10% weniger Straftaten im Jahr 2017? Was sagt die Polizeiliche Kriminalstatistik, was nicht?

Die WELT meldet auf Grundlage der Polizeilichen Kriminalstatistik des BKA, die noch nicht veröffentlicht, aber der WELT dennoch bereits in Auszügen bekannt sein soll, dass die „Kriminalität in Deutschland“ zurückgegangen ist. Die Tagesschau meldet „deutlich weniger Straftaten“ und die Hobby-Journalisten bei BENTO schreiben:

“2017 gab es zehn Prozent weniger Verbrechen in Deutschland

Was ist passiert?
Die Zahl der registrierten Straftaten sank auf5,76 Millionen, insgesamt gab es knapp 611 000 weniger Verbrechen. Das berichtet die “Welt am Sonntag” vorab aus der Polizeilichen Kriminalstatistik, die Innenminister Horst Seehofer am 8. Mai vorstellt. Einen so hohen Rückgang gab es seit 25 Jahren nicht.”

Wenn man die Frage beantworten soll, warum Journalismus in Deutschland in weiten Teilen ein so unterirdisches Niveau erreicht hat, dann kann man dies am Beispiel der Meldungen zur „Kriminalität in Deutschland“ den „Straftaten“ oder „den Verbrechen“, die alle drei weniger geworden sind, tun.

Fangen wir mit den Daten an.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts stellt die Straftaten zusammen, die der Polizei deutschlandweit in einem Jahr bekannt geworden sind und im Jahr 2017 erfasst wurden. Die Begehung muss dabei nicht unbedingt im Jahr 2017 erfolgt sein. Wirtschaftsstraftaten liegen häufig weit zurück, drei, vier, zehn Jahre sind keine Seltenheit. Gleichzeitig sind in der Polizeilichen Kriminalstatistik das Jahres 2017 nicht alle Straftaten erfasst, die 2017 bekannt geworden sind. Zuweilen gibt es einen Erfassungsstau, der ins nächste Jahr übertragen wird oder über mehrere Jahre gestreckt wird. Die Methoden, Straftaten zu verteilen, sind unterschiedlich und vielfältig und immer politisch nutzbar, schließlich unterstehen die Polizeibehörden den Innenministerien der Länder und dem des Bundes.

In Polizeilichen Kriminalstatistiken sind somit nicht die Straftaten erfasst, die in einem Jahr begangen wurden, sondern nur die, die der Polizei bekannt wurden und die im Jahr 2017 erfasst wurden. Einerseits können Straftaten 2017 erfasst worden sein, die z.B. 2015 begangen wurden, andererseits 2017 Straftaten begangen, aber nicht erfasst worden sein.

Zudem gibt es das, was die Kriminologen ein Dunkelfeld nennen: Straftaten, die der Polizei gar nicht bekannt werden und daher nicht erfasst werden können. Dunkelziffern werden als zum Teil erheblich angesehen, vor allem bei Delikten innerhalb von Familien oder im Freundeskreis wird häufig von einer Anzeige abgesehen. Wer sich für das geschätzte Ausmaß des Dunkelfelds interessiert, der findet entsprechende Informationen im Beitrag von Klaus Sessar „Kriminalitätsentwicklung im Licht des Dunkelfelds“, den Sessar zur Festschrift für Wolfgang Heinz (erschienen bei Nomos) beigetragen hat.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik gibt somit keinen Aufschluss über „die Kriminalität in Deutschland“, wie die WELT behauptet. Sie gibt Aufschluss über eine Teilmenge der Kriminalität in Deutschland, die Teilmenge, die die Polizei kennt. Die Polizeiliche Kriminalstatistik gibt damit auch keinen Aufschluss über die Summe der Straftaten, wie die Tagesschau in ihrem Beitrag nahelegt, denn die Summe der Straftaten, die in einem Jahr in Deutschland begangen werden, ist unbekannt. Und damit sind wir bei dem angekommen, was die BENTOs, die Lehrlinge, aus denen nie Journalisten werden, aus der Meldung der WELT gemacht haben:

„In Deutschland sind im vergangenen Jahr zehn Prozent weniger Verbrechen verübt worden. Das berichtet die “Welt am Sonntag” vorab aus der Polizeilichen Kriminalstatistik.“

Zwei Sätze, drei Fehler.

1) Die Gesamtzahl der Verbrechen für Deutschland ist nicht bekannt, entsprechend kann man keine Aussage darüber machen, wie sich die in Deutschland begangenen Verbrechen entwickelt haben.
2) Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst Verbrechen wie Mord und Totschlag und Vergehen wie Diebstahl, Leistungserschleichung oder Sachbeschädigung. Die erfassten Vergehen sind deutlich häufiger als die erfassten Verbrechen.
3) Die Aussagen in der Welt beziehen sich auf das Gesamt aller erfassten Straftaten, also auf Vergehen und Verbrechen.

Von einem Journalisten sollte man erwarten, dass ihm entsprechende Zusammenhänge bekannt sind. Von einem Journalisten …

Dass der Rückgang bei der Zahl der erfassten Straftaten, wie ihn die Welt für die Polizeiliche Kriminalstatistik des BKA meldet, die am 8. Mai vorgestellt wird, wohl korrekt ist, kann man daraus ableiten, dass die Polizeilichen Kriminalstatistiken der Länder Berlin, Hessen und Nordrhein-Westfalen einen entsprechenden Rückgang verzeichnen. Auf dieser Grundlage kann man feststellen, dass im Jahr 2017 durch die Polizei weniger Straftaten erfasst wurden als im Jahr oder den Jahren zuvor. Ob dieser Rückgang auch einem Rückgang der Straftaten oder der Kriminalität entspricht, das kann man auf Grundlage der Polizeilichen Kriminalstatistik gerade nicht feststellen, und da die Polizeibehörden – wie gesagt – der Weisung durch Ministerien unterstehen, spricht mehr dafür, dass erfasste Straftaten in Polizeilichen Kriminalstatistiken politische Aussagen sind, die den tatsächlichen Zustand nur selten akkurat wiedergeben.

Wir haben im Folgenden ein paar Ergebnisse aus der Polizeilichen Kriminalstatistik des Landes NRW zusammengestellt, die zeigen, in welchen Bereichen sich welche Veränderungen mit Blick auf erfasste Straftaten und Tatverdächtige ergeben haben. Die Polizeiliche Kriminalstatistik, die am 8. Mai vorgestellt wird, wird keine anderen Ergebnisse ausweisen.

Noch einmal in Kurz:

  • Polizeiliche Kriminalstatistik = In einem Jahr erfasste und registrierte Straftaten.
  • In einem Jahr erfasste Straftaten = Teilmenge der in diesem Jahr begangenen Straftaten.
  • In einem Jahr registrierte Straftaten = Teilmenge der in diesem Jahr erfassten Straftaten.

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Gutmenschenproblem: Mehr Gewalt durch Flüchtlinge in Niedersachsen. Wie kann man das Faktum weg reden?

Das Kriminologische Forschungsinstitut in Niedersachsen (KFN) hat im Auftrag des BMFSFJ etwas herausgefunden.

Ja – wirklich!

Das BMFSFJ hat das KFN beauftragt, herauszufinden, wie sich die Gewalt in Deutschland entwickelt. Herausgefunden haben die KFNler Christian Pfeifer (schon immer PR-Abteilung), Dirk Baier (früherer der, der die Arbeit gemacht hat) und Sören Kliem (heute der, der die Arbeit macht), dass die Gewalt durch Flüchtlinge in Niedersachsen steigt. Um 11,4% sind die von der Polizei erfassten Gewaltstraftaten im Vergleich der Jahre 2014 und 2016 in Niedersachsen gestiegen. 92,1% dieses Anstiegs können auf Flüchtlinge zurückgeführt werden.

Die folgende Tabelle, die aus der Veröffentlichung von Pfeiffer, Baier und Kliem entnommen ist, lässt daran wenig Zweifel. Die 92,1% Anstieg kommen zustande, wenn man die Zunahme von 1.479 aufgeklärten Fällen von Gewalt durch Flüchtlinge, die sich für die den Vergleich der Jahre 2014 und 2016 ergibt, auf 1.606 Fälle Gesamtzunahme prozentuiert. An diesem Ergebnis kann man nichts deuteln. Man kann es natürlich in Relation stellen. Gemessen an der Anzahl von Flüchtlingen, die in Niedersachsen leben, ist der Anteil der Gewalttäter, die polizeilich erfasst wurden unter den Flüchtlingen, von 0,8% auf 1,3% im Vergleich der Jahre 2014 und 2016 gestiegen. Von mehr Flüchtlingen, die in Niedersachsen leben, wird also ein größerer Anteil als Tatverdächtiger, dem ein Gewaltdelikt zur Last gelegt wird, ermittelt.

Flüchtlinge aus dem Maghreb, also vornehmlich aus Algerien und Marokko sind unter den Tatverdächtigen überproportional häufig, während Kriegsflüchtlinge unterproportional häufig als Tatverdächtige erfasst werden, wie die Abbildung oben zeigt.

Dieses Ergebnis ist insofern eines, das man nicht wegdiskutieren kann. Für die Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik für Niedersachsen, die in Tabelle und Abbildung eingegangen sind, muss man annehmen, dass sie im Rahmen des Üblichen akkurat sind. Die Daten beschreiben das, was Kriminologen als Hellfeld bezeichnen: Die Straftaten, die der Polizei bekannt geworden sind, dadurch, dass sie angezeigt wurden. Bezogen auf die Tatverdächtigen setzt sich das Hellfeld aus den ermittelten Tatverdächtigen zusammen.

Dem Hellfeld steht das Dunkelfeld gegenüber, jener Bereich der Straftaten, die begangen werden, ohne der Polizei bekannt zu werden und der Täter, die die Polizei für Straftaten, die ihr bekannt werden, nicht ermittelt oder von denen sie, weil ihr die Straftaten nicht bekannt wurden, schlicht nichts weiß.

Das Dunkelfeld zeichnet sich dadurch aus, dass man NICHTS über es weiß (deshalb der Name). Man weiß nicht, wie viele Straftaten es umfasst, weil sie der Polizei nicht bekannt werden, und man weiß nicht, wie viele Täter nicht ermittelt werden, weil man nicht weiß, wie viele Straftaten begangen werden, ohne dass die Polizei davon erfährt und weil man bei denen, die der Polizei zwar bekannt wurden, dann nichts über den oder die Täter weiß, wenn die Polizei den oder die Täter nicht ermitteln konnte.

Kriminologen haben seit Jahrzehnten versucht, dieses Dunkelfeld aufzuhellen. Außer mehr oder weniger wilden Schätzungen, ist dabei nichts herausgekommen.

Und deshalb haben Gutmenschen ein Problem: Wie kann man den Anstieg der Gewaltkriminalität in Niedersachsen, der zu 92,1% von Flüchtlingen verursacht wurde, weg reden, denn Flüchtlinge, das sagt der neue Orientalismus, sind die edlen Wilden, die keine Gewalttaten begehen.

AutorIN Jörg Wimalasena von der Taz macht einen Versuch, die garstige Realität, wie sie da aus den ungewollten Ergebnissen, die man im BMFSFJ nicht für möglich gehalten hat, sonst hätte man keinen Auftrag erteilt, zu entfernen.

Zwei Rosinen hat sich Wimalasena aus der 102 Seiten umfassenden Veröffentlichung von Pfeiffer, Baier und Kliem gepickt, von denen er denkt, sie könnten das Wegreden der Realität, wie sie sich in den Daten der Polizei darstellt, ermöglichen:

Flüchtlinge werden dann, wenn sie Täter sind, häufiger angezeigt als deutsche Täter. Doppelt so häufig, wie die drei vom BMFSFJ-Beauftragten herausgefunden haben wollen.

Und Gewalttaten würden dann, wenn sie im persönlichen Umfeld erfolgten, seltener angezeigt.

Die Richtung beider Versuche einer Argumentation ist klar: Die Anzahl der deutschen Gewalttäter ist unterschätzt, die Anzahl der Flüchtlinge, die Opfer einer Gewalttat werden ebenfalls. Beides soll sich darauf auswirken, dass die Zunahme der Gewaltkriminalität nicht durch Flüchtlinge verursacht ist oder nicht zum überwiegenden Teil.

Diese Rabulistik ändert natürlich nichts daran, dass die Anzahl der Flüchtlinge, die die Polizei als einer Gewalttat Verdächtige ermittelt hat in Niedersachsen von 612 im Jahre 2014 auf 2.091 im Jahr 2016 gestiegen ist. Eine Zunahme von Gewalttaten durch Flüchtlinge kann man somit nur in Abrede stellen, wenn man nach den derzeit gültigen Kriterien geistiger Umnachtung, als geistig umnachtet eingeschätzt werden muss.

Was man in Frage stellen kann und was Gutmenschen wie der AutorIn der Taz in Frage stellen wollen, kann also nicht die Zunahme von Gewalt durch Flüchtlinge sein, sondern die Relation dieser Zunahme zu anderen Zunahmen, von denen wir nichts wissen. Gutmenschen wie Wimalasena lieben es daher, eine Phantasie in Gewalt, die man kaum mehr als normal ansehen kann, zu ersinnen. Sie mögen es offenkundig, sich vorzustellen, dass ganz viele deutsche Gewalttäter nicht polizeilich erfasst werden bzw. dass ganz viele Gewalttaten deutscher Tatverdächtiger der Polizei gar nicht bekannt werden. Diese Gewalt-Phantasie wird dann in Texten wie dem der taz ausgelebt, um die Daten der PKS, die die TATSÄCHLICH DER POLIZEI BEKANNTGEWORDENEN STRAFTATEN umfassen, madig zu machen und zu behaupten, dass es noch Straftaten und Täter gibt, von denen wir zwar überhaupt nichts wissen, aber dennoch behaupten können, dass sie deutsche sind.

Begünstigt wird derartiger geistiger Durchfall durch wissenschaftlich unlautere Methoden, die Pfeiffer (von dem man es wohl gewöhnt sein sollte), Baier (von dem man es nicht gedacht hätte) und Kliem (der es nicht nötig hätte) in ihrer Publikation anwenden, um den Schein vorzuspiegeln, man könne etwas über das, von dem man nichts weiß, nämlich vom Dunkelfeld, herausfinden.

13.% von 10.000 niedersächsischen Schülern gaben auf eine entsprechende Frage an, dass sie einen Täter Moritz bei einem Opfer Max bei der Polizei anzeigen würden, 28,6% gaben an, dass sie einen Täter „Igor“ bei einem Opfer „Mehmet“ anzeigen zu würden, und 27,2% sagten, dass sie einen Täter Mehmet bei einem Opfer Max anzeigen würden. Letztlich daraus schließen Pfeiffer, Baier und Kliem, dass Flüchtlinge (Mehmet, nicht Igor) häufiger angezeigt würden als Deutsche, wenn sie eine Gewalttat verüben. Es sind Schlüsse wie dieser, die die Kriminologie zu einem Witz werden lassen.

Stellen Sie sich vor, sie kennen die Lottozahlen der letzten Ziehung. Offensichtlich gibt es sieben Zahlen im Hellfeld und 42 im Dunkelfeld. Nun fragen wir 10.000 niedersächsische Schüler welche Zahlen sie wählen würden, wenn sie Lotto spielten. Die Zahlen 7, 12 und 28 werden von den Schülern überproportional häufig genannt. Daraus schließen wir, dass die Beteiligung der Zahlen 7, 12 und 28 an den sieben Lottozahlen bislang unterschätzt wird.

Gibt es einen Leser, der ein derartiges Vorgehen für normal halten würde? Nun, Pfeiffer, Baier und Kliem wollen es als normal hinstellen, und in AutorIN Jörg Wimalasena haben sie bereits das erste Opfer gefunden, das alles glauben würde, wenn man damit der Realität, dass im Vergleich der Jahre 2014 und 2016 in Niedersachsen 1.479 Flüchtlinge mehr als mutmaßliche Gewalttäter ermittelt wurden, entgehen kann.

Man kann es nicht.

So wenig wie man den angeblichen Befund, dass Gewalttaten, dann, wenn sich die Täter kennen, seltener angezeigt werden, nutzen kann, um die Anzahl der Tatverdächtigen Flüchtlinge zu relativieren, weil Flüchtlinge den Nachteil haben, ihre Gewaltopfer häufig nicht zu kennen, wie es z.B. bei den 337 Opfern eines Raubes, die 2016 in Niedersachsen gezählt wurden, der Fall sein dürfte. Weil also Täter angeblich seltener angezeigt werden, wenn das Opfer sie kennt, haben Flüchtlinge als Gewalttäter einen Nachteil gegenüber deutschen Tätern, weil deutsche Täter ihren Opfern häufiger bekannt sind. Schon wenn man diese verquere Rabulistik wiedergibt, kann man eigentlich nicht anders als am Verstand derer, die in manchen Redaktionsstuben sitzen, zu zweifeln. Aber selbst wenn man nicht zweifelt, bleibt doch das, was Pfeiffer, Baier und Kliem auf Seite 76 ihres Werkes schreiben: „Durchweg lautete deren Erklärung, dass sich innerhalb einer Migrantengruppe eine informelle Gruppennorm entwickelt, wonach man die deutsche Polizei aus internen Konflikten möglichst heraushalten sollte“. Kurz: Gewaltstraftaten unter Migranten werden der Polizei auch selten bis gar nicht bekannt.

Alle Versuche, die Zahlen zu relativieren, müssen entsprechend als gescheitert angesehen werden. Es hilft eben nichts. Die Anzahl der Gewalttaten, die der Polizei bekannt geworden sind, ist in Niedersachsen gestiegen. Die Anzahl der Flüchtlinge, die die Polizei als Täter ermittelt hat, auch und über das, worüber wir nichts wissen, wissen wir eben nichts, egal, wie sehr sich manche wünschen, egal, wie sehr sie ihre Phantasie anstrengen, das, was nicht bekannt ist, ist halt nicht bekannt. Wer es nicht glaubt, der kann sich ja einbilden, er wüsste die Lottozahlen, die nächsten Samstag gezogen werden und die Probe aufs Exempel machen.

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Kriminalitätsonanie: Juchheisa, die Hasskriminalität gegen Schwule und Lesben nimmt zu (oder auch nicht)

Hasskriminalität gegen Schwule und Lesben nimmt zu, so titelt der Spiegel.

Und weiter:
“Die Behörden registrieren mehr politisch motivierte Übergriffe gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle: Nach SPIEGEL-Informationen stieg die Zahl der homo- und transphoben Straftaten im ersten Halbjahr 2017 deutlich an.”

Die Kenntnis über den deutlichen Anstieg der „politisch motivierten Übergriffe gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle“ stammt aus einer schriftlichen Anfrage von Volker Beck, deren Antwort wohl direkt in die Tastatur eines Spiegel-Redakteurs eingeflossen ist.

Und so wissen wir nun, das von 1. Januar bis zum 28. Juli 2017 insgesamt 130 „politisch motivierte Straftaten mit der Nennung des Unterthemas ‘Sexuelle Orientierung’“ von der Polizei registriert wurden. Im selben Zeitraum des Jahres 2016 waren es 102. Der „deutliche Anstieg“ den der Spiegel hier konstruiert, er besteht aus 28 Straftaten. Zudem stehen den 70 Tatverdächtigen im ersten Halbjahr 2017 nur 58 Tatverdächtige im Halbjahr 2016 gegenüber. Noch ein deutlicher Anstieg.

Wenn Sie schon immer einmal wissen wollten, wie Lobbyisten, und Volker Beck ist ein solcher Lobbyist für schwule Angelegenheiten, es schaffen, mit Nichtigkeiten in die Presse zu gelangen, dann haben sie hier ein Beispiel dafür. Nicht nur, dass Nichtigkeiten zu deutlichen Anstiegen aufgeblasen werden, es wird auch behauptet, dass ein Zuwachs von jämmerlichen 28 Straftaten und 12 Tatverdächtigen zeige, dass die Hasskriminalität gegen Schwule und Lesben zunehme.

Jedem Kriminologen ringeln sich hier die Fußnägel.

Zunächst zur Einordnung: in einem normalen Halbjahr werden in der Polizeilichen Kriminalstatistik rund 1.180.000 Tatverdächtige und 3.186.000 Straftaten erfasst. Die so stark ansteigenden Straftaten gegen Schwule und Lesben, sie stellen somit 0,0041% aller Straftaten dar, gleichzeitig summiert sich der Anteil der 70 Tatverdächtigen an allen erfassten Tatverdächtigen auf 0,006%. Selbst von einer Mücke zu sprechen, verbietet sich hier. Von einem Neutrino auf Abwegen zu reden, ist angemessener. Dass über derartige Nichtigkeiten in Zeitungen berichtet wird, ist Ergebnis gezielter Lobbyarbeit. Während keine überregionale Zeitung davon berichtet, dass die Fussball-Mannschaft der SG Edesheim es in der Saison 2016 geschafft hat, in die A-Klasse zurückzukehren, wird sich das Lamento über den Anstieg um 12 Tatverdächtige und 28 Straftaten in (fast) jeder überregionalen Zeitung finden.

Und alle werden sie fälschlicherweise behaupten, dass die veränderten Zahlen belegen, dass die „Hasskriminalität gegen Schwule und Lesben“ zunehme. Das ist jedoch vollkommener Unsinn.

Und zwar deshalb:

Die Polizeiliche Kriminalstatistik beinhaltet erfasste Straftaten und ermittelte Tatverdächtige.

Die Erfassung beider Daten erfolgt nicht immer in dem Jahr, in dem die Straftaten verübt bzw. die Tatverdächtigen ermittelt wurden. Zuweilen gibt es einen statistischen Überhang von Daten, die aus einem Jahr in das nächste geschoben werden – zumeist aus personellen Gründen. Kurz: Die Zahlen der Kriminalstatistik lassen sich nur teilweise einem Jahr zuordnen.

Die Polizei kann nur die Straftaten ausweisen, die ihr zur Kenntnis kommen und nur die Tatverdächtigen erfassen, die ermittelt wurden. Deshalb unterscheiden Kriminologen das Hellfeld von Kriminalität, wie es in der Statistik erscheint, vom Dunkelfeld, wie es eben nicht in der Statistik erscheint.

Das Dunkelfeld der Straftaten, die nicht bekannt und entsprechend auch nicht registriert werden, zeichnet sich dadurch aus, dass es ein Dunkelfeld ist. Niemand weiß wie groß es ist, und niemand kann verlässliche Schätzungen dazu machen. Opferstudien, die das in der Vergangenheit für sich reklamiert haben, haben sich allesamt als unzuverlässig erwiesen.

Gesichertes Wissen ist jedoch, dass dann, wenn bestimmten Delikten eine öffentliche Bedeutung zugewiesen wird, die Anzahl der entsprechend registrierten Delikte steigt. Das hat mit einem veränderten Anzeigeverhalten zu tun, mit mehr Aufmerksamkeit oder mit einer intensiveren Ermittlungsarbeit der Polizei. Dass mehr Delikte registriert werden, heißt jedoch nicht, dass auch mehr Delikte begangen werden. Es kann einfach nur bedeuten, dass aus der Gesamtzahl begangener Delikte, die niemand kennt, mehr Delikte bekannt werden, mehr aus dem Dunkel- in das Hellfeld geholt werden.

Eine andere gesicherte Tatsache besteht darin, dass dann, wenn in Medien bestimmte Bevölkerungsgruppen popularisiert werden, etwa in der Weise, in der Medien derzeit Schwule und Lesben und all die anderen sexuell Orientierten bewerben, diese Gruppen automatisch als Zielscheibe für bestimmte Delikte interessanter werden als sie dies noch vor der medialen Werbung waren. Träfe diese einzige Erklärung, die dafür spräche, dass die Kriminalität, die sich gegen Schwule und Lesben etc. richtet, tatsächlich zugenommen hat, zu, dann könnte sich Volker Beck immerhin damit brüsten, aufgrund seiner Lobbyarbeit und der damit einhergehenden medialen Aufmerksamkeit für Schwule und Lesben dazu beigetragen zu haben, dass die Straftaten, die gegen Schwule und Lesben verübt werden, zugenommen haben. Das wäre doch etwas, womit man sich als scheidender Bundestagsabgeordneter trösten kann.

Aber die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Straftaten gegen Schwule und Lesben tatsächlich zugenommen haben, sie ist gering. Wir tippen auf eine Mischung aus ein paar Straftaten, die mehr aus dem Dunkelfeld ins Hellfeld geholt werden und auf einen statistischen Überhang aus dem Jahr 2016. Letztlich sind 28 Straftaten und 12 Tatverdächtige mehr einfach eine zu marginale Veränderung, als dass man darüber gesicherte Aussagen machen könnte.

Das hält diejenigen, die offensichtlich eine ganz eigene Befriedigung daraus ziehen, über die verschiedensten Schrecklichkeiten zu berichten, die Schwule und Lesben wie allen anderen übrigens, im Leben ereilen können, natürlich nicht davon ab, ein Neutrino zu einem medialen Elefanten zu formen.

Hacktivismus

Beim Bundeskriminalamt gibt es auch Forschung. Hellfeld- und Dunkelfeldforschung und postalische Umfragen, die sich als Online-Umfragen entpuppen und die es schaffen 21% der Angeschriebenen auch tatsächlich zum Ausfüllen eines Online-Fragebogens zu bewegen.

Und es gibt Ergebnisberichte: Zu-Fuß-Berichte, die sich lesen, als seien sie studentische Arbeiten, deren Layout die Vermutung nahelegt, dass sie nicht geschrieben worden sind, um gelesen zu werden und deren Inhalt sich durch etwas auszeichnet, was man konzeptionelle Konfusion nennen könnte.

Konzeptionelle Konfusion findet sich z.B. im Ergebnisbericht “Hacktivisten”, der unvermittelt beginnt und den Leser komplett im Dunkeln darüber belässt, was Hacktivisten denn nun sein sollen und – entsprechend: was denn nun eigentlich erforscht wurde. Vielleicht wird der Bericht deshalb als “Projektteil Dunkelfeld” bezeichnet.

Hacktivisten2Im Abschlussbericht zum Projektteil der Hellfeld-Forschung findet sich immerhin eine geliehene Definition von Hacktivismus, also der begrifflichen Verbindung von Hacking und Activismus:

“Samuel definiert das Phänomen Hacktivismus als die ‘Hochzeit von politischem Aktivismus und Computerhacking […] als den gewaltfreien Gebrauch von illegalen oder legalen digitalen Werkzeugen um politische Ziele zu verfolgen.’ (20)

Das ist eine etwas freie Übersetzung des Originals, in dem es heißt:

“hacktivism is the nonviolent use of illegal or legally ambiguous
digital tools in pursuit of political ends” (2).

Im Original ist also von “legally ambiguous … tools” also von Mitteln, deren rechtlicher Status im besten Fall ungeklärt ist, also gerade keine “legalen digitalen Werkzeuge”, wie es beim BKA heißt, die Rede.

Aber man ist ja schon froh, wenn die Begriffe, die benutzt werden, auch definiert werden, so dass jeder weiß, wovon die Rede ist.

Hacktivismus besteht also aus digitalen Angriffen auf Webseiten Dritter, aus DDoS Angriffen, also dem Lahmlegen einer Webseite, so dass sie nicht mehr erreicht werden kann, aus Web-Defacement, also der Veränderung der Webseite von Dritten, sowie aus dem Ausspähen und Löschen von Daten Dritter – es ist schlichte Eigentumskriminalität und gewaltfrei ist es auch nicht.

Das Besondere, das dem Hacktivismus seinen Namen gibt, besteht nach dem, was das BKA veröffentlicht darin, dass Hacktivisten politisch motiviert sind. Sie wollen Seiten lahmlegen, die ihnen ideologisch nicht passen, Unternehmen schädigen, denen sie, was auch immer verübeln und zuweilen ihr eigenes ideologisches Heil an die Stelle der verhassten Inhalte setzen.

Besonders betroffen von Hacktivism sind, wie die Dunkelfeld-Untersuchung des BKA zeigt, große Unternehmen. Ihnen entstehen, materielle Schäden, die sie jedoch nur selten zur Anzeige bringen, weil für sie eine “Anzeigeerstattung keine Aussicht auf Erfolg” sehen.

Dazu heißt es auf der Seite des BKA:

“Hacktivisten nutzen ähnliche Vorgehensweisen wie andere Cyberkriminelle – wie z. B. DDoS-Angriffe, Web-Defacements, Ausspähen von Daten etc. – jedoch mit einer anderer Zielrichtung: So agieren Hacktivisten niemals profitorientiert, sondern um sich für ideologische Zwecke und Prinzipien einzusetzen und Sympathisanten zu mobilisieren.”

Es ist schon lustig, dass Kriminelle nun schon nach dem Motiv in schlechte und weniger schlechte Kriminelle unterteilt werden, wobei die weniger schlechten Kriminellen diejenigen sind, die “niemals profitorientiert” agieren. Indes, man fragt sich schon, woher man beim BKA weiß, dass Hacktivisten, die Webseiten lahmlegen, defacen oder dort Daten ausspähen, keiner Profitorientierung folgen, nicht gerade dafür bezahlt werden, dass sie Webseiten lahmlegen, Daten ausspähen oder Webseiten defacen.

Diese Naivität auf Seiten der Verantwortlichen des BKA, mit denen wohl ihr Gutmenschen-Motiv durchgegangen ist, so dass sie sich nicht mehr vorstellen können, dass man ausgespähte Daten auch verkaufen oder an die Unternehmen zurück verkaufen kann, ist umso erstaunlicher als wenige Zeilen vor der Generalabsolution für Hacktivisten steht:

“Fundierte Erkenntnisse zu diesem Phänomen gibt es kaum. Literatur und Studien zum Hacktivismus sind rar.”

Und die vom BKA finanzierte und durchgeführte Hellfeld-Studie kommt zu dem Ergebnis:

“Valide Aussagen zu Merkmalen hacktivistischer Täter zu machen, ist, wie bei anderen Cybercrime-Tätertypen auch, generell schwierig. Die Täter agieren anonym und häufig unbemerkt. In Foren geben Hacktivisten nur wenig von sich preis und wenn sie dies tun, dann ist die Richtigkeit dieser Angaben nicht garantiert.” (46)

Insofern fragt man sich, welche Motive oder welche Unbedarftheit hinter der Behauptung stehen, politische Aktivisten agierten nicht profitorientiert bzw. Hacktivisten hätten nicht den eigenen Vorteil im Auge, wenn sie versuchen, die Webseiten Dritter zu stören oder zu zerstören oder dort Daten zu löschen oder auszuspähen.

Das wenige, was über Alter, Motivation und die Organisation von Hacktvisten bekannt ist, erinnert sehr stark an Untersuchungen zu kriminellen Jugendbanden, wie sie Cohen (1961),  Trasher, (1936) oder Whyte (1943) in ihren jeweiligen Arbeiten beschrieben haben.

Vermutlich ist die Differenzierung dem aktuellen Zeitgeist, der der Chimäre des Altruismus huldigt, gewürdigt, jener Chimäre, die Neid und Zerstörungswut zu einer Tugend im ideologischen Kampf macht und einfache Kriminelle zu halbadeligen Aktivisten umwidmet. Und mit dem selben Schachzug kann man die Erpressung von Schutzgeld im Austausch gegen die Gewähr, nicht Ziel von Hacktivismus zu werden, als selbstlose Hingabe verballhornen, was letztlich dazu führt, dass die Mafia eine mildtätige Vereinigung wird.

 

Cohen, Albert (1961). Kriminelle Jugend. Zur Soziologie jugendlichen Bandenwesens. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt.

Trasher, Frederic M. (1936). The Gang. Chicago: University of Chicago Press.

Whyte, William F. (1943). Street Corner Society. Chicago: University of Chicago Press.

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Gutmenschen Hysterie: Sexueller Missbrauch von Kindern (§176 StGB)

Können Sie es eigentlich noch hören? Dieses ständige Lamento aus den Ministerien besorgter Frauen, deren Hauptaufgabe darin zu bestehen scheint, anderen zwischen die Beine zu schauen und dann in vollster Entrüstung ihre eigenen Phantasien öffentlich auszubreiten und zu verarbeiten? Diese Obsession mit Sexualität, die man eigentlich nur von davon Deprivierten erwartet und dann auch nicht öffentlich ausgebreitet, hat die Grenze der Normalität bereits seit langem überschritten. Die einzigen Fragen, die mich daher noch interessieren sind: Wie weit kann man den Wahnsinn eigentlich treiben und wie viel wird es die Steuerzahler kosten?

Das neueste Beispiel in der langen Reihe von Gutmenschen-Hysterien ist die bundesweite Initiative zur Prävention des sexuellen Kindesmissbrauchs, die gerade vom Ministerium für Wahnvorstellungen aller Art und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (!sic) gestartet wurde. Kern der Aktion ist das “interaktive Theaterstück ‘Sag mal …’ der deutsch-schweizerischen Künstlergruppe ‘Kompanie Kopfstand’ zum Thema Kinderrecht und Missbrauch. Das Theaterstück soll Schülerinnen und Schüler informieren und motivieren, sich im Falle eines Missbrauchs an Personen ihres Vertrauens zu wenden”. 40 Aufführungen eines – wie man sagen könnte – spielerischen sexuellen Missbrauchs mit impliziter Aufforderung zur Denunziation sind deutschlandweit geplant, und der ganze “Spass” kostet 4 Millionen Euro. Ich vermute, es gibt eine ganze Reihe von “Künstlergruppen”, die für 4 Millionen Euro auch einen Kopfstand in sexuellem Missbrauch machen.

Zur Begründung der neuerlichen Hysterie dienen wie immer, falsch interpretierte Daten: “Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2011 zeigt einen Anstieg auf mehr als 12.000 Fälle sexuellen Missbrauchs. Zudem ist von einer sehr hohen Dunkelziffer auszugehen, da es in den meisten Fällen gar nicht erst zu einer Strafanzeige kommt”. Das sagt die Bundesministerin für FSFJ. Die Aussage lässt jedem Kriminologen die Nackenhaare zu Berge stehen, und sie würde sich, wenn man sie denn qualifizieren wollte, problemlos als Brunnenvergifterei bezeichnen lassen – wie gesagt, wenn man die Aussage denn qualifizieren wollte.

Fangen wir doch der Einfachheit halber mit der Tatsache an, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik ein Arbeitsnachweis der Polizei ist, in die alles aufgenommen wird, was der Polizei so gemeldet wird und was nach Ansicht des aufnehmenden Beamten in die Nähe von einer Straftat kommen könnte. Dass viele der gemeldeten “Straftaten” keine Straftaten sind und sich bei näherem Hinsehen als nichts, nichts, was man strafrechtlich verfolgen müsste oder als sonstwas erweisen, ist unter Kriminologen eine Binsenweisheit, die seit Jahrzehnten bekannt ist und die nicht zuletzt darin ihren Niederschlag findet, dass zwischen den polizeilich ermittelten Tatverdächtigen und den tatsächlich Verurteilten eine erhebliche Diskrepanz besteht. Dies gesagt, muss man die Hysterie über den Anstiegs des sexuellen Missbrauchs auf über 12.000 Fälle zunächst dahingehend dämpfen, dass es sich nicht um über 12.000 Fälle, sondern dass es sich um über 12.000 wie auch immer geartete Verdachtsfälle handelt. Aber damit nicht genug, auch der Anstieg der Verdachtsfälle ist nur dann ein Anstieg, wenn man die letzten drei Jahre betrachtet, wie die Abbildung zeigt.

Betrachtet man die Anzahl der Verdachtsfälle auf sexuellen Missbrauch von Kindern, die der Polizei bekannt geworden sind, dann ist deren Anzahl im Trend und über den Zeitraum von 1991 bis 2011 um 174 Anzeigen jährlich zurückgegangen. Gemessen an diesem Trend und gewichtet mit der Tatsache, dass die Anzahl der bei der Polizei gemeldeten Verdachtsfälle auf sexuellen Missbrauch von Kindern in 17 der 21 hier betrachteten Jahre höher war als im Jahr 2011 kann man den Aktivismus aus dem BMFSFJ nicht anders als als Hysterie werten. Doch nicht nur deshalb, wie deutlich wird, wenn man die Anzahl der Anzeigen, der Anzahl der ermittelten Tatverdächtigen und der Anzahl der Verurteilten gegenüberstellt.

Sexueller Missbrauch ist ein klassisches “Beziehungsdelikt”, das unter Bekannten und Freunden oder in Familien stattfindet, d.h. Täter und Opfer kennen sich meistens sehr gut (dazu: Mosser, 2008, S.26 bzw. Schwindt, 2011, S.403). Entsprechend hoch ist die Aufklärungsquote, die sich in der Regeln bei 80% bewegt. Interessanter Weise zeigt die Abbildung oben einen Anstieg der ermittelten Tatverdächtigen, während die Anzahl der Verdachtsfälle und die Anzahl der Verurteilten zurückgeht. Dies ist ein Hinweis darauf, dass die Anzahl der Anzeigen, denen keine Strafttat zu Grunde liegt, die sich bei näherer Betrachtung durch einen Staatsanwalt als belanglos oder gar mutwillige Falschbeschuldigung herausstellen, in den letzten Jahren vermutlich in dem Maße gestiegen ist, wie dem Thema “sexueller Missbrauch von Kindern” hysterisch gesteigerte Aufmerksamkeit zuteil geworden ist.

Dass dem so ist, zeigt der Blick auf die Anzahl der Verurteilten, die über den betrachteten Zeitraum nur einen Bruchteil der Tatverdächtigen umfasst und über den betrachteten Zeitraum zurückgeht. Wie der folgenden Abbildung (links) zu entnehmen ist, ist der Anteil der Verurteilten unter den ermittelten Tatverdächtigen in den letzten Jahren gesunken. Über den betrachteten Zeitraum wurden im Schnitt weniger  als 25% der Tatverdächtigen auch verurteilt und im selben Zeitraum ist der Anteil der Tatverdächtigen, die auch verurteilt wurden, zudem jährlich um ein Drittel Prozent zurückgegangen. Abermals zeigt sich das Ergebnis von Hysterie, das darin besteht, dass Verdächtigungen ausgesprochen werden, die zwar dem Verdächtigten erheblichen Schaden zufügen, die aber ganz offensichtlich nicht strafrechtlich relevant sind und zu keiner entsprechenden Verurteilung führen.

Die rechte Grafik zeigt einen ganz anderen Erfolg, den die Hysterie über sexuellen Missbrauch zu verzeichnen hat: Der Anteil der Kinder (Kinder sind Personen zwischen 6 und 14 Jahren, die noch nicht strafmündig sind; die Polizeiliche Kriminalstatistik weist Kinder im Alter von bereits 6 Jahren als Täter aus!) die des sexuellen Missbrauchs verdächtigt werden, ist über die letzten Jahre kontinuierlich gestiegen. Darauf können die Hysteriker in der selben Weise stolz sein, wie die Streetworker, wenn sie die Ursache dafür sind, dass Jugendbanden dauerhaft werden und sich nicht nach kurzer Zeit wieder auflösen.

Wie nun, kann man diese Ergebnisse erklären? Die Antwort liegt auf der Hand. Das manische Verhältnis zu Sexualität, das manche mit diesen hysterischen Aktionen ausleben, schafft Aufmerksamkeit. Die Tatsache, dass Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren mit den Phantasien von Erwachsenen darüber, wie ein sexueller Missbrauch aussieht und was man sich darunter vorzustellen hat, konfrontiert werden, schafft Aufmerksamkeit. Die entsprechenden Kinder erfahren von der Existenz von etwas, es wird ihnen ein Möglichkeitsraum eröffnet, den sie, wie die rechte Abbildung oben zeigt, auch füllen. Ob dieses Füllen darin besteht, dass bereits 6jährige sexuellen Missbrauch ausüben, darf bezweifelt werden. Wahrscheinlicher ist es, dass die tatverdächtigen Kinder weitgehend das Opfer von anderen Kindern werden, die ihre Phantasie in die Bahnen lenken, die ihnen durch Kampagnen aus dem BMFSFJ vorgegeben werden. Was man vor diesem Hintergrund von Aussagen zu halten hat, wie: Es ginge mit der Kampagne gegen sexuellen Missbrauch darum, 8 bis 12jährige über ihre “Rechte zu informieren, ihr Selbstbewusstsein zu stärken” und sie dazu zu bewegen, sich im “Falle eines Missbrauchs an Personen ihres Vertrauens zu wenden”, ist klar: Sie sind ein Aufruf, seine eigene Phantasie zum Schaden anderer in das Gewand einer Denunziation zu kleiden.

Die Daten zu sexuellem Missbrauch, die oben dargestellt sind, lassen kaum einen anderen Schluss zu. Die Opfer derartiger Phantasien sind dann die Kollateralschäden der Gutmenschen-Hysterie, deren Ziel wohl darin besteht, Kinder dazu zu befähigen, die selbe manische Haltung zu Sexualität einzunehmen, die eine Gruppe mittelalter Frauen auszuzeichnen scheint, die in ihrer eigenen “Sexualität” nichts Normales zu erblicken im Stande sind und ihre eigenen Probleme öffentlich bearbeiten.

Ich hatte über dieses Thema heute eines dieser sehr interessanten Frühstücksgespräche mit Dr. habil. Heike Diefenbach und ich hoffe, Sie davon überzeugen zu können, dass es sehr wichtig wäre, einen Beitrag über das, was man die missglückte Verarbeitung sich ändernder Geschlechtsrollen bei einer bestimmten Gruppe von Mittelschichtsfrauen nennen könnte, zu verfassen. Bis dieser Beitrag vorhanden ist, muss ich die Leser auf die beste Darstellung dessen, was damit angesprochen ist und auf die mich abermals Dr. habil. Heike Diefenbach hingewiesen hat, vertrösten:

Die Novelle: The Turn of the Screw
von Henry James, in deutscher Übersetzung: Die Drehung der Schraube
(grausame Übersetzung) und die hervorragende Verfilmung der Novelle in: The Innocents [UK Import]

P.S.

Die Ministerin für FSFJ sagt zu sexuellem Missbrauch: “Zudem ist von einer sehr hohen Dunkelziffer auszugehen, da es in den meisten Fällen gar nicht erst zu einer Strafanzeige kommt”. Das ist Unsinn. Eine Dunkelziffer ist deshalb eine Dunkelziffer, weil ihre Höhe nicht bekannt ist, auch der Ministerin für FSFJ nicht. Wäre das anders, kein Zweifel, wir hätten die entsprechende “Hellziffer” längst zu hören bekommen. Wenn man entsprechend nicht weiß, wie hoch die Dunkelziffer ist, wie viele tatsächliche sexuelle Missbräuche an Kindern nicht angezeigt werden, dann kann man auch nicht sagen, dass es in den meisten Fällen gar nicht zur Anzeige kommt. Wenn man etwas nicht weiß, dann weiß man es nicht, auch wenn man es noch so gerne behaupten würde – daran führt kein Weg vorbei.

Literatur

Mosser, Peter (2008): Wege Aus Dem Dunkelfeld: Aufdeckung und Hilfesuche bei sexuellem Missbrauch an Jungen (German Edition) Wiesbaden: VS-Verlag.

Schwindt, Bernd (2011): Kriminologie: Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen (Grundlagen der Kriminalistik). Heidelberg: Kriminalistik-Verlag.

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