Schwules Gen gefunden?

Ein Beispiel wissenschaftlicher Forschung und Diskussion, das wir denen ans Herz legen wollen, die Diskussionen immer dann abbrechen, wenn sie selbst kritisiert werden, kommt aus den USA.

In der Zeitschrift Scientific Reports berichtet Alan R. Sanders und ein ganzes Rudel Ko-Autoren von einer Studie, die sie unter 1.077 homo- und 1.231 heterosexuellen Männern durchgeführt haben. Für die insgesamt 2.308 Männer haben die Forscher eine Genom-weite Assoziations-Studie vorgenommen, also eine Studie, die das gesamte Genom der jeweiligen Männer auf Besonderheiten, in der Regel auf Spitzen in einem Plot der einfachen Vielgestaltigkeit von Nuklotiden (SNPs dazu die Abbildung) abbildet und für die Männer miteinander vergleicht. Im diesem Zusammenhang meinen die Forscher Hinweise darauf gefunden zu haben, dass sich für homosexuelle Männer im Vergleich zu heterosexuellen Männern Unterschiede bei den Chromosomen 13 und 14 finden lassen. Den Genen, die sich in unmittelbarer Nähe zu diesen Chromosomen befinden, wird ein Einfluss auf die sexuelle Orientierung nachgesagt.

Damit, so meinen Sanders und all die anderen, die an dem kurzen Papier beteiligt sind, seien erste Hinweise darauf gefunden, dass Homosexualität auf eine bestimmte Genetik zurückzuführen sei.

Dem widersprechen drei Wissenschaftler mit Vehemenz.

Für Dr. Jeffrey Barret ist die Studie zu klein. Um komplexe menschliche Eigenschaften, wie z.B. die sexuelle Orientierung zu untersuchen, müssten eine Vielzahl genetischer Unterschiede in Betracht gezogen werden. Das bedeutet, dass man die Genome von zehntausenden besser noch hundertausenden von Menschen vergleichen muss, um einigermaßen signifikante Ergebnisse vorweisen zu können. Die Studie von Sanders und all den anderen, kommt nicht einmal in die Nähe der erforderlichen Anzahl von Versuchspersonen: „This study is way, way, way too small to draw any meaningsful conclusion“.

Gleicher Ansicht ist Prof. Robin Lovell. Er erkennt den mutigen Versuch, aus wenig Versuchspersonen, viel Schlüsse zu ziehen, an, weist aber auch auf die viel zu kleine Stichprobe von Sanders et al. hin. Hinzu komme, dass die Forscher nur Männer europäischer Abstammung untersucht hätten. Das sei ein weiterer Mangel, der eine Verallgemeinerung der Ergebnisse verbiete.

Prof. Gil McVean bringt die Kritik auf einen gemeinsamen Nenner:

„The researchers have found weak evidence for genetic variation that influences self-reported sexual preferences in men. However, the sample size is small, the results have not been replicated in an independent study and the level of evidence presented doesn’t meet the threshold of significance typically required within the field”.

[…]

“The specific biological hypothesis put forward in this paper does not have anything more than highly tenuous / circumstantial evidence. Rather, as above, sexuality is likely influenced by many different factors, including environment, experience and (likely) some aspects of innate biological variation.

“I can see no major implications of this work or how it could be useful in the future. The genetic effects are far too weak to be of any predictive or diagnostic value. All biology – including the origins of sexuality – is interesting at some level, but I see no direct applications of such research.”

Mit anderen Worten: die Studie ist eine Studie ohne Wert, die Ergebnisse können nicht verwendet werden. Die Studie klopft an die Tür zur Junk Science. Alle, die der Studie in deutschen Medien in den nächsten Wochen begegnen werden, sollten dies im Hinterkopf behalten.

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5 Responses to Schwules Gen gefunden?

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  2. anon says:

    Da hätte man sich das Lesen der Kommentare auch sparen und einen Blick ins Original werfen können.
    Aus Results/Discussion: “The main limitations of the current study include an exclusive focus on males, sampling primarily from one ancestral group (European), combination of two datasets, and most notably the modest sample size for a GWAS on a trait with complex genetics. Additional and larger sample sizes would be required to assess which loci might breach genome-wide significance for association in a single study, and to increase the number of such loci (as typically is the case with phenotypes with manifesting complex genetics 58,59).”

    • Michael Klein says:

      Hätten Sie die Kommentare gelesen, wüssten Sie, dass die das auch wissen. Es geht um die Bewertung dessen, was nach den Einschränkungen noch übrig bleibt.

      • R.J. says:

        Sehr richtig. Im Bereich der Medizin wurden unzählige Assoziationsstudien durchgeführt, um die Disposition zu Erkrankungen zu eruieren. Mangelnde Reproduzierbarkeit oder Plausibilität waren das regelmäßige Ergebnis, und es gibt Meta-Analysen, in denen der Mangel an Reproduzierbarkeit auf geradezu umwerfende Weise visualisiert ist. Die erklärten Varianzen waren in der Regel winzig. Als halbwegs verlässlich blieben immer nur ganz wenige Gene übrig, die man aus anderen, gezielten Genomanalysen bereits kannte. Für Verhalten sind noch komplexere Beziehungen zu erwarten als für, sagen wir, Herzerkrankungen. Auf der Basis von Assoziationsstudien wurden unaufhörlich neue Gene der sog. Öffentlichkeit als „Durchbruch“ vorgestellt, von dem man dann nichts mehr hörte. Das hat dazu geführt, dass es schwierig geworden ist, für solche Studien überhaupt noch eine Förderung zu erhalten. Zu Recht. Man kann derartige Daten publizieren, wenn klar ist, dass sie nicht einmal, sondern mehrere Male reproduziert werden müssen, um ansatzweise ernstgenommen zu werden. Nicht ohne Grund hat sich der Schwerpunkt der Forschung inzwischen auf die Epigenetik verlagert, auch wenn da die Lage noch unübersichtlicher ist.

  3. Gereon says:

    Also erstmal ist es erfreulich, dass diese Studie einen Ansatz untersucht, der von der ‘gesellschaftlichen Konstruktion der Geschlechter’ wegweist auf biologische Ursachen. Homosexualität an sich widerlegt dieses Gedankengebäude schon, aber biologische Ursachen derselben sind da recht zwingend.
    Dass die Studie ungenügend ist, gar Junk Science, mag darauf zurückzufühen sein, dass die Standards, die duch Genderbeschäftigung eingeführt wurden von anderen als Richtschnur des Mittelmasses verstanden wurden.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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