Forschung zu Altersdemenz: Münchner Biochemiker erhält Brain Prize 2018

Die Idee, dass es einerseits öffentliche Inszenierungen gibt, die der Aufplusterung von Belanglosigkeiten dienen, etwa: Wer wird Außenminister? Soll die AfD vom Verfassungsschutz überwacht werden? Finden die Faktenfinder wieder keine Fakten? – diese Idee ist alt. Erving Goffman hatte sie als er Darstellung, Fassade und Wirklichkeit voneinander getrennt hat, um soziales Handeln zu erklären. Die selbstreferentiellen Systeme, die Medien nach Ansicht von Niklas Luhmann darstellen und die weitgehend unabhängig von der Wirklichkeit, die sie umgibt, bestehen, ist eine andere Variante derselben Idee, die George Orwell in seiner Trennung zwischen der Partei, deren Mitglieder im eigenen ideologischen Saft braten, und den Prols der Außenwelt, die ein Leben führen, verarbeitet hat.

Wir berichten heute aus der wirklichen Welt.

Der Welt, in der rund 900.000 Menschen, davon 28% männlich und 72% weiblich, an Demenz leiden. Jährlich kommen rund 200.000 Neuerkrankungen hinzu, so dass das Robert-Koch-Institut von mindestens einer Verdoppelung der Prävalenz der Demenz bis 2050 ausgeht.

„Je nach Schätzung der gegenwärtigen Verbreitung der Demenz sowie der angewandten Prognosetechnik wird es bis etwa 2050 zu einer Zunahme der Demenzerkrankungen von gegenwärtig etwa 1 bis 1,5 Millionen auf 1,5 Millionen bis 3,5 Millionen kommen (…). Die Mehrheit der Prognosen sagt eine Zahl zwischen zwei und drei Millionen Demenzerkrankungen voraus.“

Die Mehrheit (rund 60%) derjenigen, die an Demenz erkranken, erkranken an Alzheimer einer Krankheit, die Alois Alzheimer bereits im Jahre 1906 entdeckt hat. Bei Personen, die an Alzheimer erkranken, sterben Gehirnzellen ab, während sich zwischen und in den Gehirnzellen Proteine ansammeln (Beta-Amyloide zwischen und Tau-Proteine in den Zellen). Ursprünglich waren Forscher der Ansicht, die Bildung von Beta-Amyloid sei pathogen und in nicht erkrankten Gehirnen nicht zu beobachten. Mit seiner Forschung hat Christian Haass, Professor für Molekulare Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München gezeigt, dass Beta-Amyloid auch in einem gesunden Gehirn gebildet wird, das Problem von Alzheimer daher mit den Enzymen verbunden ist, die die Bildung von Beta-Amyloid steuern.

Seine Forschung hat zur Entwicklung einer Reihe von Arzneimitteln geführt, die bislang aber noch nicht in der Lage sind, eine beginnende Demenz zu verlangsamen. Bart de Strooper, Direktor des UK Dementia Research Institutes in London hat den Forschungsstrang von Haass fortgeführt und mit Presenilin ein weiteres Protein identifiziert, das bei der Bildung von Beta-Amyloid eine Rolle spielt. Durch seine Arbeit ist die Entwicklung von Medikamenten angeregt worden, die die Bildung von Beta-Amyloid hemmen. Dass die Massenproduktion von Beta-Amyloid als Ursache für Alzheimer überhaupt in den Fokus der Forscher geraten ist, ist John Hardy, der am University College in London forscht und lehrt, zu verdanken. Er hat die sogenannte Amyloid-Hypothese begründet und vertreten. Michael Goedert, Professor für Experimentelle Molekulare Neurologie an der Universität Cambridge hat gezeigt, dass sich Proteine nicht nur zwischen den Gehirnzellen als Ergebnis von Alzheimer anreichern, sondern auch in den Zellen. Das sogenannte Tau-Protein, das Wesentlich zur Alzheimer-Erkrankung beiträgt, ist seine Entdeckung.

Für ihre Forschungsleistungen sind die vier Wissenschaftler von der Lundberg Foundation in Dänemark mit dem Brain Prize 2018 ausgezeichnet worden. Ihre Entscheidung begründet die Foundation wie folgt:

Beta-Amyloid-Plague

“The research of the four prizewinners has far-reaching perspectives for our understanding not only of Alzheimer’s disease but of other dementia disorders, too. Their research has provided a foundation for the design of drugs to counter the pathogenic processes. This gives us hope that we will be able to slow Alzheimer’s disease and, perhaps, even prevent it.”

Der Preis ist mit der Summe von 1.000.000 Euro dotiert und wird am 9. Mai in Kopenhagen verliehen.

Wer hat wohl mehr Einfluss auf die Lebensqualität von Menschen? Christian Haass oder Heiko Maas? Über wen wird berichtet und in einem Umfang, der im umgekehrten Verhältnis zu seiner Bedeutung steht?

Der Schwanz wackelt in Deutschland mit dem Hund.

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6 Responses to Forschung zu Altersdemenz: Münchner Biochemiker erhält Brain Prize 2018

  1. corvusalbusberlin says:

    “Die Mehrheit der Prognosen sagt eine Zahl zwischen zwei und drei Millionen Demenzerkrankungen voraus.“
    Wie will man das bewältigen?
    Hat man dafür einen Plan – vielleicht auch einen Plan 2, wenn der 1. nicht klappt ?

    An was liegt es, dass Frauen weitaus öfter erkranken als Männer?

    Ja,nicht zu vergessen, Heiko Maas ist natürlich unersetzbar.

    • Michael Klein says:

      Stimmt. Aber wenn Sie die Abbildung ansehen, dann sehen Sie, dass die Prävalenz (Fälle insgesamt) und die Inzidenz (neue Diagnosen) bei den Altersgruppen 75-79 Jahren und 79-84 Jahre am höchsten ist. Wenn Sie hier schauen
      https://service.destatis.de/bevoelkerungspyramide/#!y=2018
      sehen Sie, dass es in den entsprechenden Altersgruppen deutlich mehr Frauen als Männer gibt. Ob der “Überschuss” die höhere Inzidenz komplett erklärt, weiß ich nicht.

  2. corvusalbusberlin says:

    Obwohl Walter Jens, ein lebenslang “geistiger Arbeiter” und auch August Geiger letztendlich von dieser Krabkheit eingeholt wurden, glaube ich, dass Menschen, die ein Leben lang mit einer Vision lebten, nicht so anfällig für diese Krankheit sind, als wenn man nur schuften muss und dazu auch noch dem Mamon nachjagt.
    Da sollten Sie mal nachhaken. Sie haben mehr Wissen als ich und auch mehr Erfahrung, diese Dinge aufzudröseln.
    Hier auch ein Link

    https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=6&ved=0ahUKEwih7tqAud_ZAhWoIcAKHV_sAbgQFghXMAU&url=https%3A%2F%2Fwww.zeitenschrift.com%2Fartikel%2Fdemenz-den-himmel-vergessen&usg=AOvVaw2sedJIgcXbymPWn1WQ_hPc

  3. Quo vadis, science? says:

    Die beta amyloid Hypothese ist nicht unumstritten in den medizinischen/naturwissenschaftlichen Disziplinen. Wieder einmal hat man eine Bobachtung gemacht, weiss aber nicht einzuordnen, ob es sich um eine Korrelation oder eine Kausalitaet handelt. Mich hat es sehr stutzig gemacht, dass Wirkstoffe, die beta amyloid Abbau beschleunigen oder dessen Aufban verhindern, nach und nach in klinischen Studien aufgrund mangelnder Wirksamkeit durchgefallen sind. Grosse Unternehmen wie Eli Lilly und Pfizer haben ihre Forschungsprogramme in diese Richtung komplett eingestellt. Es befanden bzw. befinden sich verschiedene Kandidaten in klinischen Studien, aber bisher gab es nur Misserfolge. Ich finde, dass diese Beobachtung nicht gerade die Hypothese stuetzt, dass beta amlyoid oder tau protein fuer die Erkrankung an Alzheimer verantwortlich sind. Es ist vielleicht nur ein Ausdruck eines altersabhaengigen Stoffwechselumbaus im Gehirn?
    Nichtsdestotrotz werden diese Hypothesen von den meisten Wissenschaftlern weltweit ungeprueft uebernommen und als letztgueltige Wahrheit verkauft. Gerade weil sie sich auch in Tierexperimenten immer wieder so schoen einfach bestaetigen lassen. Aber eben nicht am Menschen.

    Es ist sehr schwer, auch in den Naturwissenschaften, gegen diesen Mainstream anzuschwimmen, insbesondere wenn man keine gesicherte Position an einer Universitaet innehat. In der Krebstherapie gibt es ebenfalls eine solche Hypothese (EPR-Effekt), die seit ca. 30 Jahren gebetsmuehlenartig wiederholt wird. In Einzelgespraechen mit Wissenschaftlern hoert man immer wieder Kritik, aber niemals oeffentlich.

    Und nun verleihen renommierte Institutionen Preise fuer Hypothesen, die sich beim Menschen nicht bestaetigen lassen. Erinnert mich doch immer wieder an Politik…

    Vielleicht noch mal eine Gegendarstellung aus der Presse, diesmal doch oeffentlich:

    https://www.cnbc.com/2018/03/08/race-for-miracle-alzheimers-drug-stalls-but-theres-another-option.html

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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