Taxikriege, politische Korruption und wieder eine Enttäuschung für COVID-Morbide – Lagebericht aus Südafrika

Südafrika kommt in den Schlagzeilen zumeist nur dann vor, wenn Fallzahlen positiv Getesteter steigen, wenn es Unruhen gibt oder wenn es darum geht, die DELTA Variante zu der Gefahr aufzubauen, die notwendig ist, um auch im Herbst wieder Lockdowns durchführen zu können. Wir (und nicht nur wir) haben unseren südafrikanischen Leser Baerboel gebeten, einen kleinen Text zur Situation in Südafrika zu schreiben. Einmal mehr ist ein Text dabei herausgekommen, der Hintergründe liefert, wie sie nur Citizen-Journalists zu liefern vermögen. Ein weiterer Grund für uns, Leser dazu zu ermuntern, ihre Erfahrungen, die sie als Auswanderer in ihrer Heimat sammeln, mit uns zu teilen [Redaktion @ sciencefiles.org].


Zahlreiche Nachfragen über die gegenwärtige Situation in Südafrika haben mich veranlasst ein paar Gedanken mit der ScienceFiles-Blog-Gemeinde zu teilen.

An der Coronafront hat sich im Wesentlichen nicht viel geändert. Wie erwartet, hatten wir unseren Höhepunkt der sogenannten 3. Welle um den 9. Juli herum. Seitdem geht es mit Corona wieder bergab und die restriktiven Massnahmen wurden gelockert. Wie bereits früher halten sich die wenigsten Menschen konsequent an die Vorschriften und leben einfach ihr Leben.

Immer wieder interressant ist für mich dabei der Fakt, dass die Anzahl der positiv Getesteten (ct-Wert jetzt bei 45 um eine 3. Welle zu schaffen) in wohlhabenden Wohngebieten nach wie vor etwa 10 mal so gross ist wie in ärmeren Wohngebieten mit einer 10 bis 30 Mal höheren Besiedlungsdichte. Auch die im zeitlichen Zusammenhang mit einem “positiven” Goldstandard Test Verstorbenen sind in den ärmeren Teilen des Landes nicht häufiger, obwohl das private Gesundheitssystem 75% aller Ärzte beschäftigt und weitaus modernere Ausstattung hat als das total zerrüttete, staatliche Gesundheitssystem. Selbst der extrem hohe Anteil an HIV und Tuberkulose Patienten im staatlichen Sektor ändert nichts an dieser Situation.

Die Impfbereitschaft nimmt mit der Zunahme der bekanntwerdenden Nebenwirkungen vor allem in den ärmeren Bevölkerungsgruppen immer mehr ab. Auch immer mehr Angestellte im Gesundheitswesen bevorzugen, sich nicht spritzen zu lassen. Der Propagandadruck durch den Staat und zahlreiche Organisationen, sich “impfen” zu lassen, nimmt natürlich auch hier zu, zumal Johnson&Johnson jetzt auch in Kapstadt produziert wird und verkauft werden muss.

Die jetzt noch gültigen Massnahmen sind seit Montag, 26. Juli:

  1. Das Verkaufsverbot für Alkohol aufgehoben;
  2. Einschränkungen für Reisen im Inland und Versammlungen aufgehoben;
  3. nächtliche Ausgangssperre bleibt in Kraft, wird aber verlängert auf die Zeit zwischen 22.00 und 4.00 Uhr. Das ist natürlich ein Killer für die Restaurants
  4. Die Maskenpflicht besteht weiterhin auf allen öffentlichen Plätzen und in öffentlichen Gebäuden. Das wird bei Weitem nicht so heiss gegessen wie es gekocht wird. Auch ist eine “Maske” alles was vor dem Mund rumhängt. Wenige (sehr wenige) Menschen bestehen auf einer Maske bei ihrem Gegenüber und dann wird das ohne jede Häme respektiert. Draussen tragen die meisten eine Maske nur wenn grosse Gruppen von Menschen zusammenstehen. Ich selbst habe noch an keiner Versammlung teilgenommen wo eine einzige Person eine Maske getragen häࣦtte.
  5. Schulen nach den Ferien (die um eine Woche verlängert waren) wieder vollständig geöffnet. “Masken”pflicht im Unterricht, der um 15 min pro Stunde verkürzt wird, wenn der Lehrer darauf besteht,

Hier eine Zusammenfassung des Endes der hochgefährlichen Delta Variante im Trend:

Die grösseren Probleme die Südafrika ins Gesicht starren sind soziale Aufstände, politische Fraktionskämpfe und Taxikriege.

Um mit Letzterem zu beginnen:

Taxi’s im südafrikanischen Kontext sind Toyota Busse (12 – 15 Sitze), die in Deutschland in den allerseltensten Fällen eine TüV Zulassung erhalten würden. Diese Fahrzeuge sind meistens bis zu 100% überladen und werden von Kamikazes gefahren, die oft nicht einmal eine Fahrerlaubnis haben. Verkehrsvorschriften bestehen für diese Fahrzeuge nicht. Die Fahrer und Stewards sind meistens bewaffnet.

Das also sind Taxi’s in Südafrika. Diese Fahrzeuge sind die Haupttransportmittel für die Arbeiterklasse. Es gibt mehrere grosse Taxivereinigungen die untereinander um die profitablen Routen konkurrieren (Einkaufsmalls, Hospitale, Behörden… zu den Townships und zurück). Gleichzeitig kämpfen die Vereinigungen zusammen gegen alle Bestrebungen der Regierung, einen öffentlichen Nahverkehr zu entwickeln. Als Folge davon wird auf Busfahrer geschossen, werden Züge demoliert oder Strassen gesperrt. Im Augenblick bekriegen sich die beiden Taxivereinigungen wegen einer attraktiven Route in Kapstadt. Einen ganzen Tag stand die Wirtschaft im Western Cape fast still, weil alle Menschen die versuchten, zur Arbeit zu gelangen, bedroht wurden. Die Stadt hat vermittelt, die Polizei unternimmt gegen Taxis i.d.R. nichts – die könnten ja zurückschiessen!

Jetzt ist alles wieder normal, nach 60 Toten.

Politische Fraktionskämpfe und soziale Aufstände

Der ANC [African National Congress] ist eine ehemalige Befreiungsorganisation (bis nach 2000 zählte der ANC in vielen Ländern als Terroristenorganisation, was sicher nicht ganz verkehrt war). Seit 30 Jahren versucht der ANC nun eine Art politische Partei zu werden. Dabei trampelt er wie ein Elefant die Interessen der armen Menschen nieder, um seine Kader zu bereichern – überall das selbe! Nur über die Art und Weise der Ausbeutung der Armen und der Zerstörung der Wirtschaft bestehen Meinungsverschiedenheiten. Dadurch sind im ANC von Anfang an 2 Fraktionen aktiv, die sich in den lezten Jahren in die Zuma- und die Ramaphosa Fraktion formiert haben. Zuma wurde als Präsident seines Amtes enthoben und sein Vize wurde Präsident (mit genau so viel Dreck am Stecken wie Zuma). Zuma wurde wegen Korruption verfolgt und hat sich geweigert, vor Gericht zu erscheinen. Daraufhin wurde er 15 Monate ins Gefängnis geschickt.

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Zuma ist Zulu, Ramaphosa ist Xhosa. Das sind die 2 grössten schwarzen Bevölkerungsgruppen in Südafrika. Die einen Krieger, die anderen Viehhirten- beide von vielen Afrikanern anderer Länder verachtet. Die Zulus haben ihr Königreich KwaZulu Natal, die Xhosas haben viele kleine Könige, die alle vom Staat (ANC) verwöhnt werden, um die Wahlstimmen zu sichern. Samora Machel [Erster Präsident der Republik Mosambik – Kommunist] hat einmal gesagt: Wenn die Demokratie siegt, ist der Stamm tot. Das ist, was wir gerade erleben (und was die EU noch vor sich hat, wenn sich in der “Demokratie” mit ihren “Werten” die Nationalstaaten auflösen).

Vielleicht ist die “Demokratie” westlicher Prägung nicht immer die geeignetste Regierungsform um Völker in Afrika oder Asien zum Erfolg zu führen?

Die Zulus haben nun die Verurteilung von Zuma benutzt, um Unruhe zu stiften. Angesichts von 2 Millionen zusätzlichen Arbeitslosen durch Corona und einer Arbeitslosenquote von 45% (68% unter Jugendlichen 18 – 29 Jahre) ist es natürlich nicht schwer, genug Leute zu mobilisieren, um ein Chaos zu veranstalten, wie wir es gesehen haben. Einen beträchtlichen Anteil an den Zerstörungen haben die Rädelsführer des EFF (Economic Freedom Fighters), eine Art ANTIFA, die von beiden Fraktionen des ANC unterstützt wird. Allerdings muss man auch sagen, dass, nachdem die Rädelsführer unter Kontrolle gebracht werden konnten, viele arme Randalierer das geklaute Zeug zurückgebracht haben und sehr Viele Hand angelegt haben, um das Chaos aufzuräumen. Rädelsführer, die in den Townships von der dortigen Gemeinschaft aufgebracht wurden oder versucht haben, Diebesgut zu verkaufen, haben das zum Teil sogar mit ihrem Leben bezahlt (als Teil des sehr interressanten und effektiven Rechtssystems in afrikanischen Gemeinschaften).

So, alles ist wieder zurück zu normal.

Ich hoffe wieder einmal mehr, dass sich Südafrika in absehbarer Zeit in seine vorrepublikanischen Bestandteile aufspaltet. Das wäre eine Kaprepublik (wo ich wohne, und zwar länger als die allermeisten Schwarzen die erst in den letzten 25 Jahren hier eingeströmt sind, um die Farbigen und Weissen zu verdrängen und die Vorteile einer relativ effektiv geführten Provinz mit weisser Regierungsbeteiligung zu geniessen, und dem Chaos in ihren von schwarzen ANC Kadern geführten Provinzen zu entfliehen), Republik Transvaal, Königreich KwaZulu Natal und Oranje Freistaat. Das wäre eigentlich sehr konsequent, da Südafrika erst am 31. Mai 1961 eine Republik wurde. Voraus ging ein Referendum, das ausschliesslich unter Weissen gehalten und nur sehr knapp gewonnen wurde. Die Mehrheit der vor allem britischen weissen Wähler in KZN stimmte mit deutlicher Mehrheit gegen das Referendum! Schwarze Menschen und ihre Könige wurden überhaupt nicht gefragt! Allein aus diesen Gründen gäbe es genug Argumente das damalige Referendum für ungültig zu erklären. Ob in den dadurch entstehenden Nationalstaaten ein König mit seinen Chiefs regiert (seit den Zeiten von Chaka Zulu gibt es auch weisse Chiefs bei den Zulus!) oder eine Parteiendemokratie oder vielleicht eine lokale direkte Demokratie die bevorzugte Regierungsform ist, das wäre mir persönlich ziemlich egal, irgendwelche orwellschen Borstentiere muss man immer mit durchfüttern, am wenigsten natürlich bei letzterer Variante (direkte Demokratie auf lokaler Ebene), am meisten bei Parteiendemokratien.


Zum Abschluss noch ein paar Impressionen aus Südafrika:


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