Es gutmenschelt wieder: dieses Mal geht es Nutella an den Kragen

NutellaNa, haben Sie heute Ihr Brötchen mit Nutella bestrichen? Wenn ja, dann genießen Sie es, so billig wie bislang, bekommen Sie Ihren Zucker in Zukunft nicht mehr, jedenfalls nicht, wenn es nach der Deutschen Diabetes Gesellschaft geht. Dieselbe in Person Ihres Vorsitzenden, Privatdozent Dr. med. Erhard Siegel, fühlt sich nämlich berufen, die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD, die doch bereits mit so weltbewegenden Themen wie einer Frauenquote überladen sind, mit einer weiteren Absurdität zu überfrachten, nämlich der Forderung nach einer Kaloriensteuer:

Berlin – Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) begrüßt Überlegungen im Rahmen der Koalitionsverhandlungen von CDU und SPD, künftig eine Steuer auf besonders kalorienreiche Lebensmittel zu erheben. „Dies wäre ein bedeutender Schritt, um Primärprävention bevölkerungsweit und nachhaltig in Deutschland einzuführen“, heißt es in einem Brief der DDG an die Verhandlungsführer beider Parteien im Ausschuss Gesundheit, Jens Spahn und Karl Lauterbach. Die Fachgesellschaft schlägt gleichzeitig vor, gesunde Lebensmittel steuerlich zu entlasten. Die Kaloriensteuer soll helfen, Ernährungsgewohnheiten zu verändern und Übergewicht zu bekämpfen. Übergewicht ist eine der Ursachen für Diabetes mellitus.

Gibt es eigentlich einen Zusammenhang zwischen Ärger und gesundheitlichen Schädigungen? Wenn ja, dann fordere ich, den Herrschaften von der DDG den Mund zu verbieten, als Form der Primärprävention und meiner Gesundheit zuliebe.

DDGWieder einmal sind also Gutmenschen angetreten, andere zu bevormunden und zu verhindern, dass andere in freier Entscheidung ihr Nutella wählen und den lahmen, nachhaltigen und nach nichts schmeckenden Brotaufstrich, den die DDG wohl empfehlen würde, abwählen. Das darf nicht sein und überhaupt, so weiß Privatdozent Dr. med. Erhard Siegel: “Der bloße Appell an Verhaltensänderungen sei nachweislich gescheitert.” Ja sowas auch. Da sagt man erwachsenen Menschen, dass es nicht gut ist, Nutella zentimeterdick, ja überhaupt auf sein Brötchen zu schmieren, und was passiert? Ignoriert wird man! Das geht nicht, nicht mit einem Dr. med. Erhard Siegel, nicht mit einer DDG! All diejenigen, die nicht so wollen, wie die DDG, die werden schon sehen, was sie davon haben: Die DDG hat die Politiker zur Hilfe gerufen. Mt einer Kaloriensteuer, so frohlockt Siegel “hätten wir endlich eine effektive Strategie gegen das weitere Ansteigen der Volkskrankheiten wie Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen”.

Das ist erstaunlich, was der Herr Dr. med da behauptet, so erstaunlich, dass man gerne wüsste, wo er seine Erkenntnis über die Wirksamkeit von Steuern auf Kaloriern (!sic) herhat. Alle Forschung, die vor allem im englischsprachigen Ausland und im Hinblick auf die so genannten Sin-Taxes durchgeführt wird, zeigt nämlich einträchtig, dass

  • die entsprechenden Steuern vor allem eines sind: wirkungslos im Hinblick auf die beabsichtigte Wirkung;
  • die entsprechenden Steuern sozial ungerechte Steuern sind, die in erster Linie die sozial Schwachen treffen, denen Gutmenschen doch normalerweise so zugetan sind;
  • die angebliche Entlastung der Gesundheitssysteme eine Illusion ist, da die frühere Mortalität der Kalorienfresser dazu führt, dass hohe Alterskosten, wie sie dem Gesundheitssystem z.B. durch Demenz oder Alzheimer oder Pflegebedürftigkeit entstehen, nicht anfallen;
  • die entsprechenden Steuern eine Form der paternalistischen Selbstbeweihräucherung sind, die langsam unerträglich wird;

Medical paternalismUnd darüber hinaus sind die entsprechenden Steuern nur als Fürsorge verpackt, denn sie dienen in erster Linie dazu, das Steuersäcklein zu füllen, und wozu sie in zweiter Linie dienen, kann man nur vermuten. Seltsamerweise haben Steuern, die einem Finanzminister und einem Etat zu Gute kommen, die also keinerlei direkten Nutzen für diejenigen haben, die sie fordern, eine wohltuende Wirkung auf die entsprechenden Forderer, fast so, als ginge von der Besteuerung Dritter eine Form der Genugtuung aus, die fast schon an Schadenfreude grenzt (oder auch nicht fast), aber das ist natürlich sozial nicht verträglich. Es ist schon besser, sich als besorgt um die Gesundheit Dritter, denen man im täglichen Leben eher aus dem Weg geht, als dass man sich im Zug auch nur für eine Station neben sie setzen würde, darzustellen.

Nun gibt es zwei Formen der fürsorglichen Besteuerer, solche wie Edgar Franke (SPD) und Erwin Rüddel (CDU), die fordern, die Steuern auf Nahrungsmittel, die mehr als 275 Kalorien pro 100 Gramm aufweisen, generell um 50% zu erhöhen. Davon wären Nutella, Kartoffelchips und Schokoriegel und Fast Food und Softdrinks und und und betroffen. Die andere Form der fürsorglichen Besorgnis, die dem netten Dieb-Syndrom entspricht (der Dieb, der erst 100 Euro stiehlt und dann, weil er ein schlechtes Gewissen hat, einen Euro zurückgibt), geht von Status Quo der Besteuerung aus, nimmt mit zunehmender Kalorienzahl mehr und lässt dafür bei den Nahrungsmitteln, die als gesund und (wie könnte es anders sein) nachhaltig angesehen werden, ein wenig nach. Das ist es dann wohl, was Richard Thaler und Cass E. Sunstein liberalen Paternalismus nennen, ein Unding, für das die beiden Sozialwissenschaftler verantwortlich sind und für das sie eigentlich aus der wissenschaftlichen Zunft ausgeschlossen werden müssten.

cartoon cavemenDenn sie geben allen Arten von Gutmenschen die Möglichkeit, eigene Versuche des rent seeking hinter angeblicher Fürsorge zu verstecken. Politiker tun das noch am ehrlichsten, indem sie generell nur in höheren Steuern zu denken in der Lage sind. Fürsorger wie diejenigen von der DDG tun dies im Verborgenen, und zwar über die Kriterien, die bestimmt werden müssen, um die nachhaltigen und vermeintlich gesunden Nahrungsmittel zu identifizieren. Bei dieser Bestimmung wollen die DDGler natürlich mitreden, und sie sind natürlich keiner Einflussnahme von Seiten Dritter zugänglich und haben natürlich auch keinerlei eigenen Nutzen davon, dass sie Dritten vorschreiben, was ihr jeweiliger Lebensstil kostet. Sie sind die puren Altruisten, die reinen Gutmenschen, die vor lauter Fürsorge über Dritte, dahinschmelzen wie der Schnee, der im Moment noch die Black Mountains ziert. Bei so viel Gutheit wird es mir regelmäßig so schlecht, dass ich darüber nachdenke, ob es nicht langsam an der Zeit wäre, eine Gutmenschen-Steuer einzuführen. Pro Gutmenschen-Vorschlag werden 100.000 Euro fällig, zu zahlen an diejenigen, die Gegenstand des Gutmenschen-Vorschlag sind.

Gutmenschen-Elend: Denn sie wissen nicht, wovon sie reden

, aber sie wollen in jedem Fall schon einmal helfen.

Viele Zeitgenossen, die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, dass sie anderen erzählen, sie wären um deren Wohl besorgt, gelangen über kurz oder lang bei der Notwendigkeit an, Forderungen aufzustellen, von denen sie zwar denken, sie wären “populär”, “gut”, “Beleg ihrer Verantwortung für …[die Schöpfung, die nachwachsende Generation, Kinder, Jugendliche, Adipöse, Raucher, die Erde, die Dritte Welt (aber die ist gerade out – oder?) – bitte das ideologisch Passende bitte eintragen] , die sich aber im krassen und direkten Widerspruch befinden zu allem, was man als Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis ansehen kann.

Medical paternalismSo haben nach einen Bericht in der WELT die beiden Professoren Hans-Georg Joost und Andreas Fritsche die Vorstellung des Ernährungsberichts 2012 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) dazu genutzt, die Einführung einer Zucker-Steuer zu fordern, um damit “vor allem Kinder und Jugendliche vom Konsum ungesunder Lebensmittel” abzuhalten. Hans-Georg Joost aus Potsdam, der immer dann, wenn es sich anbietet, z.B. erst kürzlich im so genannten Pferdefleisch-Skandal nach “dem Staat” ruft, damit er “den Verbraucher” vor vermutlich “der Industrie” schützt, hat beim Ruf nach einer Zucker-Steuer moralischen Beistand von Professor Andreas Fritsche aus Tübingen, der weiß, dass Verbrauchern “oft nicht klar [sei], dass Lebensmittel Zucker” enthielten, und der weiß, dass die Folgekosten von ungeregeltem Zuckerkonsum für das Gesundheitswesen aus dem Ruder geraten, wenn der Staat nicht regulierend eingreift, wie dies die Weltgesundheitsorganisation fordere.

Ein kurzer Exkurs zum Pferdefleischskandal: Es ist schon erstaunlich, welche Aufregung Pferdefleisch in Fertig-Lasagne herbeiführen kann, und zwar bei genau den selben Verbrauchern, die keinerlei Probleme mit einer Schlachtindustrie haben, die Tiere mit Antibiotika traktiert, damit sie ihr Leben in einem Stall ertragen, das einzig dem Lebensziel Schlachtung und Gefressen-Werden dient.

Nun, mit der Forderung danach, man möge doch die dummen Verbraucher davon abhalten, mehr Zucker in sich zu stopfen als von Medizinern wie Joost und Fritsche für gut befunden, und dazu eine Zucker-Steuer einführen, verbinden sich vier Probleme:

  1. Steuern wie die Zucker-Steuer, die im Englischen als Sin-Tax (Sünden-Steuer) bezeichnet werden, sind zumeist wirkungslos im Hinblick auf die Wirkung, die mit ihnen beabsichtigt ist;
  2. Steuern, wie die Zucker-Steuer, sind sozial ungerechte Steuern, da sie Arme, die Gutmenschen doch eigentlich am Herzen liegen sollten, mehr treffen als Reiche;
  3. Der Genuss von Zucker oder Tabak, bringt auf lange Sicht nicht mehr Kosten für die sozialen Sicherungssysteme, sondern weniger Kosten;
  4. Steuern wie die Zucker-Steuer sind paternalistisch und entsprechend ein Eingriff in die Selbstbestimmung;
I'm not responsible

I’m not responsible

Eigentlich sind die wissenschaftlichen Untersuchungen, die belegen, dass Sin-Taxes nicht das gewünschte Ziel erreichen, so zahlreich, dass es genügen müsste, auf sie zu verweisen. Aber, wie so oft in der empirischen Sozialforschung, sind die entsprechenden Beiträge zumeist in englischer Sprache verfasst, selbst dann, wenn sie von deutschen Autoren stammen, so dass ich an dieser Stelle auf zwei sehr gute Arbeiten verweisen will, in denen sich die nun folgende Argumentation nachvollziehen lässt und in denen sich entsprechende Belege finden lassen. Es handelt sich dabei um ein Arbeitpapier von Adam J. Hoffer, William F. Shughart II und Michael D. Thomas mit dem Titel “Sin Taxes. Size, Growth, and Creation of the Sindustry” und um Christopfer Snowdons endgültige Zerlegung aller jemals für Sin Taxes vorgebrachten “Argumente”.

Sin-Taxes, wie die Zucker-Steuer, funktionieren nicht

Nimmt man nur einen Moment lang an, Menschen im Allgemeinen und Verbraucher im Besonderen seien nicht die dummen Tölpel, die Gutmenschen wie Joost und Fritsche in ihnen sehen wollen, nimmt man also an, Verbraucher seien sehr wohl in der Lage, aus einem Angebot die Produkte auszuwählen, die sie wollen, und kommt entsprechend zu der Einsicht, dass manche Zeitgenossen gar nichts gegen den Verzehr eines, zweier, ja, oh Schreck, exzessiver dreier Mars-Riegel einzuwenden haben, dann kommt man auf diesem Weg zu dem Schluss, dass die entsprechenden Verbraucher nach einem Weg suchen werden, um die höheren Kosten, die ihnen ihr Zuckergenuß durch die Erhebung einer Zuckersteuer verursacht, zu kompensieren. In ökonomischer cartoon cavemenSprache: Sie werden substituieren, teuren Zucker durch billigeren Zucker, durch Zuckerersatz. Leidet das Zucker-Genuss-Erlebnis, dann nimmt diese Substitution etwas andere Formen an, dann wird das Geld, um das der Zuckergenuss teurer geworden ist, eben an anderer Stelle eingespart, z.B. beim Kauf von Gemüse oder Salat oder lascher Getränke, in die kein Zucker Eingang gefunden hat. Ökonomen sprechen hier von nicht elastischer Nachfrage. Eine solche nicht-elastische Nachfrage liegt vor, wenn Verbraucher nicht einfach auf den Konsum von bestimmten Gütern verzichten können bzw. wollen, z.B. weil sie von Zigaretten abhängig sind (psychisch oder physisch), weil sie auf den Gebrauch von Insulin angewiesen sind oder aber, weil sie einen bestimmten Lebensstil pflegen, den sie nicht aufzugeben bereit sind, nicht einmal durch eine Steuer auf besonders kohlenhydrat- und tanninlastige Nahrungs- und Genussmittel beim Italiener um die Ecke.

Sin-Taxes sind sozial ungerechte Steuern

Selbsternannte Gutmenschen wie Hans-Georg Joost oder Andreas Fritsche, die sich um den Körperumfang anderer sorgen, haben nicht auf der Rechnung, dass die Dicken gar kein Problem mit ihrem Dicksein haben könnten. Vielmehr gehen sie von triebgeleiteten Deppen aus, die dem Reiz eines Schokoriegels einfach nicht widerstehen können. Entsprechend muss man sie vor sich selbst schützen, und zwar durch eine Steuer. Das ist zwar nicht logisch, aber das, was immer kommt. Nun habe ich oben dargelegt, dass die Schokoriegel-Esser keine Deppen sind, sondern emanzipierte Verbraucher, die auch wissen, dass in Schokolade Zucker ist und dass Zucker zuweilen dick machen kann, die aber dennoch nicht auf ihren Genuß verzichten möchten und entsprechend die höhere Besteuerung durch Substitute zu unterlaufen suchen. Die Möglichkeit, dies zu tun, hängt wiederum vom Einkommen ab. Entsprechend haben Personen mit einem höheren Einkommen mehr Möglichkeiten, eine Zucker-Steuer zu umgehen bzw. auf alternative Produkte auszuweichen als Personen mit geringerem Einkommen, die entsprechend nach Einfuhr der Steuer einen höheren Anteil ihres Einkommens für Schokoriegel aufwenden müssen. Und so entpuppen sich die Gutmenschen von oben, nunmehr als sozial diskriminerende Gutmenschen, die ihre Ideologie vom dünnen, gesunden Menschen auf dem Rücken von sozial Schwachen ausleben.

Die Einführung von Sin-Taxes entlastet die sozialen Sicherungssysteme

Die höheren Kosten, die durch Raucher, Adipöse und wer auch immer gegen den Gesundheitskodex der beiden Professoren verstößt, verursacht werden, sind im Hinblick auf die sozialen Sicherungssysteme ein schwer zu erledigender Mythos und dies obwohl es unzählige Studien gibt, die zeigen, dass Raucher früher sterben als Nicht-Raucher und entsprechend die Rentenkasse nicht in gleichem Umfang belasten. Anscheinend ist die geheuchelte Sorge um die Gesundheitskosten ein zu fester Bestandteil der eigenen Gutheits-Inszenierung, als dass man ihn fallen lassen könnte.

Die anyway“There is ample evidence that, on average, smokers and the obese are less of a ‘drain on public services’ than nonsmokers and the slim because they spend fewer years withdrawing pensions, prescriptions, nursing home provisions and other benefits. Their lifetime health care costs are usually lower than those who lead healthier lifestyles. If making consumers pay their way is truly the aim of public policy, the government would be more justified in placing a tax on fruits and vegetables” (Snowdon, 2012, p.2-3)

“Recent studies have shown that smokers cost governments less in social welfare than otherwise identical nonsmokers. Because smokers die younger, on average, they require fewer long-term health care services and collect fewer Social Security benefits. These savings more than compensate for the medical costs of those who become ill from smoking (Hoffer, Shughart & Thomas, 2013, S.6).”

Sin-Taxes sind paternalistisch und ein Eingriff in die persönliche Freiheit

Bis hierher ist deutlich geworden, dass Sin-Taxes kein geeignetes Mittel sind, um Verhalten von Menschen zu verändern, aber sie sind eine hervorragende und stetig sprudelnde Einkommensquelle für Regierungen, vor allem deshalb, weil sie sich die Tatsache zu Nutze machen, dass die von der Sin-Tax Betroffenen ihre Konsumgewohnheiten aufgrund der Steuer gerade nicht ändern wollen bzw. können. Insofern sind die entsprechenden Steuern eine Spitzenleistung der Heuchelei, denn sie werden mit der Sorge um “die Menschen” verkauft, zielen aber lediglich darauf ab, die immer leerer werdenden Staatssäckel durch neue Steuerinnovationen zu füllen. Dass diese Form der Heuchelei auch noch mit Paternalismus einhergeht und dass es mit Cass Sunstein und Richard Thaler zwei Autoren gibt, die sie gar als einen “liberalen Paternalismus” verkaufen wollen, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Till Grüne-Yanoff hat in einem lesenswerten Beitrag bereits gezeigt, warum es keinen liberalen Paternalismus geben kann. Der interessierte Leser sei auf seinen true powerBeitrag verwiesen.

Ich will mich an dieser Stelle darauf konzentrieren, dass es ja jemanden geben muss, der im Meer der potentiell schädlichen Verhaltensweisen diejenigen ausmacht, die besteuert werden sollen. Derzeit werden adipöse und rauchende Säue durch deutsche Dörfer getrieben. Aber warum eigentlich? Warum weist niemand darauf hin, dass bestimmte Sportarten mit gesundheitlichen Schäden einhergehen, z.B. Arthritis oder Knorpelschäden? Warum reagiert niemand auf die irritierende Studie, die mir Dr. habil. Heike Diefenbach gerade geschickt hat und deren Ergebnis darin besteht, dass zu fit sein ungesucht ist: Sportliche Betätigung, so haben die Forscher herausgefunden, erhöhte bei 10% der Aktiven den Blutdruck, und führte zu ungesunden Cholesterol und Insulin-Werten.  Warum also nicht Sport besteuern und in der Schule verbieten (weil wir uns ja bekanntlich mehr um Kinder und Jugendliche als um Erwachsene sorgen müssen, um gute Menschen zu sein.). Olivenöl enthält Weichmacher, die sich negativ auf die Gesundheit und, Gipfel des Schreckens, auf die Fertilität auswirken. Na wenn das nicht danach ruft, besteuert zu werden? Die Antibiotika, die Rindern verabreicht werden, damit sie ihr Leben ertragen können, tragen zu einer verstärkten Resistenz gegen Antibiotika bei Fleischessern und Milchtrinkern bei. Also muss man beides besteuern, damit die Fleischesser und Milchtrinker nicht am nächsten Virus verenden. Der Möglichkeit, “die Verbraucher” zu paternalisieren, sind also keine Grenzen gesetzt. Hat man Verbraucher erst einmal zu einem Haufen unmündiger Deppen erklärt, dann lässt sich immer eine Einnahmequelle für geldnotleidende Staaten finden, und die vielen Gutmenschen, die sich regelmäßig über die ungesunden Eß-, Trink-, ja Lebensgewohnheiten der anderen, der Verbraucher, beklagen, sind ein unverzichtbarer Stein im Mosaik der täglichen Entmündigung.

Wenn man schon nicht gegen Sin-Taxes ist, weil die Steuerung menschlichen Verhaltens, die die entsprechenden Steuern versprechen, nicht klappt, nie klappen wird und auch nicht klappen kann, dann sollte man zumindest aus Selbsterhaltungsgründen gegen die entsprechenden Steuern sein: Die Sucht von Gutmenschen danach, für andere zuerst Sorgen zu erfinden und diese dann durch Regulation, den Ruf nach dem Staat und in jedem Fall durch Entmündigung der Umsorgten für diese zu lösen, ist einfach zu stark, als dass man sie weiterhin ignorieren könnte.

Dr. habil. Heike Diefenbach hat mich noch auf einen  Beitrag  aufmerksam gemacht, aus dem hervorgeht, dass die einfache Welt der Besorgnis, die Gutmenschen bewohnen, doch komplexer ist, als sie denken:
People can be fat, yet fit, research suggests

Die Grenzen des Staatsfeminismus: Was tun, wenn Frauen gar nicht “gleichgestellt” werden wollen?

Kollektive Ideologien haben immer dasselbe Problem: Männer und ihre Präferenzen – nach einer kurzen Diskussion mit Dr. habil. Heike Diefenbach über diesen Punkt, habe ich mich entschlossen, die Probleme kollektivistischer Ideologien als Probleme mit den Präferenzen von Männern zu beschreiben, obwohl es, und das beste Beispiel ist Dr. Diefenbach, Frauen gibt, die in gleicher Weise Probleme für kollektivistische Ideologien darstellen wie Männer. Aber: Die Anzahl der entsprechenden Frauen bleibt weit hinter der Anzahl entsprechender Männer zurück, selbst wenn man die “Neuen Männer” in Rechnung stellt. Familiale Strukturen, wie sie u.a. von Max Horkheimer in den 1920er Jahren besprochen wurden, und die nach wie vor in Deutschland hoch im Kurs stehen, haben zur Konsequenz, dass (verheiratete) Frauen ein erhebliches Interesse daran haben, dass ihre Männer dem System zu Willen sind und nicht etwa gegen kollektive Vorgaben opponieren, da Letzteres die Existenzgrundlage der entsprechenden Frauen gefährden würde. Heute ist vielfach der Staat und die Transferzahlungen an die Stelle der Familienernährer getreten. Dies ändert jedoch nichts an den Machtstrukturen. War es früher im Interesse von Frauen, die sich in die Abhängigkeit von einem Familienernährer begeben haben, dessen Wohlverhalten gegenüber gesellschaftlichen (Arbeits-)Strukturen zu sichern, so ist es heute im Interesse der nunmehr von staatlichen Transferzahlungen und rechtlich gesicherten Unterhaltszahlungen abhängigen Frauen, die kollektive Ideologie des Staatsfeminismus nicht gefährdet zu sehen. Kurz: Die Mehrzahl von Frauen stützt kollektive Ideologien und deshalb beginnt der vorliegende Text wie folgt:

Kollektive Ideologien haben immer dasselbe Problem: Männer und ihre Präferenzen. Da kollektive Ideologien immer ein kollektives, in der Gemeinschaft liegendes Heil verkünden, sind individuelle Präferenzen, die vom kollektiven Heilsziel abweichen, das, was es zu bekämpfen gilt. Entsprechend haben sich kollektive Ideologien immer sehr findig und effizient gezeigt, wenn es darum ging, abweichende individuelle Präferenzen zu bekämpfen. Stalin hat seine Gegner in Gulags ermordet, die Nazis haben Gegner ihrer kollektiven Ideologie in Konzentrationslagern umgebracht, die Führung der SED hat eine Mauer um das eigene Land gezogen und jeden, der sein Freiheitsrecht reklamiert hat, erschossen. Heute, da brachiale Methoden wie die beschriebenen nicht mehr so hoch im Kurs stehen und die herrschende kollektive Ideologie des Staatsfeminismus zudem mit dem “Sorgemythos des Wohlfahrtsstaats” ausgestattet ist, wird nicht mehr auf Individuen mit anderen Präferenzen geschossen bzw. sie werden nicht mehr interniert (wenn man Sonderschulen einmal ausnimmt), nein, heute werden die Gefahrenquellen individuellen Widerstands gegen den Staatsfeminismus durch Umerziehung und bereits in der Schule bekämpft. Es ist müsig, darauf hinzuweisen, dass die Gefahr für den Staatsfeminismus von derselben Quelle rührt, von der sie immer herrührte: Männer, Jungen in diesem Fall, Jungen, denen ihr “Machogehabe”, ihre unangepasste Individualität in Schulen abtrainiert werden muss. Gelingt das Erziehungsvorhaben und sind die Jungen entweder willig oder findig genug, sich scheinbar auf das Erwartete einzulassen, dann winkt ihnen eine weiterführende Bildung, sind sie weder willig noch findig, dann winkt ihnen die Sonderschule, die Arbeitslosigkeit und ein von Staatsfeministen umsorgtes Leben, das sie von einer “Maßnahme” in die nächste gleiten sieht.

Diese eher philosophische Einleitung vorweggeschickt, will ich mich nun dem derzeitigen Lieblingsthema der Staatsfeministen zuwenden: Der Gleichstellung von Frauen im Beruf (bzw. in Vorstandsetagen) und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, dem Feld, das sich als das lukrativste für die Legionen helfender und sozialarbeiterisch umsorgender Kostgänger des Staatsfeminismus erwiesen hat. Das Ziel ist klar: Frauen sollen dem Staat Kinder gebären, sie sollen arbeiten und dafür entlohnt werden als seien sie nicht durch die Wahrnehmung ihrer Gebärpflichten über längere Phasen ihrer Erwerbstätigkeit ein Totalausfall für die Unternehmen, die sie beschäftigen, und sie sollen Männern in jeder Hinsicht im Berufsleben gleichgestellt sein. Das will die staatsfeministische Ideologie.

Nun zur Realität, zur ganz utopiefreien baren Wirklichkeit: Nicht alle Frauen wollen arbeiten. Manche sitzen lieber zu Hause und lassen sich ernähren. Und dass sie das können, daran ist der Staatsfeminismus schuld, der einerseits Frauen zum Arbeiten bringen will, andererseits Frauen gerade dafür bezahlt, dass sie nicht arbeiten.

Dies waren die Behauptung, die Belege folgen auf dem Fuß:

Catherine Hakim hat bereits in den 1990er Jahren eine Reihe von Forschungen veröffentlicht, deren einheitliche Aussage man wie folgt zusammenfassen kann: rund 30% der Frauen sind “committed to work”,  weitere rund 30% der Frauen “prefer not to work”. Zwischen beiden Gruppen lavieren die Unentschlossenen, Frauen, die noch nicht entschieden haben, ob sie lieber arbeiten wollen oder nicht, Frauen, die einen Anreiz benötigen, um sich entweder für die eine oder die andere Seite zu entscheiden. Nun, welche Form von Anreiz stellen wohl Zahlungen für Fertilität, wie sie der deutsche Staatsfeminismus in unglaublicher Höhe bereitstellt, dar? Welchen Anreiz stellen die finanziellen Rechte, die Mütter einklagen können, ihre Ansprüche auf staatliche Alimentierung, die sie allein dadurch erzielen, dass sie fertil sind, dar? Ich denke, kaum jemand der bei normalen Sinnen ist, wird bestreiten, dass die entsprechenden Anreize alle dahin gehend wirken, die Unentschlossenen gegen ein “commitment to work” und für  “not to work” zu bewegen. Das ist eigentlich alles ganz einfach und seit der Forschung von Hakim auch bekannt. Die Abbildung zeigt eine Klassifikation der Präferenzen von Frauen im 21. Jahrhundert, die Catherime Hakim bei einem Vortrag verteilt hat. Der komplette Handout des Vortrags kann auf den Seiten der Campaign for Merit in Business heruntergeladen werden.

20 Jahre nach Catherine Hakim trauen sich auch deutsche Wissenschaftler, genauer Stephan Humpert und Christian Pfeifer, zwei Ökonomen, an die Frage heran, ob Frauen eigentlich die Präferenzen für Arbeit haben, die ihnen vom Staatsfeminismus kollektiv und einheitlich zugeschrieben werden. Es ist mir eine besondere Freude, die Ergebnisse, zu denen die beiden Ökonomen gekommen sind, hier zu besprechen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Daten des SOEP die Datengrundlage darstellen und die Ergebnisse in der Reihe “SOEPpapers” des DIW veröffentlicht wurden, also in der Reihe eines Institutes, das in den letzten Monaten mit fliegenden Fahnen in die Reihen der Staatsfeministen eingeschwenkt ist. Nun, Humpert und Pfeifer haben die Daten des SOEP benutzt, um u.a. zu untersuchen:

  • wie hoch das Einkommen sein müsste, das man Männern wie Frauen, die arbeitslos sind, bieten müsste, damit sie arbeiten gehen – in der Ökonomie spricht man hier vom reservation wage;
  • wie viele Stunden pro Woche Männer wie Frauen bereit wären, für das entsprechende Gehalt zu arbeiten;
  • Und wie hoch das Einstiegsgehalt für diejenigen ist, die nach einer Arbeitslosigkeit von mehr als einem halben Jahr tatsächlich eine Tätigkeit aufgenommen haben;

Die Ergebnisse, zu denen die beiden Autoren auf der Grundlage der Antworten von 1522 Arbeitslosen und 1757 Erwerbstätigen kommen, sind die folgenden:

  • Frauen und vor allem Mütter machen die Aufnahme einer Beschäftigung von höheren Löhnen abhängig als Männer.

  • Frauen sind zu weniger Arbeitsstunden bereit als Männer.
  • Diejenige Frauen und Mütter, die eine Arbeit aufnehmen haben jedoch keine höheren Einstiegsgehälter als Männer
  • Daher gilt: “From this it follows that these groups [Frauen, besonders Mütter] have lower probabilities of choosing employment over non-employment” (21).
  • Somit stellt sich die Frage, warum vor allem Mütter hohe Anreize haben, keine Arbeit aufzunehmen. Die Ergebnisse der Autoren sind vielsagend: Vor allem Mütter haben eine geringe Bereitschaft, arbeiten zu gehen und haben eine höhere Präferenz für Freizeit (23).
  • Die Gehaltsgrenze, ab der Frauen angeben, eine Arbeit aufnehmen zu wollen, erhöht sich dann, wenn Kinder vorhanden sind, erheblich, während Kinder auf die Gehaltsgrenze, ab der Männer eine Arbeit aufnehmen, keinen Einfluss haben. Da mit Kindern Transferzahlungen einhergehen, offenbart sich hier ein perverser Effekt staatsfeministischer Fertilitäts-Subventionierung. Die für Fertilität bezahlten Frauen sind nur noch dann bereit, eine Arbeit aufzunehmen, wenn sie überdurchschnittlich dafür bezahlt werden.
  • Da den entsprechenden Frauen jedoch die Berufserfahrung und die Produktivität fehlt, um überdurchschnittlich bezahlt zu werden, erhalten sie nicht das Gehalt, das ihnen vorschwebt, und entsprechend bleiben viele von Ihnen untätig, oder wie Humpert und Pfeifer schreiben: “…wages on the other hand, depend strongly on productivity, which is positively affected by on-the-job training and negatively by employment interruptions” (20).

Die Ergebnisse von Humpert und Pfeifer bestätigen zum einen die Präferenz-Theorie von Catherine Hakim in hervorrragender Weise, zum anderen machen sie das Elend kollektivistischer Ideologien wie sie der Staatsfeminismus darstellt, sehr deutlich. Den staatsfeministischen Sozialtechnikern bleiben nur zwei Möglichkeiten, die Bereitschaft von vornehmlich Müttern, zur Aufnahme von Arbeit herzustellen: Entweder sie erlassen eine gesetzliche Verpflichtung zur Arbeit, oder sie verpflichten Arbeitgeber, Mütter ein Gehalt zu zahlen, das weit über deren Produktivität und Leistung liegt, sie mit Männern, die keine Ausfallzeiten hatten, ergebnisgleich zu stellen. Beide Lösungen sind nicht populär, die erste Lösung nicht bei den der Zwangsarbeit unterzogenen Müttern, die zweite Lösung bei den durch die Gehaltsgleichstellung von Müttern benachteiligten und diskriminierten Männern. Von ersteren wird man kaum erwarten, dass sie durch besonderen Arbeitseinsatz auffallen, von Letzteren wird man erwarten können, dass sie ihre Arbeitsbereitschaft und ihren Arbeitseinsatz reduzieren, da Leistung sich für sie nicht lohnt. Da zudem eine Zwangsverpflichtung von Müttern zur Arbeit, dem ideologischen Kern des Staatsfeminismus zuwider läuft, bleibt nur die Gleichstellung von Männern und Frauen im Hinblick auf das Entgelt: Ergebnisgleichheit. Und genau diese Ziel der Ergebnisgleichheit, durchzieht die staatsfeministische Propaganda und die Versuche der Umerziehung von Jungen und Männern, die mit ihr einhergehen. Da ist es eben wieder, das Problem mit Männern und damit, dass Männer Präferenzen für Leistung, Wettbewerb und dafür haben, sich von anderen zu differenzieren,Präferenzen also, die im Staatsfeminismus nicht vorgesehen sind.

In jedem Fall steht am Ende das, was bei sozialistischen Experimenten immer am Ende stand: Die Diskreditierung von Leistung, der Niedergang wirtschaftlicher Prosperität, und der Ruin einer Gesellschaft. Dies alles ist bekannt, die entsprecheden Experimente in der Sowjetunion und der DDR liegen noch nicht so lange zurück, als dass man sie vergessen haben könnte. Aber: Sozialisten im Allgemeinen und Staatsfeministen im Besonderen sind nicht lernfähig, und entsprechend muss Geschichte sich offensichtlich doch wiederholen.

Humpert, Stephan & Pfeifer, Christian (2012). Explaining Age and Gender Differences in Employment Rates: A Labor Supply Side Perspective. Berlin: DIW, SOEPpapers on Multidisicplinary Panel Data Research #449.

Die gesellschaftlichen Kosten einer gesetzlichen Frauenquote

"Haben Sie noch andere Führungserfahrungen außer dem Ausführen Ihres Hundes?"

Politiker sprechen gerne von der Wissensgesellschaft, vom Lebenslangen Lernen und davon, dass die moderne Welt so komplex ist. Fast als hätten manche von Ihnen Michael E. Porter gelesen, sind sie der Überzeugung, dass moderne Industriestaaten vor allem aus dem Wissen und der Technologie, die sich in Innovationen umsetzen lassen, einen Mehrwert erzielen. Leider endet hier zumeist, was Politiker denken. Dass Wissen und Technologie nicht vom Himmel fällt, sondern dass es jemanden geben muss, der Wissen “inkorporiert” hat, der Technologien bedienen kann und dem Innovationen einfallen, das scheint bei vielen Politikern ein Wissen darzustellen, das sie in ihrem bisherigen Leben noch nicht erlernt haben. So wie manche deutschen Betriebswirtschafts-“Experten”, sind Sie der Meinung, man müsse nur genug Individuen in einen Raum sperren und dann käme am Ende die Innovation heraus, und wenn die so erreichten Innovationen nicht gut sind, dann könne man ja Arbeitslose umschulen, zum Erfinder oder Entdecker.

Dass der Einsatz von Wissensbeständen, die ein Individuum hat, zum einen eine Funktion von Erfahrung, Spezialisierung und individuellen Investitionen in Wissen ist und dass man zum anderen dem entsprechend Wissenden und Erfahrenen einen Anreiz bieten muss, damit er sein Wissen mit anderen teilt, ist den entsprechenden Politikern zumeist ebenso unbekannt bzw. unverständlich wie der Zusammenhang zwischen einem funktionierenden und florierenden großen Unternehmen und in seinem Vorstand oder Aufsichtsrat getroffenen Entscheidungen bzw. der dort verfolgten Wettbewerbsstrategie, die wiederum in den meisten Fällen Ausdruck der Erfahrung und Spezialisierung von CEO und Aufsichtsratsmitgliedern ist. Manche Politiker scheinen zu denken, Aufsichtsräte seien vor allem dazu da, kalte Buffets zu leeren, weniger dazu, ein Unternehmen zu führen. (Sicher gibt es auch Wissenschaftler wie z.B. Helland und Sykuta (2004), die der Ansicht sind, Aufsichtsräte seien Staffage und hätten keinen Einfluss auf den Unternehmenswert bzw. die Performanz eines Unternehmens, aber die Prämisse, auf der Helland und Sykuta ihre Hypothese begründen, sieht Aufsichtsräte als weitgehend unauffällig an, d.h. sie treffen keine für das Unternehmen verheerenden Entscheidungen, das ist für den weiteren Verlauf wichtig.)

Da manche Politiker denken, Aufsichtsräte seien Gremien, in denen man Hummer und Kaviar konsumiert und ein Gläschen Sekt dazu schlürft,  wird veständlich, warum es für die meisten keiner Überlegung wert ist, ob eine gesetzliche Zulassungsquote für diejenigen, die sich am vermeintlichen Hummer, Kaviar und Sekt laben dürfen, sich negativ auf die Unternehmen, denen ein bestimmter Prozentsatz an Frauen im Vorstand/Aufsichtsrat aufgezwungen wird, auswirkt. Wie immer, wenn Ideologie am Anfang allen Handelns steht, spielt die Realität keine Rolle, werden negative Effekte ideologischer Maßnahmen vornehmlich dem Walten kritischer, böser oder adverser Kräfte zugeschrieben oder damit kommentiert, dass derzeit noch keine Aussagen über langfristige Effekte gemacht werden könnten. So hat Viviane Reding, die es auf einen “Vorstandsposten” bei der EU-Kommission geschafft hat, kein Problem, Daten aus dem Eurobarometer so zu verbiegen, dass sie in ihren ideologischen Kram passen, aber sie hat erhebliche Probleme damit, überhaupt zu verstehen, dass ihr ideologischer Kram negative Auswirkungen auf andere haben kann.

Wie eine Studie aus Norwegen zeigt, kosten Regelungen, die von Ideologen durchgesetzt werden, um ihre Traumwelt herbeizuregeln, eine Traumwelt, die natürlich zu ihrem Vorteil gestaltet ist, die meisten anderen in der Gesellschaft richtig viel Geld. Direkter formuliert: Eine Zwangs-Frauenquote in den Aufsichtsräten von Unternehmen, die an Börsen notiert sind, schadet nicht nur diesen Unternehmen, sie schadet der Volkswirtschaft, und sie schadet in erheblichem Maße.

Hintergrund der im Folgenden berichteten Ergebnisse ist der gesetzliche Zwang für börsennotierte norwegische Unternehmen bis spätestens Januar 2008 den Anteil von Frauen in Aufsichtsräten auf mindestens 40% zu erhöhen. Da im Jahr 2001 9% Frauen in den Aufsichtsräten der genannten norwegischen Unternehmen saßen, kommt der gesetzliche Zwang in Norwegen einem kleinen personellen Erdbeben gleich, denn um die 40% zu erreichen, mussten mindestens 30% der bisherigen Aufsichtsratsmitglieder ersetzt werden (eine Vergrößerung des Aufsichtsrats hat sich kein norwegisches Unternehmen geleistet). Diese erzwungene Veränderung in der Zusammensetzung des Aufsichtsrates haben Kenneth R. Ahern und Amy K. Dittmar genutzt, um zu untersuchen, wie sich die Erhöhung des Frauenanteils im Aufsichtsrat auf den Wert der davon betroffenen Unternehmen und die Qualität der im Aufsichtsrat getroffenen Entscheidungen auswirkt. Die Ergebnisse, die auf der Untersuchung 238 börsennotierter norwegischer Unternehmen basieren, sind deutlich:

  • Nach der Ankündigung der Einführung einer Zwangsquote durch den norwegischen Minister für Handel und Industrie, Ansgar Gabrielsen, im Februar 2002, stürzten die Aktienkurse der betroffenen norwegischen Unternehmen um durchschnittlich 3,54% ab. Bei einer Marktkapitalisierung von z.B. 30 Milliarden Euro, wurden allein durch die Ankündigung rund 1 Millarde Euro vernichtet (30 Milliarden entspricht der Marktkapitalisierung einer mittelgroßen Bank).
  • In der Folge hat der Quotenzwang in Norwegen dazu geführt, dass sich der Wert der Unternehmen (gemessen in Tobin’s Q, einem Maß, das den Buchwert mit dem Marktwert in Verbindung setzt) sukzessive verringert hat, so dass pro 10% Zunahme des Anteils von Frauen im Aufsichtsrat ein Rückgang von 12,4% in Tobin’s Q zu verzeichnen war, d.h. z.B.: der Marktwert ist bei gleichbleibendem Buchwert des Unternehmens gesunken, oder Markt- und Buchwert sind gleichzeitig gesunken (z.B. weil unrentable Vermögensgegenstände hinzugekauft und mit Kredit finanziert wurden).
  • Die Quote hat die Qualität der Unternehmensentscheidungen einbrechen lassen. Mit zunehmendem Anteil von Frauen in Aufsichtsräten wurden mehr unrentable Investitionsentscheidungen getroffen, die Schulden der Unternehmen sind gewachsen, und das verfügbare Umlaufkapital wurde reduziert.

Anders formuliert: Nach der Einführung der Zwangsquote stehen die börsennotierten Unternehmen Norwegens durchweg schlechter da als vor der Einführung der Zwangsquote; dazu Ahern und Dittmar: “…we find that the quota led firms to increase in size through poorly performing acquisitions possibly financed by increased debt and cash holdings. Since boards of directors are likely to be involved with acquisition decisions and major changes to financial policies, our results are consistent with acquisition decisions and major changes to financial policies, our results are consistent with a deterioration in the capabilities of the board. We also find that operating performance decreased as a result of the quota” (Ahern & Dittmar, 2011, S.4). Somit stellt sich die Frage, warum sich mehr Frauen in Vorständen derart verheerend auf die Rendite der entsprechenden Unternehmen und die Qualität der in Aufsichtsräten getroffenen Entscheidungen auswirken. Die Antwort der Autoren ist ebenso simpel wie offensichtlich: Weil sie in der Mehrzahl nicht über die Erfahrung verfügen, die notwendig ist, um informierte und sinnvolle Entscheidungen zu treffen.

Dieses Ergebnis zeigt Elend und Problematik einer staatlichen Intervention in die Zusammensetzung von Aufsichtsräten in aller Deutlichkeit: Quotenzwang führt dazu, dass unerfahrene Frauen in Aufsichtsräte aufrücken und dort mit ihrer Unerfahrenheit dazu beitragen, dass Entscheidungen getroffen werden, die den Wert des Unternehmens und dessen Funktionsweise negativ beeinflussen. So wie es nicht möglich ist, Arbeitslose durch das Arbeitsamt zum Erfinder umschulen zu lassen, so ist es nicht möglich, die benötigte Anzahl erfahrener und zur Arbeit im Aufsichtsrat eines Unternehmens fähiger Frauen vom Baum zu schütteln.

Dies ist Viviane Reding oder frauenbewegten Lobbyisten in Deutschland wie der Bundesarbeitsministerin von der Leyen egal. Für sie zählt nur die Quote, und wo gehobelt wird, da fallen bekanntlich Spähne. Wer wird sich schon so haben, wenn durch den Zwang einer Frauenquote mal eben ein paar Milliarden Marktwert von europäischen oder deutschen Unternehmen vernichtet werden?

Nun, es gibt einige, die etwas dagegen haben. So berichten Ahern und Dittmar, dass die Anzahl norwegischer Unternehmen, die börsennotiert sind, als Folge der Zwangsquote gesunken ist. Da die Zwangsquote nur für börsennotierte Unternehmen gilt und es ganz offensichtlich eine ganze Reihe norwegischer Unternehmen gibt, die sich von ihrer Regierung nicht in die Zusammensetzung ihres Aufsichtsrates hineinpfuschen lassen, haben nach Schätzungen von Ahern und Dittmar rund 30% der norwegischen Unternehmen, ihre Aktien zurückgekauft und sind nunmehr private Unternehmen, die nicht mehr an einer Börse gehandelt werden, andere haben schlicht ihren Hauptsitz verlagert, in die  USA oder das Vereinigte Königreich, in Länder, in denen man vor sozialistischen Eingriffen in die Unternehmensführung (noch?) relativ sicher sein kann.

Epilog
Damit ist aus meiner Sicht alles gesagt, was es zur Zwangs-Frauenquote in Aufsichtsräten von börsennotierten Unternehmen zu sagen gibt:

Wer angesichts dieser Ergebnisse weiterhin auf der Einführung einer gesetzlichen Frauenquote besteht, muss als ein skrupelloser Lobbyist, der über “Unternehmensleichen” geht, nicht zu rationalem Denken fähig ist und eine Gefahr für die Öffentlichkeit, darstellt, angesehen werden: Denn er schadet der wirtschaftlichen Entwicklung in hohem Maße oder – um in einer Sprache zu sprechen, die Ideologen vestehen: Er beschädigt aufgrund seines falschen Bewusstseins die Zukunftschancen von Kindern und Kindeskindern…

Literatur

Ahern, Kenneth R. & Dittmar, Amy K. (2011). The Changing of the Boards: The Impact on Firm Valuation of Mandated Female Board Representation.

Helland, Eric & Sykuta, Michael (2004). Regulation and the Evolution of Corporate Boards: Monitoring, Advising or Window Dressing? Journal of Law and Economics 47(1): 167-193.

Bildnachweis:
Flipchart-Fairy-Tales

Legitimationsforschung – Sozialwissenschaftler als Wegbereiter der Paternalisierung

Im letzten post haben Dr. habil. Heike Diefenbach und ich die Meinung vertreten und begründet, dass der Vorsatz, anderen etwas Gutes tun zu wollen, Teil eines Syndroms ist. Dieses Syndrom zeichnet sich dadurch aus, dass sich seine Inhaber von der realen Welt abkapseln, ihre guten Absichten auf der Grundlage von keinerlei oder verzerrter Information über die Wirklichkeit bergünden und letztlich auch nur an “Maßnahmen” und den mit ihnen einhergehenden finanziellen und personellen Vorteilen interessiert sind, nicht jedoch daran, ob ihre “Maßnahmen” überhaupt benötigt werden und welchen Nutzen oder Schaden die “Maßnahmen” in der Realität hinterlassen. Im Bemühen, so wenig wie nur möglich Realität zur Kenntnis nehmen zu müssen, werden die von uns als “Gutmenschen” bezeichneten Akteure von einer Vielzahl von u.a. Sozial”wissenschaftlern” unterstützt, die das Material für die kollektive Weltflucht liefern. Ein gutes Beispiel dafür ist ein neuer Beitrag in der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, der sich mit der “Bedeutung der familialen Lebenswelt für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen” beschäftigt.

Die Autoren dieses Beitrags, Petra Rattay, Thomas Lampert, Hannelore Neuhauser und Ute Ellert fassen die Ergebnisse ihrer Analysen wie folgt zusammen: “Auf der Basis der vorgestellten Ergebnisse kristallisiert sich als zentraler Ansatzpunkt einer familienorientierten Gesundheitsförderung die Verbesserung des innerfamilialen Klimas heraus. Gerade Strategien der Gesundheitsförderung, die die Verbesserung der sozialen Lebenschancen von benachteiligten Familien mit der Erweiterung von Verwirklichungschancen und Lebenskompetenzen von Eltern und Heranwachsenden und der Schaffung eines guten innerfamilialen Klimas verbinden, sind somit als zukunftsweisen einzustufen. … Hier wäre die Verzahnung der Gesundheitsförderung mit der Kinder- und Jugendhilfe hilfreich … Darüber hinaus scheint eine stärkere Vernetzung der familialen Lebenswerlt mit anderen pädagogischen Settings sinnvoll. … Eine ‘familienfokussierte Settingstrategie’ … erscheint somit insbesondere dann erfolgreich, wenn sie die Familien mit ihren Vernetzungen wahrnimmt und über die Familien ‘gesündere’ Handlungsoptionen anzubieten vermag …” (Rattay et al., 2012, S.167).

In aller Kürze kann man die politisch korrekt formulierten Forderungen wie folgt übersetzen: Kinder aus der Unterschicht (= benachteiligte Familien) sind häufiger krank, was vor allem am innerfamilialen Klima liegt (viel Streit, viel Alkohol, viel … [passendes Negativum einsetzen]), weshalb man Unterschichtsfamilien durch staatliche Institutionen (in denen viele Mittelschichtler beschäftigt sind) überwachen muss (familienfokussierte Settingstrategie), was es erforderlich macht, die entsprechenden staatlichen Institutionen (Sozial- und Jugendämter) mit zusätzlichen Befugnissen, (finanziellen) Mitteln und Angestellten auszustatten (Verzahnung der Gesundeitsförderung).

Diese weitreichenden Forderungen stehen am Ende eines 23seitigen (ohne Literaturverzeichnis) Beitrags, der auch insofern irritierend ist als die 23 Seiten sich auf 13 Textseiten und 10 Seiten, die mit Tabellen angefüllt sind, verteilen. Aber das ist nicht das einzige, was an dem Beitrag und seinen weitreichenden Forderungen irritiert. Die Reihe der irritierenden Ergebnisse beginnt damit, dass die Autoren nicht den Gesundheitszustand von Kindern gemessen haben, wie sie behaupten, sondern die Einschätzung der Gesundheit von Kindern durch ihre jeweiligen Eltern (wobei unklar bleibt, wer die Eltern sind, ob Väter, Mütter oder beide befragt wurden): “Wie würden Sie den Gesundheitszustand Ihres Kindes im Allgemeinen beschreiben?” (sehr gut, gut, mittelmäßig, schlecht, sehr schlecht”; Rattay et al., 2012, S.150). Der Einfachheit halber haben die Autoren die Kategorien “sehr gut” und “gut” als “gute Gesundheit” und “mittelmäßig”, “schlecht” und “sehr schlecht” als “nicht gute Gesundheit” zusammengefasst. Wer also bei der nächsten Befragung nach der Gesundheit seines Kindes gefragt wird, sollte nicht mittelmäßig sagen, weil das “nicht gut” bedeutet und nicht etwa “nicht schlecht”. Selbst durch diesen Trick gelingt es den Autoren lediglich 1.171 von 17.392 befragten Eltern als Eltern von Kindern mit als nicht gut eingeschätzter Gesundheit zu identifizieren.

Aber gut, besser 1.171 als gar keine Eltern, die die Gesundheit ihrer Kinder als” nicht gut” einschätzen. Für diese 1.171 Kinder, von denen ihre Eltern sagen, ihre Gesundheit sei  “mittelmäßig, schlecht oder sehr schlecht” (nicht gut in der Diktion der Autoren) untersuchen die Autoren nun, wie sie sich von den Eltern unterscheiden, die die Gesundheit ihrer Kinder als gut (also “gut” oder “sehr gut”) bezeichnen. Sie tun das für eine Vielzahl von unabhängigen Variablen, von denen sie, warum auch immer einen Effekt auf die Einschätzung der Gesundheit von Kindern durch ihre Eltern erwarten. Leider gibt es keinerlei theoretische Begründung für die Wahl von Variablen wie “Geschlecht”, “Zusammenwohnen mit beiden Elternteilen”, “Wohnfläche pro Person”, “Migrationshintergrund”, “Sozialstatus Eltern”, “Übergewicht Eltern”, “Rauchen in Wohnung”, “Stillen”, “Familienklima”. Doch nicht nur darüber, weshalb die Autoren die Variablen nutzen, die sie nutzen, wird der Leser des Beitrags im Dunkeln gelassen, die Frage, wie die entsprechenden Variablen gemessen wurden, wird ebenfalls nicht beantwortet. Dies ist in Teilen verschmerzlich, denn die Frage nach dem Rauchen kann man sich ungefähr vorstellen, bei zentralen Konzepten wie dem Familienklima, das die Autoren in ihren Forderungen als besonders wichtig betonen, ist dies jedoch ebenso unverzichtbar wie bei der Messung des Sozialstatus’. Da die Befragten nicht gefragt wurden, ob sie einen niedrigen Sozialstatus haben oder starke Defizite im Familienklima aufweisen, den entsprechenden Befragten der “niedrige Sozialstatus” und die starken Defizite im Familienklima von den Autoren aufgrund anderer Angaben der Befragten zugeschrieben wurden, ist es für die Interpretation der Ergebnisse unerlässlich, dass man weiß, wie gemessen wurde, was die Autoren ihren Lesern hier einfach als gegeben unterschieben wollen.

Dessen ungeachtet rechnen die Autoren munter drauflos, und zwar logistische Regressionen (- deshalb die dichotome abhängige Variable mit den Ausprägungen “gut” “nicht gut” – ein wenig Datenreduktion aus technischen Gründen). Die vielen Ergebnisse, die die Autoren in Modellen berechnen und Tabellen berichten, zeichnen sich dadurch aus, dass  es dem Leser unmöglich ist, die Qualität der berechneten Modelle nachzuvollziehen. Die berichteten Koeffizienten werden ohne Signifkanzen ausgewiesen (ein kapitaler Verstoß gegen wissenschaftliche MIndeststandards), die Anzahl der Befragten, auf deren Angaben die einzelnen Berechnungen basieren, wird nicht berichtet (ein ebenso kapitaler Verstoß gegen wissenschaftliche MIndeststandards) und anstelle des üblichen Gütekriteriums (Hosmer & Lemeshows chi-quadrat) wird Nagelkerkes r-quadrat als Maß für die Güte der Modelle berichtet, also dafür, wie gut es mit den unabhängigen Variablen (Familienklima, Sozialstatus der Eltern …) gelingt, die Einschätzung der Gesundheit der Kinder durch ihre Eltern zu erklären. Da sich Nagelkerke’s Maß nicht als Gütekriterium eignet, wie sich in  vielen Veröffentlichungen zum Thema nachlesen lässt (am komprimiertesten: Hosmer & Lemeshow, 2000, S.164-167), ist es Standard, die Anzahl der durch die logistische Regression richtig klassifizierten Fälle anzugeben. Dass Rattay et al. dies unterlassen, ist entweder statistischer Ahnungslosgkeit geschuldet oder der Tatsache, dass ein Bericht dieses Gütekriteriums die weitreichenden Forderungen der Autoren in Frage gestellt hätte.

[Technische Erläuterung

Punkte"wolke" und zugehörige logistische Regressionskurve

Mit einer logistischen Regression werden Wahrscheinlichkeiten im Hinblick auf eine binäre abhängige Variable geschätzt. Im vorliegenden Fall wird die Wahrscheinlichkeit geschätzt, dass Kinder entweder eine von den Eltern eingeschätzte gute oder eine nicht gute Gesundheit haben. Für die unabhängigen Variablen, wie z.B. Familienklima oder sozialer Status der Eltern wird ihr jeweiliger Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, dass Eltern entweder eine “gute” oder eine “nicht gute” Gesundheit für ihre Kinder berichten, geschätzt. Entsprechend ist es möglich, die Befragten auf der Grundlage des berechneten Modells (also über die Werte der unabhängigen Variablen) in Befragte zu klassifizieren, die eine gute Gesundheit ihrer Kinder berichtet haben müssten, wäre das Modell richtig, und solche, die eine nicht gute Gesundheit ihrer Kinder berichtet haben müssten. Die so gewonnen Verteilung der Eltern kann man dann mit den tatsächlichen Antworten der Eltern vergleichen und bestimmen, wie hoch die Anzahl der Fehlklassifikationen ist (also wie viele Eltern müssten nach der Modellberechnung gesagt haben, ihre Kinder hätten eine “nicht gute” Gesundheit, haben aber tatsächlich gesagt, ihre Kinder haben eine gute Gesundheit). Je mehr Fehlklassifikationen, desto schlechter das Modell. Dieses Gütekriterium ist das einfachste und am leichtesten zu interpretierende Maß, das ich kenne. Um so erstaunlicher, dass die Autoren es nicht berichten.]

Wie die oben zitierten Forderungen der Autoren zeigen, soll vom Familienklima eine besonders starke Wirkung auf die “eingeschätzte Gesundheit der Kinder” ausgehen. Es setzt den berichteten Nachlässigkeiten bzw. Unterschlagungen die Krone auf, dass die Variable “Familienklima” in keinem der von den Autoren dargestellten Modelle den behaupteten Stellenwert hat. In jedem Modell gibt es mindestens zwei Variablen, die besser erklären (zum Beispiel die Variablen “nie gestillt” bzw. nie Vollzeit erwerbstätig, beide Variablen wirken sich negativ auf die Einschätzung der Gesundheit der Kinder aus).

Rattay et al. fordern am Ende ihres Beitrags vollmundig, dass sich staatliche Institutionen in das Leben von “benachteiligten Familien” einmischen sollen, wobei benachteiligte Familien natürlich nicht der Mittelschicht entstammen, zu der die Autoren gehören, sondern der Unterschicht. Wie meine Darstellung gezeigt hat, werden die Forderungen der Autoren durch ihre Ergebisse in keiner Weise gestützt. Die Ergebnisse sind methodisch nicht nachvollziehbar, statistisch fragwürdig und stützen selbst dann, wenn man methodische und inhaltliche Fehler übersieht, die Interpretation der Autoren in keiner Weise. Somit stellt sich die Frage, wieso Rattay et al. die Schlüsse aus ihren Ergebnissen ziehen, die sie ziehen. Die einzige Antwort, die mir dazu einfällt, lautet: Es war von Anfang an klar, welche Ergebnisse die “Forschung” erbringen soll. Die “Forschung” ist Legitimationsforschung für paternalisierende Maßnahmen, und sie war zu keinem Zeitpunkt als an der Realität ausgerichtete Forschung gedacht. Das Ziel war einzig und allein die Legitimation weiterer staatlicher Eingriffe (oder die Bestätigung der eigenen Vorurteile gegenüber “benachteiligten Familien”, was davon schlimmer ist, weiß ich im Moment nicht). Entsprechend handelt es sich bei dem von Rattay et al. veröffentlichten Beitrag um Legitimationsbeschaffung, die mit der Realität nichts zu tun hat und nur dazu gedacht ist, die eigenen Traumwelten und die davon ausgehenden Paternalisierungen zu legitimieren. Es handelt sich dabei nicht um einen wissenschaftlichen Beitrag, was die Frage aufwirft, ob die Zeitschrift für Erziehungswissenschaft jetzt alles druckt ohne es durch ein Gutachterverfahren auf Qualität prüfen zu lassen oder ob die Gutachter ebenso wenig über wissenschaftliche Standards verfügen wiedie Autoren – was die Klassifikation der Gutachter als Lehrstuhlbesetzern nach sich ziehen würde.

Literatur
Hosmer, David W. & Lemeshow, Stanley (2000). Applied Logistic Regression. New York: Wiley.

Rattay, Petra, Lampert, Thomas, Neuhauser, Hannelore & Ellert, Ute (2012). Bedeutung der familialen Lebenswelt für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KIGGS). Zeitschrift für Erziehungswissenschaften 15(1): 145-170.

Bildnachweis
Rose Rubicondior

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