Die “ich-will-Schwein-sein“-Pathologie

Ab und an bekommen wir Kommentare wie den folgenden, in dem jemand seine Infantilität und Albernheit offen auslebt:

 

Der Kommentar ist natürlich keine Richtigstellung, aber das nur nebenbei, er hat auch nichts mit Wahrheit zu tun, das sind einfach nur die Reizworte, die man dem Kommentierer offensichtlich antrainiert hat. Eine Bedeutung verbindet er damit offensichtlich nicht.

Interessanter als diese, fast schon gemeine Sprach-Pathologie, ist die Pathologie, die sich im Versuch, ein Argument zu machen, ausdrückt. Der Versuch ist völlig in die Hose gegangen, etwa so, wie der Versuch der kleinen Lisa in die Hose geht, die eigene Fünf in Mathematik dadurch besser zu machen, dass sie darauf verweist, ihre beste Freundin habe auch eine Fünf in Mathematik.

Diese Form des Aufrechnens, die mehr oder weniger ein Konto zum dumm, fies oder mies Sein voraussetzt, mit dem man eine Art gesellschaftliches Nullsummenspiel spielen zu können glaubt, ist recht weit verbreitet und findet sich z.B. bei Kommunisten, die die Opfer ihrer Ideologie gemeinhin durch einen Verweis auf die Opfer anderer Ideologien zu rechtfertigen versuchen, Marke: Der Nationalsozialismus war aber schlimmer als Stalin.





Derartige Versuche, die eigene Miesheit durch Verweis auf andere, von denen man behauptet, sie seien noch mieser als man selbst, zu rechtfertigen, sind mit dem moralischen Anspruch, auf dem Kant die Zuschreibung „Mensch“ basiert, nicht vereinbar, aber offenkundig legen derartige Kommentierer an sich keinen Anspruch, ein Mensch im Sinne von Kant, einer mit unabhängigem Urteil und EIGENER Moral zu sein, an.

Täten sie es, sie könnten nicht nur die dümmsten Fehler, sondern auch die gröbsten Fehler bei Analogieschlüssen vermeiden.

Dass Windkraftanlagen Milliarden Insekten töten, will unser Kommentierer dadurch rechtfertigen, dass er behauptet, auch Autofahrer und Vögel töten Insekten.

Zur logischen Struktur dieses Argumentationsversuchs:

Die logische Struktur dieses Arguments ist so erschreckend falsch wie die Abwesenheit jeder moralischen Instanz. Wenn das Fehlverhalten von A durch das Fehlverhalten von B Rechtfertigung erfährt, warum gibt es dann Strafgesetze? Schließlich wird in dieser „Denk“-Welt ein Mord durch den Verweis auf einen vorausgehenden Mord gerechtfertigt.

Wie infantil und kindisch muss man sein, um diesen logischen Fehler zu machen? Davon abgesehen, setzt die logische Struktur des versuchten Arguments natürlich voraus, dass der Insektozid durch Windkraftanlagen vom Kommentierer als korrekt akzeptiert wird, aber das nur nebenbei.

Zur inhaltliche Struktur dieses Argumentationsversuchs:

Inhaltlich ist der Analogieschluss natürlich falsch, denn Windkraft zeichnet sich dadurch aus, dass Milliarden Insekten getötet werden, um eine ineffiziente Technologie, die die Landschaft zerstört, durchzusetzen, an der wenige verdienen.

Im Gegensatz dazu sind Vögel, die Insekten fressen, ein Teil der Nahrungskette und haben schon von daher ein höheres Recht „Insekten zu töten“ als Windkraftanlagen, als Vögel damit ihren Selbsterhalt sichern. Das kann man von einer Technologie, die wenige auf Kosten von vielen reich macht, sicher nicht sagen.

Wenn unser Kommentierer Vögeln bestreiten will, für ihren Selbsterhalt zu sorgen, dann muss er dieses Recht auch für sich selbst aufgeben und die Konsequenz ziehen: Suizid.

Autofahren, also individuelle Mobilität ist eine individuelle Freiheit, fast schon ein kollektives Gut (jedenfalls ab 18 Jahren), das kaum mit dem sehr exklusiven Clubgut „Windkraft“, unter dem viele leiden, von dem aber nur sehr wenige profitieren, vergleichbar ist.

Zudem: Ein Radfahrer hat keine Schutzscheibe, wird in seiner Fahrt aber mit Sicherheit eine große Zahl von Insekten töten, unabhängig von denen, die er während seiner Fahrt frisst.



Das Leben auf der Erde, damit kommen wir zur Infantilität unseres Kommentierers zurück, ist mit Kosten verbunden und damit, dass jeder, der lebt, anderen, allein dadurch, dass er lebt, einen Schaden zufügt. Ressourcen sind endlich. Die Ressourcen, die A verbraucht, stehen B nicht mehr zur Verfügung. Die Fläche, die von Menschen bebaut wird, steht Pflanzen und Tieren nicht mehr zur Verfügung. Die Ressourcen, die unser Kommentierer verbraucht stehen anderen nicht zur Verfügung. Die Vorstellung, man könne über die Welt laufen, ohne Kleinorganismen zu töten und Insekten zu inhalieren, ohne irgendeinen Eindruck zu hinterlassen, ist eine Vorstellung, die spätestens nach dem Verlassen des Kleinkindalters abgelegt worden sein sollte.

Quelle

Das wird sie aber nicht. Im Gegenteil. Sie lebt fort, findet sich in Kommentaren und als Triebkraft ganzer Bewegungen wie FridaysForFuture.

Weil dem so ist, dass ein Mensch allein durch seine Anwesenheit, eine Veränderung in seiner Umgebung darstellt, haben Philosophen, allen voran Immanuel Kant, auf die moralische Verpflichtung verwiesen, die für Menschen damit verbunden ist. Sie haben darauf hingewiesen, dass man Wahlen treffen muss, die man vor sich selbst verantworten kann. Kant hat mit seinem kategorischen Imperativ zudem einen Vorschlag für eine handlungsleitende Maxime gemacht.

Die Vorstellung, man habe eine Art Fiesheitskonto, das vom Motiv, nicht zu kurz zu kommen, getrieben wird und könne deshalb die eigenen Schweinereien dadurch legitimieren, dass man auf die vermeintlichen Schweinereien anderer verweist, ist eine, die keinem derjenigen je gekommen ist, die über menschliche Moral nachgedacht haben, einfach deshalb nicht, weil sie der Ansicht waren, Menschen zeichneten sich gegenüber allen anderen Lebewesen dadurch aus, dass sie zu einem eigenständigen moralischen Urteil fähig sind. Ein Irrtum, wie sich zeigt, denn die psychologische Not, selbst nicht zu kurz zu kommen, erstickt häufig die kümmerlichen Ansätze eines eigenständigen moralischen Urteils bereits im Keim. Das ist schade, denn für Kant ist die Fähigkeit, ein eigenständiges Urteil zu fällen und sich so zu verhalten, wie man erwartet, dass sich andere einem selbst gegenüber verhalten, Voraussetzung des Menschseins.

Für uns auch.


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