Schwätzperten – ein zunehmendes gesellschaftliches Problem

Sie sind die Linken in der Welt von Dunning-Kruger. Links ist für Dunning-Kruger da, wo die fehlende Kompetenz durch die Größe der Klappe wettgemacht werden soll. Sie sind Nutznießer und Opfer der OECD-Manie, nach der mindestens 40% eines Jahrgangs mit einem Hochschulabschluss versorgt werden müssen, koste es, was es wolle. Sie sind die Hartz-IV-Mittelschicht, die prekäre Mittelschicht, wie Dr. habil. Heike Diefenbach sie nennt, für die ein Schein-Arbeitsmarkt errichtet wird, um ihnen den Gang zum Arbeitsamt zu ersparen und sie mit einer Schein-Erwerbstätigkeit als Gender Coach oder als Projektmitarbeiter oder als Mentor oder als irgendwas eben zu versorgen. Sie leben vom Geld der Steuerzahler, werden über eigens geschaffene Programme wie „Demokratie leben!“ ausgehalten, leisten keinen produktiven Beitrag zur Gesellschaft und fühlen sich auf dieser Grundlage berufen, anderen zu erzählen, was gut und richtig für sie ist. Sie sind die Schwätzperten, die Worthülsen-Experten und Floskel-Fetischisten. Sie reden in Zungen und hoffen, der Aufdeckung nicht vorhandener Bedeutung, nicht vorhandenen Sinns durch absurde Wortschöpfungen, komplexe Wortgebilde oder nominale Satzkonstruktionen im Worthimmel zu entgehen.





Schwätzperten.

Sie sind diejenigen, die Netzwerktreffen abhalten, um darüber zu diskutieren, wie man Maßnahmen, die gegen X helfen sollen, gestalten kann. Sie sind diejenigen, die Berichte über die intersektionale Komplexität der neokapitalistisch-patriarchalischen Diskriminierung in post-modernen Gesellschaften unter besonderer Berücksichtigung der Transsexuellen von Clausthal erstellen oder wochenlang darüber sinnieren, ob ein * oder ein _ besser dazu geeignet ist, das auszudrücken, was sie ausdrücken wollen würden, wenn sie denn wüssten, was * oder _ ausdrücken soll.

Schwätzperten sind lebende Zirkulärschwaller, die immer da angekommen, wo sie losgegangen sind. Sie sind ein Problem für moderne Gesellschaften, denn ihre Zahl steigt stetig, während die Zahl der produktiv Tätigen ebenso stetig sinkt. Über kurz oder lang, wird die Menge der Schwätzperten, die nichts wissen, außer dass alle anderen falsch leben und abgesehen davon rechts sind, die Menge der produktiven Teile der Bevölkerung übertreffen, was die Frage aufwerfen wird, wie lange das Schwätzen anhält, nachdem das Durchfüttern entfallen ist.

Aber, das mag als Trost dienen, Schwätzperten sind keine neue Erscheinung. Es hat sie immer gegeben. Vielleicht nicht in der Menge, in der es sie heute gibt, aber in der Peinlichkeit, die sie charakterisiert. Das Schwätzperten die Gesellschaft schon seit vielen Jahrzehnten plagen, wird anhand eines Artikels deutlich, den Dr. habil. Heike Diefenbach gestern thematisiert hat.

Schon im Jahre 1950 findet sich in dem Beitrag „Some Observations on Study Design“, von Samuel A. Stouffer die folgende Passage, die für den Journalismus und die Sozialwissenschaften erklärt, warum Schwätzperten vor allem unter ihrem Dach ein nutznießendes Auskommen verschaffen wollen:

„A basic problem – perhaps the basic problem – lies deeply imbedded in the thoughtways of our culture. This is the implicit assumption that anybody with a little common sense and a few facts can come up at once with the correct answer on any subject. Thus the newspaper editor or columnist, faced with a column of empty space to fill with readable English in an hour, can speak with finality and authority on any social topic, however complex. He might not attempt to diagnose what is wrong with his sick cat; he would call a veterinarian. But he knows exactly what is wrong with any social institution and the remedies. „In a society which rewards quick and confident answers and does not worry about how the answers are arrived at, the social scientist is hardly to be blamed if he conforms to the norms. Hence, much social science is merely rather dull and obscure journalism; a few data and a lot of “interpretation.” The fact that the so-called “interpretation” bears little or no relation to the data is often obscured by academic jargon. If the stuff is hard to read, it has a chance of being acclaimed as profound. The rewards are for the answers, however tediously expressed, and not for rigorously marshalled evidence”

In Deutsch:

„Ein grundlegendes Problem – vielleicht das grundlegende Problem – liegt tief verwurzelt in den Denkgewohnheiten unserer Kultur. Es handelt sich dabei um die implizite Annahme, dass jeder, der über ein wenig Menschenverstand und ein paar Fakten verfügt, zu jedem beliebigen Gegenstand eine kompetente Meinung kundtun kann. Deshalb glaubt der Zeitungs-Journalist, der mit einer leeren Kolumne konfrontiert ist, die er innerhalb einer Stunde mit lesbarem Englisch füllen soll, sich in abschließender und kompetenter Weise zu jedem sozialen Thema, wie komplex es auch sein mag, äußern zu können. Zwar wird er nicht versuchen, eine Diagnose darüber zu stellen, was mit seiner kranken Katze nicht in Ordnung ist. Das überlässt er einem Tierarzt. Aber er weiß immer ganz genau, wo, egal bei welcher, sozialen Institution der Fehler liegt und er kennt auch die richtige Art, den Fehler zu beseitigen.

In einer Gesellschaft, in der schnelle und selbstbewusst vorgebrachte Antworten belohnt werden und die sich nicht darum kümmert, wie die Antworten zustande gekommen sind, kann man Sozialwissenschaftlern schwerlich vorwerfen, wenn sie sich der Norm beugen. Dementsprechend ist ein großer Teil der Sozialwissenschaft nur ziemlich trister und obskurer Journalismus; ein paar Daten und viel „Interpretation“. Die Tatsache, dass die sogenannte „Interpretation“ wenig oder gar keine Ähnlichkeit mit den Daten hat, wird oft durch akademischen Jargon verschleiert. Wenn das Zeug schwierig zu lesen ist, dann hat es eine Chance, als fundiert/tiefgründig bejubelt zu werden. Belohnt werden die Antworten, egal, wie umständlich sie formuliert sind, und nicht nach strengen Kriterien erzielte Belege für Sachverhalte.“


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