ARD-Luftverschmutzung: Vorzeitige Tote sterben vorzeitige Tode – Journalismus der Angst

Die Welt ist seit heute um eine Erkenntnis reicher: Das Leben endet mit dem Tod.
Wer es noch nicht gewusst hat: Dass das Leben mit dem Tod endet, hat einen Grund. Menschen sterben.
Dass Menschen sterben hat wiederum eine Ursache. Die Todesursachenstatistik des Bundes ist voll der Ursachen.

Weil Menschen sterben und Menschen gemeinhin nicht sterben wollen, obwohl das von Anfang an der Deal war, unter dessen Bedingungen sie ihren Vertrag zum Leben geschlossen haben, deshalb eignet sich der Tod bestens, um Menschen Angst zu machen. Ängstliche Menschen wiederum, sind eher bereit, einen Krötentrunk zu finanzieren, in der Hoffnung, dem Tod ein Schnippchen schlagen zu können, in etwa so, wie der Millionär, der eine erfolgreiche Herztransplantation hinter sich gebracht hat, um dann von einem umfallenden Baum erschlagen zu werden.

Diejenigen, die im Mittelalter mit ihren Karren auf Jahrmärkte fuhren, um dort die neuesten ihrer Heiltinkturen an Menschen zu verkaufen, die sich davon Heilungen aller Art oder endlose Schönheit oder was auch immer versprochen haben, sind heute nicht mehr auf Jahrmärkten unterwegs. Man findet sich in Lobbygruppen, Parlamenten und anderen Institutionen, die sich nicht mit der Produktion materieller, sondern der Gaukelei immaterieller Güter beschäftigen.



Ein sehr schönes, weil weithin einsetzbares “immaterielles Gut” ist der vorzeitige Tod. Niemand will ihn, den vorzeitigen Tod. Wer will schon mit 69 Jahren sterben, wenn er sich noch hätte 15 oder 20 weitere Jahre auf unterschiedlichen Verwahrstationen und die restlichen 2 Jahre seines nicht vorzeitig beendeten Lebens in fixierter Haltung dauerhaft ans Bett in seinem Altenheim gekettet, h#tte durchschlagen können, dement, inkontinent und hilflos. Nein, ein vorzeitiger Tod ist in jedem Fall zu vermeiden.

Aber was ist ein vorzeitiger Tod?

Ein vorzeitiger Tod ist ein statistisches Konzept. Es basiert auf der Annahme, dass ein Mensch, der gestorben ist, unter bestimmten Umständen noch leben könnte, wenn Faktoren, von denen angenommen wird, dass sie ihre Hand im vorzeitigen Tod haben, nicht gegeben gewesen wären.
Anders formuliert: ein vorzeitiger Tod ist ein Tod, von dem angenommen wird, dass er nicht eingetreten wäre, wenn andere Dinge, deren Kausalität für den Tod ebenfalls angenommen wird, nicht gegeben gewesen wären.
Ein herrliches Set-up to scare the hell out of people (um Menschen das Fürchten zu lehren).

Es gibt natürlich auch vorzeitig Tode, die deshalb vorzeitig sind, weil sie zu einem Zeitpunkt gewaltsam beendet wurden, der so früh im Leben eines Menschen eingetreten ist, dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen kann, dass der entsprechende Mensch noch ein paar Jährchen auf diesem Planeten geweilt hätte. So wie z.B. Jacob Billington, der im Alter von 23 Jahren vorgestern in Birmingham erstochen wurde.
Aber derartige vorzeitige Tote sind zum einen nicht die vorzeitigen Toten, mit denen man Menschen Angst machen kann, schon weil sie konkrete Einzelfälle darstellen und der Täter zu einer Personengruppe gehört, deren Lives Matter. Zum anderen sind sie zu selten, als dass man Schlagzeilen wie die folgenden produzieren könnte:

2020: EU-Bericht: 400.000 Tote jährlich durch dreckige Luft


2019: 400.000 Todesfälle wegen Luftverschmutzung


2018: WHO-Bericht: Neun von zehn Menschen atmen dreckige Luft


2016: Studie der Weltgesundheitsorganisation: Drei Millionen Tote jährlich durch schlechte Luft

Unsere Berichtsspanne umfasst 5 Jahre, 5 Jahre, in denen unterschiedliche Zahlen für unterschiedliche Grundgesamtheiten, einmal die Weltbevölkerung, einmal Europäer berichtet werden, immer sehr große Zahlen, Zahlen, die relevant wirken, anders als Jacob Billington, der nur ein individuelles, schnell von der Pressewelt vergessenes Opfer ist, anders als 400.000, 3 Millionen, neun von zehn Menschen. Und ob Sie es glauben oder nicht, all diese Beiträge, die im Zeitraum von fünf Jahren erschienen sind, vom Ältesten, der auf einer “Untersuchung der WHO” basiert, bis zum Neuesten, der auf einem neuen Bericht der European Environmental Agency beruhen soll, sie basieren alle auf DENSELBEN DATEN, die in diesem Bericht der WHO veröffentlicht wurden:

WHO, 2016a, ‘Global Health Observatory data repository — deaths attributable to the environment — data by country’, World Health Organization

Klicken Sie auf diesen Link und sie gelangen zu einer Datenbank WHO. Die neuesten Daten gibt es für das Jahr 2012, und auf diesen Daten basieren alle Meldungen, die wir oben zusammengestellt haben. Anders formuliert: Die WHO Daten werden seit Jahren regelmäßig aufgewärmt, zuletzt von der European Environmental Agency in einem neuen Bericht, der gerade und zeitlich passen zu den Diskussionen über ein neues Umweltrecht in der EU veröffentlicht wurde. Immerhin sind Abgeordnete in Parlamenten aufgrund der ihnen gewöhnlich eigenen Unkenntnis, eine der besten Zielgruppen, wenn es darum geht, Hysterie zu verbreiten.

Wie man sieht, werden in der Datenbank der WHO rund 99.000 Tote in Deutschland auf Umwelteinflüsse, also Umweltverschmutzung zurückgeführt. Wie valide sind diese Daten? Wie kommen sie überhaupt zustande. Die WHO ist auf den ersten Blick erstaunlich offen, wenn es darum geht, das Zustandekommen der Daten zu erklären:

Indes, nach dem Lesen der “Berechnungsmethode” ist man nicht wirklich schlauer, was die Angestellten der WHO da eigentlich zusammenrechnen. Deshalb nehmen wir unsere Leser jetzt mit auf eine Reise in die lustige Welt des vorzeitigen Todes, eine statistische Größe, die man fast nach Belieben, groß und klein rechnen kann.



Und los geht’s:

Zunächst sind die berechneten Toten natürlich keine wirklichen, sondern prognostizierte Tote. Ein Simulationsmodell, nein, das ist zu viel gesagt, eine schlichte Schätz-Formel wird benutzt, um sie vorherzusagen. Wie immer, wenn man auf Grundlage von Zahlen etwas vorhersagen will, hängt die Qualität der Vorhersage davon ab, wie gut es gelingt, intervenierende Variablen auszuschließen. Wenn der prognostizierte Tote, der an schlechter Luft verenden und im Alter von 66 Jahren das Zeitliche segnen soll, im Alter von 65 Jahren von einem Amokfahrer dahingerafft wird, dann ist das schlecht für die Prognose.

Das ist natürlich eine pointierte Aussage, aber sie illustriert den Punkt. Der Punkt wird in der Wissenschaft als Ceteris Paribus Regel bezeichnet. Wenn sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nichts ändert, das die Annahmen der Berechnung von Luftverschmutzungs-Toten in Frage stellt, dann stimmt die Prognose.

Mit anderen Worten: Ob eine Prognose auch nur ansatzweise in die Nähe der Wirklichkeit kommt, hängt von der Fähigkeit der Prognostizierenden ab, den Einfluss des Faktors, der sie interessiert, vom Einfluss all der vielen anderen Faktoren, die das Leben eines Menschen beenden können, zu isolieren.

Damit sind wir beim Kern der Frage angekommen, wie die vielen Toten auf Basis von Luftverschmutzung denn überhaupt geschätzt werden.

Sie werden so geschätzt:

Die Gleichung wird u.a. von Lelieved et al. vom Max-Planck-Institut verwendet, die Berechnungsweise der WHO ist weitgehend identisch.

Die Gleichung sieht schrecklicher aus, als sie ist.

∆Mort soll berechnet werden und bezeichnet den Teil der Toten, die auf Luftverschmutzung zurückgeführt werden können (sollen).

Y0 steht für die jährliche Sterblichkeit in einer Bevölkerung, hier der Bevölkerung der über 30jährigen: Pop.

Die Musik spielt in der eckigen Klammer, in der sich die sogenannte „Concentration-Response Function“ findet: R(β, ∆x) soll angeben, wie sich eine Veränderung in der Konzentration von z.B. Feinstaub in der Luft auf die Sterblichkeit auswirkt, wobei ∆x für die Veränderung der Konzentration von z.B. Feinstaub in der Luft und z.B. einem Jahr auf das andere steht und β für das damit verbundene Sterblichkeitsrisiko.

Damit sind wir ein Stück weiter, denn das Sterblichkeitsrisiko, das sich z.B. mit bestimmten Konzentrationen von Feinstaub verbinden soll, steht und fällt mit dem Wert von β, was die Frage aufwirft, wo man dieses β herbekommt.

Nun, man bekommt es von der Weltgesundheitsorganisation als Relativen Risiko-Wert, der im Rahmen des HRAPIE Projects „Health Risk of Air Pollution in Europe“ bestimmt bzw. aus einer Metaanalyse vorhandener Literatur abgeleitet (herausgerechnet) wurde – wie man sieht, dreht sich irgendwie alles um die WHO. Mit anderen Worten, der Wert, an dem alles hängt, der den Effekt, den ein Unterschied der Feinstaub-Konzentration im Vergleich zweier Regionen oder Jahre auf die Sterblichkeit haben soll, beschreibt, wird aus Studien gewonnen, in denen versucht wurde, die Mortalität bestimmter Populationen auf bestimmte Faktoren zurück zu binden, sie mit anderen Worten zu schätzen. Wie reliabel diese Studien sind, ist eine ganz andere Frage.

Nun kann man den Wert nicht einfach aus den Tabellen der WHO entnehmen. Beschränken wir zur Verdeutlichung des weiteren Vorgehens diesem Luftverschmutzung auf Feinstaub. Die Berechnung für z.B. NOx ist vollkommen identisch. Es schreibt sich nur leichter, wenn man die Darstellung auf einen der Luftverschmutzer reduziert.

Man muss sich zunächst entscheiden, ob man Feinstaub (Particulate Matter) mit einem Durchmesser von 2,5 Mikrometer (PM2.5) oder mit einem Durchmesser von 10 Mikrometer (PM10) untersuchen will oder Luftverschmutzung allgemein. Diese Entscheidung ist gemeinhin auf die Frage reduzierbar, ob man viele Tote oder nicht so viele Tote am Ende der Berechnung haben will. Geht es um Feinstaub, dann untersuchen die meisten Forscher, die in den Medien Widerhall finden, PM2.5, also Feinstaub mit einem Durchmesser von 2,5 Mikrometer. Im nächsten Schritt muss man sich entscheiden, welchen Fehler man mit seiner Berechnung machen will. Die WHO sieht zwei Gruppen von Werten vor: Gruppe A: Werte, von denen angenommen wird, dass sie reliabel sind, und Gruppe B, Werte, von denen angenommen wird, dass sich mit ihnen mehr Unsicherheit verbindet, also ein größerer Berechnungsfehler, als mit Werten der Gruppe A. Die Fehler der Berechnung, den Werte- und Vertrauensbereich, geben Medien natürlich grundsätzlich nicht an, und bislang hat sie noch keiner der Forscher eingeklagt, obwohl man ohne die Fehlerterme nicht wirklich etwas über die Qualität der Toten-Prognose aussagen kann [Für wen das spanische Dörfer sind: Statistische Modelle münden nicht in einem Wert, z.B. 400.000 Tote, sondern in einem Ergebnisrange: Das richtige Ergebnis findet sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% im Bereich zwischen 270.000 und 530.000 Toten. Der Einfachheit halber, wird in der Regel der Mittelwert aus den Extremwerten berichtet.].

So haben Lelieveld et al. im Jahre 2015 einen Beitrag veröffentlicht, in dem sie die Mortalität aufgrund von Feinstaub weltweit mit 3,3 Millionen vorzeitigen Toten angeben. Der Vertrauensbereich, also die Menge der Werte, die auch richtig sein können, reicht von 1,61 Millionen vorzeitig Verstorbenen bis 4,81 Millionen vorzeitig Verstorbenen. Es können also halb so viele vorzeitige Tote oder 50% mehr sein. Mit solchen Angaben kann natürlich niemand wirklich etwas anfangen, vermutlich wird die Angabe der Vertrauensbereiche deshalb unterlassen.

Sei’s drum.



Wir müssen noch zwei weitere Entscheidungen treffen: Sollen Effekte einer langfristigen Exposition mit PM2.5 vorhergesagt werden oder Effekte einer kurzfristigen Exposition? Und was soll im Einzelnen vorhergesagt werden: Die erhöhte Sterblichkeit durch PM2.5 als jährlicher oder als täglicher Mittelwert für alle Ursachen oder für Erkrankungen der Atemwege, Herz- und Kreislauferkrankungen oder für Bronchialerkrankungen von Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren? Für jeden dieser unterschiedlichen Fälle sieht die Tabelle der WHO ein anderes relatives Risiko, also ein anderes β vor, das in die obige Gleichung eingesetzt werden muss. Langfristige Exposition mit Feinstaub für alle Todesursachen sieht z.B. ein β von 1,062 pro 10 Mikrogramm PM2.5 pro Kubikmeter Luft vor. Dieselbe Berechnung für eine kurzfristige Exposition sieht ein β von 1,0123 pro 10 Mikrogramm PM2.5 pro Kubikmeter Luft vor.

Die Aussagekraft der Anzahl der Toten, die in den Medien so reißerisch berichtet werden, kann man nur beurteilen, wenn man genau weiß, welche Annahmen die Forscher gemacht haben und welche Werte sie in ihre „Concentration-Response-Function“ eingesetzt haben. Das sind jedoch Informationen, die Mainstreammedien in aller Regel nicht berichten oder haben oder für die sie sich nicht interessieren. Allein dieses Fehlen belegt schon, dass es vornehmlich darum geht, Stimmung zu machen, nicht darum, wissenschaftliche Ergebnisse zu berichten, geschweige denn kritisch zu würdigen.

Mainstreammedien können vielmehr durch die weitgehende Abwesenheit des kritischen Hinterfragens ausgezeichnet werden. Dabei muss man nicht einmal mathematische Kenntnisse haben, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, was die Leute bei der WHO berechnen, um zu dem Schluss zu kommen, dass es unlauter ist, die Behauptung, es würden 400.000 EU-Bürger pro Jahr an den Folgen von Luftverschmutzung sterben, zu verbreiten, ganz so, als sei dies eine Tatsache, denn ob dem so ist, das weiß niemand. 

Was für ein Humbug sich mit solchen Daten verbindet, kann man an einem Beispiel deutlich machen. Nach Berechnungen des Max-Planck Instituts sollen 120.000 Deutsche an den Folgen von Feinstaub in der Luft sterben. Was man davon zu halten hat, zeigt sich schnell, wenn man beginnt, diese Zahlen einzuordnen. So sind im Jahr 2017 in Deutschland 932.272 Menschen gestorben. Die Behauptung lautet also, dass 12,9% der Toten als Folge von Feinstaub gestorben sind, was voraussetzt, dass sie keinerlei sonstige Todesursachen haben, denn hier wird eine Kausalität zwischen Feinstaub und Tod hergestellt, obwohl in der Gleichung lediglich ein erhöhtes Risiko, also eine Korrelation berechnet wird. Die häufigsten Todesursachen in Deutschland sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen (338.687 Tote 2015), Krebserkrankungen (230.725 Tote 2015) und Lungen- und Bronchialkrebs (45.776 Tote 2015).

Feinstaub soll zu Erkrankungen der Lunge und zu Herz-Kreislauferkrankungen führen. Aber Feinstaub ist nicht die einzige mögliche Ursache einer entsprechenden Erkrankung. Wer kurz googled, der wird eine Unmenge möglicher Ursachen der entsprechenden Erkrankungen finden und damit die Bedeutung von Ceteris Paribus verdeutlicht bekommen, denn die Berechnung von Feinstaub-Toten basiert darauf, dass die Feinstaub-Toten fein säuberlich von den Toten, die Lungenkrebs entwickelt haben, weil sie rauchen, die Lungenkrebs entwickelt haben, weil sie in ihrem Beruf mit Asbest konfrontiert sind oder Kohle abbauen oder in einer Stahlfabrik arbeiten, getrennt werden können. Die möglichen Ursachen für Lungenkrebs sind zu vielfältig, als dass man, die Feinstaub-Lungenkrebs-Opfer herausdeuten könnte. Dasselbe gilt für Menschen, die an Herz-Kreislaufleiden gestorben sind. Wer will entscheiden, ob sie gestorben sind, weil sie zu fett und zu viel gegessen haben, sich zu wenig bewegt haben oder sich zu viel an Straßen bewegt und entsprechend Feinstaub eingeatmet haben?

Niemand kann das entscheiden, auch kein Forscher. Forscher können schöne Gleichungen aufstellen und nette oder weniger nette Zahlen damit berechnen, Zahlen, die man den mathematisch und in gesundem Menschenverstand Illiteraten der Medien zum Fraß vorwerfen kann und von denen man sicher sein kann, dass sie Hysterie auslösen, denn nichts ist geeigneter, um in Deutschland Hysterie auszulösen, als Zahlen, die als schrecklich bezeichnet werden, von denen aber kaum jemand auch nur den Hauch einer Ahnung hat, wie sie zustande gekommen sind.

Lelieveld, J., Evans, J.S., Fnais, M., Giannadaki, D. & Pozzer, A. (2015). The Contribution of Outdoor Air Pollution Sources to Premature Mortality on a Global Scale. Nature 525(36); 367-371.



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