Soziologie als Wissenschaft statt als „trister und obskurer Journalismus“

Samuel A. Stouffer an seinem 119. Geburtstag – aktueller denn je

Von Dr. habil. Heike Diefenbach

 

Von dem U.S.-amerikanischen Soziologen Samuel A. Stouffer stammt die folgende Charakterisierung der Mißstände in der Soziologie:

„In a society which rewards quick and confident answers and does not worry about how the answers are arrived at, the social scientist is hardly to be blamed if he conforms to the norms. Hence, much social science is merely rather dull and obscure journalism; a few data and a lot of “interpretation.” The fact that the so-called “interpretation” bears little or no relation to the data is often obscured by academic jargon. If the stuff is hard to read, it has a chance of being acclaimed as profound. The rewards are for the answers, however tediously expressed, and not for rigorously marshalled evidence”;

ins Deutsche übertragen:

“In einer Gesellschaft, in der schnelle und selbstbewusst vorgebrachte Antworten belohnt werden und die sich nicht darum kümmert, wie die Antworten zustande gekommen sind, kann man Sozialwissenschaftlern schwerlich vorwerfen, wenn sie sich der Norm beugen. Dementsprechend ist ein großer Teil der Sozialwissenschaft nur ziemlich trister und obskurer Journalismus; ein paar Daten und viel „Interpretation“. Die Tatsache, dass die sogenannte „Interpretation“ wenig oder gar keine Ähnlichkeit mit den Daten hat, wird oft durch akademischen Jargon verschleiert. Wenn das Zeug schwierig zu lesen ist, dann hat es eine Chance, als fundiert/tiefgründig bejubelt zu werden. Belohnt werden die Antworten, egal, wie umständlich sie formuliert sind, und nicht nach strengen Kriterien erzielte Belege für Sachverhalte.“

Man könnte meinen, das Zitat von Stouffer wäre ein aktuelles Zitat, scheint es doch sehr gut die aktuellen Verhältnisse zu beschreiben. Aber dem ist nicht so. Tatsächlich stammt das Zitat aus einem Text von Stouffer, den er im Jahr 1950 in der amerikanischen Fachzeitschrift für Soziologie, dem American Journal of Sociology (55, 4: 355-361; das Zitat steht auf den Seiten 355-356) veröffentlich hat.

Stouffer, der heute vor 119 Jahren in einer kleinen Ortschaft in Iowa geboren wurde, aber bereits im Alter von 60 Jahren verstorben ist, dürfte zeitgeistbedingt im Soziologiestudium der meisten Studenten an deutschen Universitäten nicht vorkommen, kann aber mit Fug und Recht als ein Klassiker der Soziologie bzw. der Sozialwissenschaft gelten – Stouffer war Soziologe, hat aber von Fachgrenzen innerhalb dessen, was heute als Sozialwissenschaften zusammengefasst wird, nicht viel gehalten, und zwar vor allem deshalb, weil er für die Entwicklung der empirischen Sozialforschung und der Verbindung von Theorie und Empirie, von zentraler Bedeutung gewesen ist.





Er hat sie nicht nur als Alternative zum „obskuren Journalismus“, der die Soziologie zu seiner Zeit war und heute leider wieder in weiten Teilen ist, beschworen und gefordert; das wäre für ihn vermutlich das gewesen, was er „talky-talk sociology“ nannte, also das bloße Anstellen allgemeiner Betrachtungen ohne erkennbaren Bezug zur beobachtbaren Realität. Vielmehr hat er sich ständig bemüht, konkrete Befragungs- und Messmethoden zu entwickeln, die dabei helfen sollten, zu Aussagen zu kommen, die sich auf mehr stützen können als auf Plausibilität oder auf persönliche Anschauungen von „Forschern“, über die dann endlos und sozusagen freischwebend diskutiert werden kann:

„And the heart of our problem lies in study design in advance, such that the evidence is not capable of a dozen alternative interpretations“ (Stouffer 1950: 356),

bzw.

“Im Zentrum unseres Problems liegt die Festlegung eines Studiendesigns im Vorhinein, so dass ausgeschlossen ist, dass die erzielten Ergebnisse offen sind für ein Dutzend verschiedener Interpretationen“.

Wenn das nach einer Forschung der Fall ist, dann war die Forschung umsonst, denn wenn Forschungsergebnisse im Nachhinein einem Dutzend Interpretationen unterzogen werden können, dann herrscht nach der Forschung dieselbe oder nahezu dieselbe Unklarheit über das in Frage stehende Phänomen wie vor der Forschung; man hätte sie sich also einfach sparen können.

Als Leitbild für soziologische Forschung hatte Stouffer dabei das Experiment vor Augen. Die Soziologie sollte sich so weit wie möglich am Ideal des Experimentes als höchstmöglich kontrollierter Forschung orientieren, wobei Stouffer klar war, dass in der soziologischen Forschungspraxis von diesem Ideal aus praktischen Gründen und aus ethischen Gründen oft abgewichen werden muss. Die Verwendung z.B. von Guttman-Skalen und latenter Strukturgleichungsmodelle waren für Stouffer Möglichkeiten, soziologische Forschung nach dem Vorbild des naturwissenschaftlichen Experiementes zu standardisieren.

Sie boten für ihn aber auch Möglichkeiten, die logische Struktur von Konzepten und Zusammenhängen zu erfassen – und das bedeutete für Stouffer, dass sie theoretisch wichtig waren:

“Theory as we have it in social science serves indispensably as a very broad frame of reference or general orientation. Thus modern theories of culture tell us that it is usually more profitable to focus on the learning process and the content of what is learned rather than on innate or hereditary traits. But they do not provide us with sets of interrelated propositions which can be put in the form: If x1, given x2 and X3 then there is strong probability that we get x4” (Stouffer 1950: 359);”

bzw.

“Theorie wie wir sie in den Sozialwissenschaften kennen, ist unabdingbar als Bezugsrahmen oder allgemeine Orientierungsgrundlage. So sagen uns moderne Kulturtheorien, dass es gewöhnlich sinnvoller ist, sich auf den Prozess des Lernens und das, was gelernt wird, zu konzentrieren als auf angeborene oder vererbte Merkmale. Aber sie stellen uns kein Set von aufeinanderbezogenen Sätzen bereit, die in Form gebracht werden könnten: wenn bei gegebenen x2 und x3 x1 beobachtet wird, dann kann mit großer Wahrscheinlichkeit auch x4 beobachtet werden“.

Die Aufstellung und Prüfung solcher Sätze ist für Stouffer unabdingbar, wenn Soziologie sich von bloßem Geschwätz unterscheiden soll, keine „talky-talk sociology“ sein soll. Stouffer hat damit für die Soziologie die Formulierung und den Test von Theorien vorgesehen, die später als Theorien mittlerer Reichweite bezeichnet wurden.

Stouffer ist diesem soziologischen Programm in seiner eigenen Praxis auch gefolgt, und deshalb gibt es keine rein theoretischen oder programmatischen Abhandlungen von ihm. Vielmehr hat er Beiträge auf allen Ebenen des soziologischen Programms, wie Stouffer es vorsah, geleistet. Er hat Konzepte entwickelt, von denen das bekannteste vermutlich das Konzept von der relativen Deprivation ist (Stouffer 1949), er hat Theorien mittlerer Reichweite u.a. über das Migrationsverhalten von Menschen aufgestellt und getestet (Stouffer 1940; 1960), er hat Mess-Skalen entwickelt, darunter eine zur Messung von In-/Toleranz (Stouffer 1955), und er hat Meta-Analysen angestellt (Stouffer et al. 1949: 228), d.h. die Stärke und Richtung bestimmter Zusammenhänge über verschiedene Studien hinweg betrachtet, lange, bevor der Begriff „Meta-Analyse“ (im Jahr 1976 durch Gene Glass) eingeführt wurde, geschweige denn Meta-Analysen zum Standard-Instrument der empirischen Sozialforschung wurden.

Philip M. Hauser, der ein Schüler von Stouffer gewesen ist, schrieb in seinem Nachruf auf Stouffer:

„To those of us privileged to have known Sam intimately, his identifying characteristic was the fervor and excitement with which he approached every assignment. He was completely dedicated to the advancement of knowledge through research and teaching and possessed the rare capacity to communicate both his devotion and enthusiasm to his students and colleagues. Intellect, wit, drive, unceasing labor, endless endurance  – these all marked him” (Hauser 1961: 365),

bzw.

“Für diejenigen unter uns, die das Privileg hatten, mit Sam[uel Stouffer] vertraut zu sein, war das Merkmal, das ihn auszeichnete, die Leidenschaft und die Begeisterung, mit der er an jede Aufgabe heranging. Er widmete sich voll und ganz dem Wissensfortschritt durch Forschung und Lehre, und er hatte die seltene Fähigkeit, seine Hingabe und seinen Enthusiasmus gegenüber seinen Studenten und Kollegen zum Ausdruck zu bringen. Verstand, Witz, Antrieb, unaufhörliche Arbeit, endlose Ausdauer – all das zeichnete ihn aus“.

Diese Leidenschaft für die Arbeit, die Soziologie ist, kann man an vielen Stellen in Stouffers Texten finden, aber am besten kommt sie vielleicht im folgenden Zitat zum Ausdruck:

„The public expects us to deal with great problems like international peace, full employment, maximization of industrial efficiency. As pundits we can pronounce on such matters; as citizens we have a duty to be concerned with them; but as social scientists our greatest achievement now will be to provide a few small dramatic examples that hypotheses in our field can be stated operationally and tested crucially. And we will not accomplish that by spending most of our time writing or reading papers like this one [!]. We will accomplish it best by rolling up our sleeves and working at the intricacies of design of studies which, though scientifically strategic, seem to laymen trivial compared with the global concerns of the atomic age. Thereby, and only thereby, I believe, can we some day have the thrilling sense of having contributed to the structure of a social science which is cumulative” (Stouffer 1950: 361),

bzw.

“Die Öffentlichkeit erwartet von uns, dass wir uns großen Problemen widmen wie dem internationalen Frieden, der Vollbeschäftigung, der Effizienzsteigerung der industriellen Produktion. Als Experten können wir uns zu diesen Dingen äußern, als Bürger haben wir die Pflicht, uns mit ihnen zu befassen, aber als Sozialwissenschaftler wird unsere größte Leistung jetzt darin bestehen, einige einschneidende Beispiele dafür zu geben, dass wir in unserem Gebiet Hypothesen operativ [d.h. in diesem Zusammenhang: in für den Einsatz in praktischer Forschung geeigneter Weise] formulieren und kritisch überprüfen können. Und das werden wir nicht dadurch erreichen, dass wir den größten Teil unsere Zeit damit verbringen, Texte wie diesen hier zu schreiben oder zu lesen. Wir werden das am besten dadurch erreichen, dass wir die Ärmel aufkremplen und an den Feinheiten des Designs von Untersuchungen arbeiten, [Feinheiten,] die, obwohl sie wissenschaftlich betrachtet von strategischer Bedeutung sind, dem Laien trivial vorkommen im Vergleich mit den globalen Problemen des Atomzeitalters. Dadurch, und nur dadruch, glaube ich, können wir eines Tages das aufrregende Gefühl haben, zu einer Struktur der Sozialwissenschaft als kumulativer Wissenschaft beigetragen zu haben“.

Bleibt zu hoffen, dass die Soziologie aus ihrem derzeitigen “talky-talk”-Zustand wieder herausfindet und zu dem werden kann, was Wissenschaft – nicht nur für Stouffer – ausmacht, nämlich zu theoretisch begründeter, kontinuierlicher, methodisch kontrollierter Forschungsarbeit, die aufeinander aufbaut, so dass ein kumulativer Wissenszuwachs (auch) in der Soziologie bzw. den Sozialwissenschaften (wieder) möglich wird.

Es hätte eine gewisse Ironie, die wir allerdings gerne in Kauf nehmen würden, wenn dabei der Text von Stouffer hilfreich sein würde, auf den hier hauptsächlich Bezug genommen wurde, nämlich sein Text über „einige Anmerkungen zu Untersuchungsdesigns“, hat Stouffer diesen Text – wie andere Texte dieser Art – im oben stehenden Zitat doch selbst als eigentlich außerhalb der soziologischen Arbeit stehend verortet, die für ihn jenseits einer konkreten Forschungsarbeit zur Beantwortung einer konkreten Forschungsfrage kaum vorstellbar war.


Literatur:

Hauser, Philip M., 1961: Samuel Andrew Stouffer, 1900-1960. American Journal of Sociology 66, 4: 364-365.

Stouffer, Samuel A., 1960: Intervening Opportunities and Competing Migrants. Journal of Regional Science 2: 1-26.

Stouffer, Samuel A., 1955: Communism, Conformity, and Civil Liberties. New York: Doubleday.

Stouffer, Samuel A., 1950: Some Observations on Study Design. American Journal of Sociology 55, 4: 355-361.

Stouffer, Samuel A., Suchman, Edward A., De Vinney. Leland C, Star, Shirley A. & Williams, Robin M., Jr., 1949: The American Soldier, Volume 1: Adjustment During Army Life. Princeton: Princeton University Press.

Stouffer, Samuel A., 1940: Intervening Opportunities: A Theory Relating Mobility and Distance. American Sociological Review 5: 845-867.


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