Institutionelle Geilheit: Vom Missbrauch “sexuellen Missbrauchs”

Manche Themen eignen sich perfekt als Träger moralischer Entrüstung. Wer würde nicht in den Chor mit einstimmen, dessen Vorsänger seine Stimme gegen sexuellen Missbrauch erhebt? Wenn der sexuelle Missbrauch zudem noch mit Kindern verbunden werden kann, dann ist dem Vorsänger nicht nur Unterstützung, sondern moralisch entrüstete Unterstützung sicher. Moralische Entrüstung wiederum ist leicht zu dirigieren und auszunutzen, so dass die Forderung nach Gegenmaßnahmen und die Bereitstellung der dafür notwendigen finanziellen Mittel auf große Zustimmung zählen kann. Gelingt es also, moralische Entrüstung herzustellen, dann ist dies eine fast unerschöpfliche Quelle finanzieller Prosperität für diejenigen, die auf der Welle der Entrüstung die Gegenmaßnahmen zu dirigieren vorgeben.

Das Rezept zur finanziellen Nutzung moralischer Entrüstung ist einfach zu beschreiben:

  • Identifiziere ein Objekt, das sich zur moralischen Entrüstung eignet, z.B. sexueller Missbrauch von Kindern.
  • Behaupte, das Entrüstungsobjekt sei unglaublich weit verbreitet oder besser noch: man habe die Verbreitung dessen, was Entrüstung produziert, bislang unterschätzt.
  • Präsentiere ein Gegenmittel, das verspricht, den Ursprung moralischer Entrüstung zwar nicht zu beseitigen, aber doch zu bekämpfen.
  • Versprich in keinem Fall, das Objekt moralischer Entrüstung zu beseitigen, denn damit lieferst Du einerseits einen Maßstab, an dem Deine eigenen Aktivitäten gemessen werden können, andererseits, falls Du erfolgreich wärst, wäre Deine Erwerbsquelle weg.

Das war der Trockenkurs.

Der Chef der selbsternannten Bildungsgewerkschaft, Ulrich Thöne, hat eine ernste Problemlage erkannt. Die Problemlage erwächst aus einem Thema dessen “Bedeutung … bisher unterschätzt wurde”. Das ernste und bislang unterschätzte Thema ist der sexuelle Missbrauch an deutschen Schulen. Weil das Problem und seine Verbreitung bislang unterschätzt wurde, müssen nicht nur Lehrer und Sozialarbeiter im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs geschult werden, der Ausbau der Schulsozialarbeit als solcher “könne Potential für die Prävention und die Bewältigung von Fragen des sexuellen Missbrauchs schaffen”. Und deshalb fordert die GEW “nochmals nachdrücklich, an jeder Schule mindestens eine Stelle für Schulsozialarbeit zu schaffen”. Die Quelle der Erkenntnis, also die Untersuchung, die das Ergebnis der Unterschätzung des Problems sexuellen Missbrauchs an deutschen Schulen erbracht hat, sind Zahlen des Deutschen Jugendinstituts (DJI). Das DJI, so weiß die GEW in seiner Pressemitteilung, “hatte am Mittwoch Zahlen veröffentlicht, nach denen an 40 Prozent der Schulen Fälle sexuellen Missbrauchs festgestellt wurden“.

Die GEW behauptet also, an 40% der deutschen Schulen gäbe es Fälle sexuellen Missbrauchs. An dieser Stelle möge jeder Leser einmal für sich überlegen, was der Begriff “sexueller Missbrauch” für ihn als konkrete Handlung umfasst. Ich komme darauf zurück.

Die von der GEW zitierte Pressemitteilung, der die weite Verbreitung sexueller Missbrauchsfälle an deutschen Schulen entnommen ist, 40% nach Ansicht der GEW, weiß nichts von dem, was die GEW behauptet. Statt dessen lautet eine der Kernaussagen der entsprechenden Pressemitteilung: “Schulen, Internate und Heime sind häufig mit Verdachtsfällen auf sexuelle Gewalt bzw. unterschiedliche Formen von Übergriffen konfrontiert – Heime sind am stärksten betroffen. Schulen sahen sich zu 43%, Internate zu knapp 40% und Heime zu über 70% mit verschiedenen Verdachtsfällen auf sexuelle Gewalt in den letzten drei Jahren konfrontiert”. Dieses Ergebnis stammt aus der telefonischen Befragung von 1.128 Schulleitern, 702 Lehrkräften, 324 Internatsleitern und 97 Heimleitern. Entsprechend handelt es sich nicht um eine Vollerhebung, wie dies die GEW in ihrer Pressemitteilung suggeriert, sondern um eine Stichprobe, für die noch zu klären wäre, welche Gültigkeit Aussagen über die Verbreitung von “sexueller Gewalt” an Schulen, Internaten und Heimen für sich reklamieren können.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist nicht der Unterschied in den Zahlen. Auch die Tatsache, dass das DJI eben keine Daten hat, die Aussagen erlauben, die für ALLE deutschen Schulen Gültigkeit beanspruchen, muss nur festgestellt werden. Wichtig ist jedoch, dass die Studie des DJI von Verdachtsfällen und nicht von erfolgten Handlungen spricht und auch nur solche gemessen hat. Wichtig ist ferner der Unterschied in der Benennung. Die DJI-Pressemitteilung spricht im relevanten Teil von “sexueller Gewalt” nicht von “sexuellem Missbrauch” wie die GEW.

Wenn Sozialwissenschaftler etwas wie “sexuelle Gewalt” messen wollen, dann gehen sie nicht ins so genannte Feld und fragen wahllos Personen, ob sie Opfer sexueller Gewalt geworden sind – schon weil man dann nicht weiß, was der Befragte unter “sexueller Gewalt” versteht. Sexuelle Gewalt ist eine Variable, eine latente obendrein, d.h. sexuelle Gewalt muss operationalisiert werden, um gemessen werden zu können. Und weil sexuelle Gewalt eine ganze Reihe verschiedener Verhaltensweisen umfasst, fragen Sozialwissenschaftler ausgehend von einer Definition dessen, was “sexuelle Gewalt” sein soll, eine ganze Reihe unterschiedlicher Verhaltensweise ab. Die Studie des DJI basiert nach Angabe der Verfasser auf einer “breiten Definition von sexueller Gewalt“, die das Zeigen pornographischer Inhalte, Berührungen am Körper, Berührungen an Geschlechtsteilen, versuchte Penetration und erfolgte Penetration, physische Verletzung oder Misshandlung mit sexuellem Hintergrund und andere Formen eines sexuellen Übergriffs umfasst. Stimmt diese Liste mit dem überein, was Sie sich oben als konkrete Handlung, die unter den Begriff “sexueller Missbrauch” fällt, überlegt haben?

Es geht noch weiter. Die Befragung des DJI, die Schulleiter zu Verdachtsfällen befragt hat, erbringt das Ergebnis, dass 12,5% den Verdacht auf eine andere Form des sexuellen Missbrauchs berichten, was immer das auch sein mag, keiner vom Verdacht einer physischen Misshandlung mit sexuellem Hintergrund zu berichten weiß, 2,5% den Verdacht auf eine erfolgte Penetration, keiner den Verdacht auf eine versuchte Penetration erinnern und 2.5% Verdachtsfälle an ihrer Schule hatten, die das Zeigen pronographischer Inhalte zum Gegenstand hatten. Dagegen berichten 22,5% vom Verdacht der Berührung an Geschlechtsteilen, 32,5% vom Verdacht auf verbale sexuelle Übergriffe und 70% vom Verdacht auf Berührungen am Körper.

Der “sexuelle Missbrauch”, der nach Ansicht der GEW an 40% der deutschen Schulen stattfindet, besteht also nach Angaben von 43% der 1.128 befragten Schulleiter vornehmlich im Verdacht auf zumeist Berührungen am Körper. Das ist ein komplett anderes Ergebnis als das von der GEW suggerierte, womit sich die Frage stellt, ob die GEW absichtlich die Presse durch solche Pressemitteilungen fehl informiert, um dadurch Arbeitsstellen für Schulpsychologen zu legitimieren, oder ob bei der GEW die Kompetenz fehlt, um einfachste Zusammenhänge aus Pressemeldungen zu entnehmen. Ich weiss nicht was schlimmer ist, und überlasse die Entscheidung den Lesern.

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8 Responses to Institutionelle Geilheit: Vom Missbrauch “sexuellen Missbrauchs”

  1. Hier zur Dokumentation, die Pressemeldung im Wortlaut:

    14.07.2011

    GEW: „Lehrkräfte und Schulsozialarbeit stärken“

    Berlin – Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) unterstützt die Forderung nach Fortbildung für Pädagoginnen und Pädagogen zum Umgang mit sexuellem Missbrauch. „Die Problemlage ist ernst“, erklärte GEW-Vorsitzender Ulrich Thöne. „Die Bedeutung des Themas ist bisher unterschätzt worden. Lehrer und Schulsozialarbeiter müssen im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs an Schulen dringend gestärkt werden, ohne sie zu überfordern. Die Politik darf sie nicht länger alleine lassen.“

    Der Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs sei keine Verwaltungsaufgabe, die am Schreibtisch erledigt werde, sondern intensive und hochsensible Beziehungsarbeit. Es sei nicht realistisch, alle 900.000 Lehrkräfte und das sozialpädagogische Personal an Schulen zu Experten zu machen. Deshalb seien Pläne der Bundesregierung für ein E-Learning-Portal, mit dem Ziel, alle Lehrkräfte bundesweit online zu schulen, allenfalls ein Placebo.

    „Bereits im Studium muss sensibilisiert, alle vorhanden Beschäftigten müssen fortgebildet werden“, unterstrich Thöne. „Länder und Kommunen müssen die dafür notwendige Zeit bereit stellen. Die Fortbildung muss an den Schulen stattfinden, um einen vertrauensvollen Umgang und die Bildung von Netzwerken mit Fachkräften und Beratungsstellen vor Ort zu fördern.“

    Der Ausbau der Schulsozialarbeit könne Potenziale auch für die Prävention und die Bewältigung von Fragen des sexuellen Missbrauchs schaffen. Die GEW fordert deshalb nochmals nachdrücklich, an jeder Schule mindestens eine Stelle für Schulsozialarbeit zu schaffen.

    Das DJI hatte am Mittwoch Zahlen veröffentlicht, nach denen an 40 Prozent der Schulen Fälle sexuellen Missbrauchs festgestellt wurden. Die Regierungsbeauftragte Bergmann fordert in diesem Zusammenhang, alle Lehrkräfte fortzubilden.

    http://www.gew.de/GEW_Lehrkraefte_und_Schulsozialarbeit_staerken.html

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