Die Frage, wie man ein guter Mensch ist bzw. sein Leben so lebt, dass es ein gutes Leben, ein konstruktives Leben ist, ist wahrscheinlich so alt wie die menschliche Spezies selbst. Die Antworten auf diese Frage sind vielfältig; sie sind zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten und im Kontext verschiedener Gesellschaften oder Kulturen verschieden ausgefallen.
Die nachweislich ältesten Antworten lauten erstens: gib‘ dir Mühe und sei möglichst effizient dabei, deinen eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten; falle niemandem zur Last, sondern gib‘ dir vielmehr Mühe, nicht nur deinen eigenen Lebensunterhalt zu sichern, sondern auch den deiner erweiterten Familie bzw. (Verwandtschafts-/-)Gruppe.
Dies muss in der langen Geschichte der Entwicklung des Menschen zum homo sapiens sapiens einen Grundwert dargestellt haben und ein Anspruch an jeden gewesen sein, der ein guter Mensch im Sinn von: kein Mensch, der ein unnützes Leben führt oder sein Leben verschwendet, sein wollte. „Muss“ deshalb, weil die menschliche Spezies andernfalls angesichts der mindestens zwei, wahrscheinlich mehrfachen, „bottlenecks“ – d.h. der Schrumpfung der menschlichen Population auf eine sehr kleine Fortpflanzungsgemeinschaft, so dass sie direkt vom Aussterben bedroht ist – nicht mehr existieren würde (Ambrose 1998; Amos & Hoffman 2010; Hawks et al. 2000; Hu et al. 2023; Muttoni & Kent 2024).
Die zweite uralte Antwort lautete offenbar – denn das belegen Knochenfunde, über die wir in einer kleinen Serie von Texten berichtet haben – hier, hier und hier nachzulesen –, dass ein guter Mensch jemand sei, der Anderen Hilfe leistet, die unverschuldet in einer Situation sind, dass sie zur Sicherung des eigenen Lebensunterhaltes und/oder den der Gruppe nichts oder vergleichsweise wenig beitragen können.
Ob diese Praxis aus Reziprozitätsüberlegungen heraus motiviert war oder aus Empathie und dem Bewusstsein, wie prekär alles Leben ist, (oder beides) sei dahingestellt. Entsprechendes Verhalten ist jedenfalls spätestens für den homo sapiens belegbar und man darf vermuten, dass solches Verhalten das war, was von jedem Menschen, der als guter Mensch gelten wollte (oder zumindest nicht als schlechter Mensch), erwartet wurde oder zumindest oder besonders von solchen Menschen, die als moralische Leitbilder fungierten.
Beides, Selbständigkeit bzw. Selbstverantwortlichkeit und die Gewährung von Almosen, ist über Jahrtausende hinweg der Kern dessen gewesen, was einen guten Menschen bzw. eine moralische Lebensführung ausgemacht hat; wir treffen auf entsprechende Praktiken in nahezu allen Gesellschaften, die in verschiedenen Regionen der Erde und zu verschiedenen Zeiten existiert haben, wie archäologische Befunde oder – später – die Weitergabe in Form oraler Traditionen oder in Form von Berichten zeigen.
Immer war der Versuch, ein guter Mensch zu sein bzw. einer guten Lebensführung zu folgen, mit eigenem Einsatz verbunden, eigenem Aufwand, eigener Leistung; man musste etwas tun, um ein guter Mensch zu sein oder eine gute Lebensführung zu pflegen.
In post-industriellen westlichen Gesellschaften ist ein doppelter Bruch mit dieser – im historischen und ethnographischen Sinn – zutiefst menschlichen Sozialmoral erfolgt: Selbständigkeit bzw. Selbstverantwortlichkeit werden nicht erwartet, geschweige denn: gefördert oder gefordert und – vor allem – nicht belohnt, und gleichzeitig ist das Almosen, das mehr oder weniger freiwillig oder in seinem Umfang individuell bestimmbar gegeben wurde, durch Rechtsansprüche, gepaart mit Zahlungsverpflichtungen per Gesetz (für alle Steuerzahler), ersetzt worden.
Der Staat schickt sich dadurch an, Almosen, ja, bereits die Vorstellung vom Almosen, überflüssig zu machen, und erhebt den Anspruch, ohnehin derjenige zu sein, der allein und am besten entscheiden und organisieren kann, wer wie womit versorgt werden muss oder soll, sei es z.B. im Rahmen des Bildungssystems oder des Gesundheitswesens – und dies, obwohl die Mißstände in beiden und anderen Einrichtungen regelmäßig deutlich zu Tage treten. Wenn es nach dem Staat geht, braucht niemand Hilfe oder Unterstützung, sondern nur den Staat, der sich seinerseits gerne als Spender aller notwendigen Hilfe und Unterstützung inszeniert, die ein Mensch brauchen oder wollen könnte. wobei Hilfe- und Unterstützungsleistungen längst weitgehend in Ansprüche und Rechte transformiert wurde, so dass ihr Charakter als Almosen verborgen wird.
Der einzelne Mensch steht damit vor der Frage, was es heißt (oder noch heißen kann), ein guter Mensch zu sein bzw. was eine gute Lebensführung im moralischen Sinn kennzeichnet. Und in Verbindung damit, steht er vor der Frage, worauf er stolz sein könnte oder sollte, ja, sogar, ob er überhaupt auf irgendetwas stolz sein sollte, ob es nicht im Rahmen der Erzählung von der großen, umfassenden Gleichheit aller Menschen mit Bezug auf Bedürfnisse, Wünsche, Fähigkeiten etc. –geradezu eine moralische Verfehlung sei, zu meinen, er könne aus eigenem Antrieb ein für ihn lohnendes Lebensziel wählen und auf seine Weise verfolgen (oder habe überhaupt das Recht dazu), er könne durch eigene Anstrengung einen nennenswerten Unterschied im eigenen Leben und dem Anderer machen.
Wenn er – im eigentlichen Sinn des Wortes – helfen möchte, also sein Geld oder seine Zeit als Almosen zur Verfügung stellen möchte, um anderen Lebewesen ihr Leben einfacher oder angenehmer zu machen oder ihnen die Fortsetzung ihres Lebens überhaupt erst zu ermöglichen, dann bleibt ihm dazu in der Regel nur ein sehr kleiner Spielraum: Von dem Geld, das er verdient hat, bleibt ihm wegen der staatlich erzwungenen Umverteilung – besonders in Hochsteuerländern – wenig. Und von seiner Zeit bleibt ihm ansichts der starken Reglementiertheit seines Lebensalltags, der von geregelten Arbeitszeiten (bis ins immer weiter erhöhte Rentenalter), geregelten Öffnungszeiten von Läden und Einrichtungen, von teilweise rechtlich garantierten Ansprüchen Anderer an die eigene Zeit u.a.m. geprägt ist, ebenfalls wenig. Wenn der moderne Mensch sich entschließt, eigeninitiativ in einer Weise zu werden, die andere Menschen betrifft, steht er außerdem vor Hindernissen, die rechtliche Regeln aufgebaut haben, u.a. in Form von Haftungsfragen und sonstigen Versicherungsaspekten.
Einen Entwurf vom guten Menschen bzw. der guten Lebensführung zu folgen, der auf Selbständigkeit bzw. Selbstverantwortlichkeit und auf freiwillig gewährter Hilfeleistung beruht, ist in modernen westlichen Gesellschaften also mit hohen Kosten und hohen Risiken verbunden, wenn nicht zumindest teilweise unmöglich, und wenn jemand es trotzdem nach Kräften versucht, dann kann er nicht erwarten, dass sein Verhalten gesellschaftliche Anerkennung (ggf. über den Kreis der direkt von diesem Verhalten Profitierenden oder ihm persönlich Nahestehenden hinaus) findet.
Denn in modernen westlichen Gesellschaften war über Jahrzehnte hinweg und ist auch aktuell ein Prozess zu beobachten, in dessen Rahmen das Bedürfnis, ein guter Mensch zu sein oder eine gute Lebensführung zu pflegen, systematisch in staatliche Interessen und Anliegen oder (partei-/)politische Ideologien zu kanalisieren versucht wird.
So muss der gute Mensch in modernen westlichen Gesellschaften zuallererst vermeiden, sich in irgendeiner Weise gegen die ideologisch begründeten Weisungen auszusprechen oder gar ihnen entgegen zu handeln, die politische Führer oder als Experten ausgegebene Personen im Dienst der Ideologie öffentlich als gut, richtig oder wahr verkünden.
Derzeit gehört hierzu u.a., dass er sich auf eine kollektivistische Ideologie einlässt, bei dem jedes Interesse und jedes Bedürfnis Anderer bei jeder Gelegenheit seinen eigenen entgegengesetzt und für wichtiger erklärt wird, besonders, wenn dies in die Form einer „Rechtskeule“ gegossen wird, so dass in dem Fall, dass jemand meinen könnte, er und Andere seien Individuen und seien als solche zu behandeln und zu würdigen, der Nicht-Fügsame für seine mangelnde Fügsamkeit bestraft werden kann.
So ist der gute – oder der mit Rechtsfolgen bedrohte – Mensch in modernen westlichen Gesellschaften jemand, der voll und ganz damit beschätigt ist, zu vermeiden, was Andere provozieren könnte, ihre Gefühle verletzen könnte, sie sonstwie übel nehmen könnten, sei es in seinem verbalen Verhalten oder in seinem nicht-verbalen Verhalten, sei es im Rahmen beabsichtigten Handelns oder als unbeabsichtigte Folge seines Verhaltens.
Er muss vermeiden, sich zu Werten zu bekennen, die der kollektivistischen Für-Gleich-Erklärung aller und jedes zuwider laufen, allen voran Gerechtigkeit, deren Grundidee ist, dass Belohnungen oder Auszahlungen oder Zuteilungen gemäß erbrachter Leistungen erfolgen, und – und das ist von entscheidender Wichtigkeit – dass Gerechtigkeit in diesem Sinn nur eine individuelle sein kann. Gerecht werden kann man nur dem Einzelnen, nicht einem errechneten oder geschätzten Mittelwert, der sich aus der Zusammenzählung einer Vielzahl von mehr oder weniger beliebig zu Gruppen zusammengefassten Menschen ergibt. Streben nach und Einsatz für Gerechtigkeit läuft daher der öffentlich propagierten Moral zuwider, und wer seinem Verhalten und Leben Gerechtigkeit als moralischen Wert zugrundelegen möchte, stellt sich in Gegensatz zu dem, was öffentlich erklärte Moral sein soll. Die öffentliche Moral erfordert also, dass er solche Werte oder zumindest das offene Bekenntnis zu ihnen vermeidet.
Die Sozialmoral des Menschen in modernen westlichen Gesellschaften ist zuallererst negativ definiert: er ist ein guter bzw. moralischer Mensch, wenn und weil er A, B, C … X, Y, nicht tut – und nicht äußert, idealweise gar nicht denkt oder fühlt. Moralisches Verhalten in der modernen westlichen Gesellschaft bedeutet, auf Eigeninitiative, auf die selbständige Formung von Überzeugungen, von Urteilsvermögen, auf eigenständige Verhaltensentscheidungen, zu verzichten.
Ein guter Mensch zu sein, besteht dann geradezu darin, bereit zu sein, sein menschliches Denk-, Urteils- und Handlungsvermögen in umfassender Weise an die politische Führung, Experten oder an das „Kollektiv“ zu delegieren. Wenn „wir mehr sind“ oder jemand, der als Autorität ausgegeben wird, vorgegeben hat, was „man“ tun solle, hat das größeres moralisches Gewicht für den guten Menschen in modernen westlichen Gesellschaften als seine eigenen Überzeugungen, auch, wenn er sie aufgrund eigener Erfahrungen, eigener Überlegungen, eigener Urteile geformt hat. Die moralische Qualität des Menschen in modernen westlichen Gesellschaften hängt vorrangig davon ab, dass er sich sozusagen entleert, auf nichts als das ihm Eigene besteht. Seine moralische Qualität ist insofern eine Absurdität, weil sie gerade darin besteht, dass er keine eigenständige moralische Qualität zu entwickeln beansprucht.
Wie drückt man eine moralische Qualität aus, die darin besteht, dass man darauf verzichtet, eine zu entwickeln, also etwas, was man eine Meta-Moral, die damit notwendigerweise eine Quasi-Moral sein muss? Der Ausdruck von etwas setzt ja eine positive Definition voraus, die die Darstellung der eigenen Moral anleiten kann. Die einzige Möglichkeit hierfür (die mir einfällt) ist, sich eine Identität anzueignen, die im Rahmen der ideologisch bestimmten öffentlichen Moral Beifall findet, d.h. Surrogatidentität.
Aber die positive Definition der Surrogartidentitäten, die die Ideologie für gut befindet, kommt gewöhnlich mit einem hohen Preis.
Wer als männliches Exemplar der menschlichen Spezies z.B. beschließt, sich kastrieren zu lassen und sich einer (lebens-/)langen Behandlung mit allerlei Drogen zu unterziehen, um fortan als Imitation eines weiblichen Wesens auf dieser Erde zu wandeln, der mag zu diesem Zeitpunkt meinen, er erwerbe eine Identität, die eine positive Definition enthält, hier: eine Identität als Frau. Aber die Identität, die er dadurch tatsächlich annehmen kann, ist die eines genetischen und biologischen Mannes, der sich hat kastrieren lassen, um eine Frau zu imitieren.
Selbst, wenn man dies als eine positiv definierte Identität gelten lassen möchte, dann erweist sie sich nicht als belastbar, denn diese Wahl als solche signalisiert, dass die Wahl im Prinzip wiederholbar ist, die Geschlechtsidentität also eine relative (bzw. relativierte) und damit mehr oder weniger unverbindliche ist. Sie ist damit in einem grundlegenden Sinn ein Spiel, eine gespielte Identität, ganz so, wie kleine Kinder Identitäten als Mutter, Vater oder Kind annehmen, wenn sie „Haus“ spielen. Der Unterschied liegt lediglich darin, dass das „Frau“-Spielen aus ideologischen Gründen gefördert und unterstützt wird und auch noch bei Jugendlichen (und Älteren) ermuntert oder für gut geheißen wird, während das „Haus“-Spielen von kleinen Kindern bestenfalls als irrelevant angesehen wird, wahrscheinlich aber entmutigt, wenn nicht unterdrückt wird, spielen die Kinder doch in diesem Fall mit Identitäten, die ideologisch unerwünscht sind. In beiden Fällen ist die Identität bloß eine gespielte.
Hinzu kommt, dass die Identitäten, die die Ideologie zur Wahl bereitstellt, damit Menschen ihre Passung zu dem, was öffentliche Moral sein soll, ausdrücken können, in der Regel eine negative Fundierung haben insofern sie die Annahme einer Opferidentität voraussetzen. Um beim obigen Beispiel zu bleiben: die Voraussetzung für die Wahl eines Mannes, sich kastrieren zu lassen, um möglichst als Imitation einer Frau durchzugehen, ist, dass sich der Wählende als an Geschlechtsdysphorie Leidender identifiziert, sich damit der Kategorisierung als Kranker unterwirft, einer Kategorisierung, die ihm von außen zur Voraussetzung für seine Wahl gemacht wurde, von der man mit Recht fragen kann, wer hier eigentlich was wählt.
Was eine solche Wahl zeigt, ist, dass jemand ein guter Mensch im Rahmen dessen ist, was die derzeitige misandrische und heterosexualitätsfeindliche Ideologie der politischen Führung und vorgeblicher Experten, für gut, weil irgendwie „progressiv“, hält, also ein guter Mensch (bloß) insofern ist als er ein gehorsamer Mensch ist, der sich freiwillig der Kategorisierung durch Andere unterwirft, um fortan als kraft ideologischen Handelns Anderer „Befreiter“ ein Kollektiv bestücken zu können, das den Ideologen und Aktivisten eben aufgrund ideologischer Utopien (die für Andere jedoch Dystopien sind) als ein „geschütztes“ gilt.
Alternativ kann jemand den positiven Ausdruck seiner quasi-moralischen Leistung, keine Moral zu entwickeln, dadurch versuchen, dass er eine Identität als Weltbürger in einer multikulturellen Gesellschaft annimmt, in der alles und jedes als gleichermaßen wertig angesehen wird und idealerweise keinerlei Kritik oder negative Rede, praktiziert wird, möglichst nicht einmal Unterscheidungen vorgenommen werden, auf deren Grundlage überhaupt Wertungen vorgenommen – oder nur Geschmacksurteile getroffen – werden könnten.
Das läuft dann auf eine rein negative, nämlich auf eine Unterlassungs-, Identität hinaus, ganz und gar entsprechend der Unterlassungs-Moral, wie sie oben angesprochen worden ist. Da eine Identität als Weltbürger in einer multikulturellen Gesellschaft nichts aufweisen kann, was als das Gute oder Bessere einem Schlechte(re)n entgegengesetzt werden könnte, bleibt sie leer, eine Surrogatidentität, die aus einer Sammlung inhaltsleerer Floskeln besteht, die das Verhalten nur negativ anleiten können, also im Sinn von „Ein guter Mensch tut/sagt/denkt … nicht“: Er unterlässt.
Weil dauerhaft auf Akte des Unterlassens kein Selbstwert aufgebaut werden kann, muss der gute Mensch in modernen westlichen Gesellschaften versuchen, entweder ohne jeden Selbstwert zu leben oder seine Unterlassungsmoral auf irgendeine Weise in eine positive Form zu bringen, vielleicht dadurch, dass er einen Weg sucht, etwas zu tun, ohne jedoch selbst wählen und verantworten zu müssen, was er tut. Und dann bietet es sich an, einfach zu tun, was ihm bei Gelegenheit ideologisch aufgegeben werden mag, z.B. sich zu einer Demonstration gegen „Klimawandel“ einzufinden.
Das ist ein positiver Ausdruck seiner Folgsamkeit – aber nicht mehr.
Und wem das nicht genügt, der mag einen Selbstwert dadurch zu produzieren versuchen, dass er verbal handelt, also sein Handeln auf Andere richtet, damit diese sich möglichst wie erwünscht verhalten – vielleicht, indem er jemanden, den er bei Benutzung ideologisch für falsch befundener Sprache „erwischt“ zurechtweist durch Sätze wie „Das sagt man aber nicht“ o.ä., statt selbst einen Einsatz zu zeigen und etwas zu tun, was sich nicht in Folgsamkeit oder verbalem Verhalten erschöpft. Dies verursacht ihm normalerweise – außer in vergleichsweise seltenen Fällen, in denen z.B. der Zurechtgewiesene ihm als Antwort auf den Übergriff eine Ohrfreige verpasst – keinen Aufwand, bedeutet keinen Verzicht zugunsten Anderer – anders als die jahrtausendealte Sozialmoral des Menschen, soll ihm aber dennoch eine positive Identität als einen „Moralischen“ verschaffen.
Liebig-Straße Berlin
Das ändert nichts daran, dass die Moral, die er demonstrieren möchte, eine fremdzugeschrieben ist, so dass die moralische Legitimation seines Unterlassens oder Tuns bloß eine ihm zugestandene oder ihm vorgegebene ist – und ihm jederzeit entzogen werden kann, denn die Anerkennung seines Verhaltens als ein moralisches ist ganz und gar abhängig davon, ob es denjenigen in politischer Verantwortung angesichts ihrer Ideologie gefällt oder nicht. Er verfügt über keinen anderen Maßstab zur Beurteilung (s-/)eines Verhaltens als moralisch oder unmoralisch, denn das würde Unterscheidungen erfordern, Unterscheidungen, die vorzunehmen ihm Kraft Ideologie verboten sind. Dementsprechend ist er außer Stande, selbst moralische Urteile zu fällen. Und selbst dann, wenn er es könnte: das zu tun ist kraft Ideologie ja gerade zu unterlassen.
Und genau dadurch ist der gute Mensch in der modernen westlichen Gesellschaft definiert: zuallererst durch die Unterlassung und ggf. durch die Darstellung einer Surrogatidentität aus dem Vorrat an ideologisch für gut befundenen Identitäten, die typischerweise im Kern Opferidentitäten sind.
Um Missverständnissen vorzubeugen:
Es geht hier nicht darum, dass es in Gesellschaften Leitentwürfe (oder ggf. nur einen Leitentwurf) dafür gibt, was einen guten Menschen ausmachen würde oder wie eine gute Lebensführung auszusehen habe, geschweige denn darum, diesen Umstand einer Kritik zu unterziehen.
Es geht vielmehr darum, dass moderne westliche Gesellschaften einen Leitentwurf für einen guten Menschen bzw. gute Lebensführung bereitstellen, der insofern im Gegensatz zur Sozialmoral in der jahrtausendelangen Geschichte des menschlichen Zusammenlebens steht als er mit keinen benennbaren positiven Inhalten verbunden ist, die geeignet wären, Verhalten anzuleiten, und auch gar kein eigenes Tun erfordert oder wünscht, es sei denn, es sei ein Tun auf Anweisung, also ein Ausdruck von Folgsamkeit.
Was z.B. bedeutet die Weisung „Sei tolerant!“ in einem Alltag, in dem eine Vielzahl teilweise entgegengesetzter, aber gleichermaßen für berechtigt oder wertig erklärter Anlkiegen geprägt ist?! Ein solcher Entwurf vom guten Menschen bzw. guter Lebensführung mag sich inhaltsleerer Floskeln, die positiv formuliert sein mögen, bedienen, aber er ist letztlich – und überwiegend in offen formulierter Weise – ein negativer Entwurf, ein Entwurf, den ich einen Unterlassungs-Entwurf nenne. Es geht darum, dass ein guter Mensch zu sein insofern noch nie so einfach war wie heute, und zwar deshalb, weil keinerlei eigenes Denken, kein eigens Urteilen, kein eigener Einsatz, kein eigenes Tun, erforderlich ist. Es genügt, zu unterlassen, und dementsprechend ist das menschliche Zusammenleben in modernen westlichen Gesellschaften durch Verbote statt durch Gebote geprägt.
Und damit ist dieser Entwurf vom guten Menschen ein zutiefst lebensfeindlicher Entwurf, denn der einzige Weg, sich gegen diesen Entwurf nicht zu vergehen oder anders gesagt: im Rahmen dieses Entwurfes nicht zu „sündigen“, ist, möglichst umfänglich untätig zu sein: Wer nicht spricht, der kann nichts sagen, was jemand anderes nicht höre möchte, wer nichts versucht, der kann keinen Fehler machen, wer z.B. an einem Unfallort vorbeifährt, ohne zu versuchen, Erste Hilfe zu leisten, kann nicht ggf. wegen Totschlags angezeigt werden, wer nicht arbeitet, lebt genauso gut wie oder besser als jemand, der arbeitet, ohne Gefahr zu laufen, am Arbeitsplatz Fehler zu machen oder für Konflikte zu sorgen, …– „wer schläft sündigt nicht“.
Der gute Mensch in der modernen westlichen Gesellschaft ist ein Schläfer im umfassenden Sinn. Er verbringt sein Leben möglichst dauerhaft in einem Zustand, in dem er keinen willentlichen Gedanken fasst, kein willentliches Urteil fällt und nicht willentlich agiert. Seine menschliche Denk-, Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit ist nicht nur nicht gefragt oder erforderlich, um ein guter Mensch zu sein, ein gutes Leben anzuleiten; vielmehr ist sie grundsätzlich suspekt. Ein guter Mensch in der modernen westlichen Gesellschaft gibt seine Denk-, Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit deshalb zugunsten eines freien Fluktuierens in einer Traumwelt auf, die sich aus Bildern zusammensetzt, die bestenfalls bloß Symbole sind, schlechtestenfalls willkürliche Wahnbilder, in jedem Fall aber in der Realität und für die Realität irrelevant.
Wer kein guter Mensch ist, den erkennt man daran, dass er versucht, die Schläfer aufzuwecken; er tut etwas, weil er selbst es für richtig und vielleicht sogar für seine moralische Verpflichtung hält.
M.W. zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist der Mensch, der an der Praxis festhält, ein positiv formuliertes Leitbild für eine gute Lebensführung bzw. dafür, ein guter Mensch zu sein, unter persönlichem Einsatz zu verfolgen, zur Gefahr für das, was öffentliche Moral sein soll, erklärt worden.
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Vielen Dank für diesen wieder einmal messerscharf analysierten Artikel. Normalerweise laufen solche Prozesse derart subtil und unter dem Radar ab, dass man sich im Alltag darüber gar keine Gedanken macht – und dann kommt so ein Artikel und man denkt: Warum habe ich das bisher nicht bemerkt?
Als Quintessenz nehme ich daraus mit, dass sich ein guter Mensch eben auch oder vor allem durch gute Taten auszeichnet und nicht durch salbungsvolle Worte oder schlichte Aufforderungen an andere.
Die Erwartung der Gesellschaft/der Eliten nicht gegen die Norm oder den Zeitgeist zu handeln, um als guter Mensch zu gelten, erzeugt keine guten, sondern nur gehorsame Menschen. Das ist ein himmelweiter Unterschied, aber sicherlich genauso gewollt. Und es tut mir leid, in der Vergangenheit hatten wir bereits Systeme, in denen die Menschen maximal gehorsam, aber das genaue Gegenteil von gut waren. Leider kann man diese Entwicklung in vielen Bereichen auch wieder in unserer heutigen Gesellschaft entdecken.
Wenn man möchte findet eine komplette Umkehr der moralischen Werte statt. Wer heute empfängt ist der Gute, oder das Opfer des Bösen und der der gibt bzw. zum Geben gezwungen wird, steht unter dem Generalverdacht, das was er abgeben muss, unrechtmäßig erhalten zu haben. Und das ist nur ein Beispiel von vielen, was die komplette Umkehr des moralischen Kompasses in der heutigen Zeit angeht.
Die Korrumpierung des Kinder-ichs beginnt früh:
Gerne denke ich an die „Erzieher der Menschheit zurück“:
Hinter der Doppelmoral, Heuchelei, Scheinheiligkeit, dieser verbogenen verlogenen Fratzen versteckt sich dies:
Es muß früh damit angefangen werden, um zu dem gekrümmten Häkchen zu werden, das man darstellen soll, wenn es denn nach den anderen gekrümmten Häkchen geht.
„Früher, da ich unerfahrner
Und bescheidner war als heute,
Hatten eine höchste Achtung
Andre Leute.
Später traf ich auf der Weide
Außer mir noch mehre Kälber,
Und nun schätz ich, sozusagen,
Erst mich selber.“ – Wilhelm Busch
„Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, daß er ihm ähnlich wird.“
„Wer? Der Entwurf?“
„Nein“, sagte Herr K., „Der Mensch.“
– Berthold Brecht, „Geschichten von Herrn Keuner“
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Show CommentsAlso Oblomowerei als höchstes Lebensziel…
„Menschen sind in der Tendenz faul, habgierig und feige.“ Ian Morris, Wer regiert die Welt?, 2010.
Vielen Dank für diesen wieder einmal messerscharf analysierten Artikel. Normalerweise laufen solche Prozesse derart subtil und unter dem Radar ab, dass man sich im Alltag darüber gar keine Gedanken macht – und dann kommt so ein Artikel und man denkt: Warum habe ich das bisher nicht bemerkt?
Als Quintessenz nehme ich daraus mit, dass sich ein guter Mensch eben auch oder vor allem durch gute Taten auszeichnet und nicht durch salbungsvolle Worte oder schlichte Aufforderungen an andere.
Die Erwartung der Gesellschaft/der Eliten nicht gegen die Norm oder den Zeitgeist zu handeln, um als guter Mensch zu gelten, erzeugt keine guten, sondern nur gehorsame Menschen. Das ist ein himmelweiter Unterschied, aber sicherlich genauso gewollt. Und es tut mir leid, in der Vergangenheit hatten wir bereits Systeme, in denen die Menschen maximal gehorsam, aber das genaue Gegenteil von gut waren. Leider kann man diese Entwicklung in vielen Bereichen auch wieder in unserer heutigen Gesellschaft entdecken.
Wenn man möchte findet eine komplette Umkehr der moralischen Werte statt. Wer heute empfängt ist der Gute, oder das Opfer des Bösen und der der gibt bzw. zum Geben gezwungen wird, steht unter dem Generalverdacht, das was er abgeben muss, unrechtmäßig erhalten zu haben. Und das ist nur ein Beispiel von vielen, was die komplette Umkehr des moralischen Kompasses in der heutigen Zeit angeht.
Die Korrumpierung des Kinder-ichs beginnt früh:
Gerne denke ich an die „Erzieher der Menschheit zurück“:
Hinter der Doppelmoral, Heuchelei, Scheinheiligkeit, dieser verbogenen verlogenen Fratzen versteckt sich dies:
Es muß früh damit angefangen werden, um zu dem gekrümmten Häkchen zu werden, das man darstellen soll, wenn es denn nach den anderen gekrümmten Häkchen geht.
„Früher, da ich unerfahrner
Und bescheidner war als heute,
Hatten eine höchste Achtung
Andre Leute.
Später traf ich auf der Weide
Außer mir noch mehre Kälber,
Und nun schätz ich, sozusagen,
Erst mich selber.“ – Wilhelm Busch
Die „Liebe“ darf natürlich nicht fehlen:
„Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, daß er ihm ähnlich wird.“
„Wer? Der Entwurf?“
„Nein“, sagte Herr K., „Der Mensch.“
– Berthold Brecht, „Geschichten von Herrn Keuner“
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