Politisierung des Alltäglichen – Deutschland schafft sich ab!

Notarzt: „Sind Sie nicht der Inhaber dieses Leipziger Biomarkts?“
Schwerverletzter (röchelnd): „Bio…“ (Hustet) „…“, “ja, … ich“.
Notarzt: „Sorry, dann kann ich Sie nicht retten. Sie verstoßen mit Ihrer Einstellung gegen meine politischen Überzeugungen, und ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, andere politische Überzeugte auch noch aktiv am Leben zu erhalten“.

Das finden Sie krass?

Warum? Weil jemand die physische Existenz eines anderen, dem er doch zur Hilfe verpflichtet sein soll, seiner ideologischen Überzeugung unterordnet?

Nun, es ist nur eine Variation eines Themas.

„Mit Ihrer Mitgliedschaft in der AfD geben Sie ein klares politisches und menschliches Statement ab. Sie stellen sich damit gegen die wichtigsten Ziele von Biomare. Sie machen sich selbst als ökologischer Unternehmer höchst unglaubwürdig. Dies macht uns eine weitere Zusammenarbeit mit Ihnen unmöglich. Wir listen daher Ihre Produkte aus unserem Sortiment aus.“

Diese Passage stammt aus einem mittlerweile hinlänglich berühmten eMail-Wechsel, den der Inhaber der Leipziger BioMare „Malte Reupert“, mit dem Inhaber der Spreewälder Hirsemühle geführt hat. Er kündigt dem Hirsemüller darin die Zusammenarbeit auf und gibt als Grund dessen ideologische Überzeugung an.

Bei Tichy wird der Vorgang umfassend beschrieben.

Gesellschaften, die auf einem ideologischen Passungstest basieren, sind nicht überlebensfähig. Leute wie Reupert, die sich als ideologische Inquisitoren gerieren, sind die Ursache dafür. Gesellschaften, die auf einem ideologischen Passungstest basieren, wie dies z.B. in der DDR der Fall war, können für eine bestimmte Zeit aufrecht erhalten werden, aber nur mit entsprechend restriktiven Mitteln, die eine vollständige Kontrolle über Ressourcen vom Zugang bis zur Verteilung durch den Staat vorsieht, eine Kontrolle, die durch eine Vielzahl von Schnüfflern, Polizisten, Zwangsmaßnahmen und mit massiven Strafen aufrecht erhalten werden muss. Wer nicht bereit ist, abweichende Meinungen mit Gewalt (bis hin zum Mord) zu unterdrücken, der kann den Versuch, eine auf ideologischer Passung gebaute Gesellschaft aufzubauen, gleich aufgeben.





Gewalt hat viele Facetten.

Sie kommt als indirekte Gewalt, wenn jemand, wie unser Notarzt seine Monopol- oder Machtsituation ausnutzt, um ideologische Gefügigkeit durchzusetzen oder ideologische Abweichung zu bestrafen, und sie kommt als direkte Gewalt, wenn jemand aggressiv und ohne Vorankündigung gegen diejenigen vorgeht, die er als ideologische Abweichler von der reinen Lehre ansieht.

Im letzteren Fall sprechen wir von einer Inquisition.

Um sich als Inquisitor aufspielen zu können, benötigt man eine entsprechende Position, eine, aus der heraus man glaubt, anderen schaden zu können, ohne selbst dabei Schaden zu nehmen. Hier findet sich der einzige Unterschied zwischen unserem Eingangs gewählten Beispiel und dem Bio-Unternehmer aus Leipzig. Ein Notarzt, so sagt man, müsse helfen. Er habe seinen hippokratischen Eid geleistet. Er sei verpflichtet, Hilfe zu leisten. Dafür werde er bezahlt.

Ist er es wirklich?

Was würde passieren, wenn ein Notarzt aus ideologischen Gründen keine Hilfe leisten würde? Würde er entlassen? Vielleicht. Spielte es für die Konsequenzen, die dem Notarzt drohen, eine Rolle, ob der Notarzt ein Marxist oder ein Angehöriger der AfD ist? Vielleicht, demnächst vermutlich…

Offenkundig gibt es zumindest noch das Bewusstsein, dass es etwas Wichtigeres gibt, als die ideologische Überzeugung eines Menschen, jedenfalls im Hinblick auf einen Notarzt. Im Hinblick auf einen Öko-Unternehmer gibt es dieses Bewusstsein schon nicht mehr.

Was passiert, wenn ein Unternehmer, der mit mehr Marktmacht ausgestattet ist als einer seiner Lieferanten, diese Marktmacht hemmungslos ausnutzt, um den Lieferanten, der nicht seinen ideologischen Erwartungen entspricht, auszulisten? Hat er Konsequenzen zu fürchten? Kaum. Spielt es für die Konsequenzen eine Rolle, ob der Unternehmer Marxist oder AfD-Anhänger ist. Mit Sicherheit.

Das ist, was im Staate Deutschland derzeit schiefläuft.

Leute wie Malte Reupert spielen sich zu Inquisitoren auf, die das eigene Sortiment von ideologischen Abweichlern reinigen. Reupert sieht offensichtlich keinerlei Verpflichtung seinen Kunden gegenüber, die vielleicht genau die Sorte Hirse, die er auslistet, kaufen wollen. Er sieht sich offensichtlich an keinen unternehmerischen Ethos gebunden, zum Beispiel, das beste Angebot bereitzustellen. Sein Anliegen ist es, ein Angebot bereitzustellen, das nur von Lieferanten bestückt wird, die vorher, wie bei der Aufnahme in die Stasi-Schule, auf Linientreue geprüft wurden.

Aber kann ein Unternehmer nicht über seine Lieferanten nach eigenem Gusto bestimmen?

Sicher kann er das, so lange er dem, was man als unternehmerischen Verstand bezeichnen kann, verpflichtet ist, dem Erwirtschaften von Gewinn, der notwendig ist, um die eigenen Mitarbeiter zu finanzieren, denn denen gegenüber hat ein Unternehmer Verpflichtungen, wie er Verpflichtungen gegenüber Kunden hat, denn beide, Mitarbeiter wie Kunden tauschen mit einem Unternehmer. Die einen tauschen Währung gegen Waren, die anderen Arbeitskraft gegen Währung.

Ideologie kommt hier nicht vor. Sie hat mit unternehmerischem Handeln nichts zu tun, was nicht heißt, dass man als Unternehmer nicht auch in dem ein oder anderen Fall gegen die unternehmerische Maxime verstoßen und einen Lieferanten, den man partout nicht ausstehen kann, streichen kann. Nur: Dann statuiert man kein Exempel.

Das Neue, an Inquisitoren wie Reupert ist, dass sie ihre Entscheidungen als ideologische Exempel inszenieren, offenkundig in der Absicht, sich als besonders reine Vertreter einer besonders reinen Lehre verkaufen zu wollen, was nur vor dem Hintergrund der Annahme Sinn macht, dass sie denken, es wäre möglich, durch die Einführung eines ideologischen Reinheitsgebotes mehr Kunden zu werben, mehr Umsatz und mehr Gewinn zu machen.

Wenn dieses Kalkül, das hinter Aktionen wie der von Reupert steht, aufgeht, wenn er also mehr Umsatz, mehr Gewinn macht, weil er sich als ideologischer Unternehmer im Gewand eines mittelalterlichen Inquisitors inszeniert, dann ist es mit der deutschen Gesellschaft schon weiter bergab gegangen, als gedacht.

Skrupellose Ideologen wie Reupert zerstören eine bislang vorhandene Trennung, die zwischen Schnaps und Bier bestanden hat. Die Wirtschaft hat mit der Politik nichts zu tun.

Nun ist der Rubikon, der Wirtschaft von Politik trennt, in den letzten Jahren systematisch überbrückt worden, zunächst im Kontext dessen, was als Genderismus bezeichnet wird, dadurch, dass Politiker ihre ideologischen Spleens von Gleichstellung Unternehmern zur Pflicht gemacht haben, dann als regulativer Imperialismus im Zusammenhang mit dem Klimawandel und nun, neuerdings, in Form eines ideologischen Reinheitsgebots, das wirtschaftliche Kooperation von ideologischer Übereinstimmung abhängig machen will.





Wenn Unternehmer nunmehr dazu übergehen, ihre Lieferanten auf ideologische Reinheit zu testen, dann steigen die Transaktionskosten, die deutsche Wirtschaft, die ohnehin schon bergab geht, geht noch schneller bergab. Auch hier sind private Unternehmer wie Reupert nur die Imitatoren staatlicher Vorgaben, wie sie z.B. die Stadt Berlin in ihre Richtlinien zur Auftragsvergabe geschrieben hat, Marke: Nur Unternehmen die die politisch-korrekte Ideologie vertreten, erhalten einen öffentlichen Auftrag. Die Anmaßung hinter derartigen Regelungen ist fast so empörend, wie die gesellschaftliche Zerstörung duch solche Regelungen umfassend ist.

U.a. Klimaschutz und Frauenfördererklärung als Voraussetzung für die Vergabe öffentlicher Mittel in Berlin. Wundert sich noch jemand über den Flughafen, der nie fertig wird?

Kooperation, wir haben es schon häufig geschrieben, basiert auf Goodwill, der unvoreingenommen in eine Interaktion mitgebracht wird. Wer in eine Interaktion, z.B. mit einem Lieferanten geht, die voreingenommen ist, die dem Abtasten gewidmet ist, ob das Gegenüber auch politisch-korrekt ist, einen entsprechenden Persilschein besitzt, der hat keinen Goodwill. Die Kooperation, sofern sie überhaupt zustande kommt, ist damit auf Misstrauen gebaut. Misstrauen erfordert intensive Sicherungsmaßnahmen. Sicherungsmaßnahmen finden schriftlich statt und haben zur Folge, dass die Verträge immer umfangreicher und die Zeit von Aufnahme der Vertragsverhandlungen bis zum Vertragsabschluss immer länger wird. Als Folge nehmen die Streitigkeiten zu, denn wo etwas schriftlich bis ins Kleinste fixiert ist, was es sein muss, damit man abgesichert ist, findet sich immer etwas, das man als nicht erfüllt oder nicht richtig erfüllt einklagen kann. Und wo Goodwill am Anfang gefehlt hat, da fehlt er natürlich auch am Ende. Kurz: Kooperation, jede Form der sozialen Interaktion wird immer mehr zum Wettstreit, zum Schauen, dass man nicht das schlechtere Ende für sich hat, zum Krieg mit einem Gegenüber, das einem übel gesinnt ist.

Was für wirtschaftliche Transaktionen gilt, gilt auch für private. Private Beziehungen werden nur noch mit denen aufgenommen und unterhalten, die einen Unbedenklichkeits-Test bestanden haben und bereit waren, daran überhaupt teilzunehmen. Die Gesellschaft zerfällt in immer mehr und immer kleinere Zirkel von Gleichgesinnten, die sich in ihrem Extremismus gefallen und mit anderen nichts mehr zu tun haben wollen.

Eine Gesellschaft ist auf dieser Grundlage nicht möglich. Was auf dieser Grundlage möglich ist, hat Thomas Hobbes beschrieben:

„Hieraus ergibt sich, dass ohne eine einschränkende Macht der Zustand der Menschen ein solcher sei, wie er zuvor beschrieben wurde, nämlich ein Krieg aller gegen alle. […] Was mit dem Krieg aller gegen alle verbunden ist, das findet sich auch bei den Menschen, die ihre Sicherheit einzig auf ihren Verstand und auf ihre körperlichen Kräfte gründen müssen. Da findet sich kein Fleiß, weil kein Vorteil davon zu erwarten ist; es gibt keinen Ackerbau, keine Schifffahrt, keine bequemen Wohnungen, […] keine Künste, keine gesellschaftlichen Verbindungen, stattdessen ein tausendfaches Elend; Furcht, gemordet zu werden, stündliche Gefahr, ein einsames, kümmerliches, rohes und kurz dauerndes Leben.“


Ob die Spreewälder Hirsemühle auch einen Direktversand hat, das wissen wir nicht (sieht nicht danach aus). Für alle Fälle hier der Link zur Mühle, für diejenigen, die versuchen wollen, direkt zu bestellen:

http://www.hirsemuehle.de/hirse_htmls/hirse_kontakt.htm



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