Soziale Gerechtigkeit: Ein linker Etikettenschwindel von Meinungsforschern entlarvt

Soziale Gerechtigkeit ist ein Plastikwort oder ein Platzhalter. Von „sozialer Gerechtigkeit“ ist bekannt, dass es ein positiv besetzter Begriff ist. Man kann sich als Individuum gut fühlen, wenn man von sich sagt, man sei für „soziale Gerechtigkeit“, schon weil natürlich niemand gegen „soziale Gerechtigkeit“ ist. Manche denken, sie könnten die besonders Naiven unter den Wählern fangen, wenn sie von sich behaupteten, sie stünden für soziale Gerechtigkeit.

Soziale Gerechtigkeit kann man sich am besten als sprachlichen Platzhalter vorstellen, über den viele sprechen, ohne dass sie über das selbe sprechen. Jeder kann den Platzhalterbegriff benutzen und man kann über den affektiven Gehalt, der mit dem Begriff „sozialer Gerechtigkeit“ mitgeliefert wird, eine Brücke zu denen herstellen, die auch gerne gut sind oder „gut“ erscheinen wollen. Man kann Diskussionen in Talkshows mit dem Begriff „soziale Gerechtigkeit“ bestreiten, ihn in Parteiprogrammen an den unterschiedlichsten Stellen verteilen oder sich in Reden besonders ausgiebig seiner bedienen, ohne dass offenkundig wird, dass die, die den Begriff hören oder ihn lesen, (zuweilen völlig) unterschiedliche Bedeutungen an den Begriff herantragen.

YOUGOV kommt das Verdienst zu, untersucht zu haben, mit welchen Inhalten Deutsche den Begriff „soziale Gerechtigkeit“ füllen. Das Ergebnis ist für linke Parteien vernichtend:

22% verstehen unter sozialer Gerechtigkeit eine Variante des Leistungsprinzips („, [d]ass jeder Bürger bekommt, was seiner Leistung entspricht. Wer mehr leistet, sollte mehr verdienen“).

22% verstehen unter sozialer Gerechtigkeit Chancengleichheit („[d]ass für alle Bürger gleiche Startbedingungen und Chancen geschaffen werden“).

21% verstehen darunter eine Variante des Bedürfnisprinzips („,[dass jeder Bürger bekommt, was er benötigt. Es sollte für jeden gesorgt sein“).

15% verstehen unter sozialer Gerechtigkeit Mildtätigkeit gegenüber sozial oder geistig Minderbemittelten („,[d]ass insbesondere den Schwächsten geholfen wird).

Nur 12% verstehen unter sozialer Gerechtigkeit die Ergebnisgleichheit, die Linke gerne unter das Etikett „soziale Gerechtigkeit“ verpacken („,[d]ass für alle Bürger die gleichen Lebensbedingungen geschaffen werden“).

Die Umverteilung linker Regierungen, die Ergebnisgleichheit, die in staatlichen Programmen der Frauenhilfe und –bevorzugung angestrebt wird, sie wird demnach von 12% als sozial gerechte Politik angesehen. Nach der Verabschiedung der Ehe für alle ist dies ein weiteres Beispiel dafür, dass in Deutschland vornehmlich Politik für Minderheiten und gegen die Mehrheitsmeinung gemacht wird – oder, in den Worten von public choice, dass es in Deutschland bestimmten Interessengruppen gelungen ist, Entscheidungspositionen zu besetzen und hemmungslos für ihre Zwecke auszunutzen.

Der Begriff „soziale Gerechtigkeit“ ermöglicht es linken Parteien, ihre Politik der Umverteilung auch denen unterzuschieben, die sie gar nicht mittragen. Der Platzhalterbegriff erlaubt es Lobbyisten, die Politik für ihre politischen Ziele zu kapern. Es ist Zeit, den Begriff, von dem schon Friedrich Hayek der Ansicht war, dass er sinnlos ist, aus dem Sprachgebrauch zu streichen.

“Mehr als zehn Jahre lang, habe ich mich intensiv damit befasst, den Sinn des Begriffs ‘soziale Gerechtigkeit’ herauszufinden. Der Versuch ist gescheitert; oder besser gesagt, ich bin zu dem Schluss gelangt, dass für eine Gesellschaft freier Menschen dieses Wort überhaupt keinen Sinn hat” (Hayek, 1977).

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7 Responses to Soziale Gerechtigkeit: Ein linker Etikettenschwindel von Meinungsforschern entlarvt

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  2. “Soziale Gerechtigkeit” kann es meines Erachtens für alle Menschen gar nicht geben. Aber es wäre angebracht, sich darauf zu besinnen, was wir tun können, um ein ganz klein wenig dazu beizutragen.
    Dabei denke ich nicht an die sogenannten “Gutmenschen” zu denen ja viele gehören wollen.

    Ich versuche durch diese Stadt mit offenen Augen zu fahren oder zu gehen und stelle immer wieder fest, dass die wirklich Armen sich sehr schämen und man erkennt sie oft erst auf den zweiten Blick.

    Da ich Fahrradfahrerin bin, schmeißen mir viele Leute, während mein Fahrrad auf mich wartet, irgendwelchen Müll in den Gepäckträger.
    Einmal hat man mir auch meine Pfandflaschen gemopst.
    Aber der brauchte das Geld sicher nötiger als ich.
    Und ich brauchte dafür nichts mehr ins Geschäft zu schleppen.

    Vor einigen Tagen jedoch – hat mir jemand ein wunderbares Geschenk gemacht.
    Er hat einen kleinen sehr hübschen Glassalzstreuer – zur Hälfte gefüllt – in meinem Gepäckträger hinterlassen.
    Darüber habe ich mich sehr, sehr gefreut.
    Zu Hause angekommen, stellte ich fest, dass ich kaum noch Salz hatte.
    Schade, dass ich dem Schenkenden nicht danken kann.

    Solche Erlebnisse machen das “Salz unseres Lebens” aus.

  3. publizist says:

    Mag sein, dass “soziale Gerechtigkeit” ein Plastikwort ist. Aber bei diesem wie bei anderen ebenso unscharfen wie emotional besetzten Begriffen (“Ausbeutung”, “Diskriminierung”, “Hate Speech”…) geht es jedenfalls um Deutungshoheit (s. auch die Rede von Joachim Nikolaus Steinhöfel zum “Netzwerkdurchsetzungsgesetz” http://www.achgut.com/artikel/politische_elite_im_kontrollverlust_aus_dem_stasimuseum_zum_zensurgesetz). Es geht darum, bei möglichst großen Menschengruppen emotionale Kohärenzen zu erzeugen, die sich politisch instrumentalisieren lassen. Das Vertrauen in aufklärerische Akte etwa der Naturwissenschaft ist längst der Einsicht gewichen, dass die unmittelbar emotionalen Botschaften der Bildermedien – bewegter Bilder zumal – schneller, massiver und nachhaltiger Kohärenzen und Herdenimpulse (“Schwarmintelligenz”) beeinflussen können als noch so brillante Vernunft. Eisenstein und Leni Riefenstahl sind dadurch unsterblich geworden. Die teuersten Werbeagenturen wetteifern heute darum, den verschiedensten Korporationen – egal ob Unternehmen, Parteien oder NGO – mittels zugkräftigster Gefühlsbotschaften Anhänger zuzutreiben – s. hier: https://www.wuv.de/marketing/wahlkampf_in_deutschland_die_spd_ist_wie_karstadt.
    Es geht längst nicht mehr nur um Käufer und Geld. Und der “homo oeconomicus” war nie mehr als eine Chimäre mechanisch quantitativen Denkens.

    • Mag sein, dass Werbeagenturen viel Geld verdienen, weil es Leute gibt, die glauben, es würde einen nennenswerten Einfluss haben, was sie tun, und es ist plausibel, dass diejenigen ein Interesse daran haben, diesen Glauben zu perpetuieren, die ihr Geld damit verdienen (und direkt in Werbeagenturen arbeiten oder sonstwie mit Medien oder PR beschäftigt sind), aber die empirischen Belege dafür, dass das Sender-Empfänger-Modell richtig wäre, sind bislang ausgeblieben. Die Medienwirkungsforschung wird nicht umsonst NICHT systematisch betrieben. Soweit sie betrieben wurde, hat sich nämlich gezeigt, dass das Trichterbild vom Medienkonsumenten einfach falsch ist. Die Leute verarbeiten das, was ihnen angeboten wird, auf ganz unterschiedliche Weisen (sofern sie es nicht einfach ignorieren), und das ist der Grund dafür, dass Werbung und Kampagnen oft Wirkungen haben, die unbeabsichtigt waren, oder einfach ohne Wirkungen verpuffen. Menschen entsprechen dem Bild des homo oeconimicus erfreulicherweise doch stärker als dem manipulierbaren Alltagsidioten, der bloß auf Gefühlsbotschaften reagiert. Wäre das nicht so, gäbe es keine Reaktanz, gäbe es keine alternativen Medien, gäbe es keine Versuche von Diskreditierungskampagnen gegen alternative Medien etc. Es soll Länder geben, da klappt es so wenig mit der Manipulation durch “Botschaften”, dass abgewählte Regierungen meinen, noch schnell vor dem Tag, an dem sie offiziell abgewählt werden, verfassungswidrige Gesetze zur Kontrolle von Inhalten durchprügeln zu müssen … 🙂

      • publizist says:

        Vom (ebenfalls mechanischen) Sender-Empfänger-Modell war nie die Rede. Eine darauf fußende Medienwirkungsforschung muss freilich scheitern. Ich gebe Ihnen sofort Recht, das Wirkungen insofern schwer “auszurechnen” sind. Aber Massenmedien wirken ganz sicherlich im Zusammenhang mit kollektiver Antizipation. Auf welchem Boden (oder physikalisch gesprochen unter welchen Randbedingungen) Resonanzen entstehen, ist die interessantere Frage. Und da erklärt sich der Erfolg von Kampagnen eben nicht mehr nur mechanisch mit dem Trichter, sondern systemisch. Die erfolgreichen Werber haben ein sehr gutes Gespür für das, was erlangt bzw. vermieden werden soll. Und natürlich wird es immer Individuen geben, die sich Werbebotschaften widersetzen. Denn das System ist dynamisch, es “lernt” fortwährend, weshalb Eisenstein und Riefenstahl z.B. heute kaum noch, zumindest nicht mehr so wie in Zeiten funktionieren als die Leute vor Leinwänden Mund und Nase aufsperrten. Auf den homo oeconomicus lege ich so wenig Wert wie auf den Alltagsidioten, aber ob’s mit der Abwahl so einfach klappt? Meiner Erfahrung nach sind Rituale und Herdenimpulse sehr hartnäckig und George Orwell hat in der “Farm der Tiere” eindrücklich erzählt, wie das aussieht. “Der menschliche Kosmos” ist weniger bedeutend, wohl auch zu lang, aber als kleines Unterhaltungsprogramm zum Sonntag biete ich Ihnen ein paar Verse an: https://publizist.wordpress.com/2010/01/28/besuch-am-ubergang/

        • Ich kann mich eigentlich nur wiederholen:
          Ja, “erfolgreich[…] Werber haben ein sehr gutes Gespür für das, was erlangt bzw. vermieden werden soll”. Das haben sie sicherlich, denn ihr Geld bekommen sie von denen, die ihnen sagen, was erreicht oder vermieden werden soll, und wenn Werber sich auf deren Wünsche einstellen und es dementsprechend durch Gebrauch derselben Floskeln und Plastikwörter schaffen, dieses Geld einzustreichen, dann sind sie erfolgreich. Was die Zuschauer/Kosnumenten von ihrer Werbung halten, ist aber eine gänzlich andere Frage, an deren Beantwortung – wie gesagt – nicht ohne Grund niemand interessiert ist.

          Und ja, “Massenmedien wirken ganz sicherlich im Zusammenhang mit kollektiver Antizipation”, aber WIE?- das ist die Frage, und es spricht doch für sich, dass massenmediale Kontroll- und Manipulationsstrategien in schönster Regelmäßigkeit misslingen bzw. keine oder unbeabsichtigte Folgen produzieren. (Die derzeitige “kollektive Antizipation” von massenmedialen Inhalten kommen in den Begriffen “Lügenpresse” und “Lückenpresse” gut zum Ausdruck; von Medien wird überhaupt nicht erwartet, dass sie nicht aus einer bestimmten Ideologie heraus darstellen.) Und das tun sie zum einen, weil der homo oeconomicus – trotz seiner Abwahl durch Einzelne – eben doch in mehr oder weniger deutlicher Ausprägung dort draußen herumläuft, und zum anderen, weil der, sagen wir einfach: (tasächlich oder vermeintlich) kognitiv “Primitive” nicht nur einen “Herdenimpuls” hat, sondern auch einen Impuls zur Reaktanz gegen Manipulationsversuche, was ihn, wenn man so sage möchte, so wunderbar robust macht.

          Manche Leute argumentieren gegen Ideologie, andere zeigen Reaktanz. Und wieder anderen ist der ideologische Krempel sowieso egal. Ich kann wirklich nicht erkennen und kenne keine empirischen Belege außerhalb meiner Erfahrung/Beobachtung dafür, dass es weit her wäre mit der Manipulation durch Werbung/Werbekampagnen – es sei denn, man bezöge in “Manipulation”/”Manipulationserfolg” die erzeugte Reaktanz mit ein, denn durch Werbung kann Dingen eine Sichtbarkeit gegeben werden, die man besser vermieden hätte, gerade dann, wenn der Inhalt kulturell oder gesellschaftspolitisch sensibel ist. Wie heißt es so treffend im vielverachteten Volksmund?: “Wecke keine schlafenden Hunde!”. Einmal geweckt, sind welche dabei, die sich streicheln lassen, und andere, die beißen, und wieder andere, die einen anpinkeln (wenn ich das einmal so bildlich ausdrücken darf). Und DAS ist, was Medienmanipulation erreichen kann: Sichtbarkeit schaffen. Nur, WAS die Leute genau sehen, das ist weder absehbar noch nennenswert beeinflussbar – und oft sehen die Leute etwas gänzlich anderes als das, was sie sehen sollen.

  4. Gereon says:

    Das Ding ‘soziale Gerechtigkeit’ ist aus dem durch und durch materiellen Weltbildes des Sozialismus zu verstehen. Indem er alles materiell und konstruiert begreift, begreift er Ungleichheiten nicht. Denn dann könnte man ja Gleichheit konstruieren. Das halte ich in der Praxis für widerlegt.

    Ich selber habe zwei sehr unwissenschaftliche Erklärungen für das natürliche Wesen der Ungleichheit. Eine spirituell bedingte und eine Astrologische.

    Als Buddhist gehe ich ja von Wiedergeburt aus und davon, dass ich Fehler aus anderen Leben und Taten die ich in einem solchen anderen antat, im jetzigen abzuarbeiten habe.
    Also kommen immer auch Menschen auf die Welt, die durch diese Lasten Unschönes mit dem Resultat der Ungleichheit erleben. (Bitte keinen Aufruf zum Kastenwesen ableiten)

    Wenn man Astrologen glauben darf, so kann man ein glückliches Händchen, unverdientes Glück im Leben beschreiben durch eine bestimmte Stellung des Jupiters im individuelle Horoskop. Da nicht jeder dieselbe Stellung hat haben auch nicht alle Menschen dasselbe unverdiente Glück. Woraus man gegebene Ungleichheit (zumindiest innerhalb dieses Glaubenssystems) ableiten kann.

    Also kann man nur Gleichberechtigung verwirklichen wollen und Barmherzigkeit durch Umverteilung üben. Wenn man das auch so nennt, kann das in vernüftigem Rahmen stattfinden.

    Soziale Gerechtigkeit ist ein Kampfbehgriff, der ein Müssen zum Ziel hat durch angenommene natürliche Gleichheit allens. Die gibt es aber nicht.

    Von Einstein wissen wir um das illusorische Wesen der Zeit. Wir brauchen aber Zeit um mit den Dingen umzugehen. Wenn wir nicht trennen würden fände alles gleichzeitig statt.

    Genauso kann eine totale Gleichheit unter den Menschen nicht gegeben sein. Es gäbe absolut keine Unterschiede und niemand könnte sich vom anderen Unterscheiden. Wir würden vor Langeweile sterben.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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