbe Eigenschaften, die Menschen qua Geburt und unwiderruflich so definieren, dass sie nicht gleich sind, dass die einen zu Unter-, die anderen zu Herrenmenschen geboren sind. Ob Heiko Maas diese Konsequenz seiner Philosophie bedacht hat?


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Und hier über den traditionellen Weg:

Kopf ab … Geste: DFB macht sich politisch-korrekt lächerlich

Für Studenten der Philosophie, die sich mit Erkenntnislehre beschäftigen oder für Studenten der Wissenschaftstheorie, sofern Wissenschaftstheorie noch irgendwo gelehrt wird (im Zeitalter der wie-es-mir-vorkommt-Travestie auf Wissenschaft ist es eher unwahrscheinlich, dass Wissenschaftstheorie noch Gegenstand universitärer Lehre ist), gibt es oft einen Punkt der Erkenntnis, an dem es „klick“ macht, an dem das Problem, das zuweilen als Leib-Seele-Problem beschrieben wird, offenkundig wird oder sich das Studium der Philosophie mangels „klick-„Moment als vergeblich herausstellt.

Dieser Moment stellt sich (zuweilen) ein, wenn man mit Alfred Tarskis Definition einer wahren Aussage konfrontiert ist:

„Die Aussage, „Der Schnee ist weiß“, ist genau dann wahr, wenn der Schnee weiß ist.“

Klingt trivial? Ist es aber nicht, denn die Wahrheit einer Aussage wird daran geknüpft, dass eine empirische Übereinstimmung zwischen dem, was die Aussage behauptet, und dem, was ist, gezeigt werden kann. Bis Karl Raimund Popper den kritischen Rationalismus entwickelt hat, war genau dieser Beleg ein Ding der Unmöglichkeit, das der Humeschen Vernichtung des Empirismus, wie es Popper formuliert hat, anheimgefallen ist.

Wir wollen aber gar nicht zu sehr in den Bereich der Philosophie eintauchen. Es reicht, wenn nach diesen Ausführungen Einvernehmen darüber besteht, dass es einen Unterschied gibt, zwischen einer sprachlichen Aussage, die etwas über die Wirklichkeit behauptet, und der Wirklichkeit.

Machen wir aus einer Aussage nunmehr eine sprachliche Geste, dann können wir formulieren, dass eine sprachliche Geste etwas über die Wirklichkeit behauptet. Ob das Behauptete zutrifft, ist eine Frage der empirischen Prüfung.

Sprachliche Gesten, wie Gesten im Allgemeinen, sind ein Symbolsystem, das davon lebt, dass der Adressat der Geste den Inhalt, der ihm übermittelt werden soll, versteht. Als solche können Gesten rein symbolisch sein, müssen entsprechend keinerlei Niederschlag in der Realität finden. Abermals ist die Frage, ob eine Geste, eine Mitteilung an einen der Entschlüsselung der Geste Kundigen, einen Niederschlag in der Realität findet, eine Frage der empirischen Prüfung.

Und jetzt kommt der DFB-Kontrollausschuss und die folgende Kurzmeldung von heute.de:

„Der DFB-Kontrollausschuss hat ein Ermittlungsverfahren gegen Papy Djilobodji von Werder Bremen wegen dessen Kopf-ab-Geste eingeleitet. Dies teilte der Deutsche Fußball-Bund am Montag in Frankfurt mit und spricht vom Vorwurf des „krass sportwidrigen Verhaltens“. Der Abwehrspieler hatte sich am Samstag beim 1:1 gegen den FSV Mainz 05 nach einem Zweikampf mit Pablo De Blasis dazu hinreißen lassen, mit dem Zeigefinger an der Kehle entlang zu fahren. Schiedsrichter Gräfe aus Berlin teilte dem Kontrollausschuss mit, diesen Vorgang nicht gesehen zu haben. Deshalb ermittelt das Gremium nun …“

Die Aussage des DFB-Kontrollausschusses mag politisch-korrekt sein, in einer Zeit, in der der Unterschied zwischen Aussage und Wirklichkeit, zwischen Gesten und Handlungen oder zwischen Ankündigung und Durchführung nicht mehr bekannt ist, sie ist jedoch eine krass logikwidrige Aussage, denn die Kopf-ab-Geste von Papy Djilobodji, einem Kulturfremden, die an Pablo De Blasis, ebenfalls einen Kulturfremden gerichtet war, sie ist eine Geste und nicht mehr, wie schon der Umstand beweist, dass der Kopf noch auf den Schultern von De Blasis sitzt und nicht abgetrennt wurde. Entsprechend kann die Kopf-ab-Geste kein krass sportwidriges Verhalten, sondern bestenfalls eine krass sportwidrige Geste sein, was zur Konsequenz hat, dass man die Sportwidrigkeit der Geste empirisch belegen müsste, also z.B. dadurch, dass nach der Geste eine Fortsetzung des Spiels nicht mehr möglich war.

Der DFB-Kontrollausschuss beweist mit den zitierten Ankündigungen nicht nur, dass er politisch-korrekt auf Linie ist und weiterer öffentlicher Förderung würdig, er beweist auch, wie klein die Welt der DFB-Funktionäre ist, so klein, dass sie nicht einmal wissen, wie verbreitet die beanstandete Geste und wie normal sie doch ist. Deshalb zur Weiterbildung der engstirnigen DFB-Funktionäre eine populäre Kopf-ab-Geste, die sich als geradezu dem Sport förderlich herausgestellt hat und entsprechend eine Falsifizierung der behaupteten Sportwidrigkeit ist. Die Geste ist vielmehr ein Ausdruck von Kultur und Deutschland rühmt sich doch so gerne, weltoffen, offen für andere Kulturen zu sein.

 

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Deutsche Absurdität: Demokratie ohne Meinungsfreiheit

Politische Aktivisten und viele der politischen Darsteller, die politische Ämter innehaben oder darum konkurrieren, sie haben ein neues Hobby: Die Herstellung der Einheitsmeinung. Die Einheitsmeinung, das ist die erlaubte Meinung. Was gerade erlaubte Meinung ist, ist eine Frage des Zeitgeistes. Derzeit sind Aussagen, die von wem auch immer und warum auch immer als Hassaussagen oder Hetze deklariert werden, nicht im Trend und werden deshalb gelöscht oder aus dem öffentlichen Raum verbannt.

Diejenigen, die diese Löschaktionen propagieren und bereits durchführen, nehmen für sich in Anspruch, sie würden der Demokratie einen Dienst erweisen. Tatsächlich sind sie die größten Feinde der Demokratie, denen nicht Freiheit, sondern Kontrolle und nicht Demokratie, sondern Totalitarismus am Herzen liegt.

Wir haben uns deshalb entschlossen eine kleine Reihe zur Verteidigung der Meinungsfreiheit zu starten und aus wissenschaftlicher Sicht dazu zu sagen, was es dazu zu sagen gibt.

Da sich kaum ein Philosoph verdienter um die Demokratie und die individuelle Freiheit gemacht hat als Karl Raimund Popper, ist es naheliegend mit ihm den Anfang zu machen. Die folgende Passage stammt aus einem Vortrag, den Popper 1958 in Zürich unter dem Titel „Woran der Westen glaubt“ gehalten hat.

Warnung: In der kurzen Sequenz kommen Worte wie „Vernunft“, „Rationalität“, „Rationalismus“ oder „Kritik“ vor. Leser, die mit diesen Worten nicht bekannt sind bzw. ihren semantischen Gehalt nicht kennen, mögen beruhigt sein, es hat nichts mit Hassrede zu tun.

Popper bessere Welt„Was ich meine, wenn ich von der Vernunft spreche oder vom Rationalismus, ist weiter nichts als die Überzeugung, dass wir durch Kritik lernen können – durch kritische Diskussion mit anderen und durch Selbstkritik. Ein Rationalist ist also ein Mensch, der bereit ist, von anderen zu lernen, nicht dadurch etwa, dass er jede Belehrung einfach aufnimmt, sondern dadurch, dass er seine Ideen von anderen kritisieren lässt und dass er die Ideen von anderen kritisiert.
Der Nachdruck liegt hier auf den Worten ‚kritische Diskussion‘: Der rechte Rationalist glaubt nicht, dass er selbst oder sonst jemand die Weisheit mit Löffeln gegessen habe. Er weiß, dass wir immer wieder neue Ideen brauchen und dass uns die Kritik nicht zu neuen Ideen verhilft. Aber sie kann uns dazu verhelfen, den Hafer von der Spreu zu sondern. Er weiß auch, dass die Annahme oder die Verwerfung einer Idee niemals eine rein rationale Angelegenheit sein kann. Aber nur die rationale Diskussion kann uns helfen, eine Idee von mehr und mehr Seiten zu sehen und sie gerecht zu beurteilen. Ein Rationalist wird natürlich nicht behaupten, dass sich alle menschlichen Beziehungen in der kritischen Diskussion erschöpfen. Das wäre wieder höchst unvernünftig. Aber ein Rationalist kann vielleicht darauf hinweisen, dass die Einstellung des ‚give and take‘, des Gebens und des Annehmens, die der kritischen Diskussion zugrunde liegt, auch rein menschlich von großer Bedeutung ist. Denn ein Rationalist wird sich leicht darüber klar, dass er seine Vernunft anderen Menschen verdankt. Er wird leicht einsehen, dass die kritische Einstellung nur das Ergebnis der Kritik anderer sein kann und dass man durch die Kritik anderer selbstkritisch sein kann.
[…]
Das ist in Kürze, was ich meine, wenn ich mich als einen Rationalisten deklariere. Aber wenn ich mich als reinen Aufklärer deklariere, dann meine ich noch etwas mehr. Ich denke dann an die Hoffnung einer Selbstbefreiung durch das Wissen, die Pestalozzi inspirierte, und an den Wunsch, uns aus unserem dogmatischen Schlummer aufzurütteln, wie es Kant nannte. Und ich denke an die Pflicht jedes Intellektuellen, die leider die meisten Intellektuellen, insbesondere seit den Philosophen Fichte, Schelling und Hegel, vergessen haben. Es ist die Pflicht, nicht als Prophet zu posieren.
Gegen diese Pflicht haben insbesondere die Denker Deutschlands schwer gesündigt; zweifellos weil es von ihnen erwartet wurde, dass sie als Propheten auftreten – als Religionsstifter, als Offenbarer der Geheimnisse der Welt und des Lebens. Hier, wie überall, erzeugt die ständige Nachfrage leider ein Angebot. Propheten und Führer wurden gesucht. Kein Wunder, dass Propheten und Führer gefunden wurden. Was insbesondere im deutschen Sprachbereich auf diesem Gebiet stattgefunden hat, grenzt ans Unglaubliche. In England sind diese Dinge glücklicherweise sehr wenig beliebt. Wenn ich die Situation in den beiden Sprachbereichen vergleiche, dann steigt meine Bewunderung für England über alle Grenzen. Man muss sich in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass die Aufklärung mit Voltaires Briefen aus London über die Engländer anfing: mit dem Versuch, das intellektuelle Klima Englands, jene Trockenheit, die so merkwürdig mit seinem physischen Klima kontrastiert, auf dem Kontinent einzuführen. Diese Trockenheit, diese Nüchternheit, ist einfach ein Ausfluss des Respekts vor dem Nebenmenschen, dem man nichts einreden will oder vorzumachen versucht.

Im deutschen Sprachbereich ist es leider anders. Hier will jeder Intellektuelle ein Mitwisser der letzten Geheimnisse, der letzten Dinge sein. Hier werden nicht nur Philosophen, sondern auch Wirtschaftler, Ärzte und insbesondere Psychologen zu Religionsstiftern.
Was ist das äußere Kennzeichen dieser beiden Einstellungen – der des Aufklärers und der des selbsternannten Propheten? Es ist die Sprache. Der Aufklärer spricht so einfach, als es eben möglich ist. Er will verstanden werden. […} Er spricht immer klar, einfach und direkt.
Warum liegt uns Aufklärern so viel an der Einfachheit der Sprache? Weil der rechte Aufklärer, der rechte Rationalist, niemals überreden will. Ja, er will eigentlich nicht einmal überzeugen: Er bleibt sich stets dessen bewusst, dass er sich ja irren kann. Vor allem aber achtet er die Selbständigkeit, die geistige Unabhängigkeit des anderen zu hoch, als dass er ihn in wichtigen Dingen überzeugen wollte; viel eher will er seinen Widerspruch herausfordern, seine Kritik. Nicht überzeugen will er, sondern aufrütteln, zur freien Meinungsbildung auffordern. Die freie Meinungsbildung ist ihm wertvoll. Sie ist ihm nicht nur darum wertvoll, weil wir mit der freien Meinungsbildung der Wahrheit näher kommen können, sondern auch darum, weil er die freie Meinungsbildung als solche respektiert. Er respektiert sie auch dann, wenn er eine Meinung für grundfalsch hält.
Einer der Gründe, warum der Aufklärer nicht überreden und nicht einmal überzeugen will, ist der folgende: Er weiß, dass es außerhalb des engen Gebietes der Logik und vielleicht der Mathematik keine Beweise gibt. Um es kurz zu sagen, beweisen kann man nichts. Man kann wohl Argumente voranbringen und man kann Ansichten kritisch untersuchen. Aber außerhalb der Mathematik ist unsere Argumentierung niemals lückenlos. Wir müssen immer die Gründe abwägen; wir müssen immer entscheiden, welche Gründe mehr Gewicht haben: die Gründe, die für eine Ansicht sprechen, oder die, die gegen sie sprechen. So enthalten die Wahrheitssuche und die Meinungsbildung immer ein Element der freien Entscheidung. Und es ist die freie Entscheidung, die eine Meinung menschlich wertvoll macht.

Kurz: Wer Meinungen verbieten oder entfernen will, der tut dies aus einem Mangel an Respekt vor seinen Mitmenschen, und zwar vor allem vor den Mitmenschen, die nicht Urheber der entfernten oder verbotenen Meinungen sind. Er schränkt deren Freiheit ein (oder beseitigt sie), sich über eine eigene freie Entscheidung eine eigene Meinung zu bilden, erhebt sich über sie, macht sich zum Richter über wahr und falsch und gibt damit zu erkennen, dass er dumm ist, denn er hat die Grundlage der Realität nicht erkannt: Argumente sind niemals lückenlos und Wissen niemals Wahrheit, denn: beweisen kann man nichts. Wer dies bestreitet, der will entweder als Prophet (oder Scharlatan) verehrt werden, dem sich die Wahrheit offenbart hat, oder er ist dumm, sehr dumm.

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Der Wert eines Menschen

Was macht eigentlich den Menschen zum Menschen? Was macht sein Menschsein, seinen Wert aus? Haben alle Menschen den gleichen Wert, sind somit gleichwertig? Wenn ja, wieso gibt es dann Gesellschaften, deren Mitglieder danach streben, sich von anderen zu differenzieren? Sind alle Menschen gleich? Wieso formulieren dann manche Menschen Regeln, die für alle Menschen gelten sollen? Ist man als Mensch a-priori ein Wert an sich oder muss man sich sein Menschsein und somit seinen Wert erst verdienen? Gibt es eine Mindestanforderung an den Status „Mensch“ oder ist alles Mensch, was wie ein Mensch aussieht?

Wir beginnen mit diesem Post eine Reihe zum Wert von Menschen, Posts, die in loser Folge unterschiedliche Perspektiven, wie sie Philosophen durch die Jahrhunderte auf die Fragen gerichtet haben: Was ist der Wert eines Menschen? Was macht den Mensch zum Menschen?

Und weil wir heute schon einmal Thomas Hobbes zitiert haben, geben wir dem alten Philosophen (1588 geboren) aus Englands Süden (genau aus Wiltshire) doch abermals das Wort.

Vorweg schicken müssen wir, dass für Hobbes jeder Mensch das ist, was man am besten als eine Ansammlung von natürlichen und zweckdienlichen Kapazitäten bezeichnen kann. Erstere, die natürlichen Kapazitäten (wie Intellekt, Körperkraft), die hat man von Geburt an, letztere, die zweckdienlichen Kapazitäten (Wissen oder Kampftechnik), die muss man sich erwerben. Beide Formen von Kapazitäten muss man nutzen, um sie zum eigenen Vorteil einzusetzen, wobei man die zweckdienlichen Kapazitäten erst erwerben muss, ehe man sie nutzen kann. Vorteile, die ein Mensch aufgrund seiner natürlichen Kapazitäten vor einem anderen hat, können jederzeit durch zweckdienliche Kapazitäten, die sich Letzterer aneignet, ausgeglichen oder umgekehrt werden. Kurz: Was ein Mensch ist, sein Wert, das ist letztlich die Frage danach, was ein Mensch im Laufe seines Lebens geleistet hat bzw. aus seinen natürlichen Kapazitäten gemacht hat.

In den Worten von Hobbes liest sich das wie folgt:

Leviathan.hobbesDie Macht eines Menschen besteht, allgemein genommen, in seinen gegenwärtigen Mitteln zur Erlangung eines zukünftigen anscheinenden Guts und ist entweder ursprünglich oder zweckdienlich. Natürliche Macht ist das Herausragen der körperlichen oder geistigen Fähigkeiten, wie außerordentliche Stärke, Schönheit, Klugheit, Geschicklichkeit, Beredsamkeit, Freigebigkeit und Vornehmheit. Zweckdienlich ist die Macht, die durch natürliche Macht oder durch Zufall erlangt wird und als Mittel oder Instrument zum Erwerb von mehr Macht dient, wie Reichtum, Ansehen, Freunde […]

Die Geltung oder der Wert eines Menschen ist wie der aller anderen Dinge sein Preis. Das heißt, er richtet sich danach wieviel man für die Benützung seiner Macht bezahlen würde und ist deshalb nicht absolut, sondern von dem Bedarf und der Einschätzung eines anderen abhängig. Ein fähiger Heerführer ist zur Zeit eines herrschenden oder drohenden Krieges sehr teuer, im Frieden jedoch nicht. Ein gelehrter und unbestechlicher Richter ist in Friedenszeiten von hohem Wert, dagegen nicht im Krieg. Und wie bei anderen Dingen, so bestimmt auch bei den Menschen nicht der Verkäufer den Preis, sondern der Käufer. Denn mag jemand, wie es die meisten Leute tun, sich selbst den höchsten Wert beimessen, so ist doch sein wahrer Wert nicht höher als er von anderen geschätzt wird“.

Liefert Thomas Hobbes hier nicht eine hervorragende Erklärung für Wert-Inszenierungen, wie sie z.B. im Rahmen der derzeitigen öffentlichen Diskussionen stattfinden, in denen der Wert, den bestimmte Personen z.B. Flüchtlingen zuweisen, mit dem Unwert, den sie denen zuweisen, die ihre Wertsetzung nicht teilen, aufgerechnet wird. Ziel ist es natürlich, den eigenen Preis und den Preis des eigenen Leistungsspektrums für z.B. Arbeit mit Flüchtlingen in die Höhe zu treiben, und den Wert all derer, die wiederum am Wert der entsprechenden Leistungen zweifeln, in Abrede zu stellen?

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Was den Mensch zum Menschen macht: Philosophie zum Wochenende

Viele Philosophen haben sich mit der Frage beschäftigt, was den Mensch zum Menschen macht, was ihn als Mensch auszeichnet. Kaum einer hat es so systematisch getan, wie Thomas Hobbes. Hobbes hat in seinem Leviathan ein System entwickelt, dessen Reiz man sich nur schwer entziehen kann, wenn man es denn überhaupt will. Alles beginnt mit Bewegung. Bewegung ist für Hobbes der Ursprung des Seins. Und von dieser Prämisse aus, entwickelt er ein deduktives System, seines Gesellschaftslehre, die vom Menschen und seinen Fähigkeiten und Eigenschaften, bis zur politischen Verfassung und den Beziehungen zwischen den Staaten reicht.

Besonders spanned sind die Kapitel 6 bis 10, in denen Hobbes sein Bild des Menschen entwickelt, dies mit zwei Bewegungen beginnen, den vitalen Bewegungen, worunter er z.B. Blutkreislauf, Pulsschlag und Atmung versteht und die sich dadurch auszeichnen, dass sie keinerlei Unterstützung durch die Vorstellungskraft bedürfen und die animalischen oder willentlichen Bewegungen, zu denen das Gehen, das Sprechen oder insgesamt, das sich Bewegen gehören. Für Hobbes, der im 17. Jahrhundert geschrieben hat, gibt es also hinsichtlich der Grundlage alles lebendigen Daseins, keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier, was für ihn die Frage aufwirft, was den Menschen zum Menschen macht:

Leviathan.hobbes„Und weil Gehen, Sprechen und ähnliche willentliche Bewegungen immer von einem vorher gedachten Wohin, Wodurch und Was abhängen, ist es klar, dass die Vorstellung der erste innere Anfang aller willentlichen Bewegung ist. […] Diese kleinen Anfänge der Bewegung, die sich im menschlichen Körper finden, bevor sie als Gehen, Sprechen, Schlagen oder andere sichtbare Handlungen in Erscheinung treten, werden gewöhnlich Streben genannt.
Dieses Streben nennt man Trieb oder Verlangen, wenn es auf etwas gerichtet ist, durch das es verursacht wird. […] Und führt das Streben von etwas weg, so nennt man es gewöhnlich Abneigung.[…]
Was die Menschen begehren, lieben, und wovon sie Abneigung empfinden hassen sie. So sind also Verlangen und Liebe dasselbe, außer dass Verlangen immer die Abwesenheit des Objekts bedeutet, Liebe dagegen gewöhnlich seine Anwesenheit. Ebenso bezeichnen wir mit ‚Abneidung ‚ die Abwesenheit, mit ‚Hass“ die Anwesenheit des Objekts. Einige der Triebe und Abneigungen sind den Menschen angeboren, wie der Nahrungstrieb, der Trieb zur Ausscheidung und Entleerung […] Der Rest, der aus Verlangen nach einzelnen Dingen besteht, ging aus der Erfahrung und aus der Erprobung ihrer Wirkungen auf einen selbst oder auf andere Menschen hervor. […] Dinge, die wir weder begehren noch hassen, verachten wir, wobei Verachtung nichts anderes ist als eine Unbeweglichkeit oder Festigkeit. […]
Und weil die Verfassung des menschlichen Körpers sich fortwährend ändert, ist es unmöglich, dass alle Dinge in ihm immer die gleichen Neigungen oder Abneigungen verursachen. Noch viel weniger können alle Menschen in dem Verlangen nach ein und demselben Objekt übereinstimmen. Aber was auch immer das Objekt des Triebes oder Verlangens eines Menschen ist: Dieses Objekt nennt er für seinen Teil gut, das Objekt seines Hasses oder seiner Abneigung böse und das seiner Verachtung verächtlich und belanglos. Denn die Wörter gut, böse und verächtlich werden immer in Beziehung zu der Person gebraucht, die sie benützt, denn es gibt nichts, das schlechthin und an sich so ist. Es gibt auch keine allgemeinen Regeln für Gut und Böse, die aus dem Wesen der Objekte selbst entnommen werden kann. Sie entstammen vielmehr dort, wo es keinen Staat gibt, der Person des Menschen oder im Staat der Person, die ihn vertritt […]

Furcht vor einer unsichtbaren Gewalt, die vom Geist erdichtet oder auf Grund öffentlich zugelassener Erzählungen eingebildet ist, ist Religion; sind sie nicht zugelassen, Aberglaube. Und ist die eingebildete Gewalt genauso beschaffen, wie wir sie uns vorstellen, so ist es wahre Religion. ]…]

Die letzte Neigung oder Abneigung bei einer Überlegung, die unmittelbar mit einer Handlung oder Unterlassung zusammenhängt, nennt man den Willen, und zwar handelt es sich dabei um den Akt, nicht um die Fähigkeit des Wollens. Und Tiere, die überlegen können, müssen notwendig auch Willen besitzen.[…]

Und wie man beim Überlegen die letzte Neigung Wille nennt, so nennt man bei der Untersuchung der Wahrheit einer vergangenen oder zukünftigen Tatsache die letzte Meinung das Urteil oder abschließende und letztliche Entscheidung des Denkenden […] Kein Denken kann mit einer absoluten Kenntnis vergangener oder zukünftiger Tatsachen enden. Denn was die Tatsachenkenntnis betrifft, so ist sie ursprünglich Empfindung und danach immer Erinnerung. Und was die Kenntnis von Folgen betrifft, die wie ich oben sagte Wissenschaft genannt wird, so ist sie nicht absolut, sondern bedingt. Niemand kann durch Nachdenken wissen, ob dieses oder jenes ist, war oder sein wird, was absolutes Wissen wäre, nur: Wenn dies ist, so ist auch jenes, wenn dies war, so war auch jenes, wenn dies sein wird, so wird auch jenes sein. Dies heißt bedingt wissen, und zwar nicht, was aus einem Ding für ein anderes, sondern was aus dem Namen eines Dinges für einen anderen Namen desselben Dinges folgt. Und deshalb gilt: Wird das Denken in Sprachform gebracht, beginnt es mit Definitionen von Wörtern und schreitet fort, indem man sie zu allgemeinen Behauptungen und diese wiederum zu Syllogismen verbindet, so nennt man den Abschluss oder die Endsumme den Schluß, und der hierdurch bezeichnete, sich im Geist befindliche Gedanke ist dieses bedingte Wissen der Folgen von Wörtern, das man gewöhnlich Wissenschaft nennt. […]

Tugend ist allgemein bei allen Gegenständen etwas, das wegen seiner hervorragenden Beschaffenheit geschätzt wird und besteht in einem Vergleich. Denn wenn alles in allen Menschen gleich wäre, so würde nichts gelobt werden. Und unter Verstandestugenden versteht man immer solche geistigen Fähigkeiten, die die Menschen loben, schätzen und selbst besitzen möchten. […] Es gibt zwei Arten dieser Tugenden, natürliche und erworbene. Unter der natürlichen verstehe ich […] jenen Verstand, der allein durch Übung und Erfahrung erworben wird, ohne Anleitung, Bildung oder Unterrichtung. Dieser natürliche Verstand besteht grundsätzlich aus zwei Dingen: der Schnelligkeit des Vorstellens (das heißt der raschen Aufeinanderfolge der Gedanken) und der stetigen Ausrichtung auf ein für gut befundenes Ziel. […] ohne Beständigkeit und Ausrichtung auf ein bestimmtes Ziel ist eine große Phantasie eine Art Wahnsinn, wie er sich bei Leuten zeigt, die, wenn sie zu sprechen beginnen, von jedem Ding, das ihnen gerade einfällt, von ihrer eigentlichen Absicht abgelenkt werden und auf solche Weitschweifigkeiten und Nebensächlichkeiten kommen, dass sie sich völlig darin verlieren. […]

Was den erworbenen Verstand betrifft – ich meine damit den durch Lehre und Unterricht erworbenen -, so ist er nichts anderes als Vernunft, die sich auf den richtigen Gebrauch der Sprache gründet und die Wissenschaft hervorbringt. […]

Thomas HobbesDie Leidenschaften, die am stärksten von allen die Verstandesunterschiede bewirken, sind hauptsächlich das mehr oder weniger starke Verlangen nach Macht, Reichtum, Wissen und Ehre. Sie alle können auf das erste, nämlich auf das Verlangen nach Macht, zurückgeführt werden. Denn Reichtum, Wissen und Ehre sind nur verschiedene Arten von Macht. Und deshalb kann ein Mensch, der keine großen Leidenschaften für jedes dieser Dinge empfindet, der, wie man sagt, gleichgültig ist, unmöglich große Phantasie oder viel Urteilskraft haben, obwohl er insofern ein guter Mensch sein mag, als er keinen Anlass zu Streit gibt. Denn die Gedanken sind gleichsam die Kundschafter und Spione der Wünsche, die das Gelände erkunden und den Weg zu den gewünschten Dingen finden sollen – alle Beständigkeit und Schnelligkeit der Bewegung des Geistes rühren daher. Denn wie keine Wünsche haben tot sein bedeutet, so sind schwache Leidenschaften Trägheit, Leidenschaften, die unterschiedslos auf alles gerichtet sind Leichtsinn und Zerstreutheit, und stärkere und heftigere Leidenschaft für etwas, als man gewöhnlich bei anderen findet, Wahnsinn.

Die Macht eines Menschen besteht, allgemein genommen, in seinen gegenwärtigen Mitteln zur Erlangung eines zukünftigen anscheinenden Guts und ist entweder ursprünglich oder zweckdienlich. Ursprüngliche Macht ist das Herausragen der körperlichen oder geistigen Fähigkeiten, wie außerordentliche Stärke, Schönheit, Klugheit, Geschlichlichkeit, Beredsamkeit, Freigiebigkeit und Vornehmheit. Zweckdienliche Macht ist die Macht, die durch natürliche Macht oder durch Zufall erlangt wird und als Mittel oder Instrument zum Erwerb von mehr Macht dient, wie Reichtum, Ansehen, Freunde und das verborgene Wirken Gottes, das man gewöhnlich Glück nennt. Denn die Natur der Macht ist in diesem Falle dem Gerücht ähnlich, das mit seiner Verbreitung zunimmt, oder der Bewegung schwerer Körper, die desto schneller wird, je weiter sie sich fortbewegen. […]

Die Geltung oder der Wert eines Menschen ist wie der aller anderen Dinge sein Preis. Das heißt, er richtet sich danach wieviel man für die Benützung seiner Macht bezahlen würde und ist deshalb nicht absolut, sondern von dem Bedarf und der Einschätzung eines anderen abhängig.“

Sozialpaternalismus: Herrschaft durch Entmündigung

Sozialpaternalismus ist eine Wortschöpfung, die ich gerade vorgenommen habe. Ja, und wo ich gerade dabei bin, den Begriff zu reklamieren, muss ich einräumen, dass ich zu schnell gewesen bin, mit meinem Innovations-Anspruch: Eine Suche in Google Scholar bringt für Deutschland immerhin 31 Einträge, eine Suche nach dem englischen Korrespondenten „social paternalism“ erbingt immerhin 421 Einträge. Es gibt also schon einige Wissenschaftler vor mir, denen dieser Begriff in den Sinn gekommen ist. Das ist schön, da fühlt man sich nicht so alleine.

free to chooseUnter Sozialpaternalismus verstehe ich den Versuch, andere Menschen zu einem Verhalten zu bewegen, das sie nicht gezeigt hätten, hätte man sie ihrem freien Willen entsprechend handeln lassen. In anderen Worten, Sozialpaternalismus ist für mich eine bewusste Manipulation der Willensfreiheit anderer mit dem Ziel, diese anderen zu einem Verhalten zu bewegen, das man selbst für „besser“, „günstiger“ oder „nützlicher“ hält, wobei noch zu klären wäre für wen das entsprechende Verhalten dann „besser“, „günstiger“ oder „nützlicher“ ist. Soweit ich sehe, ist die Betonung der Willensfreiheit eine Zutat, die bei den meisten anderen, die den Begriff benutzen, fehlt oder zumindest nicht betont wird. So betrachtet ist Sozialpaternalismus ein aggressiver Akt der Beeinträchtigung der Willensfreiheit anderer.

Unter Sozialpaternalismus fallen Versuche, Menschen zu gesundem Essen zu bewegen, also zu dem, was der „Versucher“ als gesundes Essen ansieht. Darunter fallen Aufrufe, wie der der Bundesärztekammer, die Werbung für Tabakprodukte zu verbieten. Darunter fallen Steuern, wie die dänische Fettsteuer, die, nachdem sie von der Versucher-Lobby nach ihrer Einführung gefeiert wurde (Oktober 2011), nach gut einem Jahr, in dem die Steuer weitgehend nichts als Kosten verursacht hat, im November 2012 wieder abgeschafft wurde. Kurz: Sozialpaternalismus beschreibt jede Form eines Versuches, autonome Individuen zu einem Verhalten zu bewegen, das sie von sich aus nicht gezeigt hätten.

nudgeAusgerechnet Ökonomen, Richard Thaler und Cass Sunstein, haben sich zu Anwälten eines Sozialpaternalismus gemacht. Dabei bauen Sie nach ihrer Ansicht auf Forschungsergebnissen auf, die weitgehend von Amos Tversky und Daniel Kahneman produziert wurden. Demnach handeln Menschen nicht, wie die klassische Ökonomie dies in ihrem Ideal des „economic man“ angenommen hat, rational und voll-informiert. Vielmehr, so hat Herbert Simon argumentiert, in einem Zustand, der mehr oder minder Informiertheit, der ihnen nur rationale Entscheidungen (einer bounded rationality) im Rahmen ihres Wissens ermöglicht. Und ganz so als wäre es nicht schon schlimm genug, dass Menschen, also z.B. Politiker und Ärzte, die sozialpaternatlistisch anderen vorschreiben wollen, was gut und richtig für sie ist, auf Grundlage von Halb- oder Viertelinformation Entscheidungen treffen, nein, Tversky und Kahneman haben zudem gezeigt, dass die dann getroffenen Entscheidungen oftmals nicht optimal sind, nicht den Rationalitätsannahmen entsprechen, die Ökonomen Menschen zu Gute halten.

Z.B. kann man durch negative oder positive Formulierung Ergebnisse beeinflussen, wie Tversky und Kahneman am Beispiel einer Behandlungsmethode gezeigt haben. In zwei völlig identischen Szenarien betonen sie einmal, dass die Behandlungsmethode z.B. 320 von 400 Menschen rettet, einmal 80 von 400 Menschen sterben werden. In der ersten Formulierung findet die Behandlungsmethode weite Akzeptanz, in der zweiten Formulierung nicht.

Aus diesem Beleg dafür, dass man Menschen mit der Art und Weise, in der man Dinge formuliert, beeinflussen kann,  sowie aus der Tatsache, dass viele Menschen uninformierte und wenig rationale Entscheidungen treffen, leiten Thaler und Sunstein die Berechtigung ab, einen Sozialpaternalismus zu predigen, dessen Ziel darin besteht, die „dummen“ und „irrationalen“ Menschen in die richtige Richtung zu „nudgen“, zu drängen, also etwa zum Verzicht auf den Schokoriegel, weil er dick macht, zum Verzicht auf die Zigarette, weil das Krebsrisiko steigt, zum Verzicht auf das dritte Bier, weil es die Leber schädigt, zur Organspende, zur Riester-Rente, zum Verzicht auf Konsum und vieles anderes mehr, was gerade als opportun gilt.

Die Mittel zur Durchsetung des Sozialpaternalismus sind mannigfaltig. Sie beginnen bei Steuern und Abgaben, mit denen ein Verhalten wie z.B. das Rauchen von Zigaretten verteuert wird, und sie reichen bis zu Verboten von Werbung für ein Produkt oder von bestimmten Verhaltensweisen, wie z.B. dem Rauchen von Cannabis.

Gegen Thaler und Sunstein sind schon viele Argumente vorgebracht worden, auch auf ScienceFiles haben wir uns zu beider Paternalismus schon geäußert. Ich will deshalb den Punkt machen, den ich oben angsprochen habe und der mir in der bisherigen Diskussion untergegangen zu sein scheint (sofern er überhaupt gemacht wurde): Sozialpaternalismus ist ein aggressiver Akt der Einschränkung der Willensfreiheit anderer.

Diese Kritik gliedert sich in zwei Teile:

  • Sozialpaternalismus basiert auf einer usurpierten moralischen und Informationshoheit, für die es keinerlei Begründung gibt. Und er basiert auf einer Entmündigung anderer, die als unterlegen und sich selbst gegenüber unverwantwortlich etikettiert werden.
  • Sozialpaternalismus enthält Individuen gerade die Informationen vor, die sie benötigen würden, wollten sie eine informierte Entscheidung treffen.

Mir ist keine Argumentation bekannt, in der Sozialpaternalisten, die sich darin gefallen, anderen zu sagen, was gut für sie ist, die Grundlage ihrer vermeintlichen Informations-Überlegenheit offenlegen. So warte ich immer noch darauf, dass die Befürworter von Organspenden auf die Schwierigkeiten hinweisen, den Eintritt des Todes zweifelsfrei festzustellen, darauf, dass sie offen erklären, warum Organe von jungen Menschen nachgefragter und besser zu verwerten sind als Organe von alten Menschen, und vor allem warte ich darauf, dass jemand die Verdienstkette bei Organtransplantationen offenlegt: Wer verdient was und wie an gespendeten Organen?

Medical paternalismDiese Informationen wären notwendig, damit Individuen eine informierte Entscheidung, eine rationale Entscheidung darüber fällen können, ob sie Organe spenden wollen oder nicht. Dennoch werden die Informationen nicht bereitgestellt. Warum nicht? Weil es Sozialpaternalisten opportuner erscheint, Menschen zu erzählen, es sei in ihrem Interesse, Organe zu spenden? Weil man verhindern will, dass sie informierte Entscheidungen treffen? Weil es dann nicht so einfach wäre, eigene Interessen durchzusetzen? Sozialpaternalismus erweist sich hier als Mittel, um eigene Interessen unter dem Deckmantel des, „ich will nur Dein Bestes“ durchzusetzen und wie sich zeigt, ist die Ignoranz derjenigen, die dem Sozialpaternalismus unterzogen werden sollen, die Voraussetzung für den Erfolg dieses Vorhabens.

Damit bin ich beim entscheidenden Punkt angelangt: Sozialpaternalismus ist eine Herrschaftsform, die davon lebt, Menschen in Unmündigkeit zu halten bzw. sie zu entmündigen, ihre Willensfreiheit zu ignorieren und sie zu abhängigen, nicht zur eigenständigen Führung ihres Lebens fähigen dahin vegetierenden Lebensformen zu machen, deren Wohl und Wehe davon abhängig ist, was Sozialpaternalisten gerade als zu behandelnden Gegenstand ansehen. Wohin man andere „nudged“, wo man anderen notwendige Informationen vorenthält, ist dann eine Frage des eigenen Vorteils . Warum fordert die Bundesärztekammer z.B. ein Verbot der Tabakwerbung, aber keine Pflicht zur umfänglichen Information über die Risiken einer Organspende? Warum will die deutsche Regierung so vehement gegen Dicke vorgehen und hat kein Problem damit, wenn jährlich Tausende von Jungen in deutschen Schulen benachteiligt werden? Warum dieser Versuch, Bürger zu entmündigen und ihre Willensfreiheit zu missachten, wenn man durch die Bereitstellung von Informationen dazu beitragen könnte, dass Bürger eine informierte Entscheidung treffen, die dann natürlich auch darin bestehen kann, eventuell ein paar Lebensjahre gegen vergnüglichen Tabakkonsum zu tauschen oder mehr Schokoladenriegel zu essen, als politisch korrekt?

Sozialpaternalismus ist Herrschaft durch Entmündigung, informierte Bürger stören dabei.