Im zuletzt hier auf ScienceFiles veröffentlichten Text mit dem Titel „Impfung statt Stromschläge“ haben wir die Bereitschaft vieler Menschen, während der Covid-Pandemie Maßnahmen gutzuheißen, die ihren Mitmenschen erheblichen Schaden zufügen, und sogar schärfere Maßnahmen gegen ihre Mitmenschen bis hin zu Zwangsimpfungen Nicht-Geimpfter zu fordern, mit Stanley Milgrams Stromschlag-Experiment in Zusammenhang gebracht. Wir in der Redaktion sind uns einig darüber, dass bei diesen Menschen der Glaube, sich damit in Übereinstimmung mit vermeintlichen Autoritäten in Politik und – vermittelt über das, was Politiker damals von „Experten“ zu wissen vorgaben, – Wissenschaft zu befinden, eine große Rolle gespielt hat. Sie mögen eine grundlegend autoritäre Persönlichkeitsstruktur haben oder sich zumindest durch ihre Übereinstimmung mit vermeintlichen Autoritäten enthemmt gefühlt haben.
Vor diesem Hintergrund scheint es möglich, dass die Bereitschaft, anderen Menschen zu schaden, auch mit einer spezifischen Bedürfnisstruktur zu tun hat, die bei Menschen mit bestimmten Weltanschauungen eben aufgrund dieser Weltanschauungen besteht oder im negativen Fall: unterdrückt werden muss oder bei Menschen mit autoritärer Persönlichkeit unterdrückt werden muss, weil ihre Autorität das Bedürfnis negiert oder negativ bewertet.
Dies alles ist unrealistisch (oder faktisch falsch) oder genauer: es wird durch nichts, was wir aus Psychologie, Sozialpsychologie, Soziologie, Ethnologie oder Geschichtswissenschaft wissen, gestützt (aber oft genug falsifiziert). Gleichzeitig wissen wir alle um unsere eigenen aggressiven Impulse, darum, dass wir spontane (und damit schwierig zu rechtfertigende) Sympathien und Antipathien empfinden, manche Menschen stärker wertschätzen als andere, und manchmal einfach unsere Ruhe vor unseren Mitmenschen haben möchten oder gute Gründe dafür vorbringen können, einfach Misanthropen zu sein.
Wenn das öffentliche Narrativ in einer Gesellschaft dies alles für nicht existent erklärt oder als „anti-sozial“ brandmarkt, also als individuelle Mängel darstellt, die möglichst behoben oder zumindest im Zaum gehalten werden müssten, dann entsteht kognitiver und praktischer Anpassungsdruck, vor allem bei denjenigen, die sich der „Eine-bunte-Welt-in-der-sich-alle-liebhaben“-Utopie verschrieben haben oder die die Utopie deshalb stützen, weil ihre Autorität sie ihnen als das Richtige, Gute, Wahre o.ä. vorgegeben hat. Allgemein gesagt entsteht in Zeiten, in denen erhebliche Teile der menschlichen Natur verteufelt oder verleugnet werden, erheblicher psychologischer Druck, besonders auf diejenigen, die nicht eingestehen können oder wollen, dass das öffentliche Narrativ falsch ist und vor diesem Hintergrund ihren Frieden mit sich selbst suchen und finden können.
Der „gute Linke“ von heute kann sich oder kann zumindest nicht öffentlich eingestehen, dass er manche Menschen einfach nicht mag und andere nicht, ihm manche sympathisch sind, andere unsympathisch, (auch) er Leute, die er als ihm ähnlich ansieht, normalerweise gegenüber Leuten vorzieht, die er als ihm unähnlich ansieht. Er muss in der Illusion oder unter der Vorgabe leben, allzeit „pro-sozial“ zu sein, und das führt dazu, dass er seine Antipathien und aggressiven Impulse gegen andere Menschen oder auch nur sein Bedürfnis, allein zu sein, Zeit für sich zu haben, ggf. um selbst zu denken, sorgsam unterdrücken muss, solange er sich in seiner Echokammer bewegt oder sich im öffentlichen Raum bewegt, von dem er annimmt, das das öffentlich verbreitete Narrativ herrscht – und das dürfte er während des größten Teils seiner Zeit tun. Bedürfnisunterdrückung dieser Art ist auf die Dauer nur wenigen Menschen möglich, und das könnte erklären, warum der „gute Linke“ von heute Bevölkerungsgruppen psychologisch braucht, die er legitim – und das bedeutet: durch das öffentliche Narrativ, das eine vermeintliche Autorität verbreitet – als homogene Masse von Feinden ansehen und vor allem: sie entsprechend behandeln kann.
Nicht-Geimpfte werden allesamt und umstandslos für „Anti-Vaxxer“ und damit für egoistisch bzw. „anti-sozial“ erklärt, als gegenüber „den Schwachen“ gleichgültig (und in der Gleichung von schwach= alt für „granny killers“ oder „Oma-Mörder“), so dass der „gute Linke“, der eigentlich alle lieb haben muss, endlich jemanden gefunden hat, den er nicht lieb haben muss oder gar: nicht lieb haben darf. Er hat nun jemanden, der ihm im Rahmen seiner Ideologie einen Grund gibt, ihn nicht liebhaben zu müssen. Der „gute Linke“ kann nun sozusagen aus Liebe zu allen einen großen Teil real existierender Menschen hassen oder sagen wir: aus lauter Liebe strafen, ganz so, wie man im Mittelalter Hexen verbrannt hat, um die Gefahr zu bannen, die von ihnen für andere angeblich ausgegangen ist, und gleichzeitig, um die Seelen der Hexen zu retten. All die Bedürfnisse, die der „gute Linke“ gemäß des Menschenbildes, das durch das öffentliche Narrativ behauptet und kultiviert wird, unterdrücken muss, finden nun ein psychologisches Ventil, ein Ventil, das im Rahmen der Ideologie den Anschein der Legitimität hat.
Die Wucht des Hasses gegen Nicht-Geimpfte, die z.B. in den zum Text „Impfung statt Stromschläge“ verlinkten Videos zum Ausdruck kommt, die erkennbare Befriedigung, die diejenigen, die dort zu sehen sind, daraus ziehen, sich für ihre Mitmenschen, die sich nicht impfen lassen wollen, weitergehende Maßnahmen bzw. Strafen vorzustellen und sich für diese Maßnahmen bzw. Strafen einzusetzen, kann schwerlich anders denn als völlig überzogene Reaktion in Folge einer Art psychologischer Erlösung, einer Katharsis im Sinne Freuds, von einer ideologisch aufoktroyierten (und ggf. internalisierten), aber psychologisch unhaltbaren, Norm interpretiert werden. Hier bricht sich die angestaute Frustration, die das Ergebnis der Kluft zwischen Ideologie und Realität, hier: mit Bezug auf die menschliche Natur, ist, Bahn, und zwar in Form einer Welle von – zunächst(?) meist nur – verbalen Aggressionen gegen Gruppen von Menschen, die man pauschal verteufeln und beschimpfen kann und für die man sich Strafen ausdenken darf, weil man sie hassen und verfolgen darf, ohne sich dabei schlecht fühlen zu müssen.
Den hier beschriebenen, vermuteten psychologischen Mechanismus kann man als Frustrations-Aggressions-Hypothese bezeichnen, weil die im vermuteten Mechanismus gezeigte Aggression ein Ergebnis einer Frustration ist, die im vermuteten Mechanismus auf die Bindung an oder Verpflichtung auf ein unrealistisches Menschenbild und aus ihm abgeleitete Normen zurückzuführen ist. Die wie hier verstandene Frustrations-Aggressions-Hypothese ist allerdings nicht zu verwechseln mit der in den 1930er-Jahren u.a. von John Dollard entwickelten und seitdem mehrfach veränderten Frustrations-Aggressions-Hypothese. Letztere besagt ebenfalls, dass Frustration als Folge einer Blockade entsteht, die dem Erreichen eines Zieles entgegensteht, und die Frustration sich in Aggression entlädt (bzw. entladen kann, denn später wurde die Hypothese auf andere Formen der Reaktion auf Frustration ausgeweitet).
Der wichtigste Unterschied zwischen dieser Frustrations-Aggressions-Hypothese und der hier vorgestellten Hypothese liegt darin, dass sich in der klassischen Frustrations-Aggressions-Hypothese die Frustration in Aggression gegen irgendeine Gruppe von Menschen entladen kann, der die Rolle des Sündenbockes zugeschrieben wird. Diese Gruppe von Menschen muss also nicht diejenige sein, die für die Blockade verantwortlich ist, die zur Frustration geführt hat. Zwar wird auch im hier vorgestellten Mechanismus die Aggression nicht gegen die für die Blockade Verantwortlichen gerichtet, die mit Bezug auf die Covid-Maßnahmen allen voran (aber nicht nur) die Politiker oder Regierungen sind, die diese Maßnahmen beschlossen oder durchgesetzt haben. Aber im hier vorgestellten Mechanismus ist die Aggression eine gezielte, d.h. die aufgrund von Bedürfnisunterdrückung entstandene Frustration, die ihrerseits in Aggression resultiert, kann sich nicht gegen irgendeine (andere) Gruppe von Menschen (als die Verantwortlichen) richten. Vielmehr besteht der Mechanismus gerade darin, dass die Aggression sich gegen diejenige/n Gruppe/n entlädt, die im Rahmen der Ideologie „guter Linker“, als egoistisch, „anti-sozial“ oder „un-sozial“ kategorisiert wird/werden, weil die Menschen, die zu diesen Gruppen zusammengefasst werden, die Interessen eines angeblich existierenden „Kollektivs“ nicht über individuelle Rechte und Interessen stellen. Die Aggression „guter Linker“ ist gezielt gegen diese Gruppen/solche Gruppen gerichtet, weil nur die Aggression gegen sie es im Rahmen einer Ideologie, gemäß derer sich alle liebhaben (oder liebhaben sollen oder müssen) erlaubt, diese Aggression als Ausdruck von Sorge und Liebe darzustellen bzw. zu versuchen, sie als etwas anderes darzustellen als sie ist: nämlich Aggression gegen andere Menschen.
Kurz zusammengefasst:
Die Frustration „guter Linker“, die durch den ständigen Druck zur Anpassung an unrealistische soziale Normen im Rahmen einer Utopie von einer „bunten Welt“, in der sich alle Menschen liebhaben, bzw. die Notwendigkeit, in Anpassung an diese Normen vorhandene Impulse unterdrücken zu müssen, entsteht, entlädt sich im Zusammenhang mit den Covid-19-Maßnahmen – so die Hypothese -, in Aggression speziell gegen „Anti-Vaxxer“ (und nicht z.B. gegen die für die Maßnahmen verantwortlichen „Experten“, Politiker oder Regierungen oder „die“ Chinesen, die die Welt mit dem Virus beglückt haben), weil nur die gegen „Anti-Vaxxer“ gerichtete Aggression es erlaubt, gleichzeitig (1) an der vermeintlichen Autorität, sei es eine Regierung oder sei es „die“ Wissenschaft oder seien es „Experten“, festzuhalten, sie und damit das öffentliche Narrativ nicht in Frage stellen zu müssen, (2) die aus dauerhafter Bedürfnisunterdrückung resultierende Aggression, die im Rahmen der Ideologie/des öffentlichen Narrativs als etwas schlechtes und zu unterdrückendes, etwas „anti-soziales“ anzusehen ist, als Sorge um das „Kollektiv“ und Liebe zu „den“ Menschen, also also etwas „pro-soziales“, darzustellen und (3) den Neid auf „Abweichler“, die sich nicht wie sie selbst einer der Ideologie/dem öffentlichen Narrativ geschuldeten Unterdrückung normaler menschlicher Impulse unterzogen haben, auszudrücken, ohne dass dieser Neid als solcher offen zu Tage tritt, eben weil die Aggression, die als „pro-soziale“ Sorge um das Wohlergehen des „Kollektivs“ getarnt ist, das Motiv des Neides bzw. das Gefühls, für das für die Ideologie oder das öffentliche Narrativ gebrachte Opfer nicht hinreichend belohnt worden zu sein oder gewürdigt zu werden, scheinbar ausschließt.
Die Beschimpfung und Verfolgung von sogenannten „Anti-Vaxxern“ im Zuge der Covid-Maßnahmen illustrieren, dass formale psychologische Erklärungen für soziale Phänomene dieselben nur dann auf befriedigende Weise erklären können, wenn der konkrete Kontext bzw. inhaltliche Aspekte berücksichtigt werden, vor deren Hintergrund sich die in den Erklärungen angesprochenen psychologischen Mechanismen entfalten . Im Rahmen eines anderen öffentlichen Narrativs bzw. einer anderen Ideologie hätten die bekannten psychologischen Mechanismen zu anderen Ergebnissen geführt, wären also z.B. andere Gruppen von Menschen als Bösewichte oder Schuldige ausgemacht worden oder es wäre vielleicht sogar die eigene Verantwortung für eigene Entscheidungen als eine Normalität erkannt worden.
