Wollt Ihr den Totalen Grünen Staat?: Grüne verbreiten Lügen in Bundestags-Drucksache 18/12644

Theodor Adorno, dessen Name aufgrund historischer Zufälle ausgerechnet mit einer quantitativen Studie, deren Ziel die Erklärung der Unterstützung, wie sie extremistische Organisationen wie die NSDAP darstellen, verbunden ist, wird deshalb unweigerlich genannt, wenn es um die Autoritäre Persönlichkeit geht.

Studien AdornoDie Autoritäre Persönlichkeit, das ist eine defizitäre Persönlichkeit, deren Versuch, eine soziale Bindung zu finden und nach außen als Persönlichkeit zu erscheinen, regelmäßig in den Armen der Anbieter von Extremismus endet. Für Adorno, Frenkel-Brunswick, Levinson und Sanford waren diese Anbieter vornehmlich auf der rechten Seite des politischen Spektrums zu finden.

Eine falsche Überzeugung, wie sich in der Folge gezeigt hat (nicht nur durch die Untersuchungen von Milton Rokeach). Extremismus finden sich auf der linken Seite des politischen Spektrums mindestens so häufig wie auf der rechten Seite des politischen Spektrums, vermutlich findet er sich häufiger und daher kann man begründet annehmen, dass die Anzahl autoritärer Persönlichkeiten auf der linken Seite größer ist, als auf der rechten Seite.

Ein Aspekt, der autoritären Persönlichkeiten besonders auszeichnet, ist eine kognitive Störung, die man unter Rückgriff auf Festinger als Ausschlussverfahren für Informationen, die der eigenen Überzeugung widersprechen, bezeichnen kann. Das Alleinstellungsmerkmal, das nach unserer Ansicht in diesem Punkt Linke von Rechten trennt, besteht darin, dass Rechte Informationen passiv konsumieren und Informationen, die von ihrer Überzeugung abweichen, schlicht ignorieren, während Linke, ihrem intellektuellen Anspruch entsprechend, versuchen, abweichende Informationen zu beseitigen, entweder dadurch, dass sie die Verbreiter abweichender Informationen mundtot oder anderweitig sozial tot machen oder dadurch, dass sie ein gesellschaftliches Klima zu etablieren versuchen, in dem abweichende Informationen gar nicht erst auftauchen können.

Die Mittel der rekonstruktiven Sozialforschung, die Ralf Bohnsack in seinem kleinen Bändchen mit eben diesem Titel beschreibt, insbesondere seine dokumentarische Methode, sind geeignen, um darzustellen, wie die Grünen die Wahrheit unterdrücken, wie sie lügen, um ihre Überzeugung als einzig richtige Überzeugung hinstellen zu können.

logo_bundestagDie entsprechende Methode der grün autoritären Persönlichkeiten, wie man wohl feststellen muss, sind in der „Kleinen Anfrage der Abgeordneten Monika Lazar, Özcan Mutlu, Luise Amtsberg, Volker Beck (Köln), Katja Keul, Renate Künast, Irene Mihalic, Dr. Konstantin von Notz, Tabea Rößner, Elisabeth Scharfenberg, Ulle [kein Tippfehler] Schauws, Hans-Christian Ströbele und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN“ verewigt.

Die Anfrage ist ein Paradebeispiel dafür, wie linke autoritäre Persönlichkeiten versuchen, Informationen und Handlungen, die ihnen nicht gefallen, auszuschalten, um sich ihre eigene kleine faschistische Welt zu bauen, in der sich nur Klone von ihnen finden.

Die Anfrage hat „Mixed-Martial-Arts (MMA)“, also Kampfsport zum Gegenstand und somit etwas, was Grünen nicht passt. Wer sich die Grünen Abgeordneten zu Gemüt führt, hat sicher keine Probleme festzustellen, warum die entsprechenden Abgeordneten an dem Ausdruck, den Maskulinität und Körperbeherrschung in Mixed-Martial-Arts finden, keinen Gefallen finden können.

Nun belassen es linke autoritäre Persönlichkeiten nicht dabei festzustellen, dass Mixed-Martial-Arts eben nicht ihr Ding sind. Nein, linke autoritäre Persönlichkeiten wollen nicht, dass es etwas, was nicht ihr Ding ist, gibt. Entsprechend versuchen sie, die Mixed-Martial-Arts zu diskreditieren.

Wie tut man das heute?

ultimate fighting

Mixed-Martial Arts

Indem man behauptet oder besser: insinuiert, denn zu mehr reicht gewöhnlich der Mut nicht, dass Mixed-Martial-Arts vornehmlich, ausschließlich oder doch in weiten Teilen von Rechtsextremen betrieben werden.

Warum sollen ausgerechnet Rechtsextreme sich mit Kampfsport beschäftigen, der im fernen Asien entwickelt wurde, also durch und durch „undeutsch“ ist?

Die Antwort, abermals insinuiert, findet sich im Kleinen Antrag der Grünen in der Aussage, dass das „Ziel bei MMA ‚anders als in allen anderen Kampfsportarten, offen und ausschließlich die Verletzung des Gegners an Körper, Gesundheit und Leben“ sei.

Können Sie das autoritäre Gehirn bei der Arbeit sehen? Es darauf anzulegen, andere zu verletzten, Kampfsport, Ziel: Den Gegner zu schädigen. Das kann nur rechts sein. Denn Rechtsextreme wollen vor allem Menschen körperlich verletzten. Das ist das Narrativ, das Grüne gerne durchsetzen würden:

Mixed-Martial-Arts-Sportler sind Rechtsextreme, die ihren Kampfsport erlernen, um im Straßenkampf die Grünen und die anderen Linken zu verprügeln und an der Gesundheit zu schädigen. Und auch wenn ein einfacher Blick auf Grüne den Schluss zur Folge hat, dass man kaum Martial-Arts kundig sein muss, um Grüne zu verprügeln, hat dieses Narrativ, dass Rechte extra Kampfsport lernen, um Linke und Grüne zu verprügeln, etwas, was das Ego von Grünen Anfrageschreibern scheinbar wachsen lässt.

Wir halten fest: Die Kleine Anfrage beginnt damit, dass Grüne, wie sie die Welt so durchwühlen, auf etwas treffen, was ihnen nicht gefällt: Mix-Martial-Arts. Weil ihnen Mixed-Martial-Arts nicht gefallen (Stimulus), folgt die Feststellung (Reflex) auf dem Fuße, dass es sich bei Mixed-Martial-Arts um eine rechtsextreme Betätigung handeln müsse, insbesondere, weil Mixed-Martial Arts „anders als“ alle „anderen Kampfsportarten … offen und ausschließlich auf die Verletzung des Gegners an Körper, Gesundheit und Leben“ ausgerichtet seien.

Offensichtlich hängt das Grüne Weltbild daran, dass man Mixed-Martial-Arts Kämpfer als Rechtsextreme disqualifizieren kann. Und diese Disqualifikation bedarf der Feststellung, dass Mix-Martial-Arts „ausschließlich auf die Verletzung des Gegners an Körper, Gesundheit und Leben“ ausgerichtet sind, eine Behauptung, die die Grünen im Bundestag der Bundesärztekammer zuschreiben. 2010, so schreiben die Grünen, hätte die Bundesärztekammer diese Aussage getätigt, diese Aussage, die so gut zu den Vorurteilen passt, die die Grünen gerne in Mixed-Martial-Arts objektivieren würden.

Und so liest sich die Grüne Behauptung im Original:

„MMA ist umstritten. 2010 forderte die Bundesärztekammer ein Verbot aller „Ultimate Fighting“-Events (Kampfserie eines US-MMA-Verbandes) in Deutschland, da das Ziel bei MMA „anders als in allen anderen Kampfsportarten, offen und ausschließlich die Verletzung des Gegners an Körper, Gesundheit und Leben“ sei (vgl. www.welt.de/sport/article145458446/Nichts-fuer-Assis-die-Rentnerins-Koma-pruegeln.html). Die bayerische Landeszentrale für neue Medien verbot 2010 eine Übertragung im deutschen Fernsehen. Dieses Verbot wurde 2014 gerichtlich gekippt.”

Alles Lüge; wie ein wenig Recherche zu Tage fördert, denn die Bundesärztekammer war genötigt, die entsprechende Aussage zu widerrufen, öffentlich und mit der folgenden Stellungnahme:

Baerztekammer Unterlassungserklaerung“Auf den Internetseiten der Bundesärztekammer (www.bundesaerztekammer.de) unter der Rubrik „113. Deutscher Ärztetag“, im Beschlussprotokoll zum 113. Deutschen Ärztetag sowie im Rahmen einer Pressemitteilung vom 14. Mai 2010 fordert die Bundesärztekammer gestützt auf eine Entschließung des Deutschen Ärztetags im Rahmen des Antrags Drucksache V – 128 das „Verbot der „Ultimate Fighting“-Veranstaltungen und ihrer TV-Übertragung“.

In diesen Dokumenten sind die nachfolgenden Behauptungen enthalten, die hiermit als unwahr widerrufen werden. Zudem wird die Entschließung des 113. Deutschen Ärztetages zur Drucksache V 128 „Verbot der „Ultimate Fighting“-Veranstaltungen und ihrer TV-Übertragung“ insoweit aufgehoben.

Die unwahren Tatsachenbehauptungen sind im Einzelnen, dass:

• das Ziel von „Ultimate Fighting“ Veranstaltungen – anders als in allen Kampfsportarten – offen und ausschließlich die Verletzung des Gegners an Körper, Gesundheit und Leben ist;

• ein Kampf in der Regel solange weitergeführt wird, bis ein Kämpfer regungslos liegen bleibt;

• es sich bei UFC-Veranstaltungen um Kampfveranstaltungen handelt, bei denen es ausschließlich darum geht, dem Gegner Verletzungen an Körper, Gesundheit und Leben zuzufügen, bis er regungslos am Boden liegt;

• die Abgrenzung zu anderen Sportarten anhand der Frage, ob eine Betätigung auf die Körperverletzung abzielt, klar zu treffen ist;

• bei derartigen Veranstaltungen in der Regel schwere Verletzungen des Kopfes, innerer Organe und des Bewegungsapparates herbeigeführt werden;

• Todesfälle in der Folge derartiger Kämpfe vielfach aufgetreten sind;

• sich die Kämpfer in der Regel schwere Verletzungen des Kopfes, der inneren Organe und des Bewegungsapparates zufügen – oft auch bis zum Tod;

• es in Deutschland bislang nur vereinzelte Versuche, solche Veranstaltungen abzuhalten gegeben hat, die bis auf eine von den Ordnungsbehörden verhindert werden konnte;

• die Bayerische Landesmedienzentrale am 19.3.2010 dem Sender DSF die Genehmigung entzogen hat, weiter solche Veranstaltungen auszustrahlen;

• der Deutsche Ärztetag in derartigen Aufführungen die zielgerichtete und absichtliche Herbeiführung eines sog. Polytraumas sieht, die auch nicht durch eine zuvor erklärte Einwilligung des Verletzten in seine eventuelle Verletzung erlaubt sein kann; sowie

• gerade die in der Rechtssprechung zum ärztlichen Heileingriff entwickelten Anforderungen an die notwendige Aufklärung es ausschließen, dass den Kämpfern zuvor die möglichen Verletzungsfolgen (z. B. Blindheit, Querschnittslähmung) hinreichend deutlich gemacht worden sein können.”

Es ist schon erstaunlich, welche Lügenwerke auf Ärztetagen als Entschließung verabschiedet werden.

tennessee-williams-dramatist-the-only-thing-worse-than-a-liar-is-aWer die Unterlassungserklärung genau liest, stellt fest, dass alle zitierten Aussagen, die die oben genannten Grünen in der aktuellen Bundestagsdrucksache 18/12644 machen, falsch sind. Die Bundesärztekammer hat die von den Grünen als wahr zitierte Aussage öffentlich widerrufen und als unwahr gekennzeichnet und die Aussage, nach der die bayerische Landesmedienzentrale eine Übertragung von Mixed-Martial Arts im Deutschen Fernsehen verboten hat, ist ebenfalls eine Lüge.

Der Antrag der Grünen zum brennenden Thema der Mixed-Martial-Arts enthält somit zwei Lügen. Scheinbar heiligen Lügen als Mittel den Grünen Zweck.

Ganz nebenbei geben die Grünen noch einen tiefen Einblick, in ihren autoritär Persönlichkeitsabgrund. „Dieses Verbot wurde 2014 gerichtlich gekippt“, so lautet die verräterische Formulierung, in der alle grüne Verachtung für richterliche Entscheidungen, die den grünen Überzeugungen widersprechen, zum Ausdruck kommt.

Wer also bei der Bundestagswahl Grüne wählt, der kann sicher sein, dass kein Bereich seines Lebens mehr vor Grünen Übergriffen, die auch mit Lügen gerechtfertigt werden, sicher ist.

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Aggressiv und unterwürfig: Was Links- und Rechtsextremisten auszeichnet

Teil 2 der ScienceFiles-Serie:

Eineiige Zwillinge: Was unterscheidet „Rechte“ von „Linken“?

Antworten aus neueren empirischen Studien

Systematische sozialwissenschaftliche Extremismusforschung gibt es seit den 1950er-Jahren und kann zu einem großen Teil als Reaktion auf das nationalsozialistische Regime in Deutschland bzw. den Zweiten Weltkrieg gelten. Sie war von Anfang an stark geprägt von der Beschreibung der sogenannten autoritären Persönichkeit, die Theodor W. Adorno et al. im Jahr 1950 vorgelegt hatten. Adorno hat über diese Studie später geschrieben:

Studien Adorno„Our intention, similar to that of psychoanalysis, was to determine present opinions and dispositions. We were interested in the fascist potential. In order to be able to work against that potential, we also incorporated into the investigation, as far as was possible, the genetic dimension, that is, the emerging of the authoritarian personality” (Adorno 1998: 235; Hervorhebungen im Original).

Die autoritäre bzw. faschistische Persönlichkeit wurde durch Adorno und Kollegen mit Hilfe der sogenannten F-Skala – das „F“ steht für „fascist“ oder „fascism“ bzw. „Faschismus“ – identifiziert, und sie zeichnet sich aus durch: Konventionalismus, Unterwerfung unter (idealisierte) Autoritäten, Aggression gegenüber Menschen, die konventionelle Normen überschreiten oder sich Autoritäten nicht unterwerfen (wollen), Anti-Intrazeption, soll heißen: die Abwehr alles Nach-Innen-Gewandten wie Sensibilität oder Phantasie, durch Aberglaube und stereotypes Denken, ein Denken in Dimensionen von Macht und Herrschaft und die Demonstration des Ichs als stark und robust, durch Destruktivität und Zynismus, durch Projektivität, d.h. die Projektion unbewusster, den Trieben entstammender Impulse auf die Außenwelt, und durch eine übertriebene Beschäftigung mit Sexualität (Adorno et al. 1950; eine kurze, aber informative, Zusammenfassung bietet Nelson 2007).

Obwohl es schon seit (und in) den 1950er-Jahren einzelne Forscher – allen voran Eysenck (1954) und Rokeach (1960) – gab, die darauf hinwiesen, dass es Extremisten auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums gab, die also eher „… ideological structure rather than content” (Rokeach 1960: 6) betonten, war die Extremismusforschung bis vor sehr kurzer Zeit in der Regel tatsächlich keine Extremismusforschung, sondern eine Forschung über Rechtsextremismus oder genauer: über rechtsextreme Einstellungen. Die Einstellungen, die als mit Rechtsextremismus verbunden betrachtet wurden, wurden gleichzeitig als Ausdruck problematischer Persönlichkeitsstrukturen oder als Ergebnisse mangelhafter oder problematischer psychologischer Prozesse angesehen, aber gewöhnlich wurde beides, politische Einstellungen oder Einstellungen zu gesellschaftspolitisch relevanten Fragen und Persönlichkeitsmerkmale, nicht unabhängig voneinander gemessen (ganz so, wie auch die F-Skala Adorno und Kollegen dazu diente, lediglich das „faschistische Potenzial“ zu messen, das sie aus dem Vorhandensein bestimmter Persönlichkeitsmerkmale (eben der autoritören Persönlichkeit) ableiteten).

Bis heute ist diese Praxis weit verbreitet. Was sich verändert hat, ist, dass immer mehr Forscher die Vorstellungen von Eysenck und Rokeach & Hanley aufnehmen und sich dementsprechend für die Vorstellung öffnen, dass rechts- und linksextreme Persönlichkeitsmerkmale teilen, die sie von Nicht-Extremen Personen (gleich, welcher politischer Orientierung) unterscheiden.

Drei dieser Forscher sind Alain Van Hiel, Bart Duriez und Malgorzata Kossowska, die im Jahr 2006 einen Bericht veröffentlicht haben, in dem sie über ihre Studienergebnisse zu der Frage „[…] are [there] any „true left-wing authoritarians‘ among the adherents of the various ideological groups [?]“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 785) und die Frage nach dem Verhältnis zwischen „left-wing authoritarianism (LWA)“ und „right-wing authoritarianism (RWA)“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 769) berichten.

Hitler in LandsbergZur Beantwortung dieser Fragen entwickelten die Autoren zunächst eine eigene Skala zur Messung von Linksextremismus mit insgesamt acht Aussagen, zu denen die Befragten auf einer Fünf-Punkte(-Likert-)Skala Stellung nehmen können. Vier der Aussagen sollten die Aggressionsdimension von (hier: Links-/)Extremismus messen, die anderen vier die Unterwerfungsdimension von (hier: Links-/)Extremismus. Zur Messung von Rechtsextemismus verwendeten die Autoren eine elf Aussagen umfassende Skala, der sie ihre Linksextremismus-Skala zugrundlegten, aber dort, wo sich Aussagen in der Linksextremismus-Skala auf „das Establishment“ bezogen, Substantive einsetzen, die für Rechtsextreme als typisch geltende Fremdgruppen bezeichnen, also „linke Revolutionäre“ oder „Anarchisten“. Auf diese Weise haben Van Hiel, Duriez und Kossowska eine für Links- und Rechtsextreme annähernd äquivalente Skala entworfen. Darüber hinaus haben die Autoren eine Skala zur Messung von „Right-wing Authoritarianism (RWA)” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 777) verwendet, die von Altemeyer (1981) formuliert wurde und elf Aussagen umfasst.

Die Qualität der von den Autoren selbst entwickelten Skalen wurden anhand einer flämischen Stichprobe von 208 „ordinary voters” getestet, die von Studenten der Politikwissenschaft rekrutiert wurden, indem die Studenten Erwachsene in ihrer Nachbarschaft um Teilnahme an der Studie baten. Diese Stichprobe diente also allein dazu, die Reliabilität der neu entwickelten Skalen zu testen, d.h. zu testen, inwieweit die Skalen zuverlässige Messungen erbringen (weshalb mit Bezug auf die Zusammensetzung der Stichprobe lediglich sicherzustellen war, dass sie heterogen ist). Mit Werten für Cronbachs alpha von .77 und .76 erwies sich die Zuverlässigkeit der Skalen zur Messung von Links- und für Rechtsextremismus als akzeptabel.

Weil bei der Befragung der „ordinary voters“ auch die neu geschaffene Skala zur Messung von Rechtsextremismus Skala zur Messung von „Right-wing Authoritarianism von Altemeyer vorgelegt wurde, war es möglich, den Zusammenhang zwischen dieser Skala und der neu geschaffenene Skala zur Messung von Rechtsextremismus zu überprüfen. Im Ergebnis zeigte sich, dass diese beiden Skalen statistisch stark miteinander korrelierten, was wiederum die Vermutung nahelegt, dass „… our LWA items sufficiently tap the authoritarianism concept“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 780)“, also „Autoritarismus“ durch die von den Autoren neu geschaffenenen Skalen zur Messung von Links- und Rechtsextremismus mit den beiden Dimensionen „Aggression“ und „Unterwerfung“ erfasst wird.

Weil in der Stichprobe der „ordinary voters“ keine Personen gefunden werden konnten, die auf der Linksextremismus-Skala (bei einem Mittelpunkt von 3.0) einen höheren Testscore als 3.38 aufwiesen, und weil diese Skala nur als Gesamtskala zuverlässige Messergebnisse erbrachte, aber nicht für die Dimensionen „Aggression“ und „Unterwerfung“ getrennt betrachtet, führten Van Hiel, Duriez und Kossowska eine zweite Untersuchung anhand einer anderen Stichprobe durch. Wieder wurden „ordinary voters“ auf die oben beschriebene Weise rekrutiert – diesmal waren es 264 –, aber zusätzlich wurden nun 69 politische Aktivisten rekrutiert. Sie waren „… militants of various political movements“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 782): 20 Kommunisten, von denen vierzehn der stalinistischen “Partij Van De Arbeid” (PVDA) angehörten und sechs der neo-marxistischen Kommunistischen Partei, 21 Anarchisten, die sich selbst als solche bezeichneten und in der anarchistischen Bewegung aktiv waren, elf Unterstützer des als rechtsextrem eingestuften „Vlaams Blok“ und 17 „Moderate“, die verschiedenen Parteien (den Christdemokraten, Sozialisten, Gründen …) angehörten.

Es zeigte sich, dass „… the total LWA scale is internally consistent. However, the aggression and submission facet scales can be used as valid indicators in the political activist sample, but not in the voter sample”. Während in der Stichprobe der “ordinary voters” wieder keine Linksextremen identifiziert werden konnten, war das in der Stichprobe der politischen Aktivisten der Fall: die Kommunisten hatten statistisch signifikant höhere Testwerte auf der Linksextremismus-Skala als Anarchisten, die ihrerseits statistisch signifikant höhere Testwerte auf dieser Skala erreichten als die anderen Gruppen politischer Aktivisten (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 785). Bei getrennter Betrachtung der Dimensionen der Linksextremismus-Skala, „Aggression“ und „Unterwerfung“, zeigte sich, dass Kommunisten statistisch signifkant höhere Testwerte als Moderate und Rechtsextreme auf beiden Dimensionen erreichten.

Echte linksextreme Autoritäre konnten die Autoren unter den Kommunisten und den Anarchisten identifizieren: von den 20 Kommunisten waren es dreizehn, die Testwerte oberhalb des Mittelpunktes der Linksextremismus-Skala erreichten, von den 21 Anarchisten erreichten sechs Personen Testwerte oberhalb des Mittelpunktes der Linksextremismus-Skala. „In sharp contrast, not one single left-wing authoritarian was detected among the 16 moderates and the 11 right-wing extremists. However, rather surprisingly, six participants in these groups obtained a score equal to or higher than 3.00 for the submission facet scale” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 785-786).

Die Frage“… are [there] any „true left-wing authoritarians‘ among the adherents of the various ideological groups [?]“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 785) müssen die Autoren aufgrund ihrer Daten also positiv beantworten: „It has been shown that LWA does exist and should not be considered a myth, …” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 789).

StalinZwar beeilen sich die Autoren zu betonen, dass „…these results also make it clear that the presence of LWA in Western societies seems to be limited to very specific political movements that do not elicit much support in the mass public. As such, LWA is a marginal phenomenon in political life that is not easily found in convenience samples. Moreover, some left-wing extremists (6 out of 20) did not obtain score higher than the neutral point indicating that even among left-wing extremists there are a number of nonauthoritarians” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 787), aber inwieweit sich dasselbe auf der Basis ihrer Daten mit Bezug auf Rechtsextemismus sagen lässt, berichten die Autoren nicht. Und weil – wie die Autoren selbst festhalten – gilt: “… almost by definition, “extremists” are not that numerous and they have also been reported to be unwilling to participate in empirical studies as well …” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 791), müsste man es als methodischen Fehler werten, wenn Rechtsextreme in den Stichproben der Autoren oder anderen Stichproben nicht ebenso selten wären wie Linksextreme.

Was die zweite Frage nach dem Zusammenhang zwischen Links- und Rechtsextremismus betrifft, so halten die Autoren fest: „One of the most disturbing findings in the present voter samples as well as in Altemeyer (1996) is the positive correlation between LWA and RWA“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 790; Hervorhebung d.d.A.), die mit r = .22 (p ˂ .001) statistisch betrachtet zwar als nur schwache Korrelation gelten kann, aber für all diejenigen bestürzend sein muss, die meinten, Links- und Rechtsextermismus hätten nichts gemeinsam, oder sogar, dass es unter „ganz normalen Wählern“ schlicht keinen Linksextremismus geben könne, sondern nur Rechtsextremismus, der angeblich in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei (und dann gar kein Extremismus im quantitativen Sinn wäre).

Die gleichzeitige Beobachtung der Autoren, nach der in der Stichprobe der politischen Aktivisten ein mittelstarker negativer Zusammenhang zwischen Links- und Rechtsextremismus (r = -.45, p ˂ .001) bestand, legt die Vermutung nahe, dass Links- wie Rechtsextremismus gleichermaßen auf eine autoritäre Persönlichkeit und auf vorhandene Aggressionsbereitschaft aufsetzen und erst in aktivistischen Netzwerken und durch entsprechende Schulung Inhaltlich (in mehr oder weniger entgegengesetzte Richtungen) geformt werden.

Dafür, dass diese Vermutung zutrifft, spricht auch, dass die Autoren feststellten, dass in der Aktivisten-Stichprobe eine starke Korrelation zwischen Linksextremismus und wirtschaftlicher Progressivität, die ebenfalls anhand einer Skala gemessen wurde, bestand, aber nicht in der Stichprobe der „ordinary voters“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 787).

Literatur:

Adorno, Theodor W., 1998: Critical Models: Interventions and Catchwords. New York: Columbia University Press.

Adorno, Theodor W., Frenkel-Brunswik, Else, Levinson, Daniel J. & Nevitt, Sanford, 1950: The Authoritarian Personality. New York: Harper & Brothers.

Altemeyer, Bob, 1981: Right-Wing Authoritarianism. Winnipeg: University of Manitoba Press.

Eysenck, Hans J., 1954: The Psychology of Politics. London: Routledge & Kegan Paul.

Nelson, Noelle M., 2007: Authoritarian Personality. In: Baumeister, Roy F. & Vohs, Kathleen D. (eds.): Encyclopedia of Social Psychology, Volume 1.Thousand Oaks: Sage, pp. 81-83.

Rokeach, Milton, 1960: The Open and Closed Mind: Investigations into the Nature of Belief Systems and Personality Systems. New York: Basic Books.

Van Hiel, Alain, Duriez, Bart & Kossowska, Malgorzata, 2006: The Presence of Left-Wing Authoritarianism in Western Europe and Its Relationship with Conservative Ideology. Political Psychology 27(5): 769-293.

Teil 1 der Reihe: Eineiige Zwillinge: Was unterscheidet “Rechte” von “Linken”

©Heike Diefenbach, 2017; ScienceFiles


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Toleranz ist … andere Meinungen abzuschalten

Wir leben im Zeitalter der Toleranz, der Akzeptanz, der Vielfalt, im Zeitalter der offenen Gesellschaft, in der alles gesagt und gemeint werden darf, ungestraft und ohne Konsequenzen.

Es sei denn, Toleranz und Akzeptanz sind im Hinblick auf abweichende politische Meinungen gefordert.

Dann ist Schluss mit lustig.

zero toleranceDann ist Toleranz und Akzeptanz Schnee von gestern. Dann wird sich eingeigelt, im “echo chamber” der eigenen Meinung und in der “Filterblase” der eigenen Meinung. Vor allem die politische Meinung wird von einem politischen Reinheitsgebot bestimmt: Nie sollst Du Dich mit politisch Andersdenkenden umgeben, nie ihre Meinung tolerieren, akzeptieren, ja nicht einmal hören und zur Kenntnis nehmen sollst Du sie. Die unreine Meinung, sie könnte Deine ideologische Basis erschüttern, sie ins Schwanken bringen, darauf verweisen, dass Deine Meinung weder begründet noch begründbar ist, dass sie, mit anderen Worten, nicht adäquat ist, um einer kritischen und an Argumenten ausgerichteten Auseinandersetzung ausgesetzt zu werden.

Besser man lässt es nicht so weit kommen.

Besser man schaltet alle Meinungen, die politisch nicht passen, ab, umgibt sich mit Gleichmeinenden, mit der Harmonie, die nur die Langeweile des Immerselben herzustellen vermag.

Besser man sitzt in seinem “echo chamber” und schreit sich gegenseitig zu, wie tolerant man ist, wie sehr man andere Meinungen akzeptiert, Meinungen, die aus der eigenen Welt ausgeblendet und verbannt werden.

“I don’t like you anymore”, so haben Nicholas A. John und Shira Dvir-Gvirsman ihren Beitrag überschrieben, der gerade im Journal of Communication erschienen ist.

1013 jüdisch-israelische Facebook-Nutzer haben die beiden Autoren darin untersucht, und zwar im Jahr 2014 und während des letzten Gaza-Konfliktes, der es in die westliche Presse geschafft hat. Dabei haben sich die Autoren besonders dafür interessiert, welche Facebook-Freundschaften in ihrem Beobachtungszeitraum gelöst wurden. 16% der Freundschaften wurden gelöst, so ihr Ergebnis, zumeist aus politischen Motiven.

Diejenigen, die eine Freundschaft auf Facebook durch den entsprechenden Klick beendet haben, waren eher (a) politisch aktiv, hatten eher (b) extreme Einstellungen, hatten (c) vergleichsweise viele Facebook-Freunde, waren (d) auf Facebook vergleichsweise aktiv und (e) vergleichsweise jung.
Rokeach omindDie Autoren werten ihre Ergebnisse als beängstigend, zeigen sie doch eine selbstgewählte Verengung der eigenen Perspektive, einen selbstgewählten Ausschluss von Meinungen, die der eigenen nicht entsprechen. Auf diese Weise bilden sich abgeschlossene Welten, die wir als Meinungsghettos  bezeichnen. In diesen Meinungsghettos leben Inhaber gleicher Meinungen, die abweichende Meinungen nicht nur nicht mehr zur Kenntnis nehmen, sondern über kurz oder lang alle Meinungen, die nicht ihrer Meinung entsprechen, als abweichende, ja illegale Meinung ansehen.

Die Ghettobewohner verlieren jede Fähigkeit, sich mit Inhabern abweichender Meinungen auszutauschen und entsprechend jede Tuchfühlung mit der Realität. Sie hausen im Meinungsghetto, fühlen sich darin wohl und sind allen Ernstes davon überzeugt, tolerant zu sein und abweichende Meinungen zu akzeptieren, bzw. sie sind davon überzeugt, dass sie abweichende Meinungen tolerieren und akzeptieren würden, wenn es sie denn gäbe.

Milton Rokeach hat in ähnlichem Zusammenhang von “the closing of the mind” gesprochen und darin den Nährboden des Totalitarismus gesehen.

Nicholas, John A. & Dvir-Gvirsman, Shira (2015). ‘I don’t Like You Anymore’: Facebook Unfriending by Israelis During the Israel-Gaza Conflict of 2014. Journal of Communication doi: 10.1111/jcom.12188

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Warum man mit vielen Deutschen alles machen kann

Gestern haben wir nach dem Punkt gefragt, ab dem sich bei manchen Deutschen oder den meisten Deutschen Leidensfähigkeit in Handlung übersetzt, d.h. ab wann sie denken, sie müssten etwas an einem Missstand ändern. Einige Reaktionen auf dieses Post haben einmal mehr gezeigt, warum man mit manchen Deutschen so ziemlich alles machen kann. Doch der Reihe nach.

Beispiel 1:

Vor 12 Jahren als die ersten Reaktionen auf unseren Beitrag “Bringing Boys Back In” eingetroffen sind, haben wir uns zum ersten Mal verwundert angeschaut und versucht, eine groteske Situation zu verstehen. Die groteske Situation ist diese:

Wir berichten in einem wissenschaftlichen Beitrag davon, dass Jungen im deutschen Schulsystem erhebliche Nachteile gegenüber Mädchen haben und dass diese Nachteile um so geringer ausfallen, je höher der Anteil männlicher Grundschullehrer und je geringer die Arbeitslosenquote ist.
Hurrelmann BildungsverliererNun sollte man denken, die Tatsache, dass Jungen in ihrem schulischen Erfolg hinter Mädchen zurückbleiben, sei ein Faktum, das zu intensiven Debatten darüber anreizt, wie man diese Nachteile beseitigen kann. Weit gefehlt. Statt über die Nachteile von Jungen zu diskutieren, haben es etliche Kommentatoren vorgezogen, von einer Feminisierung der Schule, die wir angeblich festgestellt hätten, zu fabulieren. Noch intensiver wurde darüber diskutiert, ob Lehrerinnen prinzipiell schuld sein können oder ob nicht Lehrerinnen als Vertreter des weiblichen Geschlechts bar jeglichen negativen Einflusses auf die sie umgebende Welt seien. Und während derart wichtige Fragen von Schuld und Intention diskutiert werden, leben die Fakten unbeeindruckt weiter: An der Situation von Jungen hat sich seit 2002 wenig bis nichts verändert. Noch immer haben sie erhebliche Nachteile gegenüber Mädchen.

Beispiel 2:

Wir berichteten gestern und nicht zum ersten Mal darüber, dass Deutsche von ihrem Staat ausgenommen werden. Nicht alle Deutsche, nein, nur diejenigen, die erwerbstätig sind und bei denen etwas zu holen ist. Das Zauberwort hier heißt Umverteilung, gewöhnlich ergänzt durch die Phrase “soziale Gerechtigkeit”. Beide zusammen sind u.a. Begründung dafür, dass dem Durchschnittsarbeitnehmer rund 53% seines Bruttoverdienst weggesteuert wird (ohne Verbrauchsssteuern) und dafür, dass dem Durchschnittsrentenbeitragszahler nur rund 40% der Beiträge, die er abführt, zu Gute kommen.

Die Umverteilung, die z.B. im Rentensystem stattfindet, führt dazu, dass Männer im Durchschnitt nach Renteneintritt mit 39,7% des Einkommens rechnen können, das sie während ihrer Erwerbstätigkeit erwirtschaftet haben. während Frauen mit 42,8% ihres ehemaligen Einkommens (aus Transferzahlungen oder Arbeit) rechnen können (Metzger & Schoder, 2013: 268). Es führt weiter dazu, dass langjährige Versichterte, also solche, die 35 Wartejahre zusammenbekommen haben, diese auf Basis von 8 Ausbildungsjahren, 12 Jahren der Kindererziehung, die als Berücksichtigungszeiten gelten, ergänzt um 3 Jahre für Arbeitslosigkeit und 12 Wartejahre, die über eine Teilzeittätigkeit erwirtschaftet wurde, erreichen können und als Folge eine Rente beziehen, die der Rente entspricht, die ein Vollzeiterwerbstätiger, der nie mehr als den Bruttodurchschnittslohn verdient hat, erhält. Eine deratige Bevorzugung bestimmter Lebensweisen, noch dazu von Lebensweisen, die nur geringe Beiträge zur Rentenkasse bringen, ist ein Affront gegen jede Form von Gerechtigkeit und man sollte denken, dass darüber eine intensive Debatte entsteht.

Aber, Groteske Nr. 2, nein, wir diskutieren nicht darüber, ob die Verteilung von Rentenbeiträgen und Steuergeldern über den Bundeszuschuss zur Rente gerecht ist, sondern darüber, ob Mutter sein, eine erhabene Tätigkeit ist, die von Liebe und der Suche nach Wahrheit getragen wird.

Es ist zum Haare ausraufen. Wann immer in Deutschland ein Missstand aufgezeigt wird, der mit Fakten belegt ist und entsprechend nicht weggeredet werden kann, dauert es nicht lange, und die Diskussion wird über affektive geladene Inhalte geführt, die mit dem Missstand nur vermittelt, wenn überhaupt etwas zu tun haben.

black hole spiralWir haben schon mit unserer Theorie der Diffamierungs-Spirale gezeigt, wie einfach es in Deutschland ist, eine Diskussion von den Fakten, über die diskutiert werden muss, loszulösen und mit affektiven Inhalten zu füllen. Nun ist es an der Zeit, unsere Theorie der Diffamierungs-Spirale mit ein paar sozialpsychologischen Grundlagen zu unterfüttern.

Wir stellen die Hypothese auf, dass man mit vielen Deutschen deshalb alles machen kann, weil sie in einer Welt der affektiven Begriffe leben, die mit der faktischen Welt im besten Fall eine Schnittmenge gemein hat, im ungünstigsten Fall überhaupt nichts.

Für kaum einen Begriff, über den öffentlich diskutiert wird, gilt, dass über seinen Tatsachengehalt und nicht über seine affektive Ladung diskutiert wird.  Der Grundkonsens unter vielen Deutschen scheint darin zu bestehen, dass man die Welt in absolut gut und absolut böse einteilen müsse. Die entsprechende Einteilung ist von der jeweiligen Gesinnung abhängig und wird im Verlaufe der Sozialsation operand konditioniert, d.h. innerhalb seiner Bezugsgruppe lernt ein Deutscher, was er von bestimmten Begriffen zu halten hat, er lernt den richtigen emotionalen Reflex entsprechend seiner Gesinnung, was er nicht lernt, sind Bedeutung und Tatsachengehalt der Begriffe:

Homosexualität ist gut für Linke, böse für Rechte, Migranten sind gut für Linke, böse für Rechte. Feminismus ist gut und links, wer gegen Feminismus ist, muss entsprechend böse und rechts sein – oder umgekehrt. Europa ist gut und links, Europakritik böse und rechts – oder umgekehrt. Öffentliche Diskussionen sind Diskussionen über die richtige Gesinnung, und sie sind eines nicht: Diskussionen über Fakten. Fakten treten sofort in den Hintergrund, sofern sie überhaupt eine Rolle spielen. An ihre Stelle tritt die Zuordnung der eigenen Person zur richtigen Seite, denn diese Zuordnung ist es, die den Sinn im Leben ausmacht.

Carrot and stickAffektiv dominierte Deutsche, die viel Emotion haben und in Begriffshülsen predigen, weil sie keine Argumente haben, sind Deutsche, die es nicht geschafft haben, sich einen eigenen Lebensinn zu geben, weil sie entweder nicht über die kognitiven Fähigkeiten verfügen, eine eigene Weltsicht zu entwickeln oder nicht über die Persönlichkeit, dies zu tun. Viel lieber ordnen sie sich zu, gewinnen sie ihren Selbstwert daraus, dass sie sich mit aus ihrer Sicht guten Begriffen schmücken. Dann werden sie zu etwas, zum Anitifaschisten (was auch immer das sein mag), zum Europäer (wodurch sich der Europäer auch immer auszeichnen mag), zum Deutschen (was auch immer den Deutschen charakterisieren mag).

Mit diesem Bedürfnis lässt sich prima arbeiten. Man wirft Begriffe in den Ring und kann darauf vertrauen, dass einem Horden von Sinnsuchern zulaufen, die nur darauf gewartet haben, für Homosexuelle einzutreten, obwohl sie keine Ahnung haben, was es bedeutet, homosexuell zu sein; die nur darauf gewartet haben, sich gegen Überfremdung zu wehren, obwohl es keinerlei empirische Hinweise auf eine solche gibt, eher spricht alles für eine Renaissance des kleinbürgerlich-linken Mief. Worin auch immer der Inhalt bestehen mag, affektiv Dominierte springen dann, wenn er zur eigenen Gesinnung passt auf ihn und gewinnen einen Lebenssinn, sie werden zu Kämpfern für die Sache der Entrechteten oder gegen schädliche Einflüsse.

Die entsprechenden Feindbilder sind Legion, sie reichen von der US-amerikanischen Hochfinanz über die mehr ordinären Banker, über Unternehmen, die vermeintlich Profit vor Umwelt stellen, über Hater und Antifeministen, bis hin zu Rechtsextremen, die besonders geeignet sind, um eine moralische Panik zu inszenieren. Bereits 15 versprengte Gestalten in Springerstiefeln reichen aus, um Meuten von Antifaschisten auf den Plan zu rufen und unbeteiligtes Eigentum im Kampf für das Gute zu zerstören.

Und ganz nebenbei wird jegliche Möglichkeit der Verständigung zerstört. Da irrationale Gefühle immer als reine Gefühle daherkommen, ist kein Platz für die Relativität der Welt, dafür, festzustellen, dass Homosexualität nicht nur gut ist, sondern Risiken wie AIDS umfasst, dafür, festzustellen, dass Migranten nicht nur gut oder nur böse sind, weil Migranten Menschen sind, mit allen ihren Vorzügen und Fehlern oder dafür, festzustellen, dass nichts getan werden kann, ohne damit unbeabsichtigte und unbedachte Nebenfolgen zu produzieren, Nebenfolgen, die man bedauern mag, oder Nebenfolgen, die positiv überraschen.

Kurz: Für das ganz normale Leben ist in der Sinnsuche affektiv Dominierter kein Platz, denn das Leben ist zu komplex, als dass es in ihre schale Welt, in der alles in zwei Schubladen eingeordnet werden muss, passen würde. Man könnte auch sagen, affektiv Dominierte haben es nicht aus dem Kindheitsstadium in ein Erwachsenenalter geschafft. Sie sind in der Infantilität verblieben und hadern damit, dass von ihnen verlangt wird, ein eigenverantwortliches Leben zu führen und eine entsprechende Urteilsfähigkeit, die auf der Wahrnehmung und Gewichtung von Fakten basiert, zu entwickeln.

Aber das ist eine Hypothese, die noch empirisch geprüft werden muss. Vielleich findet sich ja ein mutiger Sozialwissenschaftler.

Unsinn der Woche: Karin Priesters Gebrabbel

boohSie sind ein…
Populist!
Antifeminist!
Rechtspopulist!
Libertärer!
Ethno-nationalistischer Fremdenfeind!
Rechtsextremist!
Faschist!
Neoliberaler!
BUUH!

Sind Sie jetzt erschreckt? Zusammengefahren? Fühlen Sie sich jetzt schlecht? Sind Sie am Ende in sich gekehrt und denken gerade darüber nach, was Sie in Ihrem Leben so alles falsch gemacht haben? Finden Sie sich nicht so recht wieder, in diesen Begriffen? Oder sind Sie am Ende jemand, der nicht an die Magie von Worten glaubt? Jemand, der nicht auf die affektive Konnotation reagiert, die mit Begriffen, wie den zitierten angesprochen werden soll, sondern der immer noch denkt, Begriffe seien erfunden worden, um Informationen zu transportieren und sich zu verständigen? Dann gehören Sie entweder nicht auf die linke Seite des politischen Spektrums, sind nicht modern oder sie hängen noch einer veralteten und vor-konstruktivistischen Kommunikationstheorie an.

Das Problem, dass Begriffe Informationen transportieren sollen, kennt Karin Priester nicht. Für Priester sind Begriffe Vehikel, die das transportieren, was sie gerade fühlt bzw. an affektiver Ladung über andere ausgießen will. Sie kennen Karin Priester nicht? Macht nichts. Ich kenne Karin Priester auch nicht. Dr. habil. Heike Diefenbach kennt sie nicht. Wir und fast alle die wir gefragt haben, hatten noch nie etwas von Karin Priester gehört. Aber Karin Priester scheint eine Anhängerschar in Wikipedia zu unterhalten, die immer wieder gerne auf einen Artikel zurückgreift, den Priester in APuZ veröffentlicht hat und den man immer dann gebrauchen kann, wenn man BUUH machen und Leser mit Begriffen erschrecken will.

Oh No!APuZ, das ist das Blättchen, das der Wochenzeitschrift “Das Parlament” beigelegt wird, und in dem eine wechselnde Schar von – wie auch immer ausgewählten – Autoren zu bestimmten Themen etwas schreiben darf. APuZ, Aus Politik und Zeitgeschichte, hat keinen wissenschaftlichen Anspruch wie man leicht der Tatsache entnehmen kann, dass selbst Karin Priester dort ein Forum findet. So hat sie im Heft 44/2010 einen mit “Fließende Grenzen zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Europa?” überschriebenen Text veröffentlicht.

Man muss den Text nicht lesen. Er ist eine Ansammlung von Begriffen wie “ethno-nationalistische Fremdenfeindlichkeit”, “nationalsozialistische Traditionalisten”, “anti-Establishment Rhetorik” und so weiter. Der Text besteht geradezu aus derartigen Klassifizierungen, die Priester oder ein Autor, der das auch gesagt hat und den Priester zitiert, angemessen findet und mit denen er/sie BUHH machen, seine/ihre Leser erschrecken will und mit denen natürlich die so Bezeichneten als böse identifizieren werden sollen. Warum Priester die entsprechenden Benennungen angemessen findet, was damit beschrieben wird und warum es so beschrieben werden kann, wie es beschrieben wird, das alles bleibt Priesters Geheimnis, denn das, was einen ernstzunehmenden Text auszeichnet, die Nachvollziehbarkeit von Bewertungen, der Beleg mit Quellenmaterial, dies alles fehlt. Der Nachname, Priester, ist offensichtlich Programm (Es findet nicht einmal eine Doppelnamen-Relativierung statt).

blurred bordersDie fließenden Grenzen zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus, die Priester sieht, verlangen entsprechend nicht viel intellektuelle Fähigkeit, um bestimmt zu werden: Rechtsextremismus ist dann, wenn die Wähler einer Partei “unterdurchschnittlich gebildet sind” (35), rechtspopulistisch ist eine Partei dann, wenn sie in “ehemals linke Wählerschichten” eindringt (35). Das Weltbild von Priester ist recht schlicht: Die entsprechenden Wähler sind entweder dumm oder sie werden verführt, nur eines sind die entsprechenden Wähler von Parteien, die Priester rechtsextrem oder rechtspopulistisch findet nicht, Individuen mit eigenem Willen, die Respekt verdienen. Die Missachtung individueller Freiheit und das schlichte Weltbild von Karin Priester findet seine Verdichtung in dem im Folgenden zitierten Absatz:

RE [Rechtsextremismus] spricht unterdurchschnittlich formal gebildete Schichten an, mit denen sich das Bürgertum nicht gemein macht. Anti-Establishment-Protest artikuliert sich hier als Kampf für einen staatsfreien Kapitalismus. … In Deutschland findet er ein Forum in der Zeitschrift ‘eigentümlich frei’, die sich als ‘Marktplatz für Liberalismus’ versteht. Ihre ideologischen Leitfiguren sind Murray Rothbard und die Philosophin Ayn Rand, die Eigennutz und Egoismus moralphilosophisch als Tugenden legitimiert. Ziel ist die staatlich ungehinderte Nutzenmaximierung neuer ‘Leistungsträger’ in Finanz-, Marketing-, Management- und Akademikerkreisen oder im PR- und IT-Bereich. … Als ideologisches Bindeglied zwischen Libertarismus und RE fungiert der Sozialdarwinismus als Ideologie der naturgewollten Überlegenheit der Starken gegenüber den Schwachen, der Eliten gegenüber der Masse”.

Ich habe noch selten etwas gelesen, das mich mehr erheitert hat. Der Unsinn, der aus diesen Zeilen trieft, wird nur dadurch übertroffen, dass es dieselbe Priester ist, die sich auf mehreren Seiten über die dummen Wähler rechtzsextremer Parteien ausgelassen hat, die nunmehr beklagt, dass Libertarismus eine Herrschaft der Elite über der Masse propagiert und die Verbindung zwischen Ayn Rand und Rechtsextremismus findet Priester dann auch im Sozialdarwinismus, der für sie vermutlich nur ein anderes Wort für Eigennutz und Egoismus ist, in ihrer engen Welt auch nichts anderes als die Herrschaft der Starken über die Schwachen.

Aber anhand dieses Absatzes kann man einiges über Karin Priester lernen: Sie scheint zu egoman, oder sollte ich egoistisch sagen, um auch nur einen Moment lang auf die Idee zu kommen, dass das, was sie sich unter “Egoismus und Eigennutz” vorstellt, nicht das ist, was Ayn Rand damit bezeichnet. Priesters Streben nach Eigennutz und ihr Versuch, ihren eigenen ideologischen Nutzen zu maximieren, geht so weit, dass sie uns einen guten Einblick in ihre kleine Welt gibt, in der Freiheit gefürchtet wird, in der ein Kapitalismus ohne staatliche Umverteilung nicht vorstellbar ist, weil damit das Fundament der eigenen Heilslehre beseitigt wäre und der deutsche Mensch nicht mehr Sklave seines Staates, sondern umgekehrt, der Staat Dienstleister seiner Bürger wäre. Alles schreckliche Vorstellungen für staatsgläubige wie Priester.


Rand Virtue of Selfishness
Nun, was macht man mit derartigem Unsinn, mit einer Rabulistik, die vor lauter ideologischer Selbstsucht nicht bemerkt, dass Ayn Rand zwar im Titel eines Buches vom “virtue of selfishness” schreibt, dass dahinter aber ein (moral)philosophisches Gebäude steht, das mit Sozialdarwinismus ungefähr soviel gemein hat, wie Karin Priester mit Anstand? Hätte Priester etwas gemein mit Anstand, sie hätte mehr als einen Buchtitel von Rand gelesen. Aber für ideologisch geschlossene, dogmatische Persönlichkeiten, wie Milton Rokeach derartige Persönlichkeiten genannt hat, geht es nicht darum, anderen gerecht zu werden, sondern ausschließlich darum, eine Folie zur Verbreitung der eigenen ideologischen Überzeugung zu finden und wie bei vielen Linken, so ist diese Folie bei Priester und in schöner verlogener Regelmäßigkeit die Folie der altruistischen guten Menschen, die sich voller Eigennutz um die Schwachen und Armen kümmern, um die Minderbemittelten, sofern diese nicht “RE” wählen oder sind.

Und die guten Altruisten aus dem Reich der Linken sind natürlich auch aufgeschlossen genug, um sich mit Argumenten auseinanderzusetzen und können sofort angeben, warum Sozialismus keine Cliquenherrschaft ist, warum Sozialismus allen und nicht nur denen, die ihn propagieren, zu Gute kommt, und vor allem, warum Sozialismus nicht der Zwilling von Faschismus ist, der Menschen paternalisiert, bevormundet und als Mittel zum Zweck der Bereicherung der eigenen Günstlinge, der Nutzenmaximierung seiner Günstlinge ansieht. Dies alles sind übrigens Attribute, die dem Sozialismus von Ayn Rand ebenso zugeordnet werden, wie sie sie dem Faschismus zuordnet. Beide sind für Rand nämlich nur zwei Seiten der selben Medaille. Kein Wunder, dass Linke nicht gut zu sprechen sind auf Ayn Rand (Bitte erinnern Sie sich daran, dass man in linken Kreisen nicht argumentiert, sondern “affektiviert”, wie man sagen könnte, also nicht auf die Inhalte, sondern auf die vermeintliche affektive Konnotation reagiert). Aber vielleicht ist es bei den Anhängern sozialistischer Parteien auch einfach nur so, wie es Priester für die Anhänger rechtsextremer Parteien konstatiert: Sie sind zu dumm, um die entsprechenden Zusammenhänge zu verstehen (Das ist eine faktische und somit prüfbare Aussage, die man leicht widerlegen kann, in dem man nicht mit Ärger auf diesen Text reagiert, selbst wenn man sich als politisch links betrachtet!).

Bildnachweis
James Baird

“Sind wir alle Nazis?”

Stellen Sie sich vor, Sie haben sich freiwillig gemeldet, um an einem Experiment teilzunehmen. Sie treffen vor Ort den Leiter des Experiments, einen jungen ernsthaften Mann in weißer Laborkleidung und einen anderen Teilnehmer am Experiment, Herrn Schmidt, ein Verwaltungsangestellter in mittlerem Alter, etwas untersetzt und übergewichtig, mit bereits hoher Stirn. Der Leiter des Experiments erklärt Ihnen beiden, dass das Ziel des Experiments darin besteht, die Wirkung zu untersuchen, die von Bestrafung auf die Fähigkeit, zu lernen ausgeht. Durch Los wird entschieden, dass Sie die Rolle des Lehrers einnehmen, während Herr Schmidt die Rolle des Lernenden ausfüllen soll. Sie erfahren nun, dass ihre Aufgabe darin besteht, das Gedächtnis von Herrn Schmidt zu trainieren und ihm immer dann, wenn er einen Fehler macht, einen elektrischen Schock zu verpassen, um sein Lernen zu motivieren. Sie beobachten, wie der Leiter des Experiments die Arme von Herrn Schmidt an den Stuhllehnen und seine Beine an den Stuhlbeinen festschnallt, ihm die Ärmel seines Hemdes aufkrempelt, um Elektroden anzubringen, und zwar nicht ohne zuvor eine “Salbe” aufzubringen, die verhindern soll, dass Herr Schmidt Verbrennungen erleidet. Nebenbei hören Sie mit, dass Herr Schmidt, dem Leiter des Experiments sagt, er habe ein Herzproblem. Der Leiter des Epxeriments versichert Herrn Schmidt, dass das Experiment bei ihm keine bleibenden Schäden hinterlassen wird. Damit Sie eine Vorstellung von den Schmerzen haben, die Herr Schmidt durch die elektrischen Schocks erleiden wird, gibt Ihnen der Leiter des Experiments einen leichten Stromschlag. Er führt Sie anschließend in den Kontrollraum, in dem Sie vor dem Schock-Generator Platz nehmen. Die Maschine hat 30 Schalter die von 15 Volt bis 450 Volt reichen, über dem Schalter für 15 Volt steht: “leichter Schock” über dem Schalter für 450 Volt steht “XXX”.

Ihre Aufgabe besteht nun darin, Herrn Schmidt eine Reihe von Multiple-choice Fragen zu stellen. Beantwortet Herr Schmidt eine Frage richtig, dann fahren Sie mit der nächsten Frage fort. Beantwortet Herr Schmidt eine Frage falsch, dann geben Sie ihm die richtige Antwort und einen Stromstoß. Wenn Sie einen Schalter umlegen und damit (vermeintlich) Herrn Schmidt einen  Stromstoß geben, flackern rote Lichter, sie hören ein summendes Geräusch im Raum, in dem sich Herr Schmidt befindet. Nach jedem Fehler, so wird Ihnen gesagt, sollen Sie die Stromstärke um 15 Volt erhöhen. Und während das Experiment seinen Lauf nimmt, hören Sie Herrn Schmidt immer häufiger aufschreien und in immer dramatischeren Worten zunächst darum bitten, dann zu fordern, das Experiment abzubrechen (die Antworten der originalen Herrn Wallace sind in der Textbox zusammengestellt).

Reaktionen von Mr. Wallace im ursprünglichen Experiment von Milgram

Mit zunehmender Stärke der Stromschläge wächst Ihr Unwohlsein. Sie suchen Versicherung beim Leiter des Experiments, der auf Ihre Rückfragen antwortet, in dem er Sie auffordert, mit dem Experiment fortzufahren, Sie darüber aufklärt, dass es für das Gelingen des Experiments wichtig ist, dass Sie fortfahren, dass es grundlegend wichtig ist, dass Sie fortfahren und Ihnen, wenn all das  nichts nutzt, sagt, Sie hätten keine andere Wahl als fortzufahren.

Wie hätten Sie sich verhalten?  Stanley Milgram hat eine Reihe von Experten gefragt, was sie glauben, wie Sie sich verhalten werden. Keiner der Experten war der Ansicht, Teilnehmer des Experiments würden Herrn Schmidt Stromstöße geben, deren Stärke 135 Volt (moderater Stromschlag) übersteigt. Tatsächlich haben die Experimente von Stanley Milgram ergeben, dass 65% der Teilnehmer am geschilderten Experiment bereit waren, die ganze Strecke zu gehen und Herrn Schmidt tödliche Stromstöße von 450 Volt zu geben. Dieses Ergebnis hat Stanley Milgram zu der Frage veranlasst, die den Titel dieses posts ausmacht: “Sind wir alle Nazis?”

Kaum ein Ergebnis sozialpsychologischer Forschung hat solche Wellen geschlagen, wie die Ergebnisse der Experimente von Milgram. Bis heute versuchen Wissenschaftler aus aller Herren Länder mit den Resultaten zu Rande zu kommen und die grundlegende Frage danach zu beantworten, wann Menschen aus Gehorsam für eine Autorität bereit sind, andere Menschen zu töten. Stephen Reicher und S. Alexander Haslam (2011) haben einen der neuesten Versuch unternommen, mit den Ergebnissen der Experimente von Milgram zu Rande zu kommen.

Ausgangspunkt der beiden Autoren ist die große Vielzahl von weiteren Experimenten, die Milgram nach dem oben geschildetern Basisexperiment unternommen hat. In diesen weiteren Experimenten hat Milgram die Nähe zwischen dem Leiter des Versuches und demjenigen, der die Rolle des Lehrers einnimmt, variiert, er hat die Experimente aus den autoritätsträchtigen Hallen der Univerity of Yale in ein Bürogebäude verlegt und das Erscheinungsbild des Leiters der Experimente verändert. Dabei hat sich gezeigt, dass die Bereitschaft der “Lehrer”, Herrn Schmidt Stromstöße zu verpassen, mit der Umgebung (Bürogebäude anstelle einer Universität), mit der Distanz zum Leiter der Experimente (anwesend bzw. nur telephonisch erreichbar) und mit der autoritären Ausstrahlung des Leiters der Experimente (Laborkleidung versus normaler Straßenanzug) gesunken ist.

Reicher und Haslam erklären diese differenzielle Bereitschaft Stromstöße auszuteilen, mit einer Theorie sozialer Zuordnung, die zu eher beunruhigenden Konsequenzen führt. Die “Lehrer”, so Reicher und Haslam, geraten im Verlauf des Experiments in ein Dilemma, denn Sie sind auf der einen Seite mit der Notwendigkeit, das Experiment fortzusetzen, konfrontiert und hören auf der anderen Seite die Reaktionen von Herrn Schmidt. In dieser Situation suchen die “Lehrer” sich rückzuversichern, sie versuchen letztlich die Verantwortung für Ihr Verhalten an den Leiter der Experimente weiterzugeben. Je (räumlich) näher sich nun der Leiter des Experiments und der “Lehrer” sind, desto eher gelingt es den “Lehrern”, mit dem Leiter der Experimente eine vermeintlich gemeinsame soziale Identität aufzubauen, eine Gruppenidentität “Wir die Lehrenden” aufzubauen. Die “Lehrer” sehen sich selbst als “sharing a common social identity with the experimenter” (Reicher & Haslam, 2011, S.167). Die Etablierung dieser gemeinsamen oder sozialen Identität durch die “Lehrer” ist umso einfacher, je mehr Autorität der Leiter der Experimente z.B. durch seine Kleidung ausstrahlt. Anders formuliert: Wenn sich die “Lehrer” in autoritärer Geborgenheit wähnen und ihre eigene Verantwortung an eine Person abschieben können, der sie eine hierarchisch höhere Position einräumen, dann sind die entsprechenden “Lehrer” zu extremen Handlungen bereit, um den entsprechenden “Autoritäten” zu Willen zu sein.

Diese Interpretation der Ergebnise der Experimente von Milgram, die von Reicher und Haslam mit einer Reihe von Belegen untermauert wird, ist erschreckend und treibt einem den kalten Schauer über den Rücken, denn, was bedeuten diese Ergebnisse für die heute so hoch geprießene soziale Intelligenz, für die angeblich so wichtige soziale Einbindung? Was haben die Ergebnisse für Konsequenzen in einer Gesellschaft, die Zugehörigkeit über soziale Identitäten beschafft. Die Reaktionen auf den letzten “Unsinn der Woche”, die in erster Linie aus Anfeindungen und in zweiter Linie aus Ärger bestehen, haben mich dazu veranlasst, die entsprechend Reagierenden als Mitglieder eines Kults zu sehen, Personen also, die eine gemeinsame soziale Identität teilen, zu deren Verteidigung sie zumindest nicht vor Beleidigungen und Anfeindungen zurückschrecken. Diese Reaktionen sind, so schätze ich, vergleichbar mit 150 Volt auf dem Schock-Generator. Was kommt als nächstes?

Reaktionen wie die berichteten sind kein Einzelfall. Genderisten werden nicht müde, die schulischen Nachteile von Jungen entweder weg reden zu wollen oder als gerechte Strafe für die vermeintliche, Jahrhunderte lange Unterdrückung von Frauen zu rechtfertigen. Auch hier opfern Mitglieder eines Glaubenskults, der von einer gemeinsamen sozialen Identität zusammen gehalten wird, eben einmal die Lebenschancen von 10000en von Menschen. Ich schätze, diese Reaktion wäre bei rund 270 Volt. Soziale Identität, das Unterordnen der eigenen pseudo-Identität unter ein größeres Ganzes scheint auch das zu sein, was Demonstranten zu militantem Verhalten motiviert. Der gemeinsame Protest gegen eine Startbahn, einen Bahnhof, die Banker, die G20-Führer usw. stiftet einen gemeinsamen Sinn, eine gemeinsame Identität, von der aus es nur ein kleiner Schritt ist, bis die Autos von Unbeteiligten zerstört werden und die Fensterscheiben der Läden kleiner Händler eingeworfen werden. Vermutlich sind wir hier bei 285 Volt auf der Milgram-Skala.

Angesichts der destruktiven Wirkung sozialer Identität, die sich vor allem dann einstellt, wenn die soziale Identität als  Ersatz für eine personale Identität fungiert, ist es einfach nur erschreckend zu sehen, wie entindividualisierende Ideologien wie Sozialismus und Kommunitarismus in Mode kommen. Es fühlt sich an, wie das Warten auf eine angekündigte Katastrophe.

Epilog

Ein Ergebnis der Studien von Milgram, das geeignet sein sollte, die unsägliche Diskussion darüber, ob Frauen zur Gewalt fähig sind oder nicht doch als Gewalt empfangendes Opfer geboren werden, zu beenden, besteht darin, dass sich keinerlei Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Versuchspersonen in der Rolle des “Lehrers” ergaben. In beiden Gruppen gingen 65% bis zum Äußersten.

Reicher, Stephen & Haslam, S. Alexander (2011). After Shock? Towards a Social Identity Explanation of the Milgram ‘Obedience’ Studies. British Journal of Social Psychology 50(2): 163-169.

Bildnachweis:
Hamburger Abendblatt

Staatliche Stalker und vorauseilender Gehorsam

Wollen Sie Malte Pieper eine Freude machen? Wahrscheinlich wissen Sie nicht, wer Malte Pieper ist. Malte Pieper schreibt Kommentare bei tagesschau.de. Wenn Sie also Malte Pieper eine Freude machen wollen, dann spenden Sie Organe. Post-hum oder sofort, denn täglich, so berichtet uns Malte Pieper, sterben 3 von 12.000 Menschen, die in Deutschland auf ein Spenderorgan warten, und dabei wollen Sie doch nicht zusehen? In dieser Weise kommentiert Pieper auf tagesschau.de eine Entscheidung aus dem deutschen Bundestag, die ihm nicht weit genug geht.

Die im Bundestag versammelten Berufspolitiker, haben gerade in trauter Eintracht beschlossen, dass jeder Bundesbürger ab 16 Jahren, dessen die Krankenkassen habhaft werden können, staatlichem Stalking ausgesetzt wird, in dem ihm regelmäßig alle zwei Jahre ein Brief mit Organspendeausweis nebst der Frage “Sind Sie bereit, Organspender zu werden?” zugeschickt wird. Wenn Sie keine Organe spenden wollen, dann wird ihre Bereitschaft  in zwei Jahren erneut auf die Probe gestellt. Dann haben Sie erneut eine Chance in den Kreis derjenigen aufgenommen zu werden, die sich als mündige und vollwertige zur Organspende bereite Bürger erwiesen haben: denn wie alle Berufspolitiker im Bundestag wissen und Frank-Walter Steinmeier sagt, Organspende ist eine Frage der Mitmenschlichkeit – und wer will sich schon aus dem Kreis der Mitmenschen ausschließen – Sie etwa? Also spenden Sie gefälligst, und wenn Sie nicht spenden wollen, dann überlegen sie “reiflich”, wie Malte Pieper es fordert, wobei reifliche Überlegung für Pieper nur ein Ergebnis zulässt: Die Bereitschaft, Organe zu spenden, und wenn “die Zahl der Organspender plötzlich steigen [würde], würde …[ihn] das sehr freuen”. Ich weiß ja nicht wie es Ihnen geht, ich will schon, dass sich Malte Pieper freut, für Maltes Freude ist mir fast kein Preis zu hoch. Dafür vergesse ich fast alle Probleme, die sich mit der Feststellung des Hirntods bei potentiellen Organspendern verbinden und die dazu führen, dass Organspender sich zuweilen körperlich bester Gesundheit erfreuen, wenn sie explantiert werden (d.h. wenn sie ausgeräumt werden ohne Herztod zu sein).

Ich überlasse es Kommentatoren zum Kommentar von Malte Pieper hier die schnöde Realität einzuführen:

Auf meiner Brust prangt der eintätowierte Schriftzug “No explantation”- möge Gott geben, dass er respektiert wird. Nachdem ich einmal bei einer Organentnahme eines “Hirntoten” dabei war- Nie mehr wieder. Der Puls ist da, er stöhnt und windet sich… Einem Toten kann kein Organ entnommen werden. Hier wird Geschäft gemacht, mit Mitleid. Auch zu Lasten der Empfänger- Ihnen wird nämlich vorenthalten dass sie früh sterben, und lebenslang teuere Medizin schlucken müssen.

Derlei kritisches Hinterfragen des derzeitigen Organspende-Hypes trübt nur die Freude, die Malte Pieper empfinden wird, wenn wir alle unsere zweite Niere spenden. Auch Fakten wie die folgenden, sind nur geeignet, die Freude von Malte Pieper und seine unsägliche Ahnungslosigkeit über die Probleme, die sich mit Organspende verbinden, zu trüben bzw. zu beheben:

  • Die besten Organspender sind jungen Menschen. Organe von alten Menschen haben eine hohe Wahrscheinlichkeit, zur Transplantation nicht brauchbar zu sein oder abgestoßen zu werden. Dies ist ein Grund, warum 16jährige ihre Organe spenden dürfen, obwohl sie nicht volljährig sind.
  • Eine Transplantation von Organen, so zeigen die Zahlen des US-Department of Health and Human Services, überleben 93,8% der Patienten, die eine Spender-Niere erhalten haben, 90,5% derjenigen, denen eine Bauchspeicheldrüse transplantiert wurde, 82,4% derjenigen, denen ein Herz transplantiert wurde, 76,7% derjenigen, denen eine Leber transplantiert wurde, 68,4% derjenigen, die eine Spender-Lunge erhalten haben und 57%, die eine Herz- und Lungen-Transplantation haben über sich ergehen lassen.
  • Die heile Traumwelt von Malte Pieper, dem Helfer aller, die auf ein Spenderorgan warten, wird weiter getrübt durch die Tatsache, dass Transplantations-Patienten ein Leben mit Medikamenten erwartet, die ihr eigenes Immunsystem unterdrücken und sie entsprechend deutlich anfälliger für Infektionen aller Art machen (was im Zusammenhang mit AIDS noch als erhebliches Problem wahrgenommen wurde) und insbesondere ein sehr hohes Risiko, an Hautkrebs zu erkranken, mit sich bringen (deshalb sollen Transplantationspatienten nach Empfehlung von US-amerikanischen Transplantationskliniken nur mit langen Ärmeln, langen Hosen, Sonnenbrille, Sonnenschutzcreme im Gesicht und Handschuhen an den Händen ins Freie gehen).
  • Die häufigsten Infektionen, die innerhalb von vier Wochen nach einer Transplantation auftreten, sind Wundinfektionen, oder Infektionen der Harnwege, nach einem bis sechs Monaten stellen sich häufig Infektionen der Atemwege ein, außerdem haben Patienten eine erhöhte Gefahr, sich das Epstein-Barr Virus zuzuziehen, das sich nicht mehr aus dem Körper entfernen lässt und bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem bzw. Patienten, deren Immunsystem unterdrückt wird, u.a. zu Krebs führt. Die häufigsten Infektionen sechs Monate nach der Transplantation sind Pilzinfektionen und Gürtelrosen.
  • Viele transplantierte Organe werden innerhalb der ersten 24 Stunden trotz aller Maßnahmen zur Unterdrückung des Immunsystems vom Aufnahmekörper abgestossen. Dieser “hyperacute rejection” folgt die “acute rejection”, die den Aufnahmekörper das transplantierte Organ innerhalb von einer Woche abstoßen sieht. Auch wer die erste Woche überlebt, hat keine Gewissheit, dass sein Körper das transplantierte Organ akzeptiert, denn eine chronische Abstoßung kann noch Monate oder Jahre nach der Transplantation erfolgen.
  • Wiederum US-amerikanische Daten zeigen, dass 5 Jahre nach einer Transplantation noch 86,3% der Patienten, denen eine Niere transplantiert wurde, am Leben sind, während nach 10 Jahren noch 65,7% am Leben sind. Von den Patienten, denen eine Leber transplantiert wurde, sind nach 5 Jahren noch 69,3% am Leben, nach 10 Jahren sind es noch 52,2%, die Überlebensraten für Lungen-Transplantationen sind: 5 Jahre: 55,6%, 10 Jahre: 25,9%, für Herz-Transplantationen: 5 Jahre: 74,2%, 10 Jahre: 55,2% und für Herz-Lungen-Transplantationen: 5 Jahre: 38,8%, 10 Jahre: 22,5%.

Man hätte erwartet, dass Informationen wie die zusammengestellten, für die ich mich bei Dr. habil. Heike Diefenbach herzlich bedanke, von Journalisten, die doch informieren wollen, zusammengestellt werden. Man hätte von Journalisten erwartet, dass sie mehr sind als die  Clakeure von Politiken, über die sie sich persönlich freuen. Aber nicht nur das, von z.B. einer kritischen Soziologie, die es auch in Deutschland für kurze Zeit gab (bevor sich Soziologen auf ihr geistiges Altenteil zurückgezogen haben, um sich dort mit weitgehend irrelevanten und entsprechend unkritischen Themen wie “Vielfalt und Zusammenhalt” zu beschäftigen), erwartet, dass sie die Frage nach den Interessen stellen, die hinter der so heftig betriebenen Kampagne zur Spende von Organen stehen. 12.000 Menschen, die auf ein Spenderorgan warten, haben eine Einheitsfront von Politikern geschaffen, die erstaunlich ist, und auf die man z.B. wenn es darum geht, die Ursachen der kürzeren Lebenserwartung von Männern zu erkunden und vielleicht sogar zu beseitigen, vergeblich wartet. Entsprechend stellt sich die Frage, was haben all die Berufspolitiker davon, wenn Klaus Vollmer seine Niere spendet? Dass sie sich über die Spende freuen wie kleine Kinder oder wie Malte Pieper wird ja wohl niemand glauben. Also wäre es an kritischen Soziologen, den Weg, den Spenderorgane nehmen, die Interessen, die hinter der Organspende stehen und den Gewinn, den man mit Organspende erzielen kann, aufzuzeigen – wenn es sie gäbe.

Dagegen ist die Frage, wieso Journalismus heutzutage darin besteht, sich öffentlich zu freuen und was Journalisten wie Malte Pieper motiviert, sich öffentlich als Retter der Organbedürftigen und Mahner der Organspendemuffel aufzuspielen, keine Frage, mit der man Soziologen traktieren muss, denn diese Frage wurde von Psychologen und Soziologen in ihren Studien zur autoritären Persönlichkeit, der Persönlichkeit, die die eigene Identität dadurch gewinnt, dass Sie sich einem höheren Guten, einem Kollektiv zuordnet, um von diesem gesicherten Punkt aus sich im Besitz der verbalen oder auch physischen Herrschaft (die freilich von Dritten ausgeübt werden muss) über andere wähnen zu können, längst beantwortet: Kleiner Mann ganz groß eben.

Daten zur Organspende in Hülle und Fülle gibt es beim US Department of Health and Human Services

Deutschland 200x: Die autoritäre Persönlichkeit lebt!

Der bekannteste Versuch zu erklären, wie große Teile der Bevölkerung eines Landes, das von seinen Nachbarn als Kulturnation angesehen wurde (und wieder wird), sich aktiv am Völkermord beteiligen konnten, stammt von Theodor W. Adorno und seinen Mitarbeitern Else Frenkel-Brunswick, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford und ist unter dem Namen “Studien zum autoritären Charakter” bekannt geworden. Die Frage, wie es  dazu kommen konnte, dass auf Basis einer meist freiwilligen Unter- und Einordnung des Einzelnen unter/in die Autorität des “Volkes” oder der “Gemeinschaft” und vor allem der sie führenden Nazis die  Vernichtungsmaschinerie des Dritten Reiches mit einer Präzision betrieben werden konnte, die man sonst nur aus der industriellen Produktion kennt, haben die genannten Autoren der “Autoritären Persönlichkeit” mit Bezug auf ein autoritäres Syndrom beantwortet, das sie vornehmlich psychoanalytisch, also als Ergebnis sadomasochistischer Befriedigungsmechanismen erklärt haben (Adorno, 1995, S.322-325). Zwar wird diese Erklärung des autoritären Syndroms derzeit von kaum einem Wissenschaftler mehr vorgebracht, die Untersuchung des autoritären Syndroms, also der Vorurteile, die Rassen- und Fremdenhass erst möglich machen, hat die Jahrzehnte jedoch überdauert und ist heute so aktuell wie in den 1940er Jahren.

Vorurteile werden von vielen Sozialpsychologen als einfache Zuschreibung von Merkmalen an die Mitglieder einer “Outgroup” (Fremdgruppe) angesehen, die emotional, also nicht rational begründet sind (Allport, 1954; Hormel, 2007, S.25; Pastorino & Doyle-Portillo, 2010, S.375). Entsprechend unterscheiden sich Vorurteile erheblich von Stereotypen, wie “Deutsche sind gründlich”. Stereotype lassen sich durch ihnen widersprechende Erfahrungen verändern, Vorurteile nicht: „Prejudice cannot be explained – as stereotype can – on a cognitive basis alone; it is charged with collective emotions together with norms that are hidden behind values and taboos. It is not a tool for understanding the world, but a weapon in power and identity politics. This explains one characteristic of the prejudice: It is incorrigible. It can, on the contrary, be defined as a mental strategy to block the process of learning, which involves constant readjustment and reconstruction of preconceived ideas in the light of new experience and information. Instead of reconstructing the stereotype to accommodate the new evidence, the prejudice is constructed to block and destroy evidence. While the stereotype is adapted to the world, prejudice adapts the world to itself” (Assmann, 2009, S.9).

Entsprechend stellt sich die Frage, wie Vorurteile ausgebildet werden und wer sie ausbildet. Die erste Frage wird gewöhnlich durch den Verweis auf die Konkurrenz um Ressourcen beantwortet oder dadurch, dass die Zuordnung der eigenen Person zu einer Gruppe Selbstwert stiftet oder wie Henri Tajfel (1982) es formuliert hat: Menschen können ihren Selbstwert durch eigene Leistung oder durch die Zuordnung zu einer Gruppe und die Übertragung der Gruppenleistung auf sich selbst, herstellen. Für die Erklärung von Autoritarismus bzw. einer autoritären Persönlichkeit ist vor allem die zweite Erklärung von Bedeutung. So hat Altemeyer in einer Reihe von Beiträgen herausgearbeitet, dass autoritäre Persönlichkeiten in hohem Maße ethnozentrisch sind und in fast noch höherem Maße versuchen, ihre Meinungen und Einstellungen durch Konformität mit einer als richtig und herrschend angesehenen Meinung zu legitimieren. Sie verkehren in Gruppen, die die gleiche geistige Enge teilen, wähnen sich auf der Seite der moralischen Mehrheit oder, wenn in Medien eine andere Moral vertreten wird, auf der Seite der stillen Mehrheit. Autoritäre Persönlichkeiten ordnen sich dem unter, was die von ihnen anerkannten Autoritäten sagen. Sie denken nicht selbst, sind nicht kritisch, dafür aber ein wahrer Hort der Doppelmoral, und autoritäre Persönlichkeiten beschränken sich oftmals nicht mit der eigenen Unterordnung unter Autoritäten, sie zielen auch darauf, Mitglieder von Gruppen, die sie als abweichend ansehen, entweder umzuerziehen oder für deren gesellschaftliche Marginalisierung einzutreten (Altemeyer, 1998, S.86-87)

Weitere Forschung nach Altemeyer hat gezeigt, dass autoritäre Persönlichkeiten Wandel fürchten, allem Neuen mit Ablehnung gegenübertreten und den Status Quo bzw. das, was sie für den Status Quo halten, mit Zähnen und Klauen gegen Veränderung verteidigen (Perry & Sibley, 2012). Schließlich, und hier schließt sich der Kreis zum Titel dieses Beitrags, hat eine Meta-Analyse von Cohrs und Stelzl (2010) gezeigt, dass autoritäre Persönlichkeiten vornehmlich in Gesellschaften zu finden sind, die sich dadurch auszeichnen, dass die Einkommensunterschiede relativ gering sind und dass autoritäre Persönlichkeitssyndrome vor allem in Deutschland Vorurteile gegen Ausländer erklären. Das Ergebnis von Cohrs und Stelzl basiert auf der Analyse von 155 Studien aus 17 Ländern und auf einer Gesamtzahl von 38.522 Befragten, so dass man es als gut fundiertes Ergebnis ansehen kann (oder muss). Wohl selbst überrascht über ihre Ergebnisse, schreiben Cohrs und Stelzt auf Seite 688: “That the RWA (right wing authoritarianism) effect size was estimated to be the largest in Germany is noteworthy in light of the fact that authoritarianism research has ist roots there” (Cohrs & Stelzl, 2010, S.688). Dies ist eine sehr zurückhaltende Form (ein typisches britisches Understatement) um seine Verwunderung darüber zum Ausdruck zu bringen, dass in Deutschland wie in keinem anderen von den Autoren untersuchten Land, ein autoritäres Persönlichkeitssyndrom, wie es oben beschrieben wurde, Vorurteile gegen Ausländer vorherzusagen im Stande ist.

Die autoritäre Persönlichkeit, so muss man die berichteten Ergebnisse zusammenfassen, lebt in Deutschland 200x. Aber die Forschung hat nach meiner Ansicht auch einen erhebliches Problem, denn sie legt nahe, autoritäre Persönlichkeiten seien etwas, was nur auf der (extrem) rechten Seite des politischen Spektrums ausgeprägt werden kann, eine Begrenzung der Forschungsperspektive, die ich nicht nachvollziehen kann. Es liegt aus meiner Sicht vielmehr nahe, mit Perry und Sibley (2012) ein Persönlichkeitssyndrom anzunehmen, aus dem Vorurteile (definiert als affektiv geladene generalisierte Stereotype, die im Sinne von Assmann keiner rationalen Argumentation zugänglich sind) zwangsläufig folgen. Das entsprechende Persönlichkeitssyndrom zieht seine Besonderheit aus einer Feindschaft gegen jegliche Form der Veränderung, aus autoritärer Unterordnung anstelle eigenen kritischen Denkens, autoritärer Aggression, vor allem, wenn die eigene Position hinterfragt wird und insbesondere aus dem Selbstwert, der einzig und allein aus der Zuordnung zu einer Gruppe und nicht durch eigene persönliche Leistung genährt wird. Die jeweiligen Inhalte, die die Vorurteile annehmen, sind dann eher dem Zufall geschuldet und finden sich auf der rechten Seite des politischen Spektrums z.B. als Ausländerfeindlichkeit oder auf der linken Seiten des politischen Spektrums z.B. als Kapitalistenfeindlichkeit. Und auch wenn beide Seiten durch die Inhalte getrennt sind, so eint sie doch dasselbe autoritäre Persönlichkeitssyndrom, das seinen Wert daraus bezieht, sich einer Gruppe zuzuordnen und eine vermeintlich homogene Outgroup, die mit negativen Attributen belegt wird, zu bekämpfen.

Die in diesem Beitrag ausgedrückte Idee ist das Ergebnis einer Vielzahl höchst ergiebiger Diskussionen mit Dr. habil. Heike Diefenbach.

Literatur

Adorno, Theodore W. (1995 [1950]). Typen und Syndrome. In: Adorno, Theodore W. (Hrsg.). Studien zum autoritären Charakter. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Allport, Gordon W. (1954). The Nature of Prejudice. Cambridge: Addison-Wesley.

Altmeyer, Bob (1998). The other ‘Authoritarian Personality’. In: Zanna, Mark P. (ed.). Advances in Experimental Social Psychology. San Diego: Academic Press, pp.47-92.

Assmann, Aleida (2009). Introduction. In: Pelinka, Anton, Bischof, Karin & Stögner, Karin (eds.). Handbook of Prejudice. Amherst: Cambria Press, pp.1-34.

Cohrs, J. Christopher & Stelzl, Monika (2010). How Ideological Attitudes Predict Host Society Members’ Attitudes Toward Immigrants: Exploring Cross-National Differences. Journal of Social Issues 66(4): 673-694.

Pastorino, Ellen & Doyle-Portillo, Susann (2010). What is Psychology? Essentials. Belmont: Wadsworth.

Perry, Ryan & Sibley, Chris G. (2012). Big-Five Personality Prospectively Predicts Social Dominance Orientation and Right-Wing Authoritarianism. Personality and Individual Differences 52(1): 3-8.

Tajfel, Henri (ed.) (1982). Social Identity and Intergroup Relations. Cambridge: Cambridge University Press.