Warum und wie die AfD in Wahlumfragen systematisch unterschätzt wird

Manchmal flattern uns Pressemeldungen auf den Tisch, die zunächst zu einem Runzeln von Stirnen führen, dann zu erhöhter Neuronen-Aktivität, um schließlich in der Erkenntnis zu münden, dass wir hier etwas haben, das es ermöglicht, Fragen zu beantworten, die die Pressemelder gar nicht im Sinne hatten als sie ihre Meldung verfasst haben.

YouGov hat eine solche Pressemeldung verfasst.

Was haben Sie bei der letzten Bundestagswahl gewählt?
Das wissen Sie doch noch, oder?
Es wäre gut, wenn Sie das wüssten, denn die entsprechende Frage ist ein fester Bestandteil vieler Wahlumfragen und von Befragungen, die sich mit der Erklärung von Wahlverhalten befassen.
Der Gedanke, dass die Antworten von Befragten zu ihrem Wahlverhalten willkürlich sind oder nicht der getroffenen Wahl entsprechen …
All hell would break lose

39% der von YouGov im Rahmen einer Wahlumfrage 2013 und 2017 Befragten, geben 2017 dann, wenn sie danach gefragt werden, was sie 2013 bei der Bundestagswahl gewählt haben, eine andere Antwort als sie 2013 gegeben haben.

39%, die nicht wissen, was Sie gewählt haben?
Oder es nicht mehr wissen wollen?

Wir versuchen, Sinn aus diesem Ergebnis zu machen.
Vier mägliche Erklärungen drängen sich auf:

(1) Befragte haben 2013 darüber gelogen, welche Partei sie gewählt haben und erinnern sich nicht mehr daran, dass sie gelogen haben.
(2) Befragte lügen 2017, wissen also genau, welche Partei sie 2013 gewählt haben.
(3) Befragte machen 2013 und 2017 spontane Angaben, die mit ihrer Wahlentscheidung nichts zu tun haben, lügen also beide Male.
(4) Befragte wissen tatsächlich nicht mehr, welche Partei sie 2013 gewählt haben.

Jede der vier Möglichkeiten ist für die Wahlforschung ein Problem, das sich zur Katastrophe entwickeln kann:

(1)
Dass Befragte direkt nach einer Wahl in einer entsprechenden Befragung angeben, eine andere Partei gewählt zu haben als sie tatsächlich gewählt haben, ist ein aus vielen Wahlumfragen der 1980er Jahre bekanntes Phänomen. Es hat eine eindeutige Richtung, denn die Anteile der Parteien, die die Wahl gewonnen haben, sind regelmäßig in Nachwahlumfragen und verglichen mit dem tatsächlichen Wahlergebnis zu hoch. Das Phänomen wird gemeinhin so interpretiert, dass die entsprechenden Befragten lieber auf der Seite der Gewinner als auf der Seite der Verlierer stehen. Anstelle der Annahme, dass Befragte lieber auf der Seite des Siegers stehen wollen, kann man auch die Annahme machen, dass Befragte Angst davor haben, nicht auf der Seite des Siegers zu stehen.

(2)
Wenn Befragte 2013 eine korrekte Angabe über die Partei ihrer Wahl gemacht haben und 2017 lügen, dann stellt sich die Frage: Warum? Drei Antworten fallen uns ein:
a) Die Parteipräferenz hat sich zwischenzeitlich geändert. Wie die Sozialpsychologie wieder und wieder zeigt, streben Menschen nach Konsistenz in ihrem Verhalten. Entsprechend wäre die Lüge eine Anpassung an die neue Parteipräferenz.
b) Angesichts der Entwicklung, die die Partei der Wahl aus dem Jahre 2013 genommen hat, sind die entsprechenden Befragten entfremdet oder beschämt und wollen nicht mehr zugeben, diese Partei gewählt zu haben.
c) Die Befragten haben mittlerweile Angst, ihre Wahlentscheidung korrekt anzugeben.

(3)
Befragte, die sowohl 2013 als auch 2017 eine falsche Angabe zu der Partei gemacht haben, die sie 2013 gewählt haben wollen, lassen sich auf vier Wegen erklären:

a) Das Wahlgeheimnis ist den Befragten zu wichtig, als dass sie es in einer Befragung lüften würden. Sie trauen sich aber nicht oder haben keine Gelegenheit, dem Interviewer genau das zu sagen.
b) Die Befragten hören in den zumeist telefonisch geführten Interviews nicht richtig zu und geben irgendwelche Antworten, die letztlich nicht ihr Wahlverhalten wiedergeben.
c) Die Befragten machen sich einen Spass mit dem Interviewer und geben willkürliche Antworten.
d) Die Befragten haben Angst, ihre tatsächliche Wahlentscheidung kund zu tun.

(4)
Für Befragte, die tatsächlich nicht mehr wissen, welche Partei sie 2013 gewählt haben, spielen Bundestagswahlen keine Rolle. Ihre Wahlentscheidung ist spontan, folgt keinerlei Regelmäßigkeit und hat keinerlei Inhalte zum Gegenstand, denn wäre das Gegenteil der Fall, die Befragten würden sich erinnern. Da sie sich nicht erinnern, kann die Bundestagswahl für sie mit keinerlei relevanten Inhalten verbunden gewesen sein.

Die Erklärungen, die wir zusammengetragen haben, lassen sich auf die folgenden Kategorien verallgemeinern:

• Befragte haben Angst, ihre Wahlentscheidung anzugeben;
• Die Bundestagswahl hat für die Befragten keinerlei Relevanz, ihre Stimmabgabe ist spontan, eine Laune des Augenblicks.
• Die Abweichungen zwischen den Angaben der Jahre 2013 und 2017 ergeben sich aufgrund methodischer Mängel, die sich mit den Befragungen verbinden;

Und irgendwie scheinen sich Angst, Irrelevanz und methodische Mängel auf 39% der Befragten zu summieren. Egal, wie diese 39% zu Stande kommen, sie haben zur Konsequenz, dass die Ergebnisse der derzeitigen Wahlumfragen kaum einen Pfifferling wert sind. Stellt man die 39% in Rechnung, dann müsste man z.B. in die neueste Umfrage von Infratest dimap einrechnen, dass im Ergebnis Befragte enthalten sind, die aus Angst eine andere Partei angeben, als sie zu wählen beabsichtigen. Die einzige Partei, bei der sich eine Wahlentscheidung mit Angst verbinden kann, ist die AfD. Methodische Mängel, die dazu führen, dass Befragte irgendwelche Angaben machen, sind aufgrund der Gewichte der verschiedenen Parteien nicht zufällig verteilt. Sie führen vielmehr dazu, dass die Anteile der beiden großen Parteien überschätzt werden. Welche Partei die Partei der Wahl ist, die aus einer Laune des Augenblicks benannt wird, ist eine Frage, die systematisch nicht zu beantworten ist. Warum? Weil es sich um eine Laune des Augenblicks handelt.

Bleibt festzustellen, dass in den derzeitigen Wahlumfragen dann, wenn das Ergebnis von YouGov zutrifft, die Anteile von CDU und SPD überschätzt und die Anteile insbesondere der AfD unterschätzt werden. Wir haben auf Grundlage der letzten Umfrage von Infratest dimap und unter Berücksichtigung der Entwicklung, wie sie sich in den Wahlumfragen der letzten beiden Jahre niederschlägt, versucht, die Größenordnung dieses Fehlers zu bestimmen.

Dabei sind wir zu dem folgenden Ergebnis unserer konservativen Schätzung gekommen:

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Sich selbst erhaltende Korruptionsnetzwerke – wie man 95% Zustimmung generiert

Der heutige Arbeitstag beginnt mit der folgenden Pressemeldung von Reuters:


Berlin (Reuters) – Die große Mehrheit der Deutschen unterstützt einer Umfrage zufolge den Ausbau der erneuerbaren Energien.

95 Prozent halten demnach die stärkere Nutzung von Ökostrom-Kraftwerken für wichtig oder sogar sehr wichtig, wie die Zeitungen der Funke Mediengruppe am Dienstag vorab aus einer repräsentativen Erhebung des Instituts Kantar Emnid im Auftrag der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) berichteten. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Zustimmung um zwei Prozentpunkte gewachsen – dies liege aber noch innerhalb des Fehlerbereichs der Umfrage. Vier Prozent fänden den Ausbau weniger oder überhaupt nicht wichtig. Ein Prozent machte keine Angabe.

“95 Prozent sind ein deutliches Votum an die kommende Bundesregierung, den Ausbau der erneuerbaren Energien voranzutreiben”, sagte der stellvertretende AEE-Geschäftsführer Nils Boenigk den Zeitungen.”

Die Zeitungen, an die sich „Nils Boenigk“ richtet, werden diese Vorwahl-Umfrage natürlich pflichtschuldigst übernehmen und genau mit den Inhalten, die seine Lobbygruppe vorgibt, verbreiten. Den Anfang haben der Spiegel und das Hamburger Abendblatt bereits gemacht.

Wer also gegen einen weiteren Ausbau erneuerbare Energien ist, der ist hoffnungslos in der Minderheit, so jedenfalls will es die Studie des Instituts „Kantar Emnid“, die natürlich, wie könnte es anders sein, repräsentativ ist. Bevor wir zur Nutzung von Umfragen zum Zwecke der Meinungsmanipulation kommen, hier noch ein kleiner Blick auf das Korruptions-Netzwerk, das sich in diesem Fall Emnid bedient hat.

Die Agentur für Erneuerbare Energien, eine üppig ausgestattete Lobbygruppe, die allein 5 Pressesprecher unter ihren 18 Angestellten unterhält, sie hat die Studie in Auftrag gegeben und die Pressemeldung über das Ergebnis der Studie erstellt und über die Funke-Mediengruppe verbreitet.

Das Ziel der Studie besteht darin, eine breite Mehrheit der Deutschen als pro erneuerbare Energien auszuweisen, um auf dieser Grundlage die öffentliche Meinung mindestens beeinflussen, vielleicht auch manipulieren zu können [Fehlschluss ad populum: Siehst Du, alle sind der Meinung…”] und über die Pressemeldung Druck auf die Bundesregierung auszuüben, auf dass die Fördermittel aus dem Steuertopf für die Industrie erneuerbarer Energien auch in Zukunft fließen mögen.

Der Druck, der mit den so passenden Ergebnissen im Interesse der eigenen Klientel auf die Bundesregierung ausgeübt wird, kommt wiederum von einer Lobbyorganisation, zu deren Förderern und Finanziers u.a. die folgenden Organisationen und Institutionen gehören:

  • Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
  • Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
  • Berliner Energieagentur (eine Ausgründung des Berliner Senats)
    Usw.

Gleich zwei Bundesministerien finanzieren somit eine Lobbyorganisation, die ihr Geld dazu benutzt, vermeintlich repräsentative Studien in Auftrag zu geben, deren passende Ergebnisse genutzt werden, um die Bundesregierung öffentlich und mit angeblich 95% der Bevölkerung im Rücken, dazu zu drängen, die erneuerbaren Energien auszubauen.

Dieser Kreis der Korruption ist eines der staatlich finanzierten und betriebenen Systeme, mit denen versucht wird, die öffentliche Meinung im Sinne der Politik zu beeinflussen, die man sowieso durchzuführen gedenkt. Auch die Europäische Union bedient sich dieser Technik mit großem Erfolg, wie Christopher Snowdon gezeigt hat. Mit Demokratie hat das ganze nichts zu tun, eher mit einem großangelegten Meinungsbetrug durchgeführt von entsprechenden Korruptionsnetzwerken.

Nun zur Auftragsstudie mit den passenden Ergebnissen.

Das, worum es bei der Umfrage ging, steht bereits im ersten Absatz der Pressemeldung der Agentur für Erneuerbare Energie:

„Das Ergebis der Umfrage beweist, wie breit der gesellschaftliche Konsens ist, der die Energiewende in Deutschland trägt”, sagt Nils Boenigk, stellvertretender Geschäftsführer der AEE. „95 Prozent sind ein deutliches Votum an die kommende Bundesregierung, den Ausbau der Erneuerbaren Energien entschlossen voranzutreiben“, so Boenigk mit Blick auf die Bundestagswahl im September.

In der Tat, eine Zustimmung von 95% sind ein stolzer Wert. Tatsächlich ist eine solche überwältigende Zustimmung ein Wert, der jeden Sozialforscher die Stirn in tiefe Falten legen und im Geist die Frage bewegen lässt, ob er hier Junk gemessen hat. Hat ein Sozialforscher diese Bedenken nicht, dann hat er es offensichtlich darauf angelegt, eine überwältigende Zustimmung mit seiner Befragung zu erreichen.

Sie glauben, das sei nicht möglich?
Ah, nichts ist leichter, als Befragte zu einem bestimmten Antwortverhalten zu manipulieren.

Nehmen wir die folgende Aussage, bei der es sich um die Form der Aussage handelt, die von Emnid im Auftrag der Agentur für Erneuerbare Energien genutzt wurde:

Stärkere Nutzung und Ausbau Erneuerbarer Energien sind

  • Überragend wichtig
  • Sehr wichtig
  • Wichtig
  • Weniger Wichtig
  • Überhaupt nicht wichtig

Schon die Frage ist ein Musterbeispiel der Manipulation, denn es gibt keinerlei negative Formulierung. Wer diese Frage entwickelt hat, wusste, was er als Ergebnis haben will, wird den Befragten doch bereits durch die Antwortalternativen suggeriert, dass Ausbau oder Nutzung erneuerbarer Energien in vier Fällen wichtig ist und nur in einem Fall überhaupt nicht wichtig. Eine korrekte Formulierung umfasste die Antwortalternativen „sehr wichtig“, „eher wichtig“ „eher unwichtig“, „sehr unwichtig“.

Nun wollen wir als Antwort-Manipulateur natürlich nicht nur mit den Antwortalternativen dafür sorgen, dass die Befragten die richtige Antwort geben. Entsprechend formulieren wir eine Frageeinleitung, die sich in etwa wie folgt liest:

In den letzten Jahren ist die Energiewende in Deutschland von der Bundesregierung vorangetrieben worden. Der Schutz des Klimas und der Ausstieg aus der gefährlichen Kernenergie machen einen Ausbau der alternativen Energien notwendig, um nicht nur die Stromversorgung Deutschlands, sondern auch die Gesundheit der Bürger und das weltweite Klima zu sichern. Im Folgenden bitten wir Sie für jede der genannten Aussagen anzugeben, für wie wichtig sie den entsprechende politische Aufgabe halten:

Stärkere Nutzung und Ausbau Erneuerbarer Energien sind

  • Überragend wichtig
  • Sehr wichtig
  • Wichtig
  • Weniger Wichtig
  • Überhaupt nicht wichtig

Was wäre wohl das Ergebnis, wenn man die Aussage wie folgt einleiten würde:

Die Kosten für Erneuerbare Energien steigen von Jahr zu Jahr. Schon jetzt ist der Strompreis in Deutschland so hoch wie sonst nur noch in Dänemark. Gleichzeitig hat die teure Energiewende nicht dazu geführt, dass Deutschland auf Strom aus Kohle und anderen fossilen Brennstoffen verzichten könnte. Wie ist vor diesem Hintergrund ihre Einschätzung der Wichtigkeit der folgenden politischen Aufgaben:

Stärkere Nutzung und Ausbau Erneuerbarer Energien sind

  • Sehr wichtig
  • Eher unwichtig
  • Unwichtig
  • Sehr unwichtig
  • Vollkommen unwichtig

Junk von Emnid

Seltsamerweise macht die Agentur für Erneuerbare Energie keinerlei Angaben darüber, in welchem Kontext das Ergebnis, dass 95% der Befragten die Nutzung und den Ausbau erneuerbarer Energien für wichtig halten, zustande gekommen ist. Dass es nicht der zuletzt genannte Fragekontext war, kann als sicher angenommen werden. Dass der Fragekontext genutzt wurde, um Befragte zu bestimmten Antworten zu manipulieren, das legen schon die Antwortvorgaben nahe. Auch die folgende Aussagebatterie legt nahe, dass es in der Junk-Studie der Agentur für Erneuerbare Energien ausschließlich darum gegangen ist, hohe Zustimmungswerte zu erreichen.

Studenten, die wissen wollen, wie man einen Confirmation Bias produziert, um ihn ideologisch zu nutzen, können die Aussagen in der Abbildung rechts als Beispiel benutzen. Mit dem Begriff des Confirmation Bias wird die Tendenz von Befragten umschrieben, Aussagen zuzustimmen. Deshalb wird in Aussagebatterien wie der folgenden normalerweise mindestens eine Aussage negativ formuliert, dass dies im vorliegenden Fall unterlassen wurde, zeigt, dass es gerade darum gegangen ist, einen confirmation bias zu produzieren, um ihn für die eigenen ideologischen Zwecke nutzen zu können.

Es ist schändlich, dass Institute wie Kanter Emnid sich für derartige Junk-Umfragen hergeben.

Es ist auch schändlich, dass Medienvertreter mangels Urteilsfähigkeit oder -willigkeit ihren Leser einen derartigen Junk kritiklos zumuten.

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Al-Müll-Chemie: Bundesbeauftragte versucht Teile von Junk-Science zu retten

Man kann sich ungefähr vorstellen, unter welchem Druck die Bundesbeauftragte für die neuen Bundesländer, die das Parteibuch der SPD inne hat, steht, seit ihr das Institut für Demokratieforschung Junk-Science als wissenschaftliche Studie für 129.391,86 Euro angedreht hat.

Der Druck muss immens sein, schon weil die Bundesbeauftragte in der Pressekonferenz, auf der die Ergebnisse der Junk Science vorgestellt wurden, den Mund sehr voll genommen hat:

Wir führen die Tatsache, dass Frau Gleicke sich zu einer Stellungnahme genötigt sieht, übrigens kausal auf unsere Beiträge auf ScienceFiles zurück, da wir die Wirkungskette von uns über die Welt bis zur CDU/CSU Fraktion verfolgen können. Da sich die dritte Seite der Stellungnahme auf Fragen bezieht, die wir an das Amt der Bundesbeauftragten gestellt haben und an Volker Kauder und Arnold Vaatz von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion geschickt haben, ist dies wohl einer der seltenen Fälle, in dem eine Kausalkette in der sozialen Welt belegt werden kann. Warum sich Politiker nicht direkt an uns wenden (als Personen, die nachweislich Urteilsvermögen z.B. im Hinblick auf die Qualität von Studien haben, schon weil wir das entsprechende Rüstzeug nicht nur gelernt, sondern auch gelehrt haben und davon leben, es täglich zu verkaufen), um ein Gutachten über den Wert von Studien in Auftrag zu geben, eine Berührungsangst, die viele Fachzeitschriften und die DFG nicht haben, ist uns übrigens nicht nachvollziehbar.

Wir zitieren:

  • Goettingen Junk Science„Rechtsextremismus ist nicht ausschließlich ein Ost-West-Problem, sondern auch ein Zentrum-Peripherie-Problem, das befördert werden kann durch spezifische regionale Faktoren, die in Ostdeutschland stärker ausgeprägt sind als im Westen.
  • Es gibt, nicht in ganz Ostdeutschland, aber in gewissen Regionen und politisch-kulturellen Umfeldern, eine historisch gewachsene Neigung zu Fremdenfeindlichkeit und rechtsextremen Denken. Dies kann in der politischen Debatte nicht einfach beiseite gewischt werden, nur weil die Diagnose einer ostdeutschen Besonderheit eine politisch unangenehme Schwere in die öffentliche Debatte bringt.
  • Das Problem von Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindlich motivierten Übergriffen mag ein stärker ostdeutsches sein, die Lösung aber liegt vor Ort.“

Keine der gemachten Aussagen ist auf Grundlage der Daten, die in die Göttinger Studie eingeflossen sind, möglich. Weder ist es möglich, einen Ost-West-Vergleich anzustellen, noch ist es möglich, einen Vergleich zwischen Regionen in Ostdeutschland vorzunehmen. Wir haben als erste auf diese Tatsachen, die sich daraus ergeben, dass die Göttinger ausschließlich qualitativ forschen, hingewiesen. Man kann, wenn man John Doe in Heidenau befragt, nicht auf ganz Heidenau oder eine ganze Region oder ein ganzes Bundesland schließen, gar alle neuen Bundesländer über einen Kamm scheren und mit Westdeutschland vergleichen. Wer dies tut, hat keine Ahnung von empirischer Sozialforschung und auch keinen normalen Menschenverstand.

Die Göttinger haben es getan und offensichtlich das Problem gesehen, dass sie, der Ehrlichkeit halber in ihrem Endbericht immer eingeschränkt davon schreiben müssten, dass bei der Fokusgruppe in z.B. Freital ein Antwortmuster bei den Teilnehmern identifiziert wurde, von dem jedoch niemand sagen kann, ob es sich auch außerhalb dieser Fokusgruppe finden lässt. Die Eigenart qualitativer Forschung besteht darin, dass man etwas über diejenigen aussagen kann, die man qualitativ erforscht hat. Über niemand sonst. Die einzige Möglichkeit, aus qualitativen Interviews etwas mehr Honig zu saugen als gewöhnlich, bietet die Grounded Theory, sofern ihr ein entsprechender quantitativer Theorietest folgt. Aber die Grounded Theory kommt als Begriff im Endbericht der Junk Studie aus Göttingen nicht vor. Überhaupt gibt es keinerlei Hinweis darauf, mit welcher Methoden (!sic) das Material aus Einzelinterviews und Fokusgruppen ausgewertet wurde. Offensichtlich haben die Göttinger einfach ausgewertet, wie es ihnen so in den Sinn kam und keinerlei Methode benutzt.

Entsprechend kann man mit Blick auf die methodische Qualität dieser Junk-Studie feststellen:

  1. Flick quali soz

    Zum Nachlesen für Göttinger und sonstige Ahnungslose

    Es gibt keinerlei Kriterien, nach denen die Interviewpartner oder die Teilnehmer der Fokusgruppen ausgewählt wurden.

  2. Es gibt keinerlei Angaben darüber, wie die Interviews und Fokusgruppen durchgeführt wurden, anhand von Leitfäden, offen oder teil-offen?
  3. Es gibt keinerlei Angabe zur Methode, mit der die Daten ausgewertet wurden, ob mit qualitativer Inhaltsanalyse, mit dem Instrumentarium der Grounded Theory oder womit auch immer.
  4. Von Fragen der Reliabilität und Validität der Auswertung des Materials, wie man sie z.B. durch Blindauswertungen oder Mehrfachauswertungen herzustellen versucht, wollen wir gar nicht erst anfangen.

Damit fehlt jeglicher methodischer Grundstock in der Junk-Studie, so dass es nicht möglich ist, überhaupt ein Ergebnis als Ergebnis zu präsentieren, da man nicht weiß, wie die Ergebnisse gewonnen wurden, von wem die Informationen, die in die Ergebnisse eingeflossen sind, gewonnen wurden uvm.

Wenn sich die Bundesbeauftragte dennoch nicht entblödet zu sagen:
„Ich sehe keinen Grund für Zweifel an Inhalt und Methodik der Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung“, dann mag dies daran liegen, dass sie von Methodologie empirischer Sozialforschung keinerlei Ahnung hat und auch vom Inhalt der Junk-Studie nicht allzu viel weiß.

Dass sie keinerlei Ahnung von empirischer Sozialforschung hat, zeigt sich daran, dass in der gerade veröffentlichten Stellungnahme eine wilde Assoziationsreihe zu finden ist: Rechtsmotivierte Gewalttaten würden 2015 zur Hälfte in Ostdeutschland verübt. Die Ursachen dafür müssten schonungslos offengelegt werden. Und: „Diese Ursachenforschung war Inhalt und Zielsetzung der Studie. Ursachenforschung kann selbstverständlich nur dort erfolgen, wo die Probleme von rechtsextremen Vorfällen vor Ort bestehen“.

Das ist absoluter Blödsinn, denn:

Es ist es nicht nachvollziehbar, dass man die Ursachen von rechtsmotivierten Gewalttaten in Ostdeutschland nur in Heidenau, Freital oder Erfurt sucht. Das wäre vielleicht dann nachvollziehbar, wenn alle rechtsmotivierten Gewalttaten in Heidenau, Freital und Erfurt begangen würden. Damit würde man aber behaupten, die drei Orte hätten einen autonomen Sozialraum, der nicht von Politiken in Berlin oder Dresden beeinflusst wird, was offenkundiger Unsinn ist.

Es ist methodischer Ahnungslosigkeit geschuldet, die Ursachen von Problemen da suchen zu wollen, wo sie auftauchen. Das mag für das naive Gemüt einsichtig sein. Ist aber dennoch methodischer Unsinn. Denn: Wie würde man die Ursachen erkennen? Angenommen, in Ort X sterben viel mehr Menschen an Lungenentzündung als in Ort Y. Wollte man nun wissen, warum dem so ist, dann würde es nach Ansicht von Frau Gleicke ausreichen, im Ort X Experteninterviews abzuhalten und Fokusgruppen zu bilden, um die Ursachen zu entdecken.

Jahn Vergleichende PowiNun gibt es, wenn man z.B. in Bibliotheken von Universitäten geht, ganze Regale voller Bücher, die sich mit Vergleichen befassen. Ein ganzer Teilbereich der Politikwissenschaft nennt sich vergleichend. Die Ethologie ist weitgehend eine Wissenschaft, die auf dem Vergleich aufbaut. Die komplette quantitative Sozialforschung ist ohne Vergleichsgruppen nicht möglich. Irgendwie scheinen Wissenschaftler der Ansicht zu sein, dass man Ursachen für ein Problem nur durch einen Vergleich identifizieren kann. Mediziner und Psychologen nutzen gar Forschungsdesigns die Vergleiche in experimentellen Settings künstlich schaffen, um so der Ursache von Dingen auf den Grund zu gehen. Nur Frau Gleicke ist der Ansicht, es reiche, wenn man ohne Vergleich in einer Weise unbedarft und willkürlich forscht, wie dies die Göttinger getan haben.

Es ist vermutlich von einer Person, die seit 1989 in politischen Pöstchen sitzt, nicht zu erwarten, dass sie irgendwelche Kenntnisse in empirischer Sozialforschung hat. Aber es wäre genau deshalb angebracht, dass sie den Mund zu Fragen der empirischen Sozialforschung hält, die sie nicht beurteilen kann. 

Davon abgesehen stellt sich die Frage, wie Frau Gleicke, deren Biographie keinerlei Anlass gibt zu vermuten, sie habe auch nur rudimentäre Kenntnisse empirischer Sozialforschung, Kenntnisse die es erlauben, die Validität und Reliabilität, die methodische Richtigkeit von Studien einzuschätzen, glaubt eben dies tun zu können. Der Posten einer Bundesbeauftragten ist ein politischer Posten, der letztlich einfach nur der Versorgung von Parteisoldaten dient. Er hat keinerlei Zweck und die Position verleiht auch keinerlei Fähigkeiten. D.h. wer Kenntnisse empirischer Sozialforschung nicht auf die Position mitbringt, der hat sie auch nach Besetzung der Position nicht. Wie Frau Gleicke denken kann, nur weil sie eine Position inne habe, werde sie quasi von einem himmlischen Strahl der Erkenntnis verklugt, ist eine Frage, die man vermutlich nur auf Grundlage der Persönlichkeitspsychologie und ihrer Theorien beantworten kann.

Ebenso wäre es wünschenswert, wenn Frau Gleicke nicht versuchen würde, Bürger für dumm zu verkaufen.

Es gibt begründete Zweifel daran, dass die Göttinger alle Interviews, die sie geführt zu haben, behaupten, auch geführt haben. Die methodischen Mängel, die völlig ungewöhnlich selbst für qualitativ arbeitende Forscher sind, sind ein Grund für diese Zweifel. Die Uneinheitlichkeit der Anonymisierung, die die Göttinger vorgenommen haben, ist ein weiter Punkt, der Zweifel nährt. Die Behauptung, dass Anonymisierung in der qualitativen Sozialforschung „völlig normal“ oder „üblich“ sei, ist ein weiterer Grund für Zweifel.

Denn: Die Göttinger haben Experteninterviews geführt. Es ist bei Experteninterviews vollkommen unüblich, zu anonymisieren. Um den Gehalt der Interviews einschätzen zu können, ist es notwendig, die Qualifikationen der angeblichen Experten beurteilen zu können. Wer die angeblichen Experten anonymisiert und keinerlei Informationen zu ihren Qualifikationen gibt, erweckt somit den Eindruck, er wolle etwas verheimlichen. Was wohl?

Wäre die Anonymisierung so normal, wie sie Gleicke und die Göttinger behaupten, wäre sie also quasi ein Automatismus, dann muss erklärt werden, wieso dieser Automatismus bei Bodo Ramelow, Ministerpräsident des Landes Thüringen, Jürgen Opitz, Bürgermeister der Stadt Heidenau, Sebastian Reißig, Geschäftsführer von Aktion Zivilcourage e.V., Pirna und Dr. Enrico Schwarz, Geschäftsführer von Biotec e.V. Freital nicht greift. Was hat die Forscher daran gehindert, ihrem Instinkt der Anonymisierung Folge zu leisten? Das Wissen darum, dass Anonymisierung doch die Ausnahme und nicht die Regel ist, wenn Experteninterviews geführt wurden?

Es wird eben kein Schuh daraus. Man kann Junk Science nicht gut reden, wie Gleicke das versucht, die dafür 130.000 Euro aus dem Fenster geworfen hat, die auf einer Pressekonferenz weitreichende Ergebnisse vorgetragen hat und nun, auf Druck des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie kleinlaut zugeben muss, dass es sich bei der Studie „nicht um eine repräsentative Studie[,] sondern um ‚Qualitative Sozialforschung‘“ handelt. Damit ist die Studie endgültig beerdigt, denn qualitative Studien lassen keinerlei Verallgemeinerung der Ergebnisse zu. Qualitative Studien werden durchgeführt, um sich einem unbekannten Forschungsgegenstand anzunähern. Dies ist in Gleicks Junk nicht der Fall.

junk_scienceUnd wenn Gleick weiter schreibt, dass die Vorgehensweise der Göttinger eine „übliche Vorgehensweise in der Sozialforschung“ sei, dann ist dies abermals nicht korrekt. Für die Nichtwissenden: Sozialforschung umfasst einen qualitativen und einen quantitativen Teil. Die Vertreter des quantitativen Teils wollen erklären, suchen nach Ursachen und tun dies auf Grundlage meist standardisierter Befragungen oder entsprechender Experimente und auf Grundlage von großen Datensätzen. Vertreter qualitativer Sozialforschung wollen verstehen, nicht erklären. Sie suchen entsprechend auch nicht nach allgemeingültigen Erklärungen, sondern nach Einzelfallbeschreibungen: Warum hat sich Fritz F. strafbar gemacht? Warum hat Iris G. 130.000 Steuereuro für Junk Science aus dem Fenster geworfen. Das sind Fragestellungen, die qualitative Studien zu beantworten in der Lage sein könnten. Sie geben keinerlei Hinweis auf Ursachen, die über die Personen, die interviewt wurden, hinausweisen.

Um Ursachenforschung zu betreiben, benötigt man einen quantitativen Ansatz der von einer theoretischen Fundierung ausgeht, also von Theorien, aus denen Hypothesen darüber abgeleitet werden können, warum sich Menschen gewalttätig verhalten. Das Forschungsdesign der Göttinger ist für die Beantwortung von Fragen nach Ursachen schlicht nicht geeignet. Hätte Gleicke auch nur eine Spur von Ahnung, sie wüsste das.

Es ist die übliche Armseligkeit, die wir regelmäßig bei Legitimationsforschung finden, dann, wenn angebliche Wissenschaftler Politikern zu Diensten sein wollen, in diesem Fall – wie David Berger eruiert hat – das SPD-Mitglied und der Stipendiat der SPD-eigenen Fritz-Ebert-Stiftung, der es zwischenzeitlich zum Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung gebracht hat, Franz Walter, und das SPD-Mitglied Iris Gleicke, die als Bundesbeauftrage 130.000 Euro nach Göttingen in Walters Institut überwiesen hat. Gerade wenn der Verdacht nahe liegt, dass hier ein Versorgungsnetzwerk für Genossen aus dem Amt der Bundesbeauftragten betrieben wird, hätte man erwartet, dass zumindest die Arbeit, die aus Göttingen geliefert wird, sauber und handwerklich nicht angreifbar ist. Wie die Dinge nun einmal liegen, ist die Arbeit Junk und das handwerkliche ist unterirdisch, aber immer ausreichend, um der ahnungslosen Gleicke als Studie untergeschoben zu werden.

Noch ein letztes Wort zur Anonymisierung. Das Lamento darüber, Anonymisierung seit notwendig, um die Interviewpartner nicht „rechter Gewalt“ auszusetzen, das in den Gewaltphantasien, in denen Gleicke und die Göttinger offensichtlich gerne schwelgen, immer präsent ist, viel präsenter als rechte Gewalt in der Wirklichkeit, ist Heuchelei, denn würden die Göttinger und Gleicke auch nur eine Sekunde daran glauben, dass demjenigen, der Schlechtes über die vermeintlich rechte Szene zu sagen weiß, Böses geschieht, sie würden die Studie aus Angst nicht in Auftrag geben oder, falls ein mutiger Mensch als Auftraggeber auftritt, die Studie anonym verfassen. Aus Angst. Dies ist jedoch nicht der Fall, was zeigt, dass die angebliche Angst der Interviewpartner und Fokusgruppenteilnehmer vorgeschoben wird, um etwas zu verheimlichen. Was könnte das nur sein? Die Erfindung von Gesprächspartnern? Die Zuschreibung von Aussagen, die die Gesprächspartner nie gemacht haben? Die Nachprüfbarkeit der Ergebnisse?

Oh je: Göttinger Rechts-Forscher sind Opfer (einer Verschwörung), nicht Täter!

Vor einigen Tagen hat Franz Walter, der Chef des Göttinger Instituts für Demokratieforschung Folgendes geschrieben:

„„Doch ist „die Wirklichkeit“ natürlich eine höchst ambivalente Sache. Die Realität der einen entspricht keineswegs der Realität der anderen. Natürlich leben wir nicht in einer sozial und normativ unstrittigen „Realität“.“

Goettingen Stellungnahme 1Seltsamerweise beharrt er, der in diesem Zitat der Ambivalenz und Uneindeutigkeit der Realität das Wort geredet hat, nun, da in der WELT Vorwürfe gegen die von ihm (mit) zu verantwortende Studie „Rechtextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland“ erhoben werden, Vorwürfe, die auf Merkwürdigkeiten zurückgehen, die wir berichtet haben, nun darauf, dass es genau eine Realität gibt, nämlich die seine und die der Autoren der genannten Studie, die keine Studie, sondern Junk ist, wie wir bereits ausgeführt haben. Wenn Leute, die die Eindeutigkeit der Realität in Frage stellen, die keinerlei Wahrheitstheorie dem zugrunde legen, was sie tun, nun plötzlich der Ansicht sind, die Realität sei doch ganz eindeutig und gar nicht mehr konstruiert, dann hat dies ein, wie soll man sagen, ein bigottes Bouquet. 

„Natürlich ist nichts von diesen Unterstellungen richtig“, so lautet die Verteidigung gegen Ungereimtheiten wie diejenigen, dass die – wie in der Stellungnahme des Göttinger Instituts für Demokratieforschung geschrieben – „gängige Praxis qualitativer Forschung die Klarnamen unserer Interviewpartner mehrheitlich verfremdet bzw. anonymisiert“ zu haben, in einer Weise praktiziert ist, die man entweder einem Täuschungsversuch oder methodischer Ahnungslosigkeit zuschreiben muss.

Zunächst ist es in Experteninterviews gerade NICHT üblich, die Klarnamen zu anonymisieren, denn das Gewicht dessen, was im Interview geäußert wird, lebt vom Status des Experten, so dass es für andere Forscher wichtig ist, den Expertenstatus nachvollziehen zu können. Aber mit dem Nachvollziehen haben es die vermeintlichen Forscher in Göttingen nicht so. Deshalb haben sie keinerlei Kriterien offengelegt und den Lesern schlicht verheimlicht, wer warum und auf Grundlage welcher Auswahl interviewt wurde. Und nun wundern sich die Autoren der Junk-Studie, sind gar entrüstet darüber, dass die Frage auftaucht, warum die Göttinger so methodisch unbedarft an eine Studie herangehen, aus der sie so weitreichende Schlüsse ziehen wollen wie den folgenden:

„Dies nicht zuletzt deshalb, weil insbesondere in Sachsen eine spezifische, von der CDU dominierte politische Kultur wirkt, die das Eigene überhöht und Abwehrreflexe gegen das Fremde, Andere, Äußere kultiviert.“ (192)

„Dies“ bezieht sich übrigens auf Antipathien, die es bei den in Heidenau und Freital vermeintlich Befragten gegenüber der Antifa gibt.

Goettingen Stellungnahme 2Sie wollen also auf der eine Seite weitreichende Aussagen über Ursachen und Konsequenzen von Rechtsextremismus aus ihren Ergebnissen ableiten, sind auf der anderen Seite aber weder bereit, die Auswahlkriterien zu benennen, die zur Auswahl z.B. der Experten für die entsprechenden Interviews oder der Teilnehmer in den Fokusgruppen geführt haben. Statt die für wissenschaftliche Studien normale Transparenz, die eine Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse zur Folge hätte, an den Tag zu legen, vernebeln die Göttinger noch mehr und anonymisieren alles, was ihnen in den Weg kommt. Das ist, wenn es um Experteninterviews geht, eben nicht üblich.

Wenn es so sein sollte, wie die Göttinger behaupten, dass Interviewpartner nur bereit waren, unter dem Deckmantel der Anonymität ihr vermeintliches Expertenwissen preiszugeben, dann sind die entsprechenden Interviews sowieso wertlos, denn Experten, die im Dunkeln wirken, sind per se keine Experten. Sie sind durch eine Mischung aus Feigheit und Angst gekennzeichnet, die wohl kaum Garant dafür sein wird, dass von solchen Experten eine rationale und normale Einschätzung der Umstände erfolgen kann, die sie umgibt.

Ein weiteres Problem verbindet sich mit dem prätentiösen Bombast, den die Göttinger Unkundigen der empirischen Sozialforschung ausgerechnet aus rund 35 Interviews und 3 Fokusgruppen in drei ostdeutschen Städten ableiten: Konsequenzen und Ursachen für ganz Ostdeutschland, ja selbst Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschlang meinen die Göttinger auf Grundlage ihrer – wie sie nun schreiben in „sehr kleinräumlichen Orten durchgeführten Forschung“ ziehen zu können.

Das passt nicht, nicht hinten und nicht vorne.

Wer seine Forschung derart vernebelt, wie die Göttinger dies getan haben und sich anmaßt, weitreichende Schlussfolgerungen zu ziehen, die man auf Grundlage der Daten nur ziehen kann, wenn man einen gehörigen Schuss Ideologie und Phantasie hinzugibt, der muss damit rechnen, dass ganz genau hingesehen wird und z.B. die Frage gestellt wird, was eine Anonymisierung von Herrn Menke als „Mitglied der Fraktion SPD/Grüne im Stadtrat Freital und Mitglied der Fraktion der SPD/Grüne im Kreistag Sächsische Schweiz-Osterzgebirge” soll, wenn man mit wenig Aufwand herausfinden kann, dass es sich bei Herrn Menke entweder um Harry Retz oder um Klaus Wolframm handeln muss. Keiner von beiden war gegenüber ScienceFiles bereit, eine Teilnahme an der Befragung der Göttinger zu bestätigen.

Das ist schlicht Humbug, und wie gesagt: Es ist unüblich. Es ist gerade die Grundlage von Experteninterviews, die Namen der Experten zu nennen. Wer es nicht tut, hat entweder keine Ahnung von den Gepflogenheiten empirischer Sozialforschung, ein Schluss, der Anbetracht der entsprechenden Ahnungslosigkeit der Göttinger, die wir in einem früheren Beitrag gezeigt haben, naheliegt, oder er hat etwas zu verbergen, ein Schluss, der sich fast noch mehr aufdrängt, wenn man die Tatsache in Rechnung stellt, dass es keinerlei Angaben dazu gibt, welche Experten aus welchen Gründen und nach welchen Kriterien wie ausgewählt wurden, um an dieser Pseudo-Studie teilzunehmen.

Derart konspirativ arbeitet nur jemand, der nicht will, dass seine Ergebnisse nachvollzogen werden können. Jemand, der etwas zu verheimlichen hat. Jemand, der Wissenschaft als Feigenblatt zur Verbreitung seiner politischen Ideologie missbraucht.

Logik der ForschungAber die Wissenschaft hat ja Regulative entwickelt, um Fälschungen und Täuschungsversuche aufzudecken. Diese scheinen den Göttingern nicht bekannt zu sein, denn sie sind der Ansicht: pikierte Hysterie und der Versuch, Kritik zur Gotteslästerung zu erklären, sei genug, um sich der Kritik zu entledigen, vor allem wenn man den entsprechenden Versuch, wie die Göttinger, noch mit ein wenig mitleidheischender Heuchelei verbindet und sich gleichzeitig zum Opfer einer “Kampagne” (aus einem Zeitungsartikel) und zum Schutzpatron der ängstlichen Interviewpartner der eigenen Pseudo-Studie erklärt, die „nun aufgrund dieser Kampagne verunsichert sein könnten“, warum, weil sie wegen ihres Interviews einer „potenziellen Gefährdung … und künftigen Belastung in der politischen Auseinandersetzung“ ausgesetzt sein könnten.

Noch einmal: Wenn Experten zu feige sind, zu ihrem Expertenwissen zu stehen, dann sind sie als Experten nichts wert. Insofern ist die völlig unübliche Anonymisierung der Namen von Experten Grund genug, ihre Interviews zu vernichten. Und die Gefährdung, von der hier phantasiert wird, es gibt sie nur in der Phantasie der Göttinger. Sie sind von der Annahme, dass in Freital und Heidenau ein rechter Mob die rechtschaffenden Bürger, die sich vornehmlich in den Fraktionen von SPD, Grünen und LINKE finden, “natürlich” nicht von der Antifa, ausgegangen, sie haben diese Phantasie in keiner Weise geprüft, sie statt dessen an ihre eigene Forschung herangetragen und selbst Interviewpartner anonymisiert, die das gar nicht wollten, wie Marcel Leubecher in der WELT schreibt. Wer derart voreingenommen, ja hysterisch an seine Forschung herangeht und im Verlauf dieser Forschung zeigt, dass er von Methoden der empirischen Sozialforschung so wenig weiß wie von den Gepflogenheiten derselben, der darf sich nicht wundern, wenn ihm genau auf die Finger geschaut wird.

Und damit sind wir wieder beim Thema Nachprüfbarkeit angelangt. Wissenschaft lebt davon, dass andere Forscher nachvollziehen können, was Primärforscher, die die Göttinger ja sein wollen, geforscht und als Ergebnisse gewonnen haben wollen. Deshalb ist es üblich, die Daten, auf deren Basis Ergebnisse gewonnen wurden, zu veröffentlichen. Beim Zentralarchiv in Köln kann man das z.B. tun, damit andere Forscher mit diesen Daten prüfen können, ob die Ergebnisse der Göttinger valide und reliabel sind.

  • Daher lautet die erste Forderung an die Göttinger das Daten-Material, auf dessen Grundlage sie ihre weitreichenden und himmelschreiend falschen Interpretationen „sehr kleinräumlicher“ Ereignisse und Erfahrungen getroffen haben, zu veröffentlichen und anderen Wissenschaftler zur Prüfung zugänglich zu machen.
  • Da die Zweifel daran, dass die Göttinger die Interviews, die sie behaupten, geführt zu haben, auch wirklich geführt haben, nicht dadurch ausgeräumt werden können, dass man sich aufplustert und die entsprechende Frage nach Ungereimtheiten als Gotteslästerung abtut, lautet die zweite Forderung an die Adresse der Göttinger die Aufzeichnungen aus den Interviews und aus den Fokus-Gruppen, nicht nur freizugeben, sondern mit den methodischen Erwägungen zu versehen, die in der Wissenschaft üblich sind: Wer wurde warum interviewt? Handelt es sich um den Teilnehmer an einer Fokusgruppe: Wie wurde der Teilnehmer ausgewählt – schließlich leben in Heidenau, Freital oder Erfurt jeweils mehr als 8 Personen. Handelt es sich um vermeintliche Experten, die interviewt wurden, dann sind zudem die Kriterien zu nennen, aus denen hervorgeht, welche Überlegungen dazu geführt haben, den entsprechenden Interviewpartner als Experten einzustufen und auszuwählen und welche Qualifikationen (politische Ideologie ist keine Qualifikation) der vermeintliche Experte mitbringt, um seinen Expertenstatus zu rechtfertigen.

Wenn die Göttinger diese Voraussetzungen dafür, dass ein normaler Wissenschaftsprozess begonnen werden kann, erfüllt haben, dann kann auf prüfbarer Basis darüber entschieden werden, ob die Vorwürfe, dass Interviews nicht geführt worden sind, zurückgenommen werden müssen.

Ach ja, zuvor müssen die Göttinger natürlich noch erklären, was ein Vertreter der Landeszentrale für Politische Bildung gegenüber Marcel Leubecher von der WELT gesagt hat:

„Unser angeblicher leitender Angestellter Reese wird an fünf Stellen zitiert, mit Positionen, die Sie niemals aus unserem Haus hören würden.“ Der erfundene Demokratievermittler stellt etwa die schützende Wirkung der Mauer heraus. Auch lobt er: „Die Monarchiezeiten waren nicht die schlechtesten.“ Die Landeszentrale habe erfolglos versucht zu rekonstruieren, wer „Herr Reese“ sein könnte, und nun bei den Göttinger Forschern um Transparenz gebeten. Bisher ohne Antwort.”

Wenn Herr Leubecher von der WELT, diesen Text als Argumentationshilfe nutzen will, dann dieses Mal bitte nur mit Quellenangabe!

“Hurra, Hurra, die Schule brennt”: Brandstiftende Söhne Hamms

Die vielleicht wichtigste Methode im Arsenal von Sozialwissenschaftlern ist der Vergleich, der zwischen Gesellschaften, der über Zeit, der zwischen gesellschaftlichen Gruppen, der Vergleich, der in Methoden der Sozialwissenschaften immer seltener vorkommt. Am Ende kommt noch etwas zum Vorschein, was politisch nicht korrekt ist und die Karriere des Wissenschaftlers, der sein Heil an Institutionen sucht, gefährdet, z.B. dadurch, dass er Verantwortung übernehmen oder – fast schlimmer – Stellung beziehen muss.

Wir mögen Vergleiche zwischen Gesellschaften gerne, Vergleiche über Zeit aber fast noch lieber.

Z.B. Vergleiche mit den 1980er Jahren, die nach unserer Ansicht die goldenen Jahre der Freiheit und Demokratie waren, so wie es die Goldenen Zwanziger Jahre für die Weimarer Republik waren.

Es war genau im Jahr 1980, als eine Band mit dem Namen „Extrabreit“ ein Lied veröffentlicht hat, das man heute als sexistisch bezeichnen würde, in dem ein Aufruf zur Zerstörung öffentlichen Eigentums gesehen würde, das eine diskriminierende Komponente enthält, weil behauptet wird, es seien die sozial Benachteiligten, die kriminell sind und zerstören und von dem natürlich jeder Politiker mit Profilierungsbedürfnis behaupten würde, dass es dazu beitrage, Brandstiftung zu legitimieren und im Ende bliebe nichts anderes als zu konstatieren, dass Extrabreit eine rechtsextrem faschistische, Gewalt verherrlichende und sexistische Band weißer Männer ist, deren Lieder bei Radio Bremen mit Sicherheit nicht mehr ausgestrahlt würden.

Erst vor einem Vergleichshintergrund, wie ihn das Beispiel von Extrabreit darstellt, kann man den Irrsinn, die Hysterie und die abgrundtiefe Dummheit, die sich derzeit über den Söhnen Mannheims entlädt, so richtig einschätzen. Erst vor dem Hintergrund von „Hurra, Hurra, die Schule brennt“ kann man so richtig bewerten, welches Profilierungsbedürfnis und welche politisch korrekte Idiotie Bürgermeister, Mandatsträger und Amtsinhaber fast aller parteipolitischen Couleur dazu treibt, sich über den Text eines LIEDES zu echauffieren.

Die Langeweile und Sinnlosigkeit des Daseins muss von diesen Gestalten des angeblich politischen Lebens so sehr empfunden werden, dass sie sich nicht anders zu helfen wissen, als mit Hysterie auf den Text eines Liedes zu reagieren und auf diese Weise zu versuchen, die eigene Existenz mit Sinn zu füllen.

Armseligkeit ist in diesem Zusammenhang ein wirkliches Understatement…

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