Feinde der Wissenschaft I: Feigheit und Politische Korrektheit

Ernst Peter Fischer hat es bei den ScienceBlogs mit den Feinden der Wissenschaft aufgenommen. In einem recht kurzen Text ärgert er sich über Thorsten Wilhelmy, Sekretär des Wissenschaftskollegs, der wohl der FAZ gegenüber viel Unsinn erzählt hat. Fischer schreibt u.a.:

„Früher hat man in den Reihen der Forschung den Mut gehabt, von Feinden der Wissenschaft zu reden, und man meinte damit Esoteriker, Astrologen und andere Scharlatane. Man meinte damit Leute, die von der Wissenschaft nichts halten und ihre Heilslehren verkünden. Heute unternimmt das der Sekretär des Wissenschaftskollegs, der viel Verständnis für Wissenschaftsfeindlichkeit zeigt und Menschen versteht, die Forschern vorwerfen, Ideologen zu sein. Thorsten Wilhelmy wertet die Wissenschaft ab, wo er kann, und auf die Geschichte hat sie seiner Ansicht nach so viel Einfluss wie die Denkmalpflege und die Kinofilme.“

Das mit dem Mut, das haben wir auch schon häufiger geschrieben, in der Variante des institutionalisierten Wissenschaftlers ohne Rückgrat, der den Mund nicht aufbekommt, um für seine Wissenschaft zu kämpfen. Aber Fischer macht hier einen sehr interessanten Punkt, der es ermöglicht, wissenschaftliche Belege für die Feigheit, die sich in den Wissenschaften breit gemacht hat, zu erbringen.

Eine Suche nach dem Begriff „Feinde der Wissenschaft“ in Google bringt, nun ja, ScienceFiles an erster Stelle und ein paar zehntausend weitere Fundstellen darunter zwei in den ScienceBlogs. Eine entsprechende Suche in wissenschaftlicher Literatur erbringt 77 Ergebnisse und die überwiegende Zahl derer, die sich trauen, von Feinden der Wissenschaft zu sprechen, haben sich das vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert getraut. Heutige Wissenschaftler sind unter denen, die den Begriff verwenden, nicht zu finden.

Dabei wäre es gerade heute wichtiger denn je, die Feinde der Wissenschaft klar zu benennen, so wie dies der Mathematiker Victor Schlegel 1872 getan hat als er in einer Rede „jene“ adressiert hat, die aus wissenschaftlicher Forschung politisches Kapital zu schlagen versuchen. Wenn man bedenkt, dass es 1872 keine Ministerien gegeben hat, die Steuergelder eingesetzt haben, um Legitimationsforschung in Auftrag zu geben oder Programme zu finanzieren, deren Ziel darin besteht, unter Vortäuschung falscher Tatsachen, die der Wissenschaft angelastet werden, Volkserziehung zu betreiben, ist die Aussage von Schlegel umso bemerkenswerter.

In jedem Fall kann man feststellen, dass Fischer Recht hat, wenn er die Feigheit unter Wissenschaftlern beklagt, die jenen, die Wissenschaft missbrauchen und zerstören wollen, nicht mehr beherzt und in klaren Worten entgegen treten, sie als Feinde der Wissenschaft bezeichnen. Nur dass das Früher, von dem er spricht, sehr viel früher ist.

Auch die Relativierung von Wissenschaft, die Fischer beklagt, ist ein Faktum, das man nicht leugnen kann. Was heute alles an Hochschulen als wissenschaftlich gelten will, wäre noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Gelächter goutiert worden. Dass es nun einen Sekretär eines Wissenschaftskollegs gibt, der Wissenschaft mit Kinofilmen und Denkmalpflege gleichsetzt, verwundert nicht wirklich.

Die Relativierung all dessen, was Wissenschaft ausmacht, gibt es nicht erst seit gestern. Sie beginnt spätestens mit dem naiven Konstruktivismus, dessen Vertreter entdeckt zu haben glauben, dass alles konstruiert ist, nichts gegeben und deshalb alles hinterfragbar. Warum sich Konstruktivisten die Mühe machen, trotz der Beliebigkeit, die sie allem zuweisen, ihre konstruierte Beliebigkeit in Bücher zu schreiben, ist eine Frage, deren Antwort nicht nur auf den ersten Blick entweder in eine Reductio ad absurdum führt oder zu der Erkenntnis, dass Konstruktivisten nicht an ethische Maßstäbe gebunden sind, die nicht-Opportunisten teilen.

Der Konstruktivismus hat den Weg bereitet für all den Unsinn, der heute an Hochschulen sein Unwesen treibt, die Whiteness-Studies, die Cultural Studies, die Gender Studies, die Postcolonial Studies, die Auto-Ethnographie oder wie die Bezeichnungen der Zeitvertreibe lauten, die sich dadurch auszeichnen, dass sie keinerlei verwertbares Erkenntnisinteresse haben und dadurch, dass sie die individuelle Wertung zum wissenschaftlichen Ergebnis erklären wollen.

Um die Feinde der Wissenschaft wirkungsvoll zu bekämpfen, muss man, da stimmen wir Ernst Peter Fischer zu, den Mut haben, sie offen beim Namen zu nennen. Um dies tun zu können, um der weiteren Relativierung von Wissenschaft auf das Niveau von Kinofilmen wirksam entgegen treten zu können, muss sich Wissenschaft wieder auf die Kriterien besinnen, die sie von all dem Unsinn, der heute im Namen der Wissenschaft betrieben wird, trennen.

Karl Raimund Popper hat die Kriterien als Abgrenzungskriterien bezeichnet. Demnach ist Wissenschaft dem Ziel gewidmet, Erkenntnisse über die empirische Welt zu gewinnen. Zu diesem Zweck bedient sich Wissenschaft einer Methode, die darin besteht:

  • Aussagen über die Realität zu machen,
  • die einfach, widerspruchsfrei und von anderen nachvollziehbar sind und
  • die an der Realität scheitern können.

Aussagen, die diesen Kriterien der Falsifizierbarkeit, der Nachvollziehbarkeit und (in Abstufung) der Einfachheit nicht genügen, sind keine wissenschaftlichen Aussagen. Fächer, die sich an Hochschulen tummeln, aber keinerlei Erkenntnisse über die empirische Welt vorweisen können, die diesen drei Kriterien genügen, sind keine Wissenschaft. Gemessen an diesen Kriterien sind Whiteness-Studies, Gender-Studies, Post-Colonialstudies oder wie der ganze Unsinn sonst noch heißt, keine Wissenschaft, sie erreichen nicht einmal den Status einer Hilfswissenschaft. Hilfswissenschaften stellen Methoden der Erkenntnis oder der Prüfung bereit, so wie die Mathematik, die Logik oder die Philosophie dies tun. Ihr Status als (Hilfs-)Wissenschaft ist also dadurch bestimmt, dass sie an der Produktion von Erkenntnis beteiligt sind bzw. sie erleichtern. Gender Studies, Whiteness-Studies oder Post-Colonialstudies sind an keiner Produktion von Erkenntnis beteiligt. Im Gegenteil: Sie sind an der Zerstörung von Erkenntnis beteiligt, Erkenntnis, die ihren Vertretern ideologisch nicht passt. Sie sind Ideologen, Feinde der Wissenschaft.

Es wäre schön, wenn es uns, gemeinsam mit Ernst Peter Fischer gelingen würde, die trägen Gelenke der noch trägeren Wissenschaftler, die sich in ihren Büros verstecken oder in die Emeritierung geflüchtet haben, in Bewegung zu setzen und wenn wir auf diese Weise eine Bewegung starten könnten, die für Wissenschaft eintritt und sich gegen diejenigen stellt, die sie von innen heraus zerstören wollen, denn wie schreibt Fischer so richtig:

„Da fällt einem nur noch der alte Satz ein, dass man mit seinen Feinden schon fertig wird. Mühe machen die angeblichen Freude, zum Beispiel der Sekretär des Wissenschaftskollegs.“

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