„Mehr Jugenliche tragen Messer“ – Wie die ZEIT ihre Leser veralbert (oder betrügt?)

Eine der Unsitten, die immer mehr um sich greifen, ist die Veröffentlichung von angeblichen Ergebnissen aus angeblichen Studien in Zeitungen bevor die entsprechenden Ergebnisse den Steuerzahlern, die sie finanziert haben oder der wissenschaftlichen Öffentlichkeit, die die Qualität der Studie und der Ergebnisse beurteilen kann, vorgelegt wurden.

Man kann dies als eine Form von „pre-emptive Strike (Erstschlag)“ sehen: Der Junk, den man Lesern als „Ergebnisse“ verkaufen will, soll verkauft werden, bevor es Dritten möglich ist, den Junk als solchen zu entlarven.

Und so müssen die Leser der ZEIT einen beispiellos schlechten Text einer Frida Thurm, deren Qualifikation sicher nicht in der Berichterstattung über empirische Studien liegt, über sich ergeben lassen.

„Jeder dritte männliche Jugendliche in Niedersachsen trug 2017 ein Messer bei sich – einige nur manchmal, andere regelmäßig, aber insgesamt deutlich mehr als in den Jahren zuvor. Das geht aus den Daten einer bisher unveröffentlichten repräsentativen Befragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen hervor, die ZEIT ONLINE vorliegen“.

Dass ZEIT ONLINE die Daten der – wie könnte es auch ander sein: “repräsentativen Befragung” vorliegen, ändert nichts daran, dass Thurm unfähig ist, das Vorliegende zu lesen und zu verstehen. Bei den Daten handelt es sich um die Dritte Folge des sogenannten Niedersachsensurveys, in dessen Rahmen das Kriminoligische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) Schüler von neunten Klassen in Niedersachsen befragt (siehe unten). Diese Information enthält Thurm ihren Lesern vor, vermutlich, um eine Prüfung dessen, was sie von sich gibt, zu verhindern.

In der Überschrift spricht sie von „[m]ehr Jugendliche[n], die Messer tragen. Auch in der Unterüberschrift ist noch von „Jugendlichen“, die Rede, die wieder öfter Messer tragen. Aus den Jugendlichen sind in der zitierten Passage „männliche Jugendliche in Niedersachsen“ geworden. Ein Absatz weiter ist von „männlichen Neuntklässlern in Niedersachsen“ die Rede.

Das ist ein gutes Beispiel für Journalisten, die keine Ahnung haben, wovon sie eigentlich berichten. Tatsächlich handelt es sich bei den Daten um die dritte Welle des so genannten „Niedersachsensurveys“, für den Schüler der neunten Klassen in Niedersachsen befragt werden.

Schüler der neunten Klasse sind nicht „die Jugendlichen“, sie sind nicht „die Jugendlichen in Niedersachsen“, sie sind nicht einmal die männlichen Jugendlichen in Niedersachsen. Sie sind Neuntklässler. Nicht mehr und nicht weniger.

Ob Thurm unfähig ist oder die ZEIT Leser bewusst darüber belügen will, wer überhaupt befragt wurde, ist eine Frage, die man dem Chefredakteur der ZEIT stellen sollte.

Der Junk, der hier Text geworden ist, geht weiter. Wir haben die dünnen Informationen, die auf mehreren Textseiten verbreitet werden, zusammengetragen. Hier sind sie:

„Jeder dritte männliche Jugendliche in Niedersachsen trug 2017 ein Messer“, schreibt Thurm.

Das ist falsch. Befragt wurden, wie gesagt, nicht die Jugendlichen, sondern Schüler der neunten Klassen in Niedersachsen.

„Demnach stieg die Zahl der männlichen Neuntklässler, die angaben zumindest selten ein Messer bei sich zu tragen, von gut 27 Prozent im Jahr 2013 auf gut 32 Prozent im Jahr 2017.“

Auch diese Aussage ist so nicht richtig. Die Schüler der neunten Klassen werden gefragt: „Wie häufig trägst du folgende Gegenstände bei dir, wenn du a) in die Schule gehst und b) in deiner Freizeit nach draußen gehst?“ Gefragt wird nach Messer, Schlagring, Schlagstock und Tränengas. Die Schüler konnten für die vier Waffen angeben, das sie sie nie, selten, manchmal, häufig oder immer bei sich tragen. Aus diesen fünf Optionen haben die Forscher des KFN-Niedersachsen zwei Kategorien gemacht: selten und häufig. Warum man fünf Optionen vorgibt, wenn man ohnehin vorhat, sie zusammenzufassen? Das ist der übliche Trick um aus Wenig mehr zu machen.

„Die 2017 in Niedersachsen durchgeführte Befragung ergibt auch: Männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund tragen eigenen Angaben zufolge weiterhin seltener als andere männliche Jugendliche ein Messer bei sich (29,4% versus 33,7 Prozent).“

Im Fragetext oben, wird nach dem Tragen eines Messers in der a) Schule und b) Freizeit unterschieden. Bislang hat Thurm Ergebnisse für Schule und Freizeit berichtet. Plötzlich berichtet sie nur noch Ergebnisse für „Freizeit“, ohne dies jedoch ihren Lesern mitzuteilen. Warum wird schnell klar, wenn man in die Ergebnisse aus den Jahren 2013 und 2015 blickt. Tatsächlich sagt ein größerer Anteil von niedersächsischen Neuntklässlern mit Migrationshintergrund als deutsche niedersächsische Neuntklässler, er führe in Freizeit und Schule ein Messer mit: Der Anteil von Neuntklässlern mit Migrationshintergrund, die ein Messer in Freizeit und Schule mitführen, ist von 21,9% (2013) auf 25,8% (2015) gestiegen, der Anteil der deutschen Neuntklässler in Niedersachsen mit 24,1% (2013) und 24,3% (2015) fast gleich geblieben.

Wir finden hier eine Art der Manipulation, der dadurch, dass Daten berichtet werden, die nicht öffentlich sind, Vorschub geleistet wird, und die als Betrug gelten muss.

Es gibt Daten zu:

  • Neuntklässlern in Niedersachsen, die gefragt werden, ob sie in a) Schule oder b) Freizeit ein Messer tragen;
  • Männlichen und weiblichen Neuntklässlern in Niedersachsen, die gefragt werden, ob sie in a) Schule oder b) Freizeit ein Messer tragen;
  • Männlichen und weiblichen Neuntklässlern in Niedersachsen mit und ohne Migrationshintergrund, die gefragt werden, ob sie in a) Schule oder b) Freizeit ein Messer tragen;

Thurm belästigt ihre Leser wohl ausschließlich mit den Daten, die ihr ideologisch in den Kram passen.

  • Zunächst wird behauptet, es gebe Daten für alle Jugendlichen, wohl um eine Messerpanik zu begründen.
  • Dann werden Daten nur für männliche Jugendliche berichtet, um den Fokus auf männliche Jugendliche zu verengen, wobei kein Unterschied zwischen dem Tragen eines Messer in Schule oder Freizeit gemacht wird.
  • Dann wird behauptet, dass männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund „weiterhin seltener als andere männliche Jugendliche ein Messer bei sich tragen“ (29,4% versus 33,7%). Ein Blick in den Bericht des KFN für die Jahre 2013 und 2015 zeigt, dass es sich hier um die männlichen Neuntklässler handelt, die in der FREIZEIT ein Messer bei sich tragen. Warum hier die Daten für die Schule nicht berücksichtigt wurden, ist eine Frage, die wir nicht beantworten können, weil der Bericht nicht veröffentlicht ist.

In jedem Fall können wir auf Grundlage der Daten aus den Jahren 2013 und 2015 sagen, dass der Anteil von niedersächsischen Neuntklässlern mit Migrationshintergrund, die in Schule ODER Freizeit ein Messer bei sich tragen, mit 25,8% im Jahr 2015 höher war als der entsprechende Anteil für deutsche Neuntklässler aus Niedersachsen (24,3%). Dies liegt an der Gruppe, die nur nebenbei von Thurm behandelt wird:

„Der Anteil der weiblichen Jugendlichen, die angeben, ein Messer zu tragen, stieg ebenfalls, aber auf deutlich geringerem Niveau: von gut sechs Prozent in 2013 auf gut neun Prozent im Jahr 2017.“ [Eine Steigerung um 50% ist nach unserem Dafürhalten erheblich, aber sei’s drum.]

Nunmehr macht Thurm keine Unterscheidung mehr nach Migrationshintergrund. Warum? Und warum werden die Daten für 2015, die ebenfalls vorhanden sind, generell unterschlagen? Nur zur Vollständigkeit. „Anteil der weiblichen Jugendlichen“ ist natürlich Blödsinn. Befragt wurden weibliche Neuntklässler in Niedersachsen. Es soll Jugendliche auch noch in z.B. sechsten, siebten, zehnten, elften Klassen geben, ja selbst außerhalb von Schulen sollen sie schon gesichtet worden sein. Ganz zu schweigen von den Jugendlichen, die es in Bayern, Sachsen, ja selbst in Berlin geben soll. Abermals stellt sich die Frage: Ist das Unfähigkeit oder ideologisch begründete Boshaftigkeit?

Die Frage muss auch an die vermeintlichen Forscher des KFN gestellt werden, die die entsprechenden Ergebnisse (2015 und 2013) nicht ausweisen. Aus den Ergebnissen, die sie ausweisen, kann man jedoch schließen, dass der Anteil der weiblichen niedersächsischen Neuntklässler mit Migrationshintergrund, die in Freizeit oder Schule ein Messer bei sich tragen höher, deutlich höher sein muss als der Anteil der deutschen weiblichen niedersächsischen Neuntklässler.

Warum dieser ganze Zinnober in der ZEIT veranstaltet wird, wird gegen Ende des Textes deutlich. Dort kommt Dirk Baier, der jahrelange Adjutant von Christian Pfeiffer wiederholt zu Wort. Er ist einer derjenigen, die die unveröffentlichte Forschung, die ZEIT Online vorab vorliegt, obwohl sie von niedersächsischen Steuerzahlern finanziert wurde, durchgeführt und zu verantworten haben. Zunächst besteht Baiers Beitrag zum Beitrag darin, einen Widerspruch zu formulieren. „Die Forscher“, wer auch immer sie sein mögen, so schreibt Thurm, hätten herausgefunden, dass sich der „Anteil der Taten mit Messer“ seit 2013 nicht verändert habe. Wenige Zeilen weiter zitiert Thurm, zu deren Fähigkeiten auch das logische Denken offensichtlich nicht gehört, nämlichen Baier mit den Worten:

„Man müsse darüber sprechen, warum es offenbar wieder eine größere Akzeptanz von Gewalt und aggressiver Selbstdurchsetzung im Alltag der Jugendlichen gibt“. Satter kann man einen Widerspruch kaum formulieren und weil das noch nicht reicht, steht ein paar Zeilen vor dieser Aussage: „Wer ein Messer trägt, setzt es noch lange nicht ein“. Eben!

Wir haben somit innerhalb weniger Zeilen die Erkenntnis, dass Messertragen nicht Messereinsetzen ist, dass Taten unter Verwendung von Messern nach Ansicht der „Forscher“ nicht zugenommen haben und dass es offenbar wieder eine größere Akzeptanz von Gewalt und aggressiver Selbstdurchsetzung im Alltag der Schüler gibt“.

Warum, so fragt man sich, wurde dieses bemerkenswerte Beispiel journalistischer Unfähigkeit geschrieben. Die Verengung, die systematischen Auslassungen und Unterschlagungen, die wir hier aufgezeigt haben, die ausnahmslos zu Lasten von (deutschen) männlichen Neuntklässlern gehen, sie lassen es bereits vermuten.

Dirk Baier darf auf der Grundlage der wenigen Daten, die er in der kleinen Gruppe der niedersächsischen Neuntklässler gesammelt hat, wild und vor allem ohne Rücksicht auf Datenbeschränkungen, Fragen von wissenschaftlicher Lauterkeit oder gar Ethik spekulieren:

„Sinnvoll sei auch eine Auseinandersetzung mit Männlichkeitsnormen, die etwa propagierten, dass Konflikte mit Gewalt gelöst werden können“.

Gewalt ist nämlich männlich in der kleinen Welt von Dirk Baier. Konflikte mit Gewalt zu lösen, ist eine Männlichkeitsnorm. Entsprechend muss man schließen, dass Dirk Baier, da er das, was er für Männlichkeitsnormen hält, problematisiert, selbst eher dem, was er für Weiblichkeitsnormen hält, anhängt, die dann wohl gewaltfreies Liebhaben predigen müssen.

Nun, es mag Dirk Baier überraschen: Gewalt ist eine sehr gute Möglichkeit, Konflikte zu lösen. Ohne Gewalt hätten die Alliierten das Dritte Reich sicher nicht bezwingen können. Wir zweifeln, dass eine Liebhab-Offensive mit Blumensträußen und Freudengesängen dazu geführt hätte, Hitler nach seinem Überfall auf Polen, Frankreich und die Sowjetunion oder den Luftkrieg gegen das Vereinigte Königreich zu befrieden.

Wenn Konflikte also nachweislich mit Gewalt gelöst werden können, dann hat Baier Unsinn erzählt. Dass er Unsinn erzählt hat, wird auch ein paar Zeilen weiter deutlich. Dort wird er mit den Worten zitiert: „Daran kann man sich ja festhalten: Ich bin ein Mann, ich bin stark, ich kann mich durchsetzen“.

Tatsächlich ist es nach wie vor so, dass durchschnittliche Unterschiede im Körperbau von Männern und Frauen dazu führen, dass Erstere eher mit Tätigkeiten assoziiert werden, zu deren Ausführung Stärke erforderlich ist. Mit Durchsetzungsvermögen hat dies nur bedingt etwas zu tun, was schon die alten Philosophen gewusst haben, denn wer körperlich unterlegen ist, der kann sich mit List, Tücke oder Waffen einen Vorteil verschaffen. Oder: Wo der durchschnittliche Mann zuschlagen kann, um sich durchzusetzen, benötigt die durchschnittliche Frau ein Hilfsmittel, z.B. ein Messer.

Deshalb hat das Tragen von Messern nichts mit einer Männlichkeitsnorm oder einem sonstigen Unfug zu tun, den sich Baier gerne einzubilden scheint. Wenn man überhaupt das Konzept von Norm hier strapazieren will, dann muss man eine Messertragens-Norm konstatieren und sich fragen, woher diese Norm kommen könnte.

Messer sind ein Werkzeug. Sie erleichtern die Nahrungsaufnahme. Sie können als Statusobjekt eingesetzt werden. Sie können getragen werden, um sich vor Übergriffen zu schützen. Sie können als Waffe gegen andere verwendet werden.

Was für Baier so klar: Wer eine Messer trägt, der tut dies, um sich als Mann zu fühlen, stark zu sein, sich durchzusetzen, beschreibt nur einen Teil, einen sehr kleinen Teil der Welt.

Ein solche enge Sicht auf die Welt findet man bei Ideologen durchgängig. Sie sind wie versessen, dass ihre Sicht der Welt die einzig mögliche ist. Dass ein Neuntklässler ein Messer mitführt, um zu prahlen, um sich selbst zu schützen oder weil es zu seiner Ausrüstung als Pfadfinder gehört, das kommt Baier offenkundig nicht in den Sinn. So wenig wie ihm in den Sinn kommt, dass 9% der Messerträger weibliche Neuntklässler sind, weibliche Messerträger, von denen Baier annehmen muss, dass sie die Männlichkeitsnormen der Konfliktlösung durch Gewalt auf ein Messer verengt und übernommen haben. Absurder und dümmer geht es nimmer.

Wir weit man derartige assoziative Phantasiegebilde treiben kann, das wissen wir nicht, aber angesichts von Texten, wie sie in der ZEIT veröffentlicht werden, muss man annehmen, dass sie im Wahnsinn enden.

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