Junk-Umfrage: PronovaBKK, Flüchtlingskinder integrieren, repräsentativ natürlich

Komm‘ wir machen eine Umfrage.

Zutaten:

  • Geld,
  • ein paar Fragen
  • ein paar Befragte, am besten so um die 1000.

Besondere Kenntnisse:

  • Keine.

Einfach auszählen. Fertig ist die repräsentative Umfrage.

Dieses Mal stammt der Umfrage-Junk aus Ludwigshafen von der PronovaBKK, die von sich sagt, sie stelle „das Mehr“ an Leistung bereit, das sie zu einer besonderen Krankenkasse mache. Möglicherweise gibt es bei der PronovaBKK Personen, die Kompetenzen im Hinblick auf die Krankenversicherung aufweisen. Personen, die Kompetenzen im Hinblick auf empirische Sozialforschung haben, gibt es dort anscheinend nicht.

Das belegt die UmfrageJunge Familien 2017“. 1000 Bundesbürger mit jeweils einem Kind wurden für diese Umfrage „repräsentativ online befragt“. Wenn man „repräsentativ befragt“, dann kommen natürlich repräsentative Stichproben dabei heraus, die zu repräsentativen Ergebnissen führen. Prüfung unnötig, die Absicht macht die Repräsentativität.

Indes, wenn die Menschen bei der PronovaBKK das Nomen „Repräsentativität“ bzw. das Adjektiv „repräsentativ“ nicht benutzen würden, wie eine Essensbeilage, einen Chateau Rülps 2017, den man halt zum Essen trinkt, wenn sie auch nur entfernt eine Vorstellung davon hätten, was Repräsentativität bedeutet, dann wäre ihnen vielleicht aufgefallen (man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben), dass ihre Stichprobe, in der 30% männliche und 70% weibliche Befragte erfasst wurden, schon deshalb nicht repräsentativ sein kann, weil selbst an Familien mit Kind immer noch in der Mehrzahl Männer und Frauen in gleicher Zahl beteiligt sind. Man würde also eine ungefähre Gleichverteilung der Befragten nach Geschlecht erwarten.

Repräsentativität, das nur nebenbei bemerkt, ist Ergebnis einer Zufallsauswahl, die dadurch definiert ist, dass jedes Element der Grundgesamtheit die gleiche Chance hat, in die Stichprobe zu gelangen, das wiederum ist eine Forderung, der mit herkömmlichen Mitteln der Sozialforschung kaum zu genügen ist. Repräsentativität ist zumeist ein Mythos, der von interessierter Seite gepflegt wird.

Die nicht-repräsentativen Ergebnisse der „repräsentativen Befragung“ leiden zudem darunter, dass die Fragen, die gestellt wurden, mit allerlei methodischen Fehlern versehen sind.

Zwei Beispiele:

“Die Flüchtlingskinder sollten, bevor sie in KITA und Schule integriert werden, die Möglichkeit bekommen, einen Sprachkurs zu machen.

Die Flüchtlingskinder sollten so schnell wie möglich in den Alltag von KITA und Schule integriert werden, damit sie sich besser einleben.”

Beide Aussagen sind typische Zustimmungsitems. Was erwartet man auf Fragen nach einem „Sollten“?

Kriminelle sollten so schnell wie möglich abgeurteilt werden.

  • Zustimmung garantiert.

Wer unschuldig in Not gerät, dem sollte geholfen werden.

  • Fast 100% Zustimmung sicher.

Begabte Jungs sollten so früh wie möglich mit dem Fussballtraining beginnen, damit sie sich besser entwickeln können.

  • Kaum einer, der nicht zustimmt – außer ein paar versprengten, gehässig-verhärmten Feministen.

Nach einem Schienbeinbruch sollten die Verletzten so schnell wie möglich mit der Belastung des Beines beginnen, um den Heilungsprozess zu befördern.

  • Wer stimmt nicht zu?

Was in allen Fällen gemessen wird, ist die Bereitschaft von Befragten, anderen keine Steine in den Weg zu legen. Deshalb wird man mit solchen Fragen immer positive Ergebnisse produzieren. Das Ziel von Befragungen besteht aber in der Regel nicht darin, sich zu beweisen, dass man Befragte zur Zustimmung bewegen kann, es sei denn man beabsichtigt, Ergebnisse zu manipulieren. Das Ziel von Befragungen besteht darin, Informationen z.B. über Einstellungen von Befragten zu gewinnen. Wenn man die Einstellung zu Flüchtlingskindern mit Blick auf deren Integration in Schulen messen will, dann darf man deshalb keine Fragen stellen, die die Zustimmung geradezu herausfordern – sofern man die Ergebnisse nicht manipulieren will.

Vielmehr muss man der Tatsache Rechnung tragen, dass sich eine Einstellung aus drei Dimensionen zusammensetzt, einer kognitiven, einer affektiven und einer konnativenm etwa so:

  • Gibt es in der Schule ihres Kindes Flüchtlingskinder?
  • Gibt es in der Schule ihres Kindes Probleme mit der Integration von Flüchtlingskindern?
  • Sehen Sie in der Integration von Flüchtlingskindern in Schulen eine wichtige Aufgabe?
  • Sind Sie der Ansicht, dass die Integration von Flüchtlingskindern Vorrang vor anderen schulischen Aufgaben hat?
  • Sind Sie der Ansicht, dass die Integration von Flüchtlingskindern auch zu Lasten der Kinder gehen darf, die sich bereits in den Klassen befinden?
  • Wie stehen Sie der Integration von Flüchtlingskindern in die Klasse ihres Kindes gegenüber?
  • Und so weiter.

Auf diese Weise kann man tatsächlich Informationen darüber gewinnen, welche Einstellung Eltern zu Flüchtlingskindern haben – wenn man an Informationen interessiert ist. Bei der pronovaBKK scheint man nicht an Informationen, sondern an Zustimmung interessiert zu sein, was die Frage aufwirft, warum unbedingt eine Zustimmung zur Integration von Flüchtlingskindern produziert werden soll.

In der Pressemeldung ist aus dem Konjunktiv der Frage „sollten so schnell wie möglich“ der Indikativ geworden: „Eltern plädieren für eine schnelle Integration“ und „74 Prozent der Befragten wünschen, dass“. Das beantwortet unsere Frage von oben zunächst einmal.

Das war übrigens ein repräsentativer ScienceFiles-Beitrag.
Nein – wirklich!

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