Insektenausrottung vertagt: RWI bestätigt Kritik von ScienceFiles

Aus Lust, große Katastrophen, das vor der Tür stehende Aussterben von Spezies, die Vergiftung ganzer Habitate oder den Untergang des Planeten zu beschwören, haben sich Aktivisten und Journalisten kürzlich zusammengetan, um die Population der Fluginsekten in Deutschland um 76% zu reduzieren und das Ende der Bestäubung anzukündigen. Diese Lust, sich in Horrorszenarien hinein zu steigern, ist etwas, was uns schon lange fasziniert. Ob es um Homosexuelle geht, die sich partout häufiger selbst das Leben müssen als andere, obwohl die Daten diese Behauptung in keiner Weise belegen oder ob es eben um Fluginsektensterben geht, immer scheinen diejenigen, die sich angeblich um Fluginsekten oder Homosexuelle sorgen, besondere Lust daraus zu gewinnen, so viele wie nur möglich von denen, zu deren verbalen Beschützern sie sich auserkoren haben, tot zu sehen.

Ein angeblich vom Aussterben bedrohtes Fluginsekt, das Hallmann et al. im Datensatz haben

Es ist eine morbide Lust an der Katastrophe, die vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass die eigene Leistung als verbaler Mahner vor dem Ende der Welt (wie wir sie kennen) als mit der Größe der Gefahr zunehmend wahrgenommen wird. Wir haben es hier mit einem bekannten Missverständnis zu tun, das Menschen denken lässt, Heldentum könne auch verbal erfolgen.

Wie dem auch sei.

Wir waren die einzigen, die gegen den Strom der Aufgeregten und die vielen Auguren der nahenden Katastrophe eingewandt haben, dass die Daten, die zur Vorhersage der Apokalypse der Fluginsekten genutzt werden, diese Apokalypse nicht stützen. Vielmehr stützen die Daten dann, wenn man sie mit der Interpretation, die vor allem Caspar A. Hallmann vorgenommen hat, vergleicht, die Ansicht, dass hier die wissenschaftliche Lauterkeit zu Gunsten anderer Erwägungen vernachlässigt wurde.

Unsere gesamte Kritik kann hier nachgelesen werden.

Heute hat nun das RWI – Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, vertreten durch den Statistikprofessor Walter Krämer unsere Einschätzung bestätigt und seinerseits eine mit unserer gleichlautende Kritik an der Studie von Hallmann et al. und vor allem der Behauptung, rund 76% der deutschen Fluginsekten wären bereits verstorben, angebracht. Die Kritik aus dem RWI verweist einerseits darauf, dass man aus wenigen, punktuell gewonnenen Daten keine Aussagen über ganz Deutschland ableiten könne. Sie verweist andererseits darauf, dass der 76%ige Rückgang der Fluginsekten, dann, wenn man andere Jahre als die von den Forschern genutzten, zu Grunde legt, viel geringer ausfällt.

Stammleser werden sich erinnern: Wir haben anstelle der wenigen Datenpunkte des Jahres 2016, die Hallmann et al. für ihr Schreckensszenario nutzen, unsere Berechnung auf die viel bessere Datengrundlage des Jahres 2014 gestützt und sind zu einem Rückgang von rund 22,8% gelangt. Krämer und sein Team beim RWI haben einen anderen Weg gewählt und das Anfangsjahr variiert. Sie vergleichen nicht die Daten für das Jahr 1989 mit den Daten für das Jahr 2016 sondern die Daten für das Jahr 1991 und kommen zu einem Rückgang von rund 30%, ebenfalls deutlich weniger als die Primärforscher.

Krämer et al. im O-ton:
„Genauso wichtig für die Bewertung der „76 Prozent“ ist aber auch ein allgemeines Prinzip des kritischen Denkens: Jede berichtete Abnahme zwischen zwei Zeitpunkten hängt davon ab, welchen Anfangszeitpunkt man wählt. Dies gilt besonders bei drastisch schwankenden Werten, wie bei Börsenkursen und Biomassen von Insekten. Hätte man das Jahr 1991 statt 1989 als Anfangspunkt gewählt, dann wären es statt 76 Prozent weniger Insekten nur etwa 30 Prozent weniger gewesen. Das ist immer noch ein Anlass zum Nachdenken über die Ursachen – eine Frage, worauf die Studie keine Antwort findet. Es ist aber auch ein Anlass darüber nachzudenken, warum man immer wieder versucht, uns mit möglichst erschreckenden Zahlen Panik zu machen.“

Wir nehmen die Frage zum Ende des zitierten Absatzes zum Anlass, um eine weitere Frage zu ergänzen: Sind deutsche Journalisten, die ja maßgeblich daran beteiligt sind, die von Hallmann et al. übertriebenen Daten von der Hysterie zur Panik und zum drohenden Untergang des Deutschen Ackerbaus weiterzuentwickeln wirklich zu dumm, um einfache statistische Zusammenhänge zu prüfen bzw. wissenschaftliche Studien daraufhin abzuklopfen, ob man ihren Ergebnissen trauen kann oder nicht? Oder sitzen in den Redaktionen tatsächlich und fast ausschließlich Verschwörungstheoretiker, die an dunkle Mächte der kapitalistischen Umweltzerstörung glauben, deren Ziel darin besteht, die Erde in eine Wüste zu verwandeln.

Beide Alternativen sind nicht unbedingt erfreulich…

Was die Wissenschaftler um Caspar A. Hallmann  angeht, so kann man nun, nachdem die Studie von zwei Seiten geprüft und jedes Mal dasselbe Ergebnis dabei herausgekommen ist, mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass sie mit wissenschaftlicher Lauterkeit wenig am Hut haben.

Mehr zum Thema:

Das große Insektensterben – oder doch nicht?

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11 Responses to Insektenausrottung vertagt: RWI bestätigt Kritik von ScienceFiles

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  3. Reiner Steppkes says:

    In den Redaktionen sitzen keine Verschwörungstheoretiker. Es ist viel einfacher:
    Erkläre nichts mit Bosheit, was du mit Dummheit erklären kannst.

  4. Ich benutze dafür den Begriff “postfaktische Statistik”. Nachdem bereits Prozentrechnung für Abiturienten ein Problem sein kann, ist Statistik in Politik und Medien zur Trivialstatistik verkommen. Nachdem das Thema bereits vor fast 2 Jahren in RP-Online stand http://www.rp-online.de/nrw/staedte/krefeld/krefelder-studie-sorgt-international-fuer-furore-aid-1.5799811, danach neu bewertet wurde, hat jetzt Herr Hallmann dem Thema neue Aufmerksamkeit verschafft. Weder die Messmethodik der Krefelder noch seine Statistik halten der Kritik stand. Die Einbeziehung des Wetters wäre ein Mindestforderung…

  5. Gereon says:

    Fragt einfach ein paar Bauern und Imker.
    Wenn die sich nach ein bis zwei Jahrzehnten aus dem Fenster lehnen und sagen, da stimmt etwas nicht, stimmt etwas nicht. Ursache ungeklärt. Das mit den Milben hat sich nicht als so gravierend herausgestellt , wie der zu beachtende Schaden. Die Befruchtungssituation der Obstbäume war dies Jahr zusätzlich zum Wetter sehr unbefriedigend. Kaum Äpfel für ein 100 Literfass Apfelwein. Hummeln und Wespen können das Defizit nicht auffangen. Woran man das festmachen will? Erfahrungswerte. Ich schau seit 30 -40 Jahren in den Himmel und seit meiner Lehre beobachte ich Natur und Wetter. Dazu wird man angehalten als Winzer.

    • Wie widerlegen Sie die Behauptung, dass Sie der Grund für den von Ihnen beobachteten Rückgang sind, dass viele Fluginsekten den Ort meiden, an dem Sie sich aufhalten?
      Das ist das Problem mit Einzelbeobachtungen!

      • Gereon says:

        Naja das wissenschaftliche Problem an meiner Sichtweise ist mir Intellektuell schon klar.
        Ich bade regelmässig und auf jeden Fall nicht weniger als meine Mitmenschen und die Felder und Liegenschaften, die ich beurteile sind nicht alle meine oder von mir aufgesuchten.
        Unsere Regionalzeitung meldet, dass die Keltereien ein Apfelmangelproblem haben, also scheint zumindest Nordhessen betroffen zu sein
        . Imker diskutieren das Problem seit mehr als einem Jahrzehnt.
        Ich bin kein Wissenschaftler, ich trage Fakten und Aussagen zusammen, bis sich ein Muster ergibt. Wenn man das Herumgeeiere der Wissenschaft um Ursachen noch mit hineinbezieht, kommt man zu meiner umstrittenen Aussage vom letzten mal, nämlich, dass eine mögliche Ursache nicht untersucht werden darf.
        Ich steh eigentlich an der Position zu konstatieren: Liebe Wissenschaft, hier steht ein Elefant im Raum, würdet ihr mir den mal bitte erklären?

      • Gereon says:

        Ich müsste noch hinzufügen, dass sich z.B. mein Tabakfeld aufgrund der späten Blüte besonderer Beliebtheit bei allen Nektarsammelnden Fluginsekten erfreut und ein Stelldichein einiger Bienenstämme zu beobachten ist. Und natürlich auch deren anzahlmässiges Auftreten.
        Also kann meine persönliche Anwesenheit keinesfalls das konstatierte Defizit verursachen, da ich mich in der Blütephase täglich auf diesem Feld aufhalte.

    • Daß die Äpfel dieses Jahr nichts geworden sind, hat eine recht einfache Erklärung: Kälteeinbruch während der Blüte. Auch einige Weinanbaugebiete hat’s erwischt. Kommt alle paar Jahre mal vor.

      http://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Eiskalt-erwischt-Was-der-Wintereinbruch-fuer-Obstbauern-bedeutet-id41308862.html

      Das hat sehr wenig mit bestäubenden Insekten zu tun, aber sehr viel mit dem Wetter.

  6. Fiete says:

    Unabhängig von der Intelligenz der Beteiligten, gibt es eine uralte These zu vermeintlichen Verschwörern, die ich für recht naheliegend halte:

    Solche Leute brauchen keine Verschwörung, sie wissen auch so was sie zu tun haben.

  7. whgreiner says:

    Ob 75% Rückgang wissenschaftlich korrekt ist, kann ich nicht beurteilen. Als Jahrgang 1949 kann ich aber meinen persönlichen Eindruck schildern: wenn ich ab 1970 in der warmen Jahreshälfte die 400 km zwischen Studienort und zuhause fuhr, mußte ich mindestens einmal unterwegs anhalten und mühsam mit dem harten Fliegenschwamm die Frontscheibe freirubbeln, weil ich sonst durch den Insektendreck hindurch die Straße kaum noch sah. Heute brauche ich keinen Fliegenschwamm mehr; selbst nach 1200 km am Stück durch halb Europa sind höchstens ein paar einzelne Batzen auf der Scheibe, die im nächsten Regen von selber wieder verschwinden. Und während es in den 60er Jahren zur Blütezeit in den Obstbäumen nur so wimmelte und man die Blüte bestimmter Büsche schon aus zehn Meter Entfernung am Summen der Insekten HÖRTE, finde ich heute an unserem ganzen, voll erblühten Apfelbaum gerade mal noch mit Mühe zwei oder drei vereinsamte Bienchen – und das schon seit etlichen Jahren. Meine – zugegebenermaßen subjektive – Einschätzung daher: nicht 75%, sondern mindestens 90% Rückgang.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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