Menschenwürde im Gutmenschen-Ausverkauf

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, so heißt es in Artikel 1 des Grundgesetzes. Aber was ist diese Würde des Menschen, die unantastbar sein soll?

Wie bestimmt man die Würde?
Wer bestimmt sie?

Auf einer Seite, die sich an Jugendliche richtet, wird mit der Frage der Menschenwürde ein mehr oder weniger kurzer Prozess gemacht:

„Dem Begriff der Menschenwürde liegt die Idee zugrunde, dass jeder Mensch allein schon durch seine Existenz wertvoll ist.“

Ist jeder Mensch alleine durch seine Existenz wertvoll? Und hat er deshalb auch eine Menschenwürde?

Wir sind der Ansicht, das ist nicht der Fall. Mehr noch: Wir sind der Ansicht, wer Menschenwürde mit der Gießkanne ausgießt, öffnet damit denen, die Menschen instrumentalisieren wollen Tür und Tor.

Die Ansicht, jeder Mensch habe kraft seines Menschseins eine Würde, ist die sogenannte Mitgift-Position der Menschwürde. Zwei weitere Positionen hat die Philosophie hervorgebracht, die Menschenwürde als Resultat von Leistung und Menschenwürde als Ergebnis von Kommunikation.

Dass Menschen mit Vernunft ausgestattet und daher in der Lage sind, sich von ihren Trieben zu distanzieren (nein, es sein müssen, wenn sie als Menschen gelten wollen), hat Samuel von Puffendorf in seiner Konzeption von Menschenwürde zum Ausgangspunkt genommen. Die Würde des Menschen besteht für ihn aus zwei Teilen: (1) der Fähigkeit, Handlungsoptionen zu unterscheiden und der Freiheit, eine Entscheidung zu treffen und (2) der Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Menschenwürde hat der, der sich im Sinne der sittlichen Gesetze entscheidet.

Auch Kant sieht die Menschwürde als Leistung, und zwar als Leistung, die auf der Autonomie des Menschen aufbaut, sie voraussetzt: „Autonomie ist also der Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen Natur“, so schreibt er in der Metaphysik der Sitten. Die Gemeinsamkeit mit Puffendorfs erstem Teil ist offenkundig. An anderer Stelle schreibt Kant: „Die Würde der Menschheit“, womit er die Eigenschaft „Menschheit“ meint, die Menschen von anderen Spezies unterscheidet, diese Würde der Menschheit „besteht eben in dieser Fähigkeit, allgemein gesetzgebend [tätig zu sein], obgleich mit dem Beding, eben dieser Gesetzgebung zugleich selbst unterworfen zu sein“ (Metaphysik der Sitten, 447). Damit spielt Kant auf seinen Imperativ an: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ (421).

Die Menschenwürde ist bei Kant somit das Ergebnis von Handlungen im Einklang mit einem sittlichen Standard, sie ist ein Ergebnis menschlicher Leistung. Zwar gibt es bei Kant auch die absolute Menschenwürde, diese ist jedoch an den homo noumenon geknüpft, den Menschen mit Verstand, der seine Vernunft auch benutzt, entsprechend ist die Menschenwürde keine Mitgift der Natur, sondern eine Lebensleistung von Menschen: „Allein der Mensch als Person betrachtet, d.i. als Subjekt einer moralisch-praktischen Vernunft, ist über allen Preis erhaben, denn als ein solcher (homo noumenon) ist er nicht bloß als Mittel zu anderer ihren, ja selbst seinen eigenen Zwecken, sondern als Zweck an sich selbst zu schätzen, d.i. er besitzt eine Würde (einen absoluten inneren Wert), wodurch er allen anderen vernünftigen Wesen Achtung für ihn abnötigt, sich mit jedem Anderen dieser Art messen und auf dem Fuß der Gleichheit schätzen kann“ (434). Menschenwürde ist somit von der Achtung durch andere abhängig, wobei die Achtung von Anderen geschuldet ist, wenn ein Mensch in der Lage ist, seine Vernunft in der oben beschriebenen Weise einzusetzen und Entscheidungen auf Grundlage des kategorischen Imperativs zu treffen.

Bislang haben wir also eine Sicht auf Menschenwürde, die Letztere als Mitgift aller Menschen ansieht, als etwas, das einfach da ist und keiner größeren Anstrengung bedarf. Menschen haben von Natur aus Würde. Davon unterscheidet sich die Position, die Menschenwürde als Ergebnis menschlichen Handelns, moralischen menschlichen Handelns ansieht, die durch Einsatz von Vernunft errungen werden muss.

Bleibt noch die Schwatzposition aus Frankfurt, die u.a. Habermas vertritt, nach der, wenig überraschend, Menschenwürde ein Konstrukt ist, das in Kommunikation geschaffen wird, sie ergibt sich aus der positiven Bewertung von individuellen Ansprüchen auf soziale Achtung.

Im Habermas-Brabbel liest sich das wie folgt:

Die Menschenwürde „ist nicht eine Eigenschaft, die man von Natur aus ‚besitzen‘ kann wie Intelligenz oder blaue Augen, sie markiert vielmehr diejenige ‚Unantastbarkeit‘, die allein in den interpersonalen Beziehungen reziproker Anerkennung im egalitären Umgang von Personen miteinander eine Bedeutung haben kann“ (Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur, S.62). Wie immer, wenn Habermas etwas sagen will, aber eigentlich nicht weiß, was er sagen will, ersetz er einen relativ unbestimmten Begriff, hier die Menschenwürde, durch eine vage Umschreibung des Unbestimmten, hier: die Unantastbarkeit, die interpersonalen Beziehungen reziproker Anerkennung im egalitären Umgang Bedeutung gibt.

Lässt man dem Wortbombast die Luft ab, dann bleibt die Feststellung, dass für Habermas Menschenwürde durch Dritte verliehen wird. Dies ist bei der Mitgift-Position auch der Fall. Auch hier erhalten Menschen etwas ohne ihr Zutun bzw. ohne, dass sie eine Kontrolle darüber haben. Beide Positionen verweigern Menschen die Autonomie. Die Mitgift-Position nimmt in der Regel einen Gott an, der Menschen eine Würde verleiht, die Konstrukteure durch Geschwätz ersetzen den Gott der Religion durch die Willkür des öffentlichen Diskurses. Nur die Vertreter der Leistungs-Konzeption einer Menschenwürde, gestehen Menschen Autonomie, Handlungsfreiheit und einen freien Willen zu.

Und so kommt es, dass all diejenigen, die Menschen so wertvoll und gleich und von Natur aus oder durch Schwätzers Gnaden mit einer Würde ausstatten, denselben eben diese absprechen, denn eine Menschenwürde kann man nicht von anderen erhalten, sie kann nicht verliehen werden, es sei denn, man akzeptiert, dass nicht alle Menschen gleich sein, dass es welche gibt, die Herrscher über die Würde anderer sind, letzteren diese Würde verleihen können.

Und damit sind die Konstrukteure wie die Erben am Ende. Sie laufen in einen Widerspruch, der das unmündige würdelose Etwas voraussetzt, denn nur dem würdelosen Etwas kann man eine Würde verleihen, ohne dass man Ärger mit ihm bekommt. Und etwas, das sich von anderen eine Würde verleihen lässt, ohne einen eigenen Anspruch darauf entwickelt zu haben, kann per se keine Würde besitzen, denn hätte es eine Würde, es würde nicht anderen die Hegemonie über seine eigene Person einräumen.

Kurz: Menschenwürde hat man nicht, Menschenwürde muss man sich erarbeiten. Wer über sich bestimmen und sich eine Menschenwürde verleihen lässt, kann keine Würde, keine Menschenwürde haben.


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