Ärgerlich, weil mich eine Form der Wissenschaftsmimickry, Leute, die behaupten, sie hätten etwas getan und vor allem gemessen und gezeigt, das sie weder getan noch gemessen und gezeigt haben, viel Zeit gekostet hat. Zugegeben, wenn ich eine Pressemitteilung lese und im Verlauf des Lesens Zweifel daran bekomme, dass das, was ich lese, auch nur ansatzweise korrekt ist, dann lese ich erst recht… Einer dieser kleinen Schäden, den man mit der Zeit entwickelt.
“Immer länger arbeiten, funktioniert das? Ein Forschungsteam der MHH hat in dem von der DFG geförderten Projekt „Wie lange können wir arbeiten? Die Entwicklung der Lebensarbeitszeit aus gesundheitlicher Perspektive“ das Verhältnis zwischen steigendem Renteneintrittsalter und der tatsächlichen gesunden Lebensarbeitszeit untersucht. Die zentrale Erkenntnis: Die Entwicklung der gesunden Lebensarbeitszeit passt oft nicht zum steigenden Renteneintrittsalter. Vor allem die Gesundheit Jüngerer und von Menschen in sozial benachteiligten Lebenslagen verschlechtert sich im Zeitverlauf.”
Die zum großen Teil falschen Behauptungen im letzten Abschnitt des zitierten Absatzes werden besonders ärgerlich, wenn man diesen Teil aus dem weiteren Verlauf der Pressemeldung hinzunimmt:
“Daten aus Längsschnittstudien
Ein wichtiger Faktor ist die sogenannte Lebenserwartung bei guter Gesundheit (Healthy Life Expectancy, HLE) im erwerbsfähigen Alter. Sie beziffert die durchschnittlich zu erwartenden Lebensjahre, die ein Mensch frei von schweren Krankheiten, Behinderungen oder gravierenden gesundheitlichen Einschränkungen verbringen kann. Um diese zu erfassen und ein umfassendes Bild der gesundheitlichen Entwicklung in der Bevölkerung zu erhalten, stützt sich das Projekt auf Befragungsdaten aus dem Sozio-Ökonomischen Panel (SOEP), einer Längsschnittstudie, die Daten zu Lebensbedingungen, Einkommen und gesellschaftlichem Wandel in Deutschland erhebt und der länderübergreifenden Längsschnittstudie SHARE (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe). Anhand dieser wissenschaftlichen Untersuchungen, die Personengruppen über einen längeren Zeitraum beobachten und befragen, untersuchte das Forschungsteam Gesundheitsindikatoren wie die individuelle Gesundheit oder körperliche Einschränkungen.”
Im weiteren Verlauf dieser Pressemeldung, die offenkundig dem Abschluss eines von der DFG über drei Jahre geförderten Projekts dient, ein Projekt, das genau in einer Veröffentlichung resultiert zu sein scheint, behauptet, die wahlweise als “Public-Health-Expertin” oder “Wissenschaftlerin” bezeichnete Juliane Tetzlaff, die Ergebnisse würden zeigen, dass vor allem junge Frauen immer kränker im Alter ankommen würden, Muskel- und Skeletterkrankungen seien dafür Ursache und vor allem Personen mit hoher formaler Bildung würden gesünder durch ihre mittleren Jahre gelangen.
Alles schön und gut.
Aber nichts davon haben “das Team” und die “Public Health Expertin” geprüft bzw. mit Daten belegt. Es ist alles Ergebnis von Guesswork und einer Nutzung des SOEP, die jede Spur davon, dass es sich beim Sozioökonomischen Panel (SOEP) um einen Längsschnittdatensatz handelt, beseitigt.
Wie so viele vor Tetzlaff und Team und viele nach ihnen, so haben Tetzlaff et al. (2026) die Daten des SOEP für die Jahre 2002 bis 2008, 2010 bis 2016 und 2018 bis 2022 gepooled und damit jede Möglichkeit, individuelle Verläufe, wie in der Pressemeldung behauptet, nachzuverfolgen, beseitigt.
Ich kann verstehen, warum das SOEP gewöhnlich als Querschnittsdatensatz genutzt wird. Vergangene Erfahrung mit diesem Datengrab hilft beim Verstehen, denn wenn man 2002 mit 1000 Befragten losgeht, dann sind von diesen 1000 Befragten in longitudinaler Reihe bis 2012 vielleicht noch 400 übrig. Bis 2022 dürften sich auf diese 400 Mohikaner weitgehend erledigt haben. Eine Längsschnitt-Auswertung, bei der individuelle Befragte über Zeit verfolgt werden, ist mit dem SOEP weitgehend unmöglich.
Was mich ärgert ist, wenn das dennoch behauptet wird, wie das Tetzlaff in der Pressemeldung tut. Obschon in der Veröffentlichung, die Anlass zu der Pressemeldung gegeben hat, sehr klar beschrieben ist, wie das SOEP vom Längsschnittdatensatz in einen Querschnittsdatensatz diskreter Zeitpunkt-Agglomerationen zusammengeklopft wird, behauptet Tetzlaff es wäre möglich, Aussagen über den Gesundheitszustand der SOEP-Befragten ÜBER ZEIT zu machen. Das ist entweder Ergebnis methodischer Legasthenie oder schlicht eine freche Lüge.
“To provide sufficient case numbers within each health state by gender and age group, the pooled data of single survey years were used to analyse time trends in Health Expectancies (2002–08, 2010–16, 2018–22).”
Das schreiben Tetzlaff et al. (2026) im Beitrag, der gerade im European Journal of Public Health veröffentlicht wurde:
Und damit ist der Längsschnittsdatensatz und mit ihm die Möglichkeit, Aussagen über den Gesundheitsverlauf zu machen, dahin, denn die drei gepoolten Gruppen umfassen unterschiedliche Befragte, die nicht mehr zugeordnet werden können.
Das hindert Tetzlaff nicht daran, Aussagen über den Verlauf der Gesundheit von Männern und Frauen zu machen, etwa im Hinblick auf ihren selbstberichteten Gesundheitszustand, der Eingang in diese Abbildung gefunden hat:
Die Abbildung, eine “decomposition by age”, also eine Darstellung der Abweichung des Gruppenmittelwerts, z.B. der 18 bis 24jährigen vom Gesamtmittelwert, so beeindruckend sie auf manche auch wirken mag, basiert auf EINER EINZIGE Frage, dieser Frage:
„Wie würden Sie Ihren gegenwärtigen Gesundheitszustand beschreiben?“
Sehr gut, gut, zufriedenstellend, weniger gut, schlecht
Wenig Fragesubstanz wird zu Self-Rated Health aufgeblasen und in eine Abbildung gepackt, die den Eindruck eines Verlaufs über Zeit erweckt, in die Irre führt, weil die Dekomposition auf diskreten Altersgruppen und Befragtenpools besteht, für die keinerlei Zeitverlauf messbar ist.
Für mich rangiert das kurz vor dem Betrug.
Und es kommt noch besser, denn die Schlüsse von Tetzlaff in der Pressemeldung, dass die schlechte Gesundheit die vor allem jüngere Befragte berichten, mit Muskel- und Skeletterkrankungen, Adipositas und mit Bildungsstand zu tun hat, ist schlichte Guesswork, kommt in der Veröffentlichung nicht vor. Wurde – schon weil die Daten zu Muskel- und Skeletterkrankungen nicht aus dem SOEP stammen, NIE geprüft, stattdessen einfach behauptet, ins Blaue hinein, wie so vieles heute, was nur geschrieben wird, um denjenigen, die diesen Unfug über drei Jahre finanziert haben, den Mund zu stopfen und ansonsten nach Geld zu schreien, das in Prävention fließen soll:
“„Die Ergebnisse sind teilweise besorgniserregend und deuten darauf hin, dass die Erwerbsbevölkerung nicht nur aufgrund der Bevölkerungsalterung, sondern auch aufgrund der sich verschlechternden Gesundheit zurückgehen könnte, was sowohl für die Gesundheits- als auch für die Arbeitsmarktpolitik wachsende Herausforderungen mit sich bringt“, betont Dr. Tetzlaff. Damit jüngere Erwerbstätige nicht mit einer gesundheitlichen Hypothek in die spätere Erwerbsphase eintreten, empfiehlt die Wissenschaftlerin eine frühere gesundheitliche Prävention. „Präventionsprogramme setzen derzeit noch zu oft erst im höheren Lebensalter an, wenn bereits gesundheitliche Einschränkungen vorliegen.“ Hier sei ein Umdenken erforderlich, weil eine Ausweitung der Lebensarbeitszeit ansonsten bedeute, dass immer mehr ältere Menschen bei schlechter Gesundheit arbeiten müssten.”
Ich halte jede Wette, dass die besorgniserregenden Ergebnisse als geringe Abweichung vom globalen Mittelwert materialisiert und obschon Ergebnis von selbstberichteter Gesundheit als objektives Maß für den tatsächlichen Gesundheitszustand ausgegeben, keinerlei re-Analyse standhalten, dass die Koeffizienten verschwinden, wie das Eis in der Sonne, sich in Rauschen auflösen …
Wie gesagt, wir haben bei ScienceFiles eine Geschichte mit dem SOEP, die schon vor ScienceFiles beginnt. Der Datensatz ist nur dann longitudinal nutzbar, wenn man in von Grund auf umstrukturiert, viel Aufwand, um dann die Befragten von Panelmortalität dahingerafft zu finden…
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