Studie zu Kriminalität in AfD Pressemeldungen: geistige Armut trifft methodologisches Elend [Junk Science]

Heute kann ja bekanntlich jeder alles, jedenfalls in der Eigenwahrnehmung vieler.

Wenn der Inhaber einer Professur für Journalistik, Thomas Hestermann, und der Inhaber einer Professur für Strafrecht, Elisa Hoven, aber zusammentreffen, um Kriminologie zu betreiben, dann zeigt sich, dass es doch sinnvoll ist, zu wissen, wovon man schreibt. Ein solches Wissen erlaubt es, die größten Peinlichkeiten zu vermeiden. Wie es nun einmal so ist, der Text von Hestermann und Hoven ist eine einzige Peinlichkeit.

„Kriminalität in Deutschland im Spiegel von Pressemeldungen der Alternative für Deutschland (AfD).“

So lautet der Titel. Die Forschungsfrage, die sich diesem Titel anfügt, lautet: Wie stellt die AfD in ihren Pressemeldungen die Kriminalität in Deutschland dar? Warum das eine wissenschaftliche Fragestellung sein soll? Wir wissen es nicht. Aber es ist natürlich eine Fragestellung, mit der man, wenn man in der holistischen Welt eigener Tautologien unterwegs ist, Browniepoints bei all denen sammeln kann, die „gegen die AfD“ sind, warum auch immer.

Also verkünden Hestermann und Hoven zu Beginn ihres Textes, der offenkundig niemandem vor Veröffentlichung zum Lesen gegeben wurde, der vom Thema etwas versteht, dass Kriminalität ein fettes Thema für Rechtspopulisten sei, dass rechtspopulistische Parteien, und die AfD ist natürlich eine solche, versuchten, die Kriminalitätslage schlimmer darzustellen als sie tatsächlich sei, um bei den besonders blöden besorgten Bürgern Punkte, nein Stimmen zu sammeln. Der Text enthält somit das übliche Lamento. Nur eine Definition von Rechtspopulismus oder eine Begründung der Einordnung der AfD als rechtspopulistische Partei, die enthält er nicht.

Wozu auch? Heutige akademisierte Schreiber wissen schon, sie forschen nicht mehr. Und weil sie schon wissen, deshalb kommt am Ende genau das heraus, was sie zu Beginn ihres Texte schon vorweggenommen haben. Die schöne zyklische Welt der weitgehend sinnentleerten Forschung, sie sichert, dass man am Ende des eigenen Textes schreiben kann, was man zu Beginn vorausgesetzt hat, z.B.:

„Eine emotionalisierte und generalisierende strafrechtspopulistische Rhetorik kann erheblichen Einfluss auf die Verbrechensängste der Bevölkerung haben. Studien verweisen darauf, dass die öffentliche Wahrnehmung von Kriminalität keinesfalls zwingend mit den statistischen Daten übereinstimmt, sondern stark durch politische Debatten und Medien geprägt ist“ (139).

Zu Beginn des Textes haben die Autoren festgestellt, dass die Kriminalitätsfurcht in Deutschland gestiegen ist, das ist sie ganz ohne Zutun der AfD. Am Ende haben sie ihren Anfang vergessen. Aber wir nicht. Doch  dazu kommen wir gleich noch.

Die zitierte Passage weckt bei den Kriminologen in der Redaktion von ScienceFiles den Verdacht, die beiden Helden der Journalistik und des Strafrechts seien der Ansicht, die Statistik, die Polizeiliche Kriminalstatistik sei im Gegensatz zur „öffentlichen Wahrnehmung von Kriminalität“ das verlässlichere Maß. Ein Blick in die kriminologischen Diskussionen der letzten 40 Jahre hätte hier Wunder tun und die Erkenntnis nach sich ziehen können, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) alles ist, nur kein verlässliches Abbild der Kriminalität in Deutschland. Ein Grund dafür ist, dass die PKS nur die Fälle enthält, die der Polizei bekannt werden. Hestermann und Hoven sind schon ganz nahe dran, wenn sie des Öfteren von Dunkelfeldstudien schreiben. Wenn sie nun noch wüssten, was das bedeutet, dann wüssten sie vermutlich auch, dass die PKS nichts anderes ist, als ein Arbeitsnachweis der Polizei. Wie akkurat sie ist, dass wüssten wir, wenn wir das wirkliche Ausmaß der Kriminalität kennen würden. Aber das kennen wir nicht. Dunkelfeld: Straftaten werden nicht angezeigt, kommen der Polizei also nicht zur Kenntnis. Straftaten, die der Polizei zur Kenntnis kommen, werden nicht verfolgt. Straftaten, die der Polizei in Berlin 2017 zur Kenntnis kommen, werden erst 2018 statistisch erfasst – denn: Halbtagskräfte! Manche Personengruppen haben ein höheres Risiko, polizeilich erfasst zu werden, Jugendliche zum Beispiel. Andere, wie Asylbewerber haben eine ganze Palette von mehr Möglichkeiten, Straftaten zu begehen, Asylverfahrensdelikte, als Deutsche, die Gründe, warum die PKS zwar „Statistik“ im Namen führt, aber dennoch kein akkurates Bild der Kriminalität abgibt und mit Sicherheit kein akkurateres als Befragungen zur Kriminalitätsfurcht, sie sind so vielfältig und so häufig niedergeschrieben worden, dass selbst Hestermann und Hoven es bemerkt hätten, wenn sie die entsprechende Literatur zur Kenntnis genommen hätten.

Kurz: Es ist nicht nur eine Schnapsidee, die Polizeiliche Kriminalstatistik, ausgerechnet die Polizeiliche Kriminalstatistik zum objektiven Maß der Kriminalität in Deutschland machen zu wollen, es ist geradezu eine Eselei. Aber genau das machen H. und H. Wir kommen auf die Fragestellung zurück: Wie unterscheiden sich die Kriminalitätsdarstellung in den Pressemeldungen der AfD von der der PKS? Um diese Fragestellung zu bearbeiten, zählen H&H 242 Pressemeldungen der AfD vom 1. Januar bis 30. Oktober 2018 aus und kommen zu dem sie vermutlich vollkommen überraschenden Ergebnis, dass die Delikt- und Täterverteilung, die aus den Pressemeldungen der AfD herausgenommen werden kann, der Verteilung, die man in der PKS findet, nicht entspricht.





Ja sowas auch.

Wer hätte angenommen, dass sie das tut?

Und vor allem: Warum sollte sie das tun.

Die AfD ist eine Partei.

Als Partei hat die AfD ein bestimmtes politisches Interesse. Dieses Interesse schlägt sich in ihren Pressemeldungen nieder. Da dasselbe Interesse nicht Eingang in die PKS findet, wäre es höchst befremdlich, wenn sich in der Auszählung von H&H eine Übereinstimmung mit der PKS gefunden hätte. Hätte man die Pressemeldungen der Grünen untersucht, dasselbe wäre dabei herausgekommen.

Um das Ergebnis von H&H zu erhalten, ist es ausreichend, eine Minute nachzudenken. Aber natürlich kann man sich mit einer Minute Nachdenken nicht über 12 Seiten in die Herzen der AfD-Feinde schreiben und der Hoffnung Ausdruck verleihen, man möge in der nächsten Runde in welchem Ministerium auch immer als Experte in Sachen Kriminalität und AfD als treuer Gewährsmann mit der richtigen Gesinnung berücksichtigt. Derzeit haben es H&H lediglich in den ARD-Faktenfinder geschafft. Eher ein wissenschaftlicher Schaden, denn eine Empfehlung.

Doch zurück zum Text.

H&H lamentieren, dass 95% der von der AfD beschriebenen Tatverdächtigen Nichtdeutsche, vor allem Zuwanderer sind. Das ist kein Wunder, denn die ganze Kriminalitätskampagne der AfD hat sich nach unserer Beobachtung darauf gerichtet, die Kriminalität, die durch ungebremsten Zuzug von Flüchtlingen verursacht wird, zu thematisieren. Wie H&H zeigen, hat die AfD auch genau das getan. Was daran die wissenschaftliche Meldung sein soll, wir wissen es nicht. Ob es sich dabei um einen weiteren Beleg für die Verbreitung kriechender institutionalisierter Wissenschaftler handelt …

Welche Hoffnung auch immer H&H mit ihrem Text verbinden, eine wissenschaftliche Hoffnung ist es sicher nicht. Das wird spätestens dann deutlich, wenn man den Text an wissenschaftlichen Maßstäben misst.

Nehmen wir z.B. die wissenschaftliche Redlichkeit.

Auf Seite 129 schreiben H&H:

„Einer Dunkelfeldbefragung zufolge führen vor allem männliche Jugendliche zunehmend Messer mit. Dabei sind die Unterschiede zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund gering. 2017 tragen in ihrer Freizeit 34% der befragten männlichen deutschen Jugendlichen nach eigenem Bekunden Messer (…), männliche eingewanderte Jugendliche mit 30,5% etwas seltener (…).“

Die zitierte Dunkelfeldstudie (nicht Befragung) stammt aus dem Kriminologischen Forschungsinstitut und wurde von uns hier besprochen. Bei den deutschen Jugendlichen handelt es sich um Schüler in der neunten Klasse in Niedersachsen. Hier generalisierend von „deutschen Jugendlichen“ zu sprechen, wie H&H das tun, grenzt an Datenfälschung und muss auf den Versuch zurückgeführt werden, eng begrenzte Ergebnisse zu popularisieren und ihnen eine Bedeutung zuzuweisen, die sie nicht haben. Abgesehen davon, wird in der Studie nicht nur nach dem Messertragen in der Freizeit gefragt, sondern auch nach dem Tragen eines Messers in der Schule. H&H berichten nur vom Messertragen in der Freizeit , warum wohl?

Oder nehmen wir die Widerspruchsfreiheit.

Zu Beginn ihres Textes schreiben H&H, „dass männliche Ehr- und Dominanzvorstellungen in einigen Gruppen – junge Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion sowie Jugendliche aus muslimischen Familien – besonders stark ausgeprägt sind und den Einsatz von Gewalt aus Sicht der Täter legitimieren können“.

Am Ende ihres Textes nehmen H&H daran Anstoß, dass – wie sie meinen – die AfD das „Heil … in der Repression sucht. Ziel ist eine konsequente ‚Law and Order‘-Politik: strengere Strafen, insbesondere für Wiederholungstäter“ [wie wir im letzten Text gezeigt haben, denken ganz andere über „Law and Order“ nach]

Wenn stimmt, was H&H noch zu Anfang ihres Textes geschrieben haben, nämlich, dass Gewaltanwendung eine Frage der Ehr- und Dominanzvorstellungen ist, also kulturell begründet, dann wird man die entsprechende Gewaltbereitschaft nicht durch die verpflichtende Teilnahme am Backkurs mit Tante Gretel von der Jugendhilfe beheben können, sondern, wie eine Vielzahl von Studien, wie sie vor allem im Bereich der Rational Choice Ansätze in der Kriminologie durchgeführt wurden (z.B. im Sammelband von Cornish und Clarke „The Reasoning Criminal“ versammelt), nur mit Abschreckung eine Eindämmung von Gewaltbereitschaft erreichen können. Warum sich H&H darüber aufregen, dass man bei der AfD offenkundig die entsprechende Literatur kennt? Weil es Browniepunkte gibt? Weil sie sich aufregen wollen?

Weiter im Text.

Zum Ende ihres Textes kreiden H&H der AfD an, dass ihre Pressemeldungen eine Kriminalitätsgefahr durch Zuwanderer dramatisieren würden: „Berichtet wird häufig über Delikte, bei denen Nichtdeutsche bzw. Zuwanderer als Beschuldigte überrepräsentiert sind…“ (138).

Zu Beginn ihres Textes wussten sie noch, dass „junges Alter, männliches Geschlecht, Wohnsitz in Großstädten und geringe Bildung“, alles Kriterien, die sie Zuwanderern zuschreiben, mit einem „höheren Kriminalitätsrisiko“ einhergehen (126). Warum sie am Ende ihres Textes der Darstellung der AfD entgegentreten, die sie zu Beginn in allgemeiner Form selbst vorgebracht haben, kann nur vermutet werden. Hypothesen enthalten z.B. Variablen wie Andienfreudigkeit, Tautologische Selbstverwirrung, mangelnde Selbstreflektion, Verlust des Überblicks aufgrund der hochkomplexen Aufgabe etwas und sein Gegenteil argumentieren zu wollen …

Schließlich:

Zu Beginn ihres Textes schreiben H&H: „Danach ist der Anteil der Bevölkerung, der sich nachts in der Wohngegend unsicher fühlt, trotz sinkender Kriminalitätsbelastung von 17% im Jahr 2012 auf 22% [2017] gestiegen“ (127).

9 Seiten weiter wissen sie davon offenkundig nichts mehr und schreiben: „Repräsentative Bevölkerungsumfragen stützen die Behauptung umfassender Verunsicherung nicht“.

22% der Befragten zählen für H&H nicht oder die Verlockung, der AfD etwas Negatives nachsagen zu können, ist schon einen Widerspruch wert.

Insgesamt ist das Werk von H&H eines, das alle Kriterien erfüllt, die erforderlich sind, um das Prädikat Junk Science zu verleihen, was wir deshalb hiermit tun.


Hestermann, Thomas & Hoven, Elisa (2019). Kriminalität in Deutschland im Spiegel von Pressemitteilungen der Alternative für Deutschland (AfD). Kriminalpolitische Zeitschrift 3: 127-139.


Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Dann unterstützen Sie bitte das private Blog ScienceFiles!




ScienceFiles-Spendenkonto

Weitere Möglichkeiten, ScienceFiles zu unterstützen

Anregungen? Hinweise? Kontaktieren Sie ScienceFiles
©ScienceFiles


Print Friendly, PDF & Email
14 Comments

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Translate »

ScienceFiles-Betrieb

Was uns am Herzen liegt ...

 

Ein Tag ScienceFiles-Betrieb kostet zwischen 150 Euro und 250 Euro.

 

Wenn jeder, der ScienceFiles liest, uns ab und zu mit einer Spende von 5, 10, 20, 50 Euro oder vielleicht auch mehr unterstützt, vielleicht auch regelmäßig, dann ist der Fortbestand von ScienceFiles damit auf Dauer gesichert.

  Wir bedanken uns bei allen, die uns unterstützen!

ScienceFiles-Spendenkonto
Holler Box