von Dr. habil. Heike Diefenbach
Die Kinder, die freitags und bei sonstigen von entsprechend geneigter Seite organsierten „events“ hüpfend und skandierend ihren Ängsten und Forderungen – die sie angeblich oder tatsächlich aufgrund ihrer Ängste erheben – Gehör verschaffen, werden von Positionsbesetzern in politischen Ämtern ebenso wie von den mainstream-Medien als ernstzunehmende Zeitgenossen dargestellt, die sich in einem Konflikt mit der Generation ihrer Eltern und besonders ihrer Großeltern wiederfänden. Für den Generationenkonflik werden Letzere ob ihres angeblich verantwortungslosen Umgangs mit lebenswichtigten Ressourcen, häufig vage als „Umwelt“ bezeichnet, verantwortlich gemacht.
In der großen Beliebigkeit, auch Postmoderne genannt, in der alle Bedeutung vom sogenannten „Standort“ des jeweiligen Sprechers aus konstruiert wird und von Zuhörern entsprechend – und unter Hinzufügung ihrer eigenen Standorte – rekonstruiert werden soll, in der „Fakten“ dementsprechend – und je nach „Standort“ – bestritten werden können (sofern die Existenz faktisch Richtigem und faktisch Falschem überhaupt zugestanden wird), könnte man meinen, die Einordnung der hüpfenden und skandierenden Kinder als politische engagierte „Klein“-Bürger einerseits oder als instrumentalisierte und missbrauchte Kinder andererseits würde einfach nur zeigen, von welchem „Standort“ aus man die Kinder betrachte, und es sei weder möglich, zu entscheiden, noch irgendwie wichtig oder nur interessant, welche Interpretation des Phänomens der hüpfenden und skandierenden Kinder faktisch zutreffend ist und welche nicht. Was den einen als engagierter Sozialaktivismus gelte, sei für die anderen Indoktrination, und trotz allem vorgeblichen Relativismus wird kein Zweifel daran gelassen, dass der „Standort“ der Ersteren ein „guter Platz“ sei, einer, an dem die Guten und moralisch Überlegenen stünden, während der „Standort“ der Letzeren als die Ecke dargestellt wird, in die die Ungehörigen und Aufmüpfigen gestellt werden, auf dass sie sich für die Sicht, die ihr „Standort“ bietet, schämen mögen.
Die Ideologie der „Standort“-Abhängigkeit erfordert, dass Begriffe keine klaren Bedeutungen – weder in Form von Definitionen noch in Form von Gebrauchsgewohnheiten – haben, dass Begriffen nichts allzu inter-subjektives, geschweige denn: quasi-objektives anhaftet, anhand dessen entschieden werden könnte, ob ein Begriff eine beobachtbare Realität trifft oder nicht. Im Fall der hüpfenden und skandierenden Kinder ist der in Frage stehende zentrale Begriff wohl der der Indoktrination. Ist „Indoktrination“ ein leerer Begriff, der nach Belieben benutzt werden kann oder schlicht ausgehöhlt und damit sinnlos gemacht werden kann, etwa wie in: „Ist nicht alle Anleitung, Erläuterung, Erklärung „Indoktrination“, weil derjenigen, dem sie gegeben wird, meist nicht darum gebeten hat, dass sie ihm gegeben werde?“ Ist er ein Kampfbegriff, anhand dessen jemand seinen persönlichen „Standort“ aus kennzeichnet bzw. sein Geschmacksurteil abgibt? Oder hat der Begriff „Indoktrination“ eine relativ klare Bedeutung, die es ermöglicht, Kriterien zu formulieren, die erfüllt sein müssen, damit ein in der Realität beobachtbares Phänomen sinnvoll, weil per definitionem angemessen, als Indoktrination bezeichnet werden kann bzw. muss?
Unsere Antwort auf diese Fragen steht fest: Obwohl „Indoktrination“ für manche Leute gar keine klar angebbare bzw. von ähnlichen Begriffen abgrenzbare Bedeutung hat und obwohl der Begriff manchmal als Kampfbegriff benutzt wird und – m.E. häufiger – unterstellt wird, dass andere ihn bloß als Kampfbegriff benutzen, hat der Begriff tatsächlich eine klar angebbare Bedeutung, die Kriterien an die Hand gibt, anhand derer man entscheiden kann, ob es sich z.B. bei den hüpfenden und skandierenden Kindern, die freitags mit Einverständnis von Lehrern und Schulleitern die Schule schwänzen, um indoktrinierte Kinder handelt oder nicht.
Was also bedeutet „Indoktrination“?
Wie so oft, wenn man sich über die Bedeutung abstrakter Begriffe klar werden will und deshalb eine Literaturrecherche oder eine Internetrecherche durchführt, fällt sofort auf, dass es verschiedene und teilweise widersprüchliche Begriffserläuterungen oder Definitionen gibt.
Der Vorschlag der Duden-Redaktion dazu, was „Indoktrination“ bedeuten soll, hat aber noch einige andere Probleme, die den Vorschlag für alle praktischen Zwecke unbrauchbar machen: Erstens ist fraglich, wann psychologische Mittel, die zur Beeinflussung von Menschen eingesetzt werden, „massiv“ sind, und zweitens – und vor allem – stellt der Vorschlag der Duden-Redaktion – neben der Intensität der gewählten Mittel zur Beeinflussung – auf die Motivation des Beeinflussenden ab, wenn man dort schreibt: „… im Hinblick auf die Bildung einer bestimmten Meinung oder Einstellung“.
Damit steht die Duden-Redaktion nicht allein. Zum Beispiel heißt es auch im „Politik-Lexikon für junge Leute“ des Verlages Jungbrunnen in Wien im Auftrag des österreichischen Bildungsministeriums: „Indoktrination ist eine Beeinflussung mit dem Ziel, jemandem eine bestimmte Einstellung oder Meinung aufzudrängen oder gar vorzuschreiben“ (http://www.politik-lexikon.at/doktrin/; Hervorhebung d.d.A.).
Man mag geneigt sein zuzustimmen, dass es sich um Indoktrination handelt, wenn „[massive] psychologische Mittel“ zur Beeinflussing in Richtung „einer bestimmten Meinung oder Einstellung“ bzw. mit dem Ziel, jemanden zu einer bestimmten Meinung oder Einstellung zu bringen, angewendet werden. Aber damit wird die Möglichkeit ausgeschlossen, dass „Indoktrination“ nicht als solche bewußt betrieben wird, sondern unbewußt oder wie selbstverständlich erfolgt, z.B. in der Überzeugung, dass der Andere dazu gebracht werden müsse, im eigenen Interesse oder dem eines „Kollektives“ das einzig Richtige oder das Notwendige zu akzeptieren. Wenn die Bedeutung von „Indoktrination“ nicht vom ideologischen „Standort“ eines Sprechers abhängen soll, dann ist es nicht sinnvoll, zur Begriffsbestimmung auf die Motivation einer Person/von Personen zurückzugreifen.
In der moralphilosophischen und der pädagogischen Diskussion darüber, was „Indoktrination“ bedeuten soll bzw. wann man es mit Indoktrination zu tun hat, ist diese Frage diskutiert worden, und die Motivation des Beeinflussers wird dort als ein fragwürdiges Kriterium zur Begriffsbestimmung von „Indoktrination“ betrachtet. Die Motivation zur Indoktrination ist genau dann ein hinreichendes Kriterium für „Indoktrination“, wenn derjenige, der indoktrinieren will, seine entsprechende Motivation bewusst oder unbewusst verrät, und das dürfte selten der Fall sein.
Es bleibt das Kriterium der Form der Vermittlung von Inhalten, und tatsächlich ist es dieses Kriterium, das für viele Autoren ausschlaggebend ist, so z.B. für Brian S. Crittenden.
Crittenden definiert „Indoktrination“ als eine Form der Miss-Bildung („miseducation“), die in Lehr-Lern-Situationen (auf die er sich in seinem Text bezieht,) dann vorliegt, wenn
- ein bestimmter Inhalt von einem Lehrer auf eine Weise präsentiert wird, die „criteria of inquiry“, was im Deutschen häufig als „forschendes Lernen“ bezeichnet wird, verletzt; d.h.
- bei der Präsentation des Inhaltes werden unbegründete oder unbelegte Behauptungen aufgestellt,
- ein kritisches Hinterfragen des Präsentierten wird unterbunden,
- widersprechende Befunde oder Daten werden unterschlagen; und
- wenn Vermittlungsmethoden angewendet werden, die den moralischen Prinzipien widersprechen, die jedem Lehr-Lern-Kontext – und ich würde verallgemeinernd behaupten: jedem argumentativen Austausch zwecks Weiterbildung der Beteiligten – zugrundeliegen oder zugrundeliegen sollten, u.a. das Prinzip, nach dem Inhalte angeboten, aber nicht aufoktroyiert werden, was wiederum bedeutet, dass man
- die individuelle Integrität des Gegenübers respektiert und ihm grundsätzlich (zumindest bis auf Weiteres) den Willen zum moralischen Handeln zugesteht, und
- seinen mentalen Entwicklungsstand in Rechnung stellt, also nicht z.B. Sechsjährigen für sie unverständliche Konzepte als „Begründungen“ für etwas, was sie „lernen“ sollen, präsentiert oder vermutete Zusammenhänge als feststehende Tatsachen darstellt, wohl wissend, dass die Zuhörer weder die Fähigkeit noch die Möglichkeit haben, den behaupteten Zusammenhang zu überprüfen – ihn auch nur in Frage zu stellen (Crittenden 2010: 146).
Für Crittenden spielen die Absichten des Lehrenden keine Rolle:
„It makes no difference for the concept of indoctrination … whether the teacher is in good faith or bad faith. A teacher who is not personally convinced by valid arguments and yet presents them as though he were is not indoctrinating …, while a teacher who thinks he has adequate evidence for certain beliefs and proposes it as such is indoctrinating …, if in fact he is mistaken. Nor is it necessary for the concept of indoctrination … that the teacher’s effort always be successful, just as it does not follow that because some students have accepted beliefs uncritically, their teacher must have been engaging in indoctrination …” (Crittenden 2010: 146).
Und deshalb können wir auch nicht mit Sicherheit sagen, dass die auf den Straßen hüpfenden und skandierenden Kinder Opfer von Indoktrination in den Schulen bzw. durch Lehrer und Schulleiter sind. Wir könnten es dann mit Sicherheit sagen, wenn wir Schulunterricht systematisch beaobachten würden und quantifizierend festhalten würden, wie häufig im Unterricht widersprechende Befunde unerwähnt bleiben, wie häufig kritische Nachfragen z.B. mit Verweis auf knappe Zeit abgeblockt werden etc. Aber solche Daten liegen m.W. bislang nicht vor. Es ist auch möglich, dass diese Kinder denjenigen Teil von Schülerschaft darstellen, der das, was (u.a.) in Schulen über Klimawandel erzählt wird, unkritisch als Wahrheit akzeptiert.
Das wirft dann aber wieder die Frage auf, ob nicht das zweite Kriterium von Crittenden erfüllt ist und eben doch Indoktrination in Schulen stattfindet, denn wenn Fragen zum Klimawandel vor Schülern behandelt werden, von denen ein anscheinend einigermaßen großer Teil mental (noch) nicht im Stande ist, sie voll zu erfassen oder sie zu hinterfragen, dann wird dem mentalen Entwicklungsstand der Kinder nicht angemessen Rechnung getragen, und wer Themen (so) präsentiert, die die Zuhörerschaft (so) nicht erfassen, verarbeiten, hinterfragen und ggf. überprüfen kann, indoktriniert nach Crittenden per definitionem.
Crittenden selbst bringt dieses Argument nicht vor, aber er macht angesicht der Tatsache, dass man Indoktrination aufgrund methodischer Kriterien oft nicht klar identifizieren kann den Vorschlag, die Instrumentalität der Lehrenden für eine herrschende Schicht in der Bevölkerung zu berücksichtigen, da die Lehrenden normalerweise im Dienst einer herrschenden Schicht stehen, die Art und Inhalte ihrer Ausbildung bestimmt, ihr Curriculum und Lehrmethoden vorgibt, das Arbeitsentgelt der Lehrenden und ggf. sonstige Zuwendungen an Lehrende bestimmt:
„It seems to me that the only situation in which the criterion of aim might apply usefully is that in which the teacher is the agent of a governing elite acting for its own self-interest in exploiting a country and using the schools to produce a loyal, docile, intellectually benumbed community who believe that the governing elite is equipped with charismatic qualities and is acting for the good of the whole society. Perhaps this form of teaching should be called propaganda rather than indoctrination, since it is probably much more concerned to have conforming behaviour than belief. Moreover, it would hardly be effective unless the school was simply one unit in a massive and relentless campaign carried on through the mass media, public demonstrations, posters and the like. Still, even in this situation, it seems that the fundamental aspect under which the teacher’s activity is to be judged as indoctrination … is its failure to meet the conditions for intelligent inquiry and moral action” (Crittenden 2010: 147; Hervorhebung im Original).
M.E. ist es plausibel anzunehmen, dass im Kontext staatlicher Proaganda Lehrende weit überwiegend indoktrinieren werden, weil im Kontext staatlicher Propaganda der Beruf des Lehrers, Ausbilders etc. auf bestimmte Weise geprägt ist und sich überwiegend Personen von dem Beruf angezogen fühlen werden oder ihn längerfristig ausführen werden, die diese spezifische Prägung nicht in Schwierigkeiten mit der eigenen beruflichen und moralischen Integrität bringt. Staatliche Propaganda und Indoktrination in Lehre und Ausbildung – in staatlichen Einrichtungen zumindest, und private Bildungsstätten werden im Kontext staatlicher Propaganda, wenn nicht verboten, so stark eingeschränkt und reglementiert sein – dürften daher einen engen Zusammenhang aufweisen. Insofern ist „Propaganda“ zwar kein Synonym für „Indoktrination“, wie der Duden meint, aber Beides dürfte eng miteinander verbunden sein.
Wie gesagt: wir können nicht mit Sicherheit sagen, dass in Schulen systematisch mit Bezug auf Klimawandel (oder andere Themen) indoktriniert wird, solange wir Unterricht nicht systematisch daraufhin beobachten. Aber wir können mindestens festhalten, dass sich Schulen bzw. Lehrer in die umfassende Propaganda mit Bezug auf einen angeblich von Menschen gemachten Klimawandel einfügen, wenn sie nicht – gerade in einer solchen gesellschaftlichen Situation – besonderen Wert auf die Berücksichtigung widersprechender Daten und auf die Präsentation von real erfolgten Betrugsversuchen im Interesse der Propaganda legen sowie auf die Schaffung der Möglichkeit für die Kinder, Behauptungen über menschengemachten Klimawandel zu hinterfragen und soweit wie möglich selbst zu überprüfen. Schulleitungen, die Unterricht zugunsten von Kinder-Demonstrationen ausfallen zu lassen bereit sind, und Lehrer, die Kindern „Klimawandel“ einseitig und unter systematischen Auslassungen präsentieren oder sich sogar aktiv an Kinder-Demonstration beteiligen, mögen meinen, das „Richtige“ für die Umwelt, die Gesellschaft oder was auch immer zu tun, aber dies hat einen hohen Preis: der pädagogische Auftrag zur Bildung (statt zur Un-Bildung, wenn nicht zur Miss-Bildung) bleibt dabei auf der Strecke.
Literatur:
Crittenden, Brian S., 2010: Indoctrination as Mis-education, S. 131-151 in: Snook, I. A. (Hrsg.): Concepts of Indoctrination: Philosophical Essays. London: Routledge.
(Alle im von Snook herausgegebenen Sammelband abgedruckten Artikel sind lesenswert und für die Betrachtung von Indoktrination wichtig.)
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