Was WIR alles brauchen …

Irgendwer muss Politikern und anderen Darstellern erzählt haben, dass man die eigenen Interessen am besten dadurch durchsetzen kann, dass man behauptet, WIR alle würden das brauchen. Deshalb sind Hinz und Kunz angetreten um uns mitzuteilen, was WIR brauchen.

Das neueste Beispiel kommt vom derzeitigen Ministerdarsteller für FSFJ:

Wir brauchen einen Rechtsanspruch auf Betreuung für Grundschulkinder.

Wer gedacht hat, er kann seine Kinder den Fängen des Staates zumindest zeitweise entziehen, der sieht sich getäuscht. WIR brauchen einen Rechtsanspruch auf Betreuung für Grundschulkinder. WIR alle brauchen das. Sie, ich, der da hinten, der Postbote, der Rentner um die Ecke, WIR alle brauchen das. So will es der Dummschwätzer, Darsteller, der sich derzeit auf dem Posten eines Ministers herumdrückt. Es gibt zwar keinerlei wissenschaftlichen Beleg dafür, dass eine Rundum-Betreuung in der Grundschule irgend einen positiven Einfluss auf die geistige und seelische Entwicklung von Grundschülern hat. Es gibt eher Grund anzunehmen, dass sich die Rundumbetreuung durch Grundschullehrerinnen negativ auf die intellektuelle Entwicklung von mindestens Jungen und ab einer gewissen Schmerzgrenze vermutlich auch von Mädchen auswirkt, aber das soll uns nicht stören, denn WIR brauchen einen Rechtsanspruch auf Betreuung für Grundschulkinder.

Rechtsansprüche werden gerne gewählt, wenn man Menschen vormachen will, das, was man ihnen andreht, sei eigentlich in ihrem Interesse und weil der Rechtsanspruch alleine nicht glücklich macht, deshalb kommt er mit der folgenden Sahnehaube: „Gute ganztägige Angebote für Kinder sind wichtig für ein gutes Aufwachsen von Kindern, Chancengleichheit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf der Eltern. Deshalb setzt sich Bundesfamilienministerin Dr. Katarina Barley für einen Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung und Förderung für Grundschulkinder ein.“

Wo nimmt Frau Gerste die Weisheit her, ganztägige Angebote hätten irgend einen Einfluss auf Chancengleichheit? Aus wissenschaftlicher Forschung sicher nicht. Aber egal, WIR brauchen diesen Rechtsanspruch und demnächst vermutlich einen Rechtsanspruch auf Rundumbetreuung von Sonder-; Haupt-, Realschülern und Gymnasiasten nicht zu vergessen und natürlich Studenten, die auch immer infantiler werden, „get yourself born“, so hat Jerome K. Jerome schon vor 115 Jahren über Deutsche gewitzelt, „we do the rest“.

Natürlich ist der Anspruch auf betreutes Grundschülerdasein nicht das einzige, was WIR brauchen. Wir haben uns einmal in den deutschen Medien kundig gemacht, was WIR so alles brauchen. Die zusammengekommene Liste zeigt den Aberwitz hinter dem Versuch, anderen erzählen zu wollen, was sie brauchen:

WIR brauchen:

– Kontrollierten Asylzuzug;
– Einen nationalen Zukunftpakt für die Autoindustrie, nein: für UNSERE Autoindustrie;
– Mehr Wohnungen für Flüchtlinge;
– Zehn Siege und zwölf Unentschieden;
– Den Blick für die Schwachen;
– Ein Gesamtkonzept und keine Wahlplakate;
– Keine Dieselbetrügerrettungsprämie;
– Ein europäisches Asylrecht;
– Einen sozialen Arbeitsmarkt;
– Eine neue Deutschland-AG;
– Den deutschen Gurdiola;
– Eine Demokratisierung der Polizei;
– Einen dreistelligen Millionenbetrag;
– Ein europäisches Kormoran-Management;
– Neue Preismodelle;
– Mehr private Investitionen;
– Viel, viel mehr Arbeitskreise;
– Rußland als Partner;
– Keine Love-Brands, sondern Marken mit Verantwortung;
– Dringend Personal für die Pflege;
– Einen Masterplan;
– Keine Scheindebatten;
– Das politische Signal;
– Mehr Bayern in Berlin;
– Einen Marshall-Plan für Afrika;
– Mehr männlichen Diskurs über Feminismus;
– Den Mut zur Veränderung;
– Neues Problembewusstsein;
– Konkrete Lösungen;
– Ein stärkeres Europa;
– Eine ehrliche Autoindustrie;
– Diese Menschen;
– Keine Luftballons;
– Eine neue Leitkultur;
– Kein neues System;
Gegenwind;
– Eine positive Utopie;
– Luft zum Atmen;
– Einen Tarif auf Rädern;

Falls Sie sich berufen fühlen, uns zu erzählen, was WIR brauchen, dann tun Sie sich bitte keinen Zwang an. Sagen Sie uns, was WIR brauchen. Um uns zu sagen, was WIR brauchen, brauchen Sie keinerlei Qualifikation, keinerlei Kompetenz, keinerlei Wissen, einfach nur eine große Klappe, wenig Skrupel, schon gar keine Intellektuellen und eine Plattform. Also nur zu: Sagen Sie uns, was in unserem Leben fehlt, wofür WIR aus Ihrer Sicht bezahlen sollen.

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… concerned with and about science

3 Responses to Was WIR alles brauchen …

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Was WIR alles brauchen …

  2. Das mit dem “Wir” kommt mir bekannt vor….

  3. Wir brauchen mehr Keilschriftunterricht und mehr Platonlektüre. Und mehr Sommer auch noch. Am besten Rechtsanspruch auf ein ganzes Jahr Sommer. Und wir bräuchten mehr Stiftungen im Kampf gegen xy. Und wir bräuchten auch mehr Ampel, nur alle zehn Meter ist irgendwie zu wenig; aber bitte mit Rechtsanspruch. Überhaupt bräuchten wir viel mehr Rechtsansprüche.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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