Bertelsmann-Studie: Weibliche Muslime schlechter integriert als männliche Muslime

Derzeit geht die Bertelsmann-Studie „Muslime in Europa – Integriert, aber nicht akzeptiert?“ durch die Medien. Eine Reihe von Lesern hat uns auf diese Studie und die dazugehörige Berichterstattung hingewiesen, deren Tenor weitgehend lautet: Muslime sind gut in die deutsche Gesellschaft integriert. Angesichts eines nunmehr mehrere Jahrzehnte dauernden Aufenthalts von Muslimen in Deutschland, die oft in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben, wäre alles andere auch mehr als bedenklich.

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Wir haben ein paar Abbildungen zusammengestellt, die die wichtigsten deskriptiven Ergebnisse aus der Befragung von für Deutschland 1.114 Muslimen und 1.453 Deutschen zeigt. Für uns ist jedoch nicht der deskriptive Firlefanz, der in den Medien berichtet wird, von Interesse sondern der in der Bertelsmann-Studie unternommene Versuch, die Integration von Muslimen der zweiten Generation in den Arbeitsmarkt als alleinigen Indikator für deren gesellschaftliche Integration zu erklären.

Diese Erklärung basiert zunächst auf einer mehr oder weniger verballhornten Übernahme von vier Dimensionen der Integration, die Esser zugeschrieben werden, der sie allerdings bei Berry entliehen hat. Die vier Dimensionen im originalen Akkulturationsmodell von Berry lauten Segregation, Marginalisierung, Assimilation und Integration. Bei Bertelsmann hat man die Segregation und die Marginalisierung vermutlich schon deshalb gestrichen, weil beide negativ und politisch nicht erwünscht sind und durch Platzierung und Interaktion ersetzt. Nimmt man noch Akkulturation und Identifikation hinzu, dann kommt man zu dem, was bei Bertelsmann als Modell der sozialen Integration bezeichnet wird.

Aufgelöst in die Bestandteile wird alles wieder etwas trivialer:

  • Platzierung wird durch Erwerbstätigkeit operationalisiert,
  • Akkulturation auf Spracherwerb und Schulbildung verkürzt,
  • Interaktion als Freizeitkontakt mit Einheimischen definiert und
  • Identifikation als Verbundenheit mit der Aufnahmegesellschaft angesehen (was letztlich eher Akkulturation als Identifikation misst, aber lassen wir das);

Aus Gründen, die nicht angegeben sind und von uns auch nicht nachvollzogen werden können, gilt den Bertelsmännern nur die Platzierung als erklärungsbedürftig, als multivariat erklärungsbedürftig. Multivariat scheint heute vornehmlich mit logistischer Regression einher zu gehen und die Berechnung derselben, die zum Ziel hat, auf Grundlage der abhängigen Variablen „Platzierung“ die Determinanten einer erfolgreichen Integration in die deutsche Gesellschaft zu bestimmen, ergibt Folgendes:

Alles, was in der letzten Spalte keine Sterne aufweist, kann vergessen werden, weil es n.s., also nicht signifikant ist.

Bleiben die signifikanten Ergebnisse:

Akkulturation, also bei den Bertelsmännern Sprachkenntnisse und ein formaler Bildungsabschluss erhöhen dann, wenn sie hoch sind, die Wahrscheinlichkeit von Platzierung, also von Erwerbstätigkeit, denn letzten Endes erklären die Bertelsmänner hier Erwerbstätigkeit und nicht Integration oder Platzierung.

Viele Freizeitkontakte zu Deutschen erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit.

Der Unsinn, den logistische Regressionen dann produzieren, wenn sie von Unbedarften bedient werden, kommt darin zum Ausdruck, dass Befragte, die sich Deutschland als eher verbunden erklären, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen als Befragte, die von sich sagen, sie seien Deutschland sehr verbunden. Dass hier Unbedarfte am Werk sind, zeigt sich schon daran, dass Sie den Referenzkategorien Signifikanzen zuweisen, im Ergebnis stellt sich bei statistisch Bedarften Schüttelfrost ein.

Mit zunehmender Religiosität sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit (also von Platzierung für die Bertelsmänner).

Schließlich wirkt sich auch Geschlecht auf die Wahrscheinlichkeit, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, aus. Weibliche Muslime haben eine deutliche, um 60% geringere Wahrscheinlichkeit, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen als männliche Muslime.

Die Bertelsmänner berücksichtigen in ihrer Analyse ausschließlich Angehörige ab der zweiten Migrantengeneration also Befragte, die bereits in Deutschland geboren wurden.

Übrigens: Das Modell ist insofern ein sinnloses Modell als die Analysen auf Muslime beschränkt bleiben. Wollte man tatsächlich Aussagen darüber machen, ob Muslime integriert sind und wenn ja, wie gut sie integriert sind, dann muss man sie in Relation zur deutschen Bevölkerung analysieren und Letztere auch als Referenzgruppe wählen.

Folgt man den Bertelsmännern dennoch in ihrer Ansicht, dass die Platzierung auf dem Arbeitsmarkt letztlich die Variable ist, die eine gelungene Integration signalisiert, dann muss man daraus folgern, dass dieselbe bei weiblichen Muslimen in geradezu spektakulärer Weise misslungen ist. Da die weiblichen Muslime, die in der logistischen Regression berücksichtigt sind, alle in Deutschland geboren sind und alle das deutsche Bildungssystem durchlaufen haben, stellt sich die Frage: What went wrong?

Das ist doch einmal eine Frage, die die Gender Studierten beantworten könnten – oder?

Und für den Fall, dass die Gender Studierten auf ihre Lieblingsvariable springen: Es hat nichts mit Diskriminierung zu tun, denn von Diskriminierung geht keinerlei Effekt auf die „Platzierung“ aus.

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Schleimen in der Schule lohnt sich – zumindest in Bremen

Reduzieren wir die 20 Seiten des Beitrags mit dem Titel „Sozialverhalten und Schulleistungen“ aus der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft doch auf den wesentlichen Inhalt:

Wenn Mitschüler über einen Schüler sagen, dass er ihnen hilft, nicht aggressiv ist und „unsere Arbeit“ nicht häufig stört, dann schätzen Lehrer die Beliebtheit der entsprechenden Schüler höher ein und die entsprechenden Schüler erhalten bessere Noten als Schüler, auf die das alles nicht zutrifft.

Das teilen uns Julia Becherer, Olaf Köller und Friederike Zimmermann mit. Ein Strukturgleichungsmodell hat diese Kausalitäten entdeckt. Natürlich liest es sich, wenn Becherer, Köller und Zimmermann dieses Ergebnis beschreiben, ganz anders: „… Schüler, die von ihren Peers als prosozial eingeschätzt wurden, wurden von den Lehrkräften auch als beliebter eingeschätzt und erreichten auch später bessere Schulnoten. Als beliebt eingeschätzte … Schüler erreichten ebenfalls bessere Noten und auch der indirekte Zusammenhang des prosozialen Verhaltens mit den Noten, vermittelt über die Beliebtheit in der Klasse, war substanziell“.

Wer heutzutage empirische Texte liest, der braucht ein dickes Fell. Max Kaase hat Studien wie die von Becherer, Köller und Zimmermann als „Data speek to me“ Studien bezeichnet, aber das setzt voraus, dass das, was die Daten sagen, verstanden wird – eine Annahme, die man nicht mehr unbegrenzt aufrechterhalten kann.

So hat sich die Kenntnis darüber, wozu Strukturgleichungsmodelle eigentlich einmal entwickelt wurden und welche Probleme sich mit den entsprechenden Modellen, die früher unter dem Stichwort „LISREL“ behandelt wurden, weitgehend verflüchtigt. Dass man der Software durch die Spezifikation von Pfaden vorgibt, in welche Richtung Zusammenhänge weisen und damit klare Annahmen über Kausalitäten macht, das ist zumindest bei den drei Autoren, die diesen Text verbrochen haben, nicht angekommen. Für sie wurden irgendwelche Assoziationen oder Zusammenhänge gemessen, die mit ihren Annahmen und Spezifikationen natürlich nichts zu tun haben.

What if data will speak, but nobody is listening?

Daten zu 2.387 Schülern aus Bremen haben die drei Autoren verarbeitet. Schüler aus 113 Klassen in 10 Regelschulen, alle in der Gegend von 15 Jahren alt und entsprechend in einer neunten Klasse. Daten aus einem Projekt, das mehrere Erhebungswellen umfasst. Längsschnittdaten: Eine Seltenheit für Deutschland. Daten, anhand derer man relevante Fragestellungen nach Lernfortschritt, Einfluss von Lehrern auf schulische Leistungen, nach der Benachteiligung von Jungen und den Faktoren, die die Motivation von Schülern beeinflussen, beantworten könnte. Fragen, die für die individuelle Schul-Biographie von Schülern von Bedeutung sind und Auskunft über institutionelle Mängel geben könnten. Und was untersuchen die Autoren?

Ob prosoziales Verhalten vermittelt über die Beliebtheit eines Schülers dessen Noten beeinflusst. Und sie untersuchen es mit dem aufgerichteten Zeigefinger: Seht her liebe Kindlein, wer sich nicht einfügt, wer nicht prosozial ist, also seinen Mitschülern nicht hilft, der bekommt auch schlechtere Noten. Besser ihr werdet zu Duckmäusern und …kriechern, die frühzeitig das Geheimnis des Erfolgs, wie es in Deutschland gehütet wird, erkennen.

Wenn dieser Forschung irgend ein Verdienst zukommt, dann das, gezeigt zu haben, dass leistungsirrelevante Fragen sozialer Einordnung in Bremen die Noten zu beeinflussen scheinen. Das ist erschreckend. Scheinbar geben Lehrer in Bremen Schülern, die sie für beliebter halten, bessere Noten. Scheinbar wollen sich Lehrer bei der Mehrheit der Schüler einer Klasse einschleimen.

Wetten, dieses Ergebnis hätte man auch erhalten können. Strukturgleichungsmodelle sind geduldig. Man spezifiziert, die Software rechnet und heraus kommt ein Ergebnis. Dass Linear Structural Relations (LISREL) (fast) immer gefunden werden können, weshalb es unabdingbar ist, dass die Richtung der Beziehung entweder vorgegeben oder offen gehalten wird, ist dabei sicher. Offensichtlich haben Becherer et al. von vornherein angenommen oder die Voreinstellung des statistischen Pakets, das sie verwendet haben, hat ihnen diese Entscheidung abgenommen, dass prosoziales Verhalten auf Beliebtheit und Noten wirkt und nicht etwa, dass die Notengebung von Lehrern durch deren Einschätzung deren Beliebtheit eines Schülers bei seinen Peers beeinflusst wird. Auch die Idee, dass Schüler aggressiv sein könnten, weil sie von Peers aus der Klassengemeinschaft ausgegrenzt werden, Letztere also die Ursache für ersteres ist, ist unseren Autoren der unimaginativen Forschung nicht gekommen. Für sie ist klar, prosozial ist gut, dissozial ist schlecht.

Sie sind Ideologen, keine Wissenschaftler, Ideologen, die am derzeit häufig angestimmten Lied, nachdem Menschen so furchtbar sozial zueinander sind, ein Faktum, das man immer wieder sehen kann, wenn Antifas den Lebensunterhalt von Menschen zerstören, die sie gar nicht kennen oder Terroristen willkürlich in Menschenmengen fahren, mitsingen. Nein, natürlich sind nicht Menschen, sondern nur richtige Menschen prosozial. Deshalb muss prosoziales Verhalten schon in der Schule gelernt und durchgesetzt werden, müssen Schüler erkennen, wenn sie dissozial sind, dann gibt es schlechte Noten, schlechte Noten als Bestrafung für Schüler: Noch ein Pfad, der im Strukturgleichungsmodell nicht spezifiziert wurde.

Statistik leidet eben an der geistigen Beschränkung ihrer Anwender. Prosozial ist, so lernen wir von Becherer et al., wenn ein Schüler von einem anderen Schüler sagt, dass er ihm hilft. Wobei ist egal. Hauptsache er hilft: beim Schummel während der Klassenarbeit, beim Mobben anderer Mitschüler, wobei auch immer. Hauptsache, er hilft. Helfen ist nämlich gut. Dagegen ist Aggression schlecht. Wer aggressiv ist, ist dissozial, nicht etwa mit einem Instinkt ausgerüstet, der der Menschheit ihr Überleben gesichert hat und der auch heute noch wichtig ist, wenn man z.B. seine Haut gegen Übergriffe verteidigen muss. Und dissozial ist, wer „uns bei unserer Arbeit stört“. Bei „unserer Arbeit“ werden wir nur durch Außenseiter gestört, so dass alle, die nicht zu einer Gruppe gehören, potentiell dissozial sein müssen, zwangsläufig. Was hier gefeiert wird, ist nichts anderes als die Stiftung einer sozialen Identität durch Ausgrenzung von anderen. Andere Forscher beforschen das unter dem Stichwort Mobbing und halten die Ausgrenzten für Opfer. Becherer et al. sehen in der Ausgrenzung eine Reaktion auf das dissoziale Verhalten der Ausgegrenzten. Wenn man sich im theoretischen Niemandsland befindet, dann kann man sich nur an der eigenen Ideologie festhalten. Noch ein Grund, warum Artikel wie der von Becherer, Köller und Zimmermann der empirische Ausdruck der latenten Variable „Junk Science“ sind, die wiederum im Strukturgleichungsmodell direkt von methodischer und statistischer Unkenntnis sowie von theoretischer Unbedarftheit beeinflusst wird.

Becherer, Julia, Köller, Olaf & Zimmermann, Friederike (2017). Sozialverhalten und Schulleistungen. Spielt die Beliebtheit in der Klasse eine Rolle? Zeitschrift für Erziehungswissenschaft (online first).

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Kriminalitätsonanie: Juchheisa, die Hasskriminalität gegen Schwule und Lesben nimmt zu (oder auch nicht)

Hasskriminalität gegen Schwule und Lesben nimmt zu, so titelt der Spiegel.

Und weiter:
“Die Behörden registrieren mehr politisch motivierte Übergriffe gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle: Nach SPIEGEL-Informationen stieg die Zahl der homo- und transphoben Straftaten im ersten Halbjahr 2017 deutlich an.”

Die Kenntnis über den deutlichen Anstieg der „politisch motivierten Übergriffe gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle“ stammt aus einer schriftlichen Anfrage von Volker Beck, deren Antwort wohl direkt in die Tastatur eines Spiegel-Redakteurs eingeflossen ist.

Und so wissen wir nun, das von 1. Januar bis zum 28. Juli 2017 insgesamt 130 „politisch motivierte Straftaten mit der Nennung des Unterthemas ‘Sexuelle Orientierung’“ von der Polizei registriert wurden. Im selben Zeitraum des Jahres 2016 waren es 102. Der „deutliche Anstieg“ den der Spiegel hier konstruiert, er besteht aus 28 Straftaten. Zudem stehen den 70 Tatverdächtigen im ersten Halbjahr 2017 nur 58 Tatverdächtige im Halbjahr 2016 gegenüber. Noch ein deutlicher Anstieg.

Wenn Sie schon immer einmal wissen wollten, wie Lobbyisten, und Volker Beck ist ein solcher Lobbyist für schwule Angelegenheiten, es schaffen, mit Nichtigkeiten in die Presse zu gelangen, dann haben sie hier ein Beispiel dafür. Nicht nur, dass Nichtigkeiten zu deutlichen Anstiegen aufgeblasen werden, es wird auch behauptet, dass ein Zuwachs von jämmerlichen 28 Straftaten und 12 Tatverdächtigen zeige, dass die Hasskriminalität gegen Schwule und Lesben zunehme.

Jedem Kriminologen ringeln sich hier die Fußnägel.

Zunächst zur Einordnung: in einem normalen Halbjahr werden in der Polizeilichen Kriminalstatistik rund 1.180.000 Tatverdächtige und 3.186.000 Straftaten erfasst. Die so stark ansteigenden Straftaten gegen Schwule und Lesben, sie stellen somit 0,0041% aller Straftaten dar, gleichzeitig summiert sich der Anteil der 70 Tatverdächtigen an allen erfassten Tatverdächtigen auf 0,006%. Selbst von einer Mücke zu sprechen, verbietet sich hier. Von einem Neutrino auf Abwegen zu reden, ist angemessener. Dass über derartige Nichtigkeiten in Zeitungen berichtet wird, ist Ergebnis gezielter Lobbyarbeit. Während keine überregionale Zeitung davon berichtet, dass die Fussball-Mannschaft der SG Edesheim es in der Saison 2016 geschafft hat, in die A-Klasse zurückzukehren, wird sich das Lamento über den Anstieg um 12 Tatverdächtige und 28 Straftaten in (fast) jeder überregionalen Zeitung finden.

Und alle werden sie fälschlicherweise behaupten, dass die veränderten Zahlen belegen, dass die „Hasskriminalität gegen Schwule und Lesben“ zunehme. Das ist jedoch vollkommener Unsinn.

Und zwar deshalb:

Die Polizeiliche Kriminalstatistik beinhaltet erfasste Straftaten und ermittelte Tatverdächtige.

Die Erfassung beider Daten erfolgt nicht immer in dem Jahr, in dem die Straftaten verübt bzw. die Tatverdächtigen ermittelt wurden. Zuweilen gibt es einen statistischen Überhang von Daten, die aus einem Jahr in das nächste geschoben werden – zumeist aus personellen Gründen. Kurz: Die Zahlen der Kriminalstatistik lassen sich nur teilweise einem Jahr zuordnen.

Die Polizei kann nur die Straftaten ausweisen, die ihr zur Kenntnis kommen und nur die Tatverdächtigen erfassen, die ermittelt wurden. Deshalb unterscheiden Kriminologen das Hellfeld von Kriminalität, wie es in der Statistik erscheint, vom Dunkelfeld, wie es eben nicht in der Statistik erscheint.

Das Dunkelfeld der Straftaten, die nicht bekannt und entsprechend auch nicht registriert werden, zeichnet sich dadurch aus, dass es ein Dunkelfeld ist. Niemand weiß wie groß es ist, und niemand kann verlässliche Schätzungen dazu machen. Opferstudien, die das in der Vergangenheit für sich reklamiert haben, haben sich allesamt als unzuverlässig erwiesen.

Gesichertes Wissen ist jedoch, dass dann, wenn bestimmten Delikten eine öffentliche Bedeutung zugewiesen wird, die Anzahl der entsprechend registrierten Delikte steigt. Das hat mit einem veränderten Anzeigeverhalten zu tun, mit mehr Aufmerksamkeit oder mit einer intensiveren Ermittlungsarbeit der Polizei. Dass mehr Delikte registriert werden, heißt jedoch nicht, dass auch mehr Delikte begangen werden. Es kann einfach nur bedeuten, dass aus der Gesamtzahl begangener Delikte, die niemand kennt, mehr Delikte bekannt werden, mehr aus dem Dunkel- in das Hellfeld geholt werden.

Eine andere gesicherte Tatsache besteht darin, dass dann, wenn in Medien bestimmte Bevölkerungsgruppen popularisiert werden, etwa in der Weise, in der Medien derzeit Schwule und Lesben und all die anderen sexuell Orientierten bewerben, diese Gruppen automatisch als Zielscheibe für bestimmte Delikte interessanter werden als sie dies noch vor der medialen Werbung waren. Träfe diese einzige Erklärung, die dafür spräche, dass die Kriminalität, die sich gegen Schwule und Lesben etc. richtet, tatsächlich zugenommen hat, zu, dann könnte sich Volker Beck immerhin damit brüsten, aufgrund seiner Lobbyarbeit und der damit einhergehenden medialen Aufmerksamkeit für Schwule und Lesben dazu beigetragen zu haben, dass die Straftaten, die gegen Schwule und Lesben verübt werden, zugenommen haben. Das wäre doch etwas, womit man sich als scheidender Bundestagsabgeordneter trösten kann.

Aber die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Straftaten gegen Schwule und Lesben tatsächlich zugenommen haben, sie ist gering. Wir tippen auf eine Mischung aus ein paar Straftaten, die mehr aus dem Dunkelfeld ins Hellfeld geholt werden und auf einen statistischen Überhang aus dem Jahr 2016. Letztlich sind 28 Straftaten und 12 Tatverdächtige mehr einfach eine zu marginale Veränderung, als dass man darüber gesicherte Aussagen machen könnte.

Das hält diejenigen, die offensichtlich eine ganz eigene Befriedigung daraus ziehen, über die verschiedensten Schrecklichkeiten zu berichten, die Schwule und Lesben wie allen anderen übrigens, im Leben ereilen können, natürlich nicht davon ab, ein Neutrino zu einem medialen Elefanten zu formen.

Das Schindluder mit der Kinderarmut

Früher gab es einmal einen Bereich der Soziologie, der sich mit der Frage beschäftigt hat, wie „Entitäten am Begriffshimmel“ geschaffen werden, Reifikationen hat dies z.B. Heinz Steinert genannt. Damit wird das Erschaffen von Begriffen beschrieben, die ohne empirische Basis auskommen, Konzepte, die reine Gedankengebilde ohne empirischen Niederschlag sind. Kinderarmut in der Art und Weise, wie der Begriff in Deutschland lächerlich gemacht wird, ist eine solche Reifikation.

Das Hans-Böckler-Institut ist dann, wenn es darum geht, Armut als empirischen Zustand, der mit physischer Not verbunden ist, zu verhöhnen, in vorderster Front zu finden. Das Institut der Gewerkschaft hat es sich auf die roten Fahnen geschrieben, die Armut immer und überall zu finden – und wenn man sie eigens herbei rechnen muss. Und herbei rechnen, das ist, was die Hans-Böckler-Stiftung tut. Sie kreiert eine ganz eigene Form von Armut, verschweigt selbst die Tatsache, dass andere, sagen wir, mehr an Lauterkeit orientierte Menschen, im selben Zusammenhang nicht von Armut, sondern bestenfalls von relativer Armut sprechen und trommelt auf diese Weise für eine Reifikation, für etwas, das es in der Realität nicht einmal ansatzweise in dem Ausmaß gibt, wie die Stiftung behauptet – wenn Kinderarmut in Deutschland überhaupt existent ist.

Zur Erinnerung: Armut bedeutet, dass man sich zum Leben notwendige Dinge nicht leisten kann. Die Betonung liegt auf „zum Leben notwendige Dinge“.

Der ganze Unsinn, der sich hinter dem Konzept von Kinderarmut in Deutschland verbirgt, wird anhand der neuesten Katastrophenmeldung aus dem Hans-Böckler-Institut deutlich: „Die Kinderarmut in Deutschland hat 2016 erneut spürbar zugenommen. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die unter der Armutsgefährdungsgrenze leben, stieg um 0,6 Prozent auf 20,3 Prozent“.

Die Ursache für diesen Anstieg ist die Zuwanderung. Nähme man die Meldung aus dem Hans-Böckler-Institut und den damit verbundenen Alarmismus ernst, dann müsste man feststellen, dass der deutsche Staat den Zuwanderern viel zu wenig Geld überweist, denn eine vierköpfige Familie ist gezwungen ohne einer Arbeit nachzugehen mit weniger als 1.978 Euro im Monat auszukommen. So mancher, der einer Arbeit nachgeht und weiß, wie lange er für 1.978 Euro Netto malochen muss, wird sich hier vermutlich die Augen reiben.

Bei der Gewerkschafts-Stiftung ist das anders. Waren Gewerkschaften nicht ursprünglich als Vertretung von Arbeitern angetreten, bevor sie zum Lobbyverein für Mittelschichtsfrauen, die lieber in Vorständen sitzen, als sich die Hände schmutzig zu machen, zu Kinderlobbyisten, Umweltlobbyisten, Antikapitalisten und Aktivisten gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und alles, was man sonst noch so als guter Mensch bekämpfen kann, wurden?

Wir behandeln die Hans-Böckler-Stiftung, die Gewerkschaftsstiftung, heute in ihrer Eigenschaft als Lobbyist all derer, die an Kindern verdienen.

Damit man an Kindern verdienen kann, ist es wichtig, eine Geschichte darüber zu erfinden, wie schlecht es Kindern doch geht. Schließlich ist es das Ziel, Steuermittel für sozial arbeitende Menschen aller Art einzuwerben, die es diesen sozial arbeitenden Menschen, die anderen Gutes tun wollen, ob diese anderen wollen oder nicht, erlaubt, sich ein Auskommen zu verschaffen.

Diese Geschichte basiert auf der Reifikation der Kinderarmut, jenem Ergebnis einer Berechnung von Luftblasen, das tatsächliche Armut verhöhnt:

„Für ihre Analyse haben die WSI-Forscher Dr. Eric Seils und Jutta Höhne die gerade erschienenen Armutsdaten des Mikrozensus 2016 ausgewertet. Als arm gelten nach gängiger wissenschaftlicher Definition Haushalte, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des bedarfsgewichteten mittleren Einkommens beträgt.“

Immerhin findet sich diese Beschreibung dessen, was Seils und Höhne getan haben, um ihre Kinderarmut zu schaffen, in der Pressemeldung aus dem Hans-Böckler-Institut. Im Bericht findet sich nichts dergleichen, auch kein Verweis darauf, dass die Armut, von der die Rede ist, keine richtige Armut ist, sondern eine berechnete Armut, eine die es nicht wirklich gibt, eine, die mathematisch geschaffen wird, und zwar so:

Die OECD hat vor einiger Zeit schon eine Berechnungsweise zusammen geschustert, die „relative Armut“ oder „Armutsgefährdung“ oder die „Armutsrisikogrenze“, das, was beim Hans-Böckler-Institut schlicht und fälschlicherweise Armut genannt wird, zu berechnen.

Es funktioniert wie folgt:

Im Jahr 2015 beträgt das durchschnittliche Nettoäquivalenzeinkommen in Deutschland 23.499 Euro im Jahr oder 1.958,25 Euro. Das Nettoäquivalenzeinkommen gibt an, was deutsche Haushalte an Einkommen durchschnittlich pro Jahr zur Verfügung haben. Die Berechnungsgrundlage sind Einpersonenhaushalte. Der Median des Haushaltseinkommens liegt bei 20.668 Euro. Der Median teilt eine Verteilung in zwei gleichgroße Gruppen, d.h. die Hälfte der Haushalte hat ein Nettoeinkommen von weniger als 20.668 Euro zur Verfügung, die Hälfte mehr als 20.668 Euro im Jahr oder 1.722 Euro im Monat.

Für Haushalte mit Kindern erfolgt die Berechnung des Äquivalenzeinskommens wie folgt:

Median des Nettoäquivalenzeinkommens: 20.668 Euro
Erster Erwachsener: Faktor 1
+ Zweiter Erwachsener: Faktor 1.5
+ Erstes Kind: Faktor 2.1
+ Zweites Kind: Faktor 2.3.

Ein Haushalt aus vier Personen, in dem beide Erwachsene 20.668 Euro im Jahr verdienen, wird auf diese Weise auf ein Äquivalenzeinkommen von (20.668 + 20.668) / 2.3 gerechnet, also auf 17.972,17 Euro im Jahr oder 1.497.68 Euro im Monat. Der ganze Hokuspokus dient also dazu, eine Familie als Bedarfsgemeinschaft auf das Einkommen herunter zu rechnen, das ein Einzelner ohne Familie angeblich haben soll. Dabei wird natürlich nicht in Rechnung gestellt, dass ein Einzelner mehr Steuer zu entrichten hat als eine Familie. Die Äquivalenz, die der Begriff Äquivalenzeinkommen umfasst, bezieht sich also auf die Äquivalenz zu einem Einpersonenhaushalt.

Als armutsgefährdet oder relativ arm oder für die Hans-Böckler-Stiftung als schlicht arm gilt somit eine vierköpfige Familie dann, wenn das auf die oben dargestellte Weise berechnete Einkommen weniger als 60% des Nettoäquivalenzeinkommens beträgt. 60% des Nettoäquivalenzeinkommens im Jahr 2015 wären 12.401 Euro. D.h. eine vierköpfige Familie, die im Jahr 2015 ein Haushaltseinkommen von (12.401 * 2.3 =) 28.521,84 Euro oder 2.376,82 Euro pro Monat zur Verfügung hatte, gilt bei der Hans-Böckler-Stiftung als arm.

Das zeigt deutlich, wie hier Schindluder auf dem Rücken von Menschen getrieben wird, die tatsächlich arm sind, um die Gruppe der angeblich Armen möglichst groß zu rechnen. Die große Kinderarmut, die die Hans-Böckler-Stiftung berechnet hat, findet zwar keinerlei Widerspiegelung in der Realität wird aber begierig von all den Lobbygruppen aufgenommen, die nur darauf gewartet haben, ihre Interessen auf dem Rücken von wirklich Armen verfolgen zu können. Gut, dass es in Deutschland keine wirklich Armen gibt.

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Tricksen mit Statistik: Zahl der straffälligen Zuwanderer hat sich verringert oder doch nicht?

Entwarnung bei BMI und der WELT:

Wir lassen unkommentiert, dass die Welt hier die Kategorie der “strafauffälligen Zuwanderer” erfunden hat. Der Begriff ist natürlich vollkommener Unsinn, denn im Lagebild des BKA, aus dem die Mannen der WELT ihre Weisheit haben, ist von tatverdächtigen Zuwanderern die Rede, nicht von strafauffälligen. Was soll das auch sein „strafauffällig“? Wie hat man sich einen Zuwanderer vorzustellen, der mit Strafe oder wegen Strafe oder durch Strafe oder als Strafe auffällig wird. Immer mehr Journalisten scheinen eine Inkommensurabilität mit Sprache zu entwickeln.

Doch zurück zum Lagebild, das angeblich zeigt, dass die Anzahl der tatverdächtigen, der einer Tat verdächtigen Zuwanderer, die von der Polizei ermittelt wurden, im Vergleich des I. Quartals 2017 zum IV. Quartal 2016 gesunken ist. Der erste Blick auf die Statistik scheint diese Auffassung zu belegen: Vom 1. Oktober bis zum 31. Dezember 2016 hat die Polizei rund 66.000 tatverdächtige Zuwanderer ermittelt. Vom 1. Januar bis zum 30. März waren es rund 64.700 tatverdächtige Zuwanderer. Ein Rückgang um 1.300 Zuwanderer. Und so meldet es die Welt ja auch in der ihr eigenen legasthenischen Weise: „Zahl strafauffälliger Zuwanderer hat sich verringert“.

Nun ist Quartal nicht Quartal.

Das IV. Quartal eines Jahres umfasst z.B. 92 Tage. Das erste Quartal eines Jahres entweder 90 oder (alle vier Jahre:) 91 Tage. 2017 waren es 90 Tage, zwei Tage weniger, an denen Zuwanderer Straftaten begehen und die Polizei tatverdächtige Zuwanderer ermitteln und statistisch erfassen kann. Wer mit Statistiken hantiert und Vergleiche anstellen will, der muss das in Rechnung stellen.

Ergo ergeben sich für das
IV. Quartal 2016: 66.000 tatverdächtige Zuwanderer / 92 Tage = 717 ermittelte Tatverdächtige pro Tag;
für das I. Quartal 2017: 64.700 tatverdächtige Zuwanderer / 90 Tage = 719 ermittelte Tatverdächtige pro Tag.

Tatsächlich ist die Anzahl der ermittelten tatverdächtigen Zuwanderer also gestiegen, nicht gefallen.
Ob das der WELT eine Berichtigung der gerade verbreiteten Meldung wert ist?

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