Kein Wahlkampfthema: Gewalt in der Pflege

Obwohl alte Menschen einen hohen Anteil der Wähler darstellen, sind Themen, die alte Menschen betreffen, eher selten Gegenstand des Wahlkampfes. Ein Thema, das in Deutschland sowieso immer unter den Tisch gekehrt wird, ist die Situation von Pflegebedürftigen, von alten Menschen, die in einem Zwei- oder Dreibettzimmer in einem Pflegeheim auf ihren Tod warten.

Deshalb ist eine Befragung, die die B. Braun Stiftung und das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung durchgeführt haben, so bemerkenswert, so bemerkenswert, dass wir unsere methodische Kritik mehr oder weniger beiseite lassen, da die Ergebnisse große Aufmerksamkeit verdienen.

Haben die für die Befragung verantwortlichen doch nicht nur per schriftlicher Befragung das Thema „Gewalt in der Pflege“ bearbeitet, eines jeder Tabuthemen, mit dem kein Politiker in Deutschland belämmert werden will. Man zeigt sich lieber im Bierzelt als im Pflegeheim. 402 Interviews mit vornehmlich Auszubildenden und Schülern der Gesundheits- und Krankenpflege. Die Ergebnisse der Befragung sind erschütternd:

Excel, das unbekannte Programm…

Gefragt, wie häufig sie es erleben, dass Pflegemaßnahmen gegen den Wunsch der Patienten/Bewohner durchgeführt werden, geben 5,7% an, dass sie dies sehr häufig und 25,1%, dass sie eher häufig erlebt hätten. Ein erschreckendes Bild der Normalität in deutschen Pflegeheimen, in denen die Vollstreckung pflegerischer Maßnahmen gegen den Willen der eigentlich zu Pflegenden an der Tagesordnung zu sein scheint. Dafür spricht auch, dass man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen kann, da die Frage nach Zwangsmaßnahmen, die gegen zu Pflegende eingesetzt werden, dann, wenn man diejenigen fragt, die auf der Seite der Durchführenden der entsprechenden Zwangsmaßnahmen stehen, regelmäßig dazu führt, dass die Realität in einer schöngefärbten Weise dargestellt wird. Wer will schon zugeben, dass er zu Pflegende gegen deren Willen einer Maßnahme unterzieht? Wer will zugeben, dass alte Menschen Opfer direkter Gewalt ist, wie dies immerhin 11.4% der Befragten schon einmal erlebt haben?

Der Lebensabend, den die deutsche Gesellschaft vielen alten Menschen bietet, sieht also die Privatsphäre eines Mehrbettzimmers verbunden mit z.B. einer Fixierung ans Bett oder einer anderen Zwangsmaßnahme vor. Ein menschenwürdiges Altern sieht anders aus.

Aber das ist natürlich auch kein Wahlkampfthema.

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