“Sind wir alle Nazis?”

Stellen Sie sich vor, Sie haben sich freiwillig gemeldet, um an einem Experiment teilzunehmen. Sie treffen vor Ort den Leiter des Experiments, einen jungen ernsthaften Mann in weißer Laborkleidung und einen anderen Teilnehmer am Experiment, Herrn Schmidt, ein Verwaltungsangestellter in mittlerem Alter, etwas untersetzt und übergewichtig, mit bereits hoher Stirn. Der Leiter des Experiments erklärt Ihnen beiden, dass das Ziel des Experiments darin besteht, die Wirkung zu untersuchen, die von Bestrafung auf die Fähigkeit, zu lernen ausgeht. Durch Los wird entschieden, dass Sie die Rolle des Lehrers einnehmen, während Herr Schmidt die Rolle des Lernenden ausfüllen soll. Sie erfahren nun, dass ihre Aufgabe darin besteht, das Gedächtnis von Herrn Schmidt zu trainieren und ihm immer dann, wenn er einen Fehler macht, einen elektrischen Schock zu verpassen, um sein Lernen zu motivieren. Sie beobachten, wie der Leiter des Experiments die Arme von Herrn Schmidt an den Stuhllehnen und seine Beine an den Stuhlbeinen festschnallt, ihm die Ärmel seines Hemdes aufkrempelt, um Elektroden anzubringen, und zwar nicht ohne zuvor eine “Salbe” aufzubringen, die verhindern soll, dass Herr Schmidt Verbrennungen erleidet. Nebenbei hören Sie mit, dass Herr Schmidt, dem Leiter des Experiments sagt, er habe ein Herzproblem. Der Leiter des Epxeriments versichert Herrn Schmidt, dass das Experiment bei ihm keine bleibenden Schäden hinterlassen wird. Damit Sie eine Vorstellung von den Schmerzen haben, die Herr Schmidt durch die elektrischen Schocks erleiden wird, gibt Ihnen der Leiter des Experiments einen leichten Stromschlag. Er führt Sie anschließend in den Kontrollraum, in dem Sie vor dem Schock-Generator Platz nehmen. Die Maschine hat 30 Schalter die von 15 Volt bis 450 Volt reichen, über dem Schalter für 15 Volt steht: “leichter Schock” über dem Schalter für 450 Volt steht “XXX”.

Ihre Aufgabe besteht nun darin, Herrn Schmidt eine Reihe von Multiple-choice Fragen zu stellen. Beantwortet Herr Schmidt eine Frage richtig, dann fahren Sie mit der nächsten Frage fort. Beantwortet Herr Schmidt eine Frage falsch, dann geben Sie ihm die richtige Antwort und einen Stromstoß. Wenn Sie einen Schalter umlegen und damit (vermeintlich) Herrn Schmidt einen  Stromstoß geben, flackern rote Lichter, sie hören ein summendes Geräusch im Raum, in dem sich Herr Schmidt befindet. Nach jedem Fehler, so wird Ihnen gesagt, sollen Sie die Stromstärke um 15 Volt erhöhen. Und während das Experiment seinen Lauf nimmt, hören Sie Herrn Schmidt immer häufiger aufschreien und in immer dramatischeren Worten zunächst darum bitten, dann zu fordern, das Experiment abzubrechen (die Antworten der originalen Herrn Wallace sind in der Textbox zusammengestellt).

Reaktionen von Mr. Wallace im ursprünglichen Experiment von Milgram

Mit zunehmender Stärke der Stromschläge wächst Ihr Unwohlsein. Sie suchen Versicherung beim Leiter des Experiments, der auf Ihre Rückfragen antwortet, in dem er Sie auffordert, mit dem Experiment fortzufahren, Sie darüber aufklärt, dass es für das Gelingen des Experiments wichtig ist, dass Sie fortfahren, dass es grundlegend wichtig ist, dass Sie fortfahren und Ihnen, wenn all das  nichts nutzt, sagt, Sie hätten keine andere Wahl als fortzufahren.

Wie hätten Sie sich verhalten?  Stanley Milgram hat eine Reihe von Experten gefragt, was sie glauben, wie Sie sich verhalten werden. Keiner der Experten war der Ansicht, Teilnehmer des Experiments würden Herrn Schmidt Stromstöße geben, deren Stärke 135 Volt (moderater Stromschlag) übersteigt. Tatsächlich haben die Experimente von Stanley Milgram ergeben, dass 65% der Teilnehmer am geschilderten Experiment bereit waren, die ganze Strecke zu gehen und Herrn Schmidt tödliche Stromstöße von 450 Volt zu geben. Dieses Ergebnis hat Stanley Milgram zu der Frage veranlasst, die den Titel dieses posts ausmacht: “Sind wir alle Nazis?”

Kaum ein Ergebnis sozialpsychologischer Forschung hat solche Wellen geschlagen, wie die Ergebnisse der Experimente von Milgram. Bis heute versuchen Wissenschaftler aus aller Herren Länder mit den Resultaten zu Rande zu kommen und die grundlegende Frage danach zu beantworten, wann Menschen aus Gehorsam für eine Autorität bereit sind, andere Menschen zu töten. Stephen Reicher und S. Alexander Haslam (2011) haben einen der neuesten Versuch unternommen, mit den Ergebnissen der Experimente von Milgram zu Rande zu kommen.

Ausgangspunkt der beiden Autoren ist die große Vielzahl von weiteren Experimenten, die Milgram nach dem oben geschildetern Basisexperiment unternommen hat. In diesen weiteren Experimenten hat Milgram die Nähe zwischen dem Leiter des Versuches und demjenigen, der die Rolle des Lehrers einnimmt, variiert, er hat die Experimente aus den autoritätsträchtigen Hallen der Univerity of Yale in ein Bürogebäude verlegt und das Erscheinungsbild des Leiters der Experimente verändert. Dabei hat sich gezeigt, dass die Bereitschaft der “Lehrer”, Herrn Schmidt Stromstöße zu verpassen, mit der Umgebung (Bürogebäude anstelle einer Universität), mit der Distanz zum Leiter der Experimente (anwesend bzw. nur telephonisch erreichbar) und mit der autoritären Ausstrahlung des Leiters der Experimente (Laborkleidung versus normaler Straßenanzug) gesunken ist.

Reicher und Haslam erklären diese differenzielle Bereitschaft Stromstöße auszuteilen, mit einer Theorie sozialer Zuordnung, die zu eher beunruhigenden Konsequenzen führt. Die “Lehrer”, so Reicher und Haslam, geraten im Verlauf des Experiments in ein Dilemma, denn Sie sind auf der einen Seite mit der Notwendigkeit, das Experiment fortzusetzen, konfrontiert und hören auf der anderen Seite die Reaktionen von Herrn Schmidt. In dieser Situation suchen die “Lehrer” sich rückzuversichern, sie versuchen letztlich die Verantwortung für Ihr Verhalten an den Leiter der Experimente weiterzugeben. Je (räumlich) näher sich nun der Leiter des Experiments und der “Lehrer” sind, desto eher gelingt es den “Lehrern”, mit dem Leiter der Experimente eine vermeintlich gemeinsame soziale Identität aufzubauen, eine Gruppenidentität “Wir die Lehrenden” aufzubauen. Die “Lehrer” sehen sich selbst als “sharing a common social identity with the experimenter” (Reicher & Haslam, 2011, S.167). Die Etablierung dieser gemeinsamen oder sozialen Identität durch die “Lehrer” ist umso einfacher, je mehr Autorität der Leiter der Experimente z.B. durch seine Kleidung ausstrahlt. Anders formuliert: Wenn sich die “Lehrer” in autoritärer Geborgenheit wähnen und ihre eigene Verantwortung an eine Person abschieben können, der sie eine hierarchisch höhere Position einräumen, dann sind die entsprechenden “Lehrer” zu extremen Handlungen bereit, um den entsprechenden “Autoritäten” zu Willen zu sein.

Diese Interpretation der Ergebnise der Experimente von Milgram, die von Reicher und Haslam mit einer Reihe von Belegen untermauert wird, ist erschreckend und treibt einem den kalten Schauer über den Rücken, denn, was bedeuten diese Ergebnisse für die heute so hoch geprießene soziale Intelligenz, für die angeblich so wichtige soziale Einbindung? Was haben die Ergebnisse für Konsequenzen in einer Gesellschaft, die Zugehörigkeit über soziale Identitäten beschafft. Die Reaktionen auf den letzten “Unsinn der Woche”, die in erster Linie aus Anfeindungen und in zweiter Linie aus Ärger bestehen, haben mich dazu veranlasst, die entsprechend Reagierenden als Mitglieder eines Kults zu sehen, Personen also, die eine gemeinsame soziale Identität teilen, zu deren Verteidigung sie zumindest nicht vor Beleidigungen und Anfeindungen zurückschrecken. Diese Reaktionen sind, so schätze ich, vergleichbar mit 150 Volt auf dem Schock-Generator. Was kommt als nächstes?

Reaktionen wie die berichteten sind kein Einzelfall. Genderisten werden nicht müde, die schulischen Nachteile von Jungen entweder weg reden zu wollen oder als gerechte Strafe für die vermeintliche, Jahrhunderte lange Unterdrückung von Frauen zu rechtfertigen. Auch hier opfern Mitglieder eines Glaubenskults, der von einer gemeinsamen sozialen Identität zusammen gehalten wird, eben einmal die Lebenschancen von 10000en von Menschen. Ich schätze, diese Reaktion wäre bei rund 270 Volt. Soziale Identität, das Unterordnen der eigenen pseudo-Identität unter ein größeres Ganzes scheint auch das zu sein, was Demonstranten zu militantem Verhalten motiviert. Der gemeinsame Protest gegen eine Startbahn, einen Bahnhof, die Banker, die G20-Führer usw. stiftet einen gemeinsamen Sinn, eine gemeinsame Identität, von der aus es nur ein kleiner Schritt ist, bis die Autos von Unbeteiligten zerstört werden und die Fensterscheiben der Läden kleiner Händler eingeworfen werden. Vermutlich sind wir hier bei 285 Volt auf der Milgram-Skala.

Angesichts der destruktiven Wirkung sozialer Identität, die sich vor allem dann einstellt, wenn die soziale Identität als  Ersatz für eine personale Identität fungiert, ist es einfach nur erschreckend zu sehen, wie entindividualisierende Ideologien wie Sozialismus und Kommunitarismus in Mode kommen. Es fühlt sich an, wie das Warten auf eine angekündigte Katastrophe.

Epilog

Ein Ergebnis der Studien von Milgram, das geeignet sein sollte, die unsägliche Diskussion darüber, ob Frauen zur Gewalt fähig sind oder nicht doch als Gewalt empfangendes Opfer geboren werden, zu beenden, besteht darin, dass sich keinerlei Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Versuchspersonen in der Rolle des “Lehrers” ergaben. In beiden Gruppen gingen 65% bis zum Äußersten.

Reicher, Stephen & Haslam, S. Alexander (2011). After Shock? Towards a Social Identity Explanation of the Milgram ‘Obedience’ Studies. British Journal of Social Psychology 50(2): 163-169.

Bildnachweis:
Hamburger Abendblatt

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