Columbia wirft seine Schatten voraus – der Blödsinn ist Vortrag geworden
„Du sollst die Zukunft nicht vorwegnehmen“ ist ein zentrales Gebot ganz unterschiedlicher soziologischer Theorietraditionen: vom Bilderverbot der Frankfurter Schule über die Kontingenzbehauptung des Poststrukturalismus bis hin zur systemtheoretischen Kritik der „Defuturisierung“. Nur wenn man die Zukunft offenhält, lassen sich echte revolutionäre Umbrüche realisieren oder – im Fall der Systemtheorie – zumindest evolutionäre Anpassungen an unvorhergesehene Veränderungen.
Falls Sie geplant hatten, die Zukunft nach ihrem Willen zu gestalten, dann haben wir eine schlechte Nachricht für Sie: “DU SOLLST DIE ZUKUNFT NICHT GESTALTEN!”
Falls Sie einen Lottogewinn geplant haben. Lassen Sie es.
Wenn Sie geplant haben, ihren Sohn zum Torwart der Deutschen Nationalmannschaft zu trainieren. Vergessen Sie es.
“Du sollst die Zukunft nicht vorwegnehmen.”
Als könnte man es.
Der geistige Aussetzer, der hier Satz geworden ist, entstammt der Ankündigung eines im September stattfindenden Vortrags im Rahmen des Deutschen Soziologentages. Früher war das ein Spektakel, das Studenten die Möglichkeit gegeben hat, Karl R. Popper oder Ralf Dahrendorf live zu erleben. Heute ist es eine Veranstaltung, in deren Rahmen sich die intellektuell Zurückgelassenen zusammenrotten, um sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen und Vorträge zu halten, die weder der Vortragende noch die ihn Ertragenden verstehen.
“Reale Antizipation, Tempomaterialismus und Kritik der fossilen Moderne”, so der abstruse Titel des Vortrags, der in Plenum 03 “Soziologie als Wissenschaft der Zukunft” zum Besten gegeben werden wird.
Wir wollen Ihnen das große Werk nicht vorenthalten:
Andreas Folkerts wirkt derzeit an der Columbia University in New York. Wir haben seinen Beitrag unter anderem deshalb gepickt, weil er einen guten Überblick über das intellektuelle Niveau an dieser “Hoch”schule vermittelt, die ja gerade ins Gespräch gekommen ist, aufgrund eines weiteren Kalibers, das dort lehren soll.
Karl Raimund Popper hat einst das Geschwafel von Jürgen Habermas auf seine Kernaussage reduziert. Wenn Sie lachen wollen, lesen Sie es hier nach.
Wir haben bei Hans Albert studiert, Karl R. Popper gelauscht und seine Philosophie weitgehend zu unserer gemacht und tun es ihm gleich. Was Folkerts in vielen Worten sagen will, ist:
Handlungen haben Konsequenzen.
Eine unglaubliche Trivialität. Dessen ungeachtet eine der “Entdeckungen”, von denen sich der Entdecker überzeugen kann, er habe sie zuerst gemacht. Was Folkers erst schreiben würde, hätte er das Rad entdeckt?
Aber er sagt mehr als “Handlungen haben Konsequenzen”.
Er sagt zudem, dass “Residuen der fossilen Moderne – Plastikmüll, CO2, petrochemische Giftstoffe – die “Zukunft vorwegnehmen”, den – wie er es nennt -”Zukunftshorizont verstopfen2. Ich diskutiere jetzt nicht, ob man einen Horizont verstopfen kann, lasse das als hilflosen Versuch, deutsche Sprache zu meistern, durch. Und er sagt, dass das heute anders ist als früher – eigentlich unglaublich, aber das steht in deutlich mehr Worten genau so in seinem Text.
Indes, den alten Ladenhüter der Pfadabhängigkeit als neue Erkenntnis der “fossilen Moderne” zu verkaufen, das grenzt an ein Ausmaß von Dummheit, das über jedes erträgliche Maß hinausgeht.
Wenn Sie heute durch Cornwall fahren, dann wird ihnen früher oder später der eklatante Mangel von Wald auffallen. Wald wächst nicht in Cornwall und ist auch im Rest von England auf geringe Ansiedlungen umwohnter Gebiete begrenzt. Erstaunlich, denn noch vor nur 10000 Jahren waren die Britischen Inseln voller Wald. Dann kam das Mesolithikum (6500 vor Christus) und mit ihm unverantwortliche Menschen, die Brandrodung betrieben haben und mit diesem fossilen Akt den Zukunftshorizont verstopft haben. Die im Neolithikum (4000 vor Christus) haben Felder angelegt, Wald musste weichen. Der Zukunftshorizont wurde weiter verstopft, wurde in der nachfolgenden Bronzezeit so systematisch verstopft, dass die Britischen Inseln nahezu waldfrei waren, Cornwall sich zu dem entwickelt hat, was man heute noch im Bodmin Moor sehen kann. Und was noch an Wald vorhanden war, das haben die verantwortungslosen Römer in ihren Fussbodenheizungen verbrannt. Ein fossiler Wald-Gau sondersgleichen.
Und jetzt kommt der Mann von der Columbia University und tut so, als gäbe es das alles nicht. Als sei Britannien weiterhin ein zusammenhängendes Waldgebiet, dem eine große fossile Brandrodung bevorsteht. Geschichtsleugnung, um die eigene ideologische Verblödung zu feiern.
Und Cornwall ist nur der Anfang.
Die Raubbauern der Levante haben ihren Wald mit Ölbäumen ersetzt, Weiden daraus gemacht und Erosion verursacht. Schiffe- und Städtebau taten ihr übriges, um die viel bewaldete Fläche in eine armselige Ansammlung von Rest-Bäumen zu verwandeln. Eine unglaubliche Verstopfung des Zukunftshorizontes.
Oder die Osterinseln.
Erst im letzten Jahrtausend besiedelt und schon kahl. Entwaldet um Unterkunft zu bauen und Feuer zu betreiben und nun, nun können die Maori nicht einmal mehr Holzboote bauen, mangels Wald. Wenn das keine Verstopfung des Zeithorizontes ist…
Das Maya-Tiefland, Grönland, Mesopotamien, die Gebiete, in denen der Zukunftshorizont verstopft wurde, sie sind zahlreich, und wir haben nur den fossilen Bestandteil des verstopften Horizontes betrachtet, von dem vielen Blei, das die Römer in ihren Silberminen aufgescheucht und zur Verseuchung der Umwelt angestachelt haben, war bislang keine Rede.
Aber all das gab es nicht, denn wie Folkerts demnächst auf dem Soziologentag zum Besten geben wird, sind es erst die modernen Menschen, die Handlungen mit Konsequenzen produzieren. Alle vor ihnen Lebenden sind schlichte Lücken in der Zeit, ohne Effekt auf die nach ihnen Kommenden.
Dieser Junk ist nur einer der entsprechenden Vorträge, mit denen die Übriggebliebenen auf dem diesjährigen Soziologentag unterhalten werden. Vielleicht reichen wir noch das eine oder andere Highlight nach …
… kommt auf die Resonanz an.
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@“Du sollst die Zukunft nicht vorwegnehmen.”
Das GPS-Signal benötigt eine relativistische Korrektur, s.d. Also abschalten.