Die große Abzocke! Wie Wissenschaftsverlage ihren Reibach machen

Geschäftsidee:

Sie gründen eine Zeitschrift.

Sie benennen, sagen wir, fünf Herausgeber, die für die Zusammenstellung der Beiträge, für jede Ausgabe ihrer Zeitschrift verantwortlich sind und sich um den anderen Schnickschnack, das Layout, die Korrespondenz mit den Autoren, die Einhaltung von Terminen usw. kümmern. Den Herausgebern bezahlen Sie NICHTS, aber sie versprechen ihnen Reputation.

Die Beiträge für die Zeitschrift beschaffen die Herausgeber in ihrem Namen von Autoren, die im Themenfeld, das ihre Zeitschrift abdeckt, arbeiten. Die Autoren liefern die Texte, recherchieren die Informationen, tragen das Risiko für Fehler und falsche Behauptungen und übertragen Ihnen aus Dankbarkeit, weil sie in Ihrer Zeitschrift publizieren dürfen, ihr Copyright zur freien Monetarisierung. Im Austausch bekommen die Autoren Reputation (vielleicht).

Jede Ausgabe Ihrer Zeitschrift umfasst knapp 10 Beiträge. Ihre Zeitschrift erscheint viermal im Jahr und sie verlangen 216 Euro für die vier Ausgaben im Jahresabonnement. Der Preis für einen einzigen Beitrag, unabhängig von seiner Länge, den sie Online verlangen, beträgt 40 Euro. Wer zwei oder drei Beiträge kaufen will, muss 80 Euro oder 120 Euro bezahlen oder sich über Bibliotheken Zugang zu Ihrem Angebot verschaffen.

Sie verkaufen öffentlichen und privaten Bibliotheken einen Zugang zu ihrer Zeitschrift, der alle Beiträge eines Jahres umfasst. Der Preis beträgt rund 4.000 Euro (Wenn Sie später einmal mehrere Zeitschriften mit diesem Geschäftsmodell verlegen, dann variieren Sie den Preis für einen Jahreszugang zwischen 4.000 und 20.000 Euro).

Fertig ist Ihr Geschäftsmodell.

Sie meinen, das kann nicht funktionieren? Niemand bezahlt horrende Preise für Einzelbeiträge, deren Qualität er nicht kennt? Keine Bibliothek bezahlt mehrere Tausend Euro um Zugang zu den Ausgaben ihrer Zeitschrift für genau ein Jahr zu erhalten? Sie denken, niemand ist so blöd, umsonst die Arbeit eines Herausgebers, Editors und Layouters zu leisten? Sie sind der Ansicht, niemand ist so dumm, seine Ideen, die Ergebnisse seiner Arbeit niederzuschreiben, umsonst zur Veröffentlichung zu geben und – weil das noch nicht reicht – alle Rechte an seinem geistigen Eigentum abzutreten?

Nun, Sie irren sich.

Die beschriebene Methode, diese moderne Form der Sklaverei, bei der sich eine Partei auf Kosten unbezahlter Arbeiter bereichert, ist das Erfolgsmodell der Wissenschaftsverlage von Elsevier (mit einem Jahresumsatz von 2,5 Milliarden Pfund, davon rund 45% Reingewinn), über Springer (als Société anonyme in Luxemburg geführt und entsprechend eher geheimniskrämernd mit seinen Geschäftsdaten; der Umsatz dürfte heute deutlich über 1 Milliarde Euro liegen, nachdem er bereits 2014 bei rund 990 Millionen Euro lag), zu Wiley (mit einem Jahresumsatz von 1,7 Milliarden US-Dollar) reicht die Reihe der Verlage, die sich an diesem Geschäftsmodell eine goldene Nase auf Kosten der Allgemeinheit verdienen.

Öffentliche Bibliotheken in Deutschland wendeten im Jahr 2017 185,3 Millionen Euro auf, um ihren Nutzern Zugang zu digitalen Medien der Wissenschaftsverlage, deren Zeitschriften und Bücher in digitaler Form zu verschaffen. 152,2 Millionen Euro davon kamen aus dem Haushalt der Universitäten. Deutsche Universitäten zahlen demnach pro Jahr mindestens 152,2 Millionen Euro an Wissenschaftsverlage [Daten der Bibliotheksstatistik], um Zugang zu Publikationen zu erlangen, die von Professoren herausgegeben werden, deren monatliches Gehalt von Steuerzahlern finanziert wird und mit Texten bestückt sind, die von Universitätsangehörigen erstellt wurden, die von Steuerzahlern finanziert werden, und deren Texte oft genug auf Ergebnissen basieren, die durch öffentliche Finanzierung aus Steuermitteln im Rahmen von Projekten erst ermöglicht wurde.

Die Wissenschaftsverlage sind sehr erfolgreich im Bemühen, sich von der Allgemeinheit finanzieren zu lassen und die eigene Leistung dabei so gering wie nur möglich zu halten. Das Geschäftsmodell beschränkt sich nicht nur auf Zeitschriften und digitale Inhalte. Es umfasst Monographien, von Wissenschaftlern geschrieben, formatiert, oft genug Korrektur gelesen, Sammelbände, von Herausgebern in schweißtreibender Arbeit denen, die versprochen haben, einen Beitrag beizusteuern, abgerungen, mit Layout versehen und formatiert und vieles mehr. 158.4 Millionen Euro gaben Universitätsbibliotheken im Jahr 2017 aus, um die entsprechenden Leistungen, an denen ihre Autoren keinerlei Copyright mehr haben, aus der Hand der Wissenschaftsverlage auszulösen.

„Who are the most ruthless capitalists in the western world”, so fragt George Monbiot in einem lesenswerten Beitrag für den Guardian und antwortet sich selbst: „While their are plenty of candidates, my vote goes not to the banks, the oil companies or the health insurers, but – wait for it – to academic publishers. Theirs might sound like a fusty and insignificant sector. It is anything but. Of all corporate scams, the racket they run is most urgently in need of referral to the competition authorities.”

Dieses Urteil kommt nach der Zusammenstellung am Anfang des Beitrags nicht unerwartet. Aber die Darstellung ist bislang einseitig gewesen. Man muss Elsevier, Springer und Wiley, die rund 45% des Weltmarktes wissenschaftlicher Publikationen kontrollieren, was den Kartellwächtern in EU und sonstwo entgangen zu sein scheint, zugute halten, dass sie ja auch etwas tun. Sie drucken die wissenschaftlichen Zeitschriften. Sie liefern sie aus, stellen sie online bereit und schaffen eine „Marke“ – Nature – zum Beispiel, eine Zeitschrift, in der man veröffentlichen will, koste es, was es wolle. Es wird sogar gemunkelt, dass manche wissenschaftlichen Verlage manchen ihrer Herausgeber ein kleines Salär zukommen lassen, je nach Bedeutung der herausgegebenen Zeitschrift und natürlich gibt es in Deutschland die VG Wort, die Wissenschaftsverlage jedes Jahr um mindestens 1% ihres Gewinns erleichtert. Vielleicht auch mindestens 2%, um sie dann auf Tausende Autoren, die bei der VG-Wort registriert sind, zu verteilen. Und selbstverständlich erhalten Buchautoren von den Wissenschaftsverlagen eine Beteiligung am Gewinn: Mit zwischen 5% und 10% werden die meisten abgespeist, die ihr Humankapital einsetzen, damit Wissenschaftsverlage auch weiter prosperieren können.

Obwohl sich Wissenschaftsverlage in dieser fast schon mildtätig zu nennenden Art und Weise um diejenigen kümmern, die sie ausgenommen und ausgenutzt haben, droht ihnen nun Ungemach in Form der cOAlition S. Dass es sich bei der cOAlition S um einen Zusammenschluss von Institutionen der Wissenschaft handelt, das merkt man bereits am Namen, der vollkommen ungeeignet dazu ist, länger als eine Minute in Erinnerung zu bleiben.

Researchers Boycott New Nature Journal on Machine Learning

Die cOAlition S hat einen Plan S veröffentlicht, dessen Ziel darin besteht, den von Wissenschaftsverlagen betriebenen Sklavenmarkt, soweit er zu offensichtlich von Steuerzahlern finanziert wird, einzuschränken. Publikationen, die aus Projekten hervorgehen, die öffentlich finanziert wurden, sollen, wenn es nach dem Willen der nationalen Forschungsgemeinschaften aus Österreich, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Slowenien, Schweden und dem Vereinigten Königreich geht, frei zugänglich sein, das Copyright der Arbeiten soll bei den Autoren (Forschern) bleiben. Zu diesem Zweck sollen neue frei zugängliche Zeitschriften gegründet und ab 2020 der Sklavenmarkt für wissenschaftliche Verlage begrenzt werden. Wir haben die 10 Thesen von Plan S unten wiedergegeben.

Wer die Liste der Länder, aus denen die nationalen Institutionen zur Finanzierung von wissenschaftlicher Forschung stammen, aufmerksam gelesen hat, hat festgestellt, dass Deutschland fehlt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft sieht sich anscheinend nicht gefordert sicherzustellen, dass Forschungsergebnisse, deren Gewinnung von Steuerzahlern finanziert wurde, die von Wissenschaftlern gewonnen wurden, die von Steuerzahlern finanziert wurden, nunmehr Steuerzahlern auch frei zugänglich sind.

Dass es Wissenschaftsverlagen verunmöglicht wird, Steuerzahler quasi zur Finanzierung der eigenen immensen Gewinne zu missbrauchen, ist – so muss man schließen – nicht im Interesse der DFG.

Dabei wäre der freie Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen nicht nur eine PR-Maßnahme für die Wissenschaft, es wäre vor allem ein Schritt in Richtung einer Demokratisierung in der Wissensgesellschaft: Er würde eine unabhängige Kontrolle wissenschaftlicher Erzeugnisse ermöglichen. Aus einem freien Zugang resultierte auch die Möglichkeit für jeden einzelnen Bürger, sich ein eigenes Urteil zu bestimmten Themen auf Grundlage wissenschaftlicher Literatur zu bilden. Die Möglichkeit für Bürger, sich ein eigenes Urteil zu bilden, ist das, was diejenigen, die in Deutschland in Positionen sitzen, aus denen sie ableiten, dass sie „oben“ in der Hierarchie seien, am meisten fürchten.

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