Faktenverdreher Gensing stochert im Dunkelfeld

Welche Qualifikation haben eigentlich die ARD-Faktenfinder? Nein, ganz ehrlich, was qualifiziert zum Beispiel einen Patrick Gensing dazu, über das Dunkelfeld von Kriminalität zu fabulieren, in einem Beitrag, der mit „Welche Zahlen stimmen?“ überschrieben und an Naivität und Unvermögen kaum zu überbieten ist.

Der Autor dieses Posts hat sich jahrelang mit der Erklärung von Kriminalität bzw. den Versuchen, die es gibt, Kriminalität zu erklären und mit der Frage, was überhaupt Kriminalität sein soll, befasst. Bücher, Artikel, Beiträge füllen Regale.

Und jetzt kommt Gensing, der von Kriminalitätsforschung offenkundig wenig bis gar keine Ahnung hat und dilettiert über das Dunkelfeld.

Das ist zuviel.

Gensing hat seinen Text, wie man unschwer erkennen kann, geschrieben, um zu behaupten, dass die Kriminalität von Rechts, die rechte Gewalt, die rechten Straftaten viel häufiger sind als in der Polizeilichen Kriminalstatistik abgebildet. Leute wie Gensing gewinnen eine morbide Lust aus der Vorstellung, dass alles viel schlimmer sei, als es offizielle Statistiken abbilden (nur von rechts versteht sich!). Vermutlich hat es orgiastische Effekte, wenn sie schreiben können, dass nicht 1054, sondern 1200 Taten rechter Gewalt das „wahre Ausmaß“ an Kriminalität sind. Für diejenigen unter uns, die sich nicht trauen, zu Haschisch oder Bier zu greifen, bekömmlichem Bier versteht sich, ist es offensichtlich eine Surrogat-Befriedigung sich vorstellen zu können, dass es viel mehr rechte Gewalt gibt als die Polizeistatistik dokumentiert. Aber vielleicht sitzen Schreiber wie Gensing auch auf den Gehaltslisten der sozialen Unternehmer, die an vermeintlicher rechter Gewalt verdienen, für die jede rechte Gewalttat, die man mehr dokumentieren kann, eine Quelle sprudelnder Steuergelder ist, weil hysterische Politiker Steuergelder nur zu gerne zur Bekämpfung von „rechter Gewalt“ aus dem Fenster werfen.

Zurück zu Gensing.

Gensing hat das Dunkelfeld entdeckt.

In der Kriminologie wird zwischen dem Dunkelfeld und dem Hellfeld unterschieden.
Letzteres wird von der Polizei dokumentiert, in der Polizeilichen Kriminalstatistik. Ersteres zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht dokumentiert ist. Das Dunkelfeld umfasst all die Straftaten, von denen die Polizei nichts weiß, von denen auch sonst niemand etwas weiß, von denen man aber annimmt, dass es sie gibt. Dass man annimmt, dass es sie gibt, liegt daran, dass in den 1990er und 2000er Jahren vermehrt so genannte Viktimisierungsstudien durchgeführt wurden (der Autor dieser Zeilen hat selbst an einer solchen Studien mitgearbeitet). Viktimisierungsstudien sind Befragungen von 1000 maximal 2000 Personen, in denen u.a. gefragt wird, ob die Befragten schon einmal Opfer einer Straftat wurden und wenn ja, ob sie die Straftat bei der Polizei zur Anzeige gebracht haben. Auf Basis solcher Angaben wird dann hochgerechnet, wie groß das Dunkelfeld in Deutschland sein könnte.

Diese Art der Hochrechnung ist einerseits Humbug, andererseits gefahrlos: Weil niemand weiß, wie groß das Dunkelfeld ist, deshalb kann man alles behaupten, was einem so einfällt, denn niemand kann zeigen, dass die Behauptung falsch ist, weil niemand das Dunkelfeld kennt. Deshalb ist es ja das Dunkelfeld. Diesen Umstand versucht sich auch Gensing zunutze zu machen, in seinem Bemühen, die höheren Zahlen von Vereinen, die ein Interesse an der Dokumentation von so viel wie möglich rechten Straftaten haben, weil ihre öffentliche Finanzierung davon abhängt, als die Zahlen zu verkünden, die näher an der „wahren Kriminalität“ sind als die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik.

Denn Gensing gehört zu denen, die an die wahre Kriminalität an die eine Zahl, 81927391, die das Gesamt aller in einem Jahr in Deutschland – Hell- wie Dunkelfeld – begangenen Straftaten abbildet.

Kann man so dumm sein?

Man kann es. Gensing kann es. Er behauptet, dass bei Beratungsstellen für die Opfer rechter Gewalt auch Opfer vorstellig werden, die nicht zur Polizei gegangen sind, weil sie sich bei der Polizei nicht „ernstgenommen fühlen“. Und deshalb, so der verwegene und falsche Schluss von Gensing, bildeten Beratungsstellen mit ihren höheren Zahlen die rechte Kriminalität besser ab, könnten sie das Dunkelfeld besser ausleuchten, als die Polizeiliche Kriminalstatistik.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) dokumentiert das Hellfeld. Das zur Erinnerung. Das Dunkelfeld ist das, was nicht in der PKS dokumentiert ist. Um also zeigen zu können, dass Beratungsstellen tatsächlich Kriminalität abbilden, die der Polizei nicht bekannt geworden ist, müsste man einen Vergleich anstellen. Und damit sind wir bei der Frage:

Was ist Kriminalität?

Was als Kriminalität gilt, als Körperverletzung zum Beispiel, das ist eine Frage, mit der sich Kriminologen seit Jahrzehnten befassen. Die Legaldefinition sieht vor, dass Kriminalität das ist, was von Strafgesetzen unter Strafe gestellt, der Polizei bekannt wird und eine Sanktion nach sich zieht. Nun ist die Polizeiliche Kriminalstatistik wie jede Statistik das Ergebnis von Interessen. Für die Polizei ist die PKS ein Tätigkeitsnachweis. Mit der Aufklärungsquote kann die Wirksamkeit der polizeilichen Arbeit dokumentiert werden, mit der Anzahl der Straftaten ein Einblick in die Erfassungskapazität der Polizei gegeben werden. Das Interesse der Polizei besteht darin, die Menge von und das Verhältnis zwischen erfassten und aufgeklärten Straftaten in einem gewissen Maße zu halten, um auf diese Weise ihre Effizienz zu dokumentieren.

Auch die Statistiken von Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt basieren auf einem Interesse. Je mehr Opfer rechter Gewalt dokumentiert werden, desto eher kann die öffentliche Finanzierung der eigenen Einrichtung aufgestockt oder erhöht werden. Um überhaupt auf die Idee zu kommen, dass Beratungsstellen, die faktisch an Opfern verdienen, einen Anreiz hätten, Kriminalität in normalen Proportionen und nicht in übertriebenem Ausmaß darzustellen, muss man schon mit einer Naivität geschlagen sein oder einer Dreistigkeit, die Ihresgleichen suchen.

Kein Problem für Gensing. Er hat nicht einmal ein Problem damit, Absatzweise zu beschreiben, dass die Definition von Kriminalität, die die Polizei vornimmt, offensichtlich eine andere ist als die, die die Beratungsstellen zugrunde legen, und dann dennoch die Ansicht zu verkünden, dass es die wahre Kriminalität gebe, und zwar in den Statistiken der Beratungsstellen (Wenn Gensing seine Faktenfinder-Serviceleistungen für diese sozialen Unternehmer, die sich an Steuergeldern laben und Beratungsstellen nennen, tatsächlich umsonst erbringt, dann ist er der König der Naiven…).

Was aber ist die wahre Kriminalität?
Machen wir den Selbstversuch.
Vater gibt seinem Sohn eine Ohrfeige. Sohn sieht von einer Anzeige ab, heult sich aber beim Jugendamt aus. Der Sozialarbeiter führt eine eigene Statistik elterlicher Gewalt und zählt die Ohrfeige als Körperverletzung. In der Polizeilichen Kriminalstatistik taucht die Ohrfeige nicht auf. Wer bildet die „wahre Kriminalität“ ab?

Mann in Thor Steinar Shirt stößt sich das Knie an einem Fahrrad, das auf einem Gehweg an einem Straßenschild abgestellt ist. Aus Wut tritt er gegen das Fahrrad und zerstört das empfindliche Gefährt im hinteren Bereich. Der erzürnte Fahrradhalter erstattet eine Anzeige bei der Polizei. Sachverhalt: Sachbeschädigung. Gleichzeitig läuft der Fahrradfahrer (weil fahren kann er ja nicht mehr) zur Beratungsstelle für die Opfer rechter Gewalt und erzählt vom Thor Steinar Hemdträger. Die Beratungsstelle erfasst rechte Sachbeschädigung.

Wer hat die wahre Kriminalität gemessen? Die Polizei oder die Beratungsstelle?

Und was sagt das alles über das Dunkelfeld aus, von dem wir nur wissen, dass es nicht hell ist?
Nichts.
Wir haben uns in Deutschland darauf verständigt, dass Kriminalität, offizielle Hellfeldkriminalität, die Kriminalität ist, die Handlungen umfasst, die vom Strafgesetzbuch erfasst werden, der Polizei bekannt werden und eine Sanktion nach sich ziehen. Damit ist die Definitionshoheit von Kriminalität bei staatlichen Organen angesiedelt und nicht bei Beratungsstellen.

Dass es neben der Kriminalität, die der Polizei bekannt wird, noch weitere Kriminalität gibt, die der Polizei nicht bekannt wird, bestreitet niemand, aber kann man Kriminalität, die weder bekannt wird, noch geahndet wird, überhaupt als Kriminalität bezeichnen?

Ein Ehemann, der von seiner Frau mit Digitalis vergiftet wird. Ein Landarzt, der den Tod als Herzinfarkt diagnostiziert und den Totenschein entsprechend beschriftet. Kriminalität oder nicht?

Es gab einmal einen kriminologischen Ansatz, der sich Labeling Approach genannt hat. Fritz Sack hat sein Missverständnis davon, was der Labeling Approach meint, nach Deutschland gebracht und behauptet, dass Gesetze und Gesellschaft Kriminalität erst schaffen würden, und zwar dadurch, dass sie bestimmte Verhaltensweisen verbieten und die dennoch-Begehung unter Strafe stellen. Im Original geht es natürlich nicht darum zu bestreiten, dass es nicht schön ist, wenn ein Mensch einen anderen Menschen umbringt. Es geht darum aufzuzeigen, dass die Konstruktion dessen, was Kriminalität sein soll, ein sozialer Akt ist und weil es ein sozialer Akt ist, deshalb finden sich manche soziale Gruppen intensiverer Überwachung ausgesetzt als andere. Wenn ein Arbeiter auf dem Bau einen Sack Zement mitnimmt, dann ist dies ein Diebstahl. Wenn ein Politiker seinen Dienstwagen missbraucht, um ein paar Einkaufstrips nach Dänemark zu unternehmen, dann ist dies ein Lapsus. Wenn ein kleiner Handwerker Bargeschäfte abwickelt und dem Finanzamt nicht mitteilt, dann ist das Steuerhinterziehung, wenn Parteien Spenden stückeln, um unter die Nachweispflicht zu fallen und die Barspenden im Koffer in die Schweiz bringen, dann ist dies ein Kavaliersdelikt.

Wo ist nur die wahre Kriminalität von Gensing geblieben, wo er doch der Ansicht ist, man könne genau sagen, was rechte Gewalt, rechte Kriminalität sei und was nicht, unabhängig von Interessen und unter Ausleuchtung des Dunkelfeldes?

In der Pfalz gibt es den Begriff der Großgosch, jemand, der den Mund so weit aufreißt, dass der Gehalt dessen, was er von sich gibt, nicht mithalten kann, jemand, der zu allem seinen Senf gibt, obwohl er von nichts eine Ahnung hat. Manchmal hat man den Eindruck, Faktenfinder sind Großgosche (das war eine typisch britische Untertreibung).

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10% weniger Straftaten im Jahr 2017? Was sagt die Polizeiliche Kriminalstatistik, was nicht?

Die WELT meldet auf Grundlage der Polizeilichen Kriminalstatistik des BKA, die noch nicht veröffentlicht, aber der WELT dennoch bereits in Auszügen bekannt sein soll, dass die „Kriminalität in Deutschland“ zurückgegangen ist. Die Tagesschau meldet „deutlich weniger Straftaten“ und die Hobby-Journalisten bei BENTO schreiben:

“2017 gab es zehn Prozent weniger Verbrechen in Deutschland

Was ist passiert?
Die Zahl der registrierten Straftaten sank auf5,76 Millionen, insgesamt gab es knapp 611 000 weniger Verbrechen. Das berichtet die “Welt am Sonntag” vorab aus der Polizeilichen Kriminalstatistik, die Innenminister Horst Seehofer am 8. Mai vorstellt. Einen so hohen Rückgang gab es seit 25 Jahren nicht.”

Wenn man die Frage beantworten soll, warum Journalismus in Deutschland in weiten Teilen ein so unterirdisches Niveau erreicht hat, dann kann man dies am Beispiel der Meldungen zur „Kriminalität in Deutschland“ den „Straftaten“ oder „den Verbrechen“, die alle drei weniger geworden sind, tun.

Fangen wir mit den Daten an.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts stellt die Straftaten zusammen, die der Polizei deutschlandweit in einem Jahr bekannt geworden sind und im Jahr 2017 erfasst wurden. Die Begehung muss dabei nicht unbedingt im Jahr 2017 erfolgt sein. Wirtschaftsstraftaten liegen häufig weit zurück, drei, vier, zehn Jahre sind keine Seltenheit. Gleichzeitig sind in der Polizeilichen Kriminalstatistik das Jahres 2017 nicht alle Straftaten erfasst, die 2017 bekannt geworden sind. Zuweilen gibt es einen Erfassungsstau, der ins nächste Jahr übertragen wird oder über mehrere Jahre gestreckt wird. Die Methoden, Straftaten zu verteilen, sind unterschiedlich und vielfältig und immer politisch nutzbar, schließlich unterstehen die Polizeibehörden den Innenministerien der Länder und dem des Bundes.

In Polizeilichen Kriminalstatistiken sind somit nicht die Straftaten erfasst, die in einem Jahr begangen wurden, sondern nur die, die der Polizei bekannt wurden und die im Jahr 2017 erfasst wurden. Einerseits können Straftaten 2017 erfasst worden sein, die z.B. 2015 begangen wurden, andererseits 2017 Straftaten begangen, aber nicht erfasst worden sein.

Zudem gibt es das, was die Kriminologen ein Dunkelfeld nennen: Straftaten, die der Polizei gar nicht bekannt werden und daher nicht erfasst werden können. Dunkelziffern werden als zum Teil erheblich angesehen, vor allem bei Delikten innerhalb von Familien oder im Freundeskreis wird häufig von einer Anzeige abgesehen. Wer sich für das geschätzte Ausmaß des Dunkelfelds interessiert, der findet entsprechende Informationen im Beitrag von Klaus Sessar „Kriminalitätsentwicklung im Licht des Dunkelfelds“, den Sessar zur Festschrift für Wolfgang Heinz (erschienen bei Nomos) beigetragen hat.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik gibt somit keinen Aufschluss über „die Kriminalität in Deutschland“, wie die WELT behauptet. Sie gibt Aufschluss über eine Teilmenge der Kriminalität in Deutschland, die Teilmenge, die die Polizei kennt. Die Polizeiliche Kriminalstatistik gibt damit auch keinen Aufschluss über die Summe der Straftaten, wie die Tagesschau in ihrem Beitrag nahelegt, denn die Summe der Straftaten, die in einem Jahr in Deutschland begangen werden, ist unbekannt. Und damit sind wir bei dem angekommen, was die BENTOs, die Lehrlinge, aus denen nie Journalisten werden, aus der Meldung der WELT gemacht haben:

„In Deutschland sind im vergangenen Jahr zehn Prozent weniger Verbrechen verübt worden. Das berichtet die “Welt am Sonntag” vorab aus der Polizeilichen Kriminalstatistik.“

Zwei Sätze, drei Fehler.

1) Die Gesamtzahl der Verbrechen für Deutschland ist nicht bekannt, entsprechend kann man keine Aussage darüber machen, wie sich die in Deutschland begangenen Verbrechen entwickelt haben.
2) Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst Verbrechen wie Mord und Totschlag und Vergehen wie Diebstahl, Leistungserschleichung oder Sachbeschädigung. Die erfassten Vergehen sind deutlich häufiger als die erfassten Verbrechen.
3) Die Aussagen in der Welt beziehen sich auf das Gesamt aller erfassten Straftaten, also auf Vergehen und Verbrechen.

Von einem Journalisten sollte man erwarten, dass ihm entsprechende Zusammenhänge bekannt sind. Von einem Journalisten …

Dass der Rückgang bei der Zahl der erfassten Straftaten, wie ihn die Welt für die Polizeiliche Kriminalstatistik des BKA meldet, die am 8. Mai vorgestellt wird, wohl korrekt ist, kann man daraus ableiten, dass die Polizeilichen Kriminalstatistiken der Länder Berlin, Hessen und Nordrhein-Westfalen einen entsprechenden Rückgang verzeichnen. Auf dieser Grundlage kann man feststellen, dass im Jahr 2017 durch die Polizei weniger Straftaten erfasst wurden als im Jahr oder den Jahren zuvor. Ob dieser Rückgang auch einem Rückgang der Straftaten oder der Kriminalität entspricht, das kann man auf Grundlage der Polizeilichen Kriminalstatistik gerade nicht feststellen, und da die Polizeibehörden – wie gesagt – der Weisung durch Ministerien unterstehen, spricht mehr dafür, dass erfasste Straftaten in Polizeilichen Kriminalstatistiken politische Aussagen sind, die den tatsächlichen Zustand nur selten akkurat wiedergeben.

Wir haben im Folgenden ein paar Ergebnisse aus der Polizeilichen Kriminalstatistik des Landes NRW zusammengestellt, die zeigen, in welchen Bereichen sich welche Veränderungen mit Blick auf erfasste Straftaten und Tatverdächtige ergeben haben. Die Polizeiliche Kriminalstatistik, die am 8. Mai vorgestellt wird, wird keine anderen Ergebnisse ausweisen.

Noch einmal in Kurz:

  • Polizeiliche Kriminalstatistik = In einem Jahr erfasste und registrierte Straftaten.
  • In einem Jahr erfasste Straftaten = Teilmenge der in diesem Jahr begangenen Straftaten.
  • In einem Jahr registrierte Straftaten = Teilmenge der in diesem Jahr erfassten Straftaten.

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Gutmenschenproblem: Mehr Gewalt durch Flüchtlinge in Niedersachsen. Wie kann man das Faktum weg reden?

Das Kriminologische Forschungsinstitut in Niedersachsen (KFN) hat im Auftrag des BMFSFJ etwas herausgefunden.

Ja – wirklich!

Das BMFSFJ hat das KFN beauftragt, herauszufinden, wie sich die Gewalt in Deutschland entwickelt. Herausgefunden haben die KFNler Christian Pfeifer (schon immer PR-Abteilung), Dirk Baier (früherer der, der die Arbeit gemacht hat) und Sören Kliem (heute der, der die Arbeit macht), dass die Gewalt durch Flüchtlinge in Niedersachsen steigt. Um 11,4% sind die von der Polizei erfassten Gewaltstraftaten im Vergleich der Jahre 2014 und 2016 in Niedersachsen gestiegen. 92,1% dieses Anstiegs können auf Flüchtlinge zurückgeführt werden.

Die folgende Tabelle, die aus der Veröffentlichung von Pfeiffer, Baier und Kliem entnommen ist, lässt daran wenig Zweifel. Die 92,1% Anstieg kommen zustande, wenn man die Zunahme von 1.479 aufgeklärten Fällen von Gewalt durch Flüchtlinge, die sich für die den Vergleich der Jahre 2014 und 2016 ergibt, auf 1.606 Fälle Gesamtzunahme prozentuiert. An diesem Ergebnis kann man nichts deuteln. Man kann es natürlich in Relation stellen. Gemessen an der Anzahl von Flüchtlingen, die in Niedersachsen leben, ist der Anteil der Gewalttäter, die polizeilich erfasst wurden unter den Flüchtlingen, von 0,8% auf 1,3% im Vergleich der Jahre 2014 und 2016 gestiegen. Von mehr Flüchtlingen, die in Niedersachsen leben, wird also ein größerer Anteil als Tatverdächtiger, dem ein Gewaltdelikt zur Last gelegt wird, ermittelt.

Flüchtlinge aus dem Maghreb, also vornehmlich aus Algerien und Marokko sind unter den Tatverdächtigen überproportional häufig, während Kriegsflüchtlinge unterproportional häufig als Tatverdächtige erfasst werden, wie die Abbildung oben zeigt.

Dieses Ergebnis ist insofern eines, das man nicht wegdiskutieren kann. Für die Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik für Niedersachsen, die in Tabelle und Abbildung eingegangen sind, muss man annehmen, dass sie im Rahmen des Üblichen akkurat sind. Die Daten beschreiben das, was Kriminologen als Hellfeld bezeichnen: Die Straftaten, die der Polizei bekannt geworden sind, dadurch, dass sie angezeigt wurden. Bezogen auf die Tatverdächtigen setzt sich das Hellfeld aus den ermittelten Tatverdächtigen zusammen.

Dem Hellfeld steht das Dunkelfeld gegenüber, jener Bereich der Straftaten, die begangen werden, ohne der Polizei bekannt zu werden und der Täter, die die Polizei für Straftaten, die ihr bekannt werden, nicht ermittelt oder von denen sie, weil ihr die Straftaten nicht bekannt wurden, schlicht nichts weiß.

Das Dunkelfeld zeichnet sich dadurch aus, dass man NICHTS über es weiß (deshalb der Name). Man weiß nicht, wie viele Straftaten es umfasst, weil sie der Polizei nicht bekannt werden, und man weiß nicht, wie viele Täter nicht ermittelt werden, weil man nicht weiß, wie viele Straftaten begangen werden, ohne dass die Polizei davon erfährt und weil man bei denen, die der Polizei zwar bekannt wurden, dann nichts über den oder die Täter weiß, wenn die Polizei den oder die Täter nicht ermitteln konnte.

Kriminologen haben seit Jahrzehnten versucht, dieses Dunkelfeld aufzuhellen. Außer mehr oder weniger wilden Schätzungen, ist dabei nichts herausgekommen.

Und deshalb haben Gutmenschen ein Problem: Wie kann man den Anstieg der Gewaltkriminalität in Niedersachsen, der zu 92,1% von Flüchtlingen verursacht wurde, weg reden, denn Flüchtlinge, das sagt der neue Orientalismus, sind die edlen Wilden, die keine Gewalttaten begehen.

AutorIN Jörg Wimalasena von der Taz macht einen Versuch, die garstige Realität, wie sie da aus den ungewollten Ergebnissen, die man im BMFSFJ nicht für möglich gehalten hat, sonst hätte man keinen Auftrag erteilt, zu entfernen.

Zwei Rosinen hat sich Wimalasena aus der 102 Seiten umfassenden Veröffentlichung von Pfeiffer, Baier und Kliem gepickt, von denen er denkt, sie könnten das Wegreden der Realität, wie sie sich in den Daten der Polizei darstellt, ermöglichen:

Flüchtlinge werden dann, wenn sie Täter sind, häufiger angezeigt als deutsche Täter. Doppelt so häufig, wie die drei vom BMFSFJ-Beauftragten herausgefunden haben wollen.

Und Gewalttaten würden dann, wenn sie im persönlichen Umfeld erfolgten, seltener angezeigt.

Die Richtung beider Versuche einer Argumentation ist klar: Die Anzahl der deutschen Gewalttäter ist unterschätzt, die Anzahl der Flüchtlinge, die Opfer einer Gewalttat werden ebenfalls. Beides soll sich darauf auswirken, dass die Zunahme der Gewaltkriminalität nicht durch Flüchtlinge verursacht ist oder nicht zum überwiegenden Teil.

Diese Rabulistik ändert natürlich nichts daran, dass die Anzahl der Flüchtlinge, die die Polizei als einer Gewalttat Verdächtige ermittelt hat in Niedersachsen von 612 im Jahre 2014 auf 2.091 im Jahr 2016 gestiegen ist. Eine Zunahme von Gewalttaten durch Flüchtlinge kann man somit nur in Abrede stellen, wenn man nach den derzeit gültigen Kriterien geistiger Umnachtung, als geistig umnachtet eingeschätzt werden muss.

Was man in Frage stellen kann und was Gutmenschen wie der AutorIn der Taz in Frage stellen wollen, kann also nicht die Zunahme von Gewalt durch Flüchtlinge sein, sondern die Relation dieser Zunahme zu anderen Zunahmen, von denen wir nichts wissen. Gutmenschen wie Wimalasena lieben es daher, eine Phantasie in Gewalt, die man kaum mehr als normal ansehen kann, zu ersinnen. Sie mögen es offenkundig, sich vorzustellen, dass ganz viele deutsche Gewalttäter nicht polizeilich erfasst werden bzw. dass ganz viele Gewalttaten deutscher Tatverdächtiger der Polizei gar nicht bekannt werden. Diese Gewalt-Phantasie wird dann in Texten wie dem der taz ausgelebt, um die Daten der PKS, die die TATSÄCHLICH DER POLIZEI BEKANNTGEWORDENEN STRAFTATEN umfassen, madig zu machen und zu behaupten, dass es noch Straftaten und Täter gibt, von denen wir zwar überhaupt nichts wissen, aber dennoch behaupten können, dass sie deutsche sind.

Begünstigt wird derartiger geistiger Durchfall durch wissenschaftlich unlautere Methoden, die Pfeiffer (von dem man es wohl gewöhnt sein sollte), Baier (von dem man es nicht gedacht hätte) und Kliem (der es nicht nötig hätte) in ihrer Publikation anwenden, um den Schein vorzuspiegeln, man könne etwas über das, von dem man nichts weiß, nämlich vom Dunkelfeld, herausfinden.

13.% von 10.000 niedersächsischen Schülern gaben auf eine entsprechende Frage an, dass sie einen Täter Moritz bei einem Opfer Max bei der Polizei anzeigen würden, 28,6% gaben an, dass sie einen Täter „Igor“ bei einem Opfer „Mehmet“ anzeigen zu würden, und 27,2% sagten, dass sie einen Täter Mehmet bei einem Opfer Max anzeigen würden. Letztlich daraus schließen Pfeiffer, Baier und Kliem, dass Flüchtlinge (Mehmet, nicht Igor) häufiger angezeigt würden als Deutsche, wenn sie eine Gewalttat verüben. Es sind Schlüsse wie dieser, die die Kriminologie zu einem Witz werden lassen.

Stellen Sie sich vor, sie kennen die Lottozahlen der letzten Ziehung. Offensichtlich gibt es sieben Zahlen im Hellfeld und 42 im Dunkelfeld. Nun fragen wir 10.000 niedersächsische Schüler welche Zahlen sie wählen würden, wenn sie Lotto spielten. Die Zahlen 7, 12 und 28 werden von den Schülern überproportional häufig genannt. Daraus schließen wir, dass die Beteiligung der Zahlen 7, 12 und 28 an den sieben Lottozahlen bislang unterschätzt wird.

Gibt es einen Leser, der ein derartiges Vorgehen für normal halten würde? Nun, Pfeiffer, Baier und Kliem wollen es als normal hinstellen, und in AutorIN Jörg Wimalasena haben sie bereits das erste Opfer gefunden, das alles glauben würde, wenn man damit der Realität, dass im Vergleich der Jahre 2014 und 2016 in Niedersachsen 1.479 Flüchtlinge mehr als mutmaßliche Gewalttäter ermittelt wurden, entgehen kann.

Man kann es nicht.

So wenig wie man den angeblichen Befund, dass Gewalttaten, dann, wenn sich die Täter kennen, seltener angezeigt werden, nutzen kann, um die Anzahl der Tatverdächtigen Flüchtlinge zu relativieren, weil Flüchtlinge den Nachteil haben, ihre Gewaltopfer häufig nicht zu kennen, wie es z.B. bei den 337 Opfern eines Raubes, die 2016 in Niedersachsen gezählt wurden, der Fall sein dürfte. Weil also Täter angeblich seltener angezeigt werden, wenn das Opfer sie kennt, haben Flüchtlinge als Gewalttäter einen Nachteil gegenüber deutschen Tätern, weil deutsche Täter ihren Opfern häufiger bekannt sind. Schon wenn man diese verquere Rabulistik wiedergibt, kann man eigentlich nicht anders als am Verstand derer, die in manchen Redaktionsstuben sitzen, zu zweifeln. Aber selbst wenn man nicht zweifelt, bleibt doch das, was Pfeiffer, Baier und Kliem auf Seite 76 ihres Werkes schreiben: „Durchweg lautete deren Erklärung, dass sich innerhalb einer Migrantengruppe eine informelle Gruppennorm entwickelt, wonach man die deutsche Polizei aus internen Konflikten möglichst heraushalten sollte“. Kurz: Gewaltstraftaten unter Migranten werden der Polizei auch selten bis gar nicht bekannt.

Alle Versuche, die Zahlen zu relativieren, müssen entsprechend als gescheitert angesehen werden. Es hilft eben nichts. Die Anzahl der Gewalttaten, die der Polizei bekannt geworden sind, ist in Niedersachsen gestiegen. Die Anzahl der Flüchtlinge, die die Polizei als Täter ermittelt hat, auch und über das, worüber wir nichts wissen, wissen wir eben nichts, egal, wie sehr sich manche wünschen, egal, wie sehr sie ihre Phantasie anstrengen, das, was nicht bekannt ist, ist halt nicht bekannt. Wer es nicht glaubt, der kann sich ja einbilden, er wüsste die Lottozahlen, die nächsten Samstag gezogen werden und die Probe aufs Exempel machen.

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Kriminalitätsonanie: Juchheisa, die Hasskriminalität gegen Schwule und Lesben nimmt zu (oder auch nicht)

Hasskriminalität gegen Schwule und Lesben nimmt zu, so titelt der Spiegel.

Und weiter:
“Die Behörden registrieren mehr politisch motivierte Übergriffe gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle: Nach SPIEGEL-Informationen stieg die Zahl der homo- und transphoben Straftaten im ersten Halbjahr 2017 deutlich an.”

Die Kenntnis über den deutlichen Anstieg der „politisch motivierten Übergriffe gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle“ stammt aus einer schriftlichen Anfrage von Volker Beck, deren Antwort wohl direkt in die Tastatur eines Spiegel-Redakteurs eingeflossen ist.

Und so wissen wir nun, das von 1. Januar bis zum 28. Juli 2017 insgesamt 130 „politisch motivierte Straftaten mit der Nennung des Unterthemas ‘Sexuelle Orientierung’“ von der Polizei registriert wurden. Im selben Zeitraum des Jahres 2016 waren es 102. Der „deutliche Anstieg“ den der Spiegel hier konstruiert, er besteht aus 28 Straftaten. Zudem stehen den 70 Tatverdächtigen im ersten Halbjahr 2017 nur 58 Tatverdächtige im Halbjahr 2016 gegenüber. Noch ein deutlicher Anstieg.

Wenn Sie schon immer einmal wissen wollten, wie Lobbyisten, und Volker Beck ist ein solcher Lobbyist für schwule Angelegenheiten, es schaffen, mit Nichtigkeiten in die Presse zu gelangen, dann haben sie hier ein Beispiel dafür. Nicht nur, dass Nichtigkeiten zu deutlichen Anstiegen aufgeblasen werden, es wird auch behauptet, dass ein Zuwachs von jämmerlichen 28 Straftaten und 12 Tatverdächtigen zeige, dass die Hasskriminalität gegen Schwule und Lesben zunehme.

Jedem Kriminologen ringeln sich hier die Fußnägel.

Zunächst zur Einordnung: in einem normalen Halbjahr werden in der Polizeilichen Kriminalstatistik rund 1.180.000 Tatverdächtige und 3.186.000 Straftaten erfasst. Die so stark ansteigenden Straftaten gegen Schwule und Lesben, sie stellen somit 0,0041% aller Straftaten dar, gleichzeitig summiert sich der Anteil der 70 Tatverdächtigen an allen erfassten Tatverdächtigen auf 0,006%. Selbst von einer Mücke zu sprechen, verbietet sich hier. Von einem Neutrino auf Abwegen zu reden, ist angemessener. Dass über derartige Nichtigkeiten in Zeitungen berichtet wird, ist Ergebnis gezielter Lobbyarbeit. Während keine überregionale Zeitung davon berichtet, dass die Fussball-Mannschaft der SG Edesheim es in der Saison 2016 geschafft hat, in die A-Klasse zurückzukehren, wird sich das Lamento über den Anstieg um 12 Tatverdächtige und 28 Straftaten in (fast) jeder überregionalen Zeitung finden.

Und alle werden sie fälschlicherweise behaupten, dass die veränderten Zahlen belegen, dass die „Hasskriminalität gegen Schwule und Lesben“ zunehme. Das ist jedoch vollkommener Unsinn.

Und zwar deshalb:

Die Polizeiliche Kriminalstatistik beinhaltet erfasste Straftaten und ermittelte Tatverdächtige.

Die Erfassung beider Daten erfolgt nicht immer in dem Jahr, in dem die Straftaten verübt bzw. die Tatverdächtigen ermittelt wurden. Zuweilen gibt es einen statistischen Überhang von Daten, die aus einem Jahr in das nächste geschoben werden – zumeist aus personellen Gründen. Kurz: Die Zahlen der Kriminalstatistik lassen sich nur teilweise einem Jahr zuordnen.

Die Polizei kann nur die Straftaten ausweisen, die ihr zur Kenntnis kommen und nur die Tatverdächtigen erfassen, die ermittelt wurden. Deshalb unterscheiden Kriminologen das Hellfeld von Kriminalität, wie es in der Statistik erscheint, vom Dunkelfeld, wie es eben nicht in der Statistik erscheint.

Das Dunkelfeld der Straftaten, die nicht bekannt und entsprechend auch nicht registriert werden, zeichnet sich dadurch aus, dass es ein Dunkelfeld ist. Niemand weiß wie groß es ist, und niemand kann verlässliche Schätzungen dazu machen. Opferstudien, die das in der Vergangenheit für sich reklamiert haben, haben sich allesamt als unzuverlässig erwiesen.

Gesichertes Wissen ist jedoch, dass dann, wenn bestimmten Delikten eine öffentliche Bedeutung zugewiesen wird, die Anzahl der entsprechend registrierten Delikte steigt. Das hat mit einem veränderten Anzeigeverhalten zu tun, mit mehr Aufmerksamkeit oder mit einer intensiveren Ermittlungsarbeit der Polizei. Dass mehr Delikte registriert werden, heißt jedoch nicht, dass auch mehr Delikte begangen werden. Es kann einfach nur bedeuten, dass aus der Gesamtzahl begangener Delikte, die niemand kennt, mehr Delikte bekannt werden, mehr aus dem Dunkel- in das Hellfeld geholt werden.

Eine andere gesicherte Tatsache besteht darin, dass dann, wenn in Medien bestimmte Bevölkerungsgruppen popularisiert werden, etwa in der Weise, in der Medien derzeit Schwule und Lesben und all die anderen sexuell Orientierten bewerben, diese Gruppen automatisch als Zielscheibe für bestimmte Delikte interessanter werden als sie dies noch vor der medialen Werbung waren. Träfe diese einzige Erklärung, die dafür spräche, dass die Kriminalität, die sich gegen Schwule und Lesben etc. richtet, tatsächlich zugenommen hat, zu, dann könnte sich Volker Beck immerhin damit brüsten, aufgrund seiner Lobbyarbeit und der damit einhergehenden medialen Aufmerksamkeit für Schwule und Lesben dazu beigetragen zu haben, dass die Straftaten, die gegen Schwule und Lesben verübt werden, zugenommen haben. Das wäre doch etwas, womit man sich als scheidender Bundestagsabgeordneter trösten kann.

Aber die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Straftaten gegen Schwule und Lesben tatsächlich zugenommen haben, sie ist gering. Wir tippen auf eine Mischung aus ein paar Straftaten, die mehr aus dem Dunkelfeld ins Hellfeld geholt werden und auf einen statistischen Überhang aus dem Jahr 2016. Letztlich sind 28 Straftaten und 12 Tatverdächtige mehr einfach eine zu marginale Veränderung, als dass man darüber gesicherte Aussagen machen könnte.

Das hält diejenigen, die offensichtlich eine ganz eigene Befriedigung daraus ziehen, über die verschiedensten Schrecklichkeiten zu berichten, die Schwule und Lesben wie allen anderen übrigens, im Leben ereilen können, natürlich nicht davon ab, ein Neutrino zu einem medialen Elefanten zu formen.

Hacktivismus

Beim Bundeskriminalamt gibt es auch Forschung. Hellfeld- und Dunkelfeldforschung und postalische Umfragen, die sich als Online-Umfragen entpuppen und die es schaffen 21% der Angeschriebenen auch tatsächlich zum Ausfüllen eines Online-Fragebogens zu bewegen.

Und es gibt Ergebnisberichte: Zu-Fuß-Berichte, die sich lesen, als seien sie studentische Arbeiten, deren Layout die Vermutung nahelegt, dass sie nicht geschrieben worden sind, um gelesen zu werden und deren Inhalt sich durch etwas auszeichnet, was man konzeptionelle Konfusion nennen könnte.

Konzeptionelle Konfusion findet sich z.B. im Ergebnisbericht “Hacktivisten”, der unvermittelt beginnt und den Leser komplett im Dunkeln darüber belässt, was Hacktivisten denn nun sein sollen und – entsprechend: was denn nun eigentlich erforscht wurde. Vielleicht wird der Bericht deshalb als “Projektteil Dunkelfeld” bezeichnet.

Hacktivisten2Im Abschlussbericht zum Projektteil der Hellfeld-Forschung findet sich immerhin eine geliehene Definition von Hacktivismus, also der begrifflichen Verbindung von Hacking und Activismus:

“Samuel definiert das Phänomen Hacktivismus als die ‘Hochzeit von politischem Aktivismus und Computerhacking […] als den gewaltfreien Gebrauch von illegalen oder legalen digitalen Werkzeugen um politische Ziele zu verfolgen.’ (20)

Das ist eine etwas freie Übersetzung des Originals, in dem es heißt:

“hacktivism is the nonviolent use of illegal or legally ambiguous
digital tools in pursuit of political ends” (2).

Im Original ist also von “legally ambiguous … tools” also von Mitteln, deren rechtlicher Status im besten Fall ungeklärt ist, also gerade keine “legalen digitalen Werkzeuge”, wie es beim BKA heißt, die Rede.

Aber man ist ja schon froh, wenn die Begriffe, die benutzt werden, auch definiert werden, so dass jeder weiß, wovon die Rede ist.

Hacktivismus besteht also aus digitalen Angriffen auf Webseiten Dritter, aus DDoS Angriffen, also dem Lahmlegen einer Webseite, so dass sie nicht mehr erreicht werden kann, aus Web-Defacement, also der Veränderung der Webseite von Dritten, sowie aus dem Ausspähen und Löschen von Daten Dritter – es ist schlichte Eigentumskriminalität und gewaltfrei ist es auch nicht.

Das Besondere, das dem Hacktivismus seinen Namen gibt, besteht nach dem, was das BKA veröffentlicht darin, dass Hacktivisten politisch motiviert sind. Sie wollen Seiten lahmlegen, die ihnen ideologisch nicht passen, Unternehmen schädigen, denen sie, was auch immer verübeln und zuweilen ihr eigenes ideologisches Heil an die Stelle der verhassten Inhalte setzen.

Besonders betroffen von Hacktivism sind, wie die Dunkelfeld-Untersuchung des BKA zeigt, große Unternehmen. Ihnen entstehen, materielle Schäden, die sie jedoch nur selten zur Anzeige bringen, weil für sie eine “Anzeigeerstattung keine Aussicht auf Erfolg” sehen.

Dazu heißt es auf der Seite des BKA:

“Hacktivisten nutzen ähnliche Vorgehensweisen wie andere Cyberkriminelle – wie z. B. DDoS-Angriffe, Web-Defacements, Ausspähen von Daten etc. – jedoch mit einer anderer Zielrichtung: So agieren Hacktivisten niemals profitorientiert, sondern um sich für ideologische Zwecke und Prinzipien einzusetzen und Sympathisanten zu mobilisieren.”

Es ist schon lustig, dass Kriminelle nun schon nach dem Motiv in schlechte und weniger schlechte Kriminelle unterteilt werden, wobei die weniger schlechten Kriminellen diejenigen sind, die “niemals profitorientiert” agieren. Indes, man fragt sich schon, woher man beim BKA weiß, dass Hacktivisten, die Webseiten lahmlegen, defacen oder dort Daten ausspähen, keiner Profitorientierung folgen, nicht gerade dafür bezahlt werden, dass sie Webseiten lahmlegen, Daten ausspähen oder Webseiten defacen.

Diese Naivität auf Seiten der Verantwortlichen des BKA, mit denen wohl ihr Gutmenschen-Motiv durchgegangen ist, so dass sie sich nicht mehr vorstellen können, dass man ausgespähte Daten auch verkaufen oder an die Unternehmen zurück verkaufen kann, ist umso erstaunlicher als wenige Zeilen vor der Generalabsolution für Hacktivisten steht:

“Fundierte Erkenntnisse zu diesem Phänomen gibt es kaum. Literatur und Studien zum Hacktivismus sind rar.”

Und die vom BKA finanzierte und durchgeführte Hellfeld-Studie kommt zu dem Ergebnis:

“Valide Aussagen zu Merkmalen hacktivistischer Täter zu machen, ist, wie bei anderen Cybercrime-Tätertypen auch, generell schwierig. Die Täter agieren anonym und häufig unbemerkt. In Foren geben Hacktivisten nur wenig von sich preis und wenn sie dies tun, dann ist die Richtigkeit dieser Angaben nicht garantiert.” (46)

Insofern fragt man sich, welche Motive oder welche Unbedarftheit hinter der Behauptung stehen, politische Aktivisten agierten nicht profitorientiert bzw. Hacktivisten hätten nicht den eigenen Vorteil im Auge, wenn sie versuchen, die Webseiten Dritter zu stören oder zu zerstören oder dort Daten zu löschen oder auszuspähen.

Das wenige, was über Alter, Motivation und die Organisation von Hacktvisten bekannt ist, erinnert sehr stark an Untersuchungen zu kriminellen Jugendbanden, wie sie Cohen (1961),  Trasher, (1936) oder Whyte (1943) in ihren jeweiligen Arbeiten beschrieben haben.

Vermutlich ist die Differenzierung dem aktuellen Zeitgeist, der der Chimäre des Altruismus huldigt, gewürdigt, jener Chimäre, die Neid und Zerstörungswut zu einer Tugend im ideologischen Kampf macht und einfache Kriminelle zu halbadeligen Aktivisten umwidmet. Und mit dem selben Schachzug kann man die Erpressung von Schutzgeld im Austausch gegen die Gewähr, nicht Ziel von Hacktivismus zu werden, als selbstlose Hingabe verballhornen, was letztlich dazu führt, dass die Mafia eine mildtätige Vereinigung wird.

 

Cohen, Albert (1961). Kriminelle Jugend. Zur Soziologie jugendlichen Bandenwesens. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt.

Trasher, Frederic M. (1936). The Gang. Chicago: University of Chicago Press.

Whyte, William F. (1943). Street Corner Society. Chicago: University of Chicago Press.

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