Lehrer(hin)fortbildung: Kein Wunder, dass viele Deutsche nicht argumentieren können

Es gibt den „Aha“ und es gibt den „Huch“-Effekt
Der Aha-Effekt wird mit Fortbildung bei den Fortzubildenden angestrebt. Der Huch-Effekt wird dann erreicht, wenn sich die Fortbildung nicht als Fortbildung, sondern als Rückbildung vorhandenen Wissens oder Sicherstellung vorhandener Unbildung entpuppt.

Huch – eben.

Folgendes haben wir gefunden:

“Lehrerfortbildung-bw.de:
Sie sind hier: Klassenstufe 9; Themeneinheit: Argumentieren und diskutieren; Überzeugend argumentieren; Arbeitsblatt: Die Argumentation

Arbeitsblatt: Die Argumentation
Wer andere überzeugen, etwas Strittiges klären oder Positionen austauschen will, bedient sich des sprachlichen Verfahrens der Argumentation.

Eine Argumentation besteht aus einer Abfolge von These (Behauptung, Bewertung, Urteil, Empfehlung), Argument (Begründung), Stützung des Arguments (Erläuterung, Beispiel, Beleg, Zitat, Analogie, …) und Folgerung.

[Haken wir hier kurz ein und weisen unsere Leser daraufhin, dass diese eher umgangssprachlich-hegelianische Beschreibung von „Argument“ die Katastrophe der Lehrerfortbildung, die wir unten darstellen, bereits vorbereitet, denn ein Argument ist eine logische Struktur, die z.B. Follesdal, Walloe und Elster in ihrem nützlichen Buch über rationale Argumentation als „Folge von Sätzen“ beschreiben, „von denen einige – die sogenannten Prämissen – als Belege bzw. als Gründe für einen anderen Satz aus dieser Satzfolge, die sogenannte Konklusion“, bezeichnet werden (244). Die Struktur eines Argumentes sieht es also vor, dass die einzelnen Bestandteile des Arguments, seine Sätze, logisch aufeinander bezogen sind.]

Weiter in der Lehrerfortbildung
Ein Beispiel (ein für Deutschland typisches Beispiel)

These: Fahrradfahrer sollten stets einen Fahrradhelm tragen,
Argument: weil die Gefahr[,] bei einem Unfall, schwer oder tödlich verletzt zu werden, mit Helm [gemeint ist durch einen Helm] deutlich verringert wird.
Erläuterung: Denn prallt der Kopf nach einem Unfall auf eine harte Oberfläche, kann sich der Radfahrer lebensgefährlich verletzt.
Beispiel: Ich hatte im Februar dieses [diesen] Jahres einen Fahrradunfall mit einem Auto [Wie kann man mit einem Auto eine Fahrradunfall haben?], bei dem ich eine Rolle vorwärts über den Lenker gemacht habe. Dank meines Fahrradhelms hatte ich trotz mehrerer Verletzungen am Körper keine Kopfverletzungen, die deutlich gefährlicher gewesen wären als mein Ellenbogenbruch.
Beleg: Eine Statistik der Kölner Klinik hat bei zehn getöteten Radfahrern ermittelt, dass neun von ihnen noch leben würden, wenn sie einen Helm getragen hätten.
Zitat: Laut Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann müsse jede Möglichkeit genutzt werden, um die Köpfe der Radfahrer vor schwerwiegenden Verletzungen zu schützen. Eine bessere Methode als den Helm kenne er nicht. Er sei das Schutzschild Nummer eins.
Analogie: Auch andere Verkehrsteilnehmer wie Motorrad- und Autofahrer schützen sich mit Helmen oder Gurt und Airbag vor schweren Verletzungen bei Unfällen
Folgerung: Daher ist eine gesetzliche Helmpflicht für Fahrradfahrer unbedingt erforderlich.

Soweit das Beispiel zur Lehrerfortbildung, das erklärt, warum so mancher Lehrer nach der Fortbildung dümmer ist als davor.

Hatten Sie schon Ihren Huch-Effekt?
Wir fangen mit den Fehlern an, die im Vergleich zum größten möglichen Fehler, fast schon harmlos sind.

Was als Argument bezeichnet wird, ist natürlich kein Argument, sondern eine Behauptung, die es im Argument zu begründen gilt, nämlich, dass Helme dafür sorgen, dass Köpfe weniger zermatscht werden, wenn Radfahrer auf dem Radweg aufschlagen.

Was als Erläuterung bezeichnet wird, ist Teil der Behauptung, die im Argument begründet werden muss.

Das Beispiel hat in einem Argument nichts zu suchen. Es stellt einen individualistischen Fehlschluss dar und hat keinerlei Aussagekraft, zum einen, weil es nicht ausgeschlossen ist, dass Kopfschäden, die sich insbesondere auf die Orthographie auswirken, unentdeckt geblieben sind, zum anderen weil der gebrochene Ellenbogen darauf hinweist, dass ein Ellenbogenschutz wichtiger ist als ein Helm, weshalb ein Fehlschluss der Bejahung des Konsequens vorliegt.

Der Beleg ist mit viel gutem Willen ein Beleg, wenngleich der Verdacht der unzulässigen Verallgemeinerung (10 Radfahrer in Köln) naheliegt.

Das Zitat ist nett, aber vollkommen fehl am Platze. Es belegt, dass wer auch immer sich an der Lehrerfortbildung „Argument“ versucht hat (und kläglich gescheitert ist), das Argumentum ad hominem mag, was aber nichts daran ändert, dass das Argumentum ad hominem einen Fehlschluss darstellt. Was Baden-Württembergs Verkehrsminister über Fahrradhelme zu sagen weiß, hat keinerlei Einfluss auf die Gültigkeit des Arguments.

Die Analogie ist eine falsche Analogie: Autofahrer tragen in der Regel keine Helme, während Gurte und Airbags für Fahrradfahrer eher ungeeignet sind. Motorradfahrer, die mit Helmen unterwegs sind, sind dies in der Regel mit einer höheren Geschwindigkeit als Fahrradfahrer.

Und jetzt kommt der Knaller.
Die Folgerung.
„Daher ist eine gesetzliche Helmpflicht für Fahrradfahrer unbedingt erforderlich.“

Unglaublich.

Dieser Unsinn steht in einer Lehrerfortbildung, die das „Argument“ erklären will.
Es ist, als würfe man einen Stein ins Wasser und ein Motorrad käme herausgefahren.
Die Folgerung, die hier getätigt wird, wird durch das Argument nicht einmal im Entferntesten gestützt. Hier fehlt der verbindende Mittelterm. Wer es nicht glaubt, möge nach der Verbindung zwischen einer gesetzlichen Helmpflicht und deren Reduzierung der Gefahr von Kopfverletzungen suchen. Mit viel gutem Willen kann man eine Verbindung zwischen Fahrradhelm und reduzierter Gefahr von Kopfverletzungen herstellen, aber sicher nicht zu einer gesetzlichen Helmpflicht. Hier ist der Untertanengeist mit dem Lehrerfortbilder durchgegangen. Er ist offensichtlich der Ansicht, dass immer dann, wenn etwas gefunden wird, das Verletzungen verhindert, eine entsprechende Pflicht per Gesetz zu erlassen ist.

Machen wir ein gültiges Argument auf Grundlage dieser Prämisse.

  • Jede Verletzung von Menschen ist per Gesetz und durch Einführung geeigneter Schutzmaßnahmen zu verhindern.
  • Dummheit stellt eine Verletzung des Intellekts normal begabter Menschen dar.
  • Die Verbreitung von Dummheit kann durch Rede- und Schreibverbote eingedämmt werden.
  • Der für die Lehrerfortbildung „Argument“ Verantwortliche, verbreitet Dummheit.
  • Ihm ist daher ein Rede- und Schreibverbot auszusprechen.

Verantwortlich für diesen Blödsinn, der als Fortbildung für Lehrer verkauft werden soll, ist übrigens:

Landesakademie für Fortbildung und Personalentwicklung an Schulen
Steinbeisstraße 1
73730 Esslingen
Tel.: +49 711 93 07 01 – 0
Fax.: +49 711 93 07 01 – 10

Anregungen? Hinweise? Kontaktieren Sie ScienceFiles

Sozialwissenschaften sind kein Laberfach – Projekt ScienceFiles

Unser Projekt ScienceFiles, das wir gestern gestartet haben, es lässt sich gut an, soviel können wir an dieser Stelle schon sagen. Bislang sind unsere Erwartungen übertroffen worden. Weiter so!

Von all den netten und schönen eMails und Kommentaren, die uns gestern erreicht haben, wollen wir uns zwei herausgreifen, die uns besonders gefreut haben, und zwar deshalb, weil sie den Kern dessen, was wir mit ScienceFiles versuchen, betreffen:

Sozialwissenschaften sind kein Laberfach und Sozialwissenschaftler keine Moralapostel!

Oder, wie zwei unserer Leser schreiben:

“Gratuliere zu ihrem Blog.

Sie haben mir näher gebracht was Sozialwissenschaften sein könnten aber oft nicht sind. Die moralisierenden Aussagen von Sozialwissenschaftlern in den Medien haben bei mir den Eindruck geprägt, es wäre eine Laberwissenschaft mit Moralapostelcharakter. Sie haben mir gezeigt, dass Sozialwissenschaft etwas anderes ist und auch eine echte Wissenschaft sein kann, deren Wesen aber in den Medien politisiert und konterkariert wird.

Vielen Dank an dieser Stelle für diese Einsicht und dass sie meine Meinung geändert haben.

Weiter so und auch viel Erfolg in der eigenen Karriere.
Grüße
Günter Heß”

“DANKE!
Danke für Euer Projekt. Ihr habt mir als Physiker gezeigt, dass auch Sozialwissenschaften Wissenschaft sind. Aus dem was ich nunmehr über 3 Jahre regelmäßigen Lesens von ScienceFiles über Sozialwissenschaften kannte (früher in der DDR reiner Sozialismus sch…, jetzt reingewaschener Soz…) hatte ich den Eindruck, dass Sozialwissenschaften so Etwas wie im Studium der Wissenschaftliche Kommunismus sind. Ihr habt mir gezeigt, dass es da noch mehr und vor Allem Sinnvolles gibt.
Ich hoffe Ihr habt mit Eurem Aufruf bei den Lesern genug Erfolg. Ich finde die Art der Finanzierung gut, da man (auch als Leser) sich auf die nächste Zeit einstellen kann.

mfg

Gernot”

Diese beiden Rückmeldungen, sie freuen uns besonders, weil sie zeigen, dass wir mit ScienceFiles dazu beigetragen haben, die Wahrnehmung von Sozialwissenschaften zu verändern, zu korrigieren.

Wer seine Informationen nur aus Mainstream-Medien nimmt, in denen Lehrstuhlbesetzer, die sich als Sozialwissenschaftler ausgeben, akademisierte Beleidigungen von sich geben oder Dünngeistiges, das sie als Wissenschaft verkaufen wollen, der kann in der Tat den Eindruck erhalten, dass die Sozialwissenschaften aus blasierten und moralisierenden Schwätzern bestehen, die nichts inhaltlich zu sagen haben und diese inhaltliche Leere durch Bewertung ersetzen, Bewertung anderer versteht sich.

sciencefilesDabei ist es ganz einfach, die Spreu vom Weizen zu trennen, denn die Sozialwissenschaften basieren auf einem Konsens darüber, was Wissenschaft ist: Wissenschaft ist in erster Linie eine Methode, die den kumulativen Gewinn von Erkenntnis ermöglicht und zum Ziel hat. Dazu ist es erforderlich, dass wissenschaftliche Aussagen,

  1. Aussagen über die Wirklichkeit sind,
  2. Aussagen sind, die von anderen nachvollzogen werden können und
  3. Aussagen sind, die an der Wirklichkeit scheitern können.

Diese drei Kriterien reichen aus, um akademische Hochstapler von Wissenschaftlern zu unterscheiden.

Und an dieser Stelle verraten wir noch zwei weitere Kniffe, anhand derer man sehr schnell sieht, ob man es mit einem Hochstapler oder einem Wissenschaftler zu tun hat.

Angenommen, ein Wissenschaftler gibt die Bewertung ab, eine Menge bestehe aus Wutbürgern. Diese Bewertung ist zunächst einmal zulässig, auch wenn sie nicht als solche Gegenstand der Wissenschaft ist. Aber es ist möglich, Bewertungen auf Grundlage empirischer Sachverhalte vorzunehmen. Dazu muss es jedoch eine gesicherte empirische Basis und einen normativen Maßstab geben, der offengelegt werden muss.

So kann man der Ansicht sein, ein Mensch, der sich selbst schädigt, handelt nicht rational und muss entsprechend zu dem Schluss kommen, dass Menschen, die ihre Denkfähigkeit durch die Übernahme von Ideologien beeinträchtigen, also durch die Übernahme eines Glaubenssystems, das nicht empirisch begründet ist, irrational sind.

Folglich ist es einfach zu prüfen, ob die Behauptung, eine Gruppe von Menschen sei eine Gruppe von Wutbürgern eine berechtigte Einordnung oder eine akademisierte Beleidigung ist. Drei Fragen reichen aus, um die die entsprechende Entscheidung zu treffen:

  1. Ist definiert, welches Merkmal mit der Bezeichnung Wutbürger beschrieben werden soll?
  2. Ist das so definierte Merkmal gemessen worden?
  3. Ist das so definierte Merkmal unabhängig von seiner Definition gemessen worden?

Wenn jemand also behauptet, eine Gruppe von Menschen sei eine Gruppe von Wutbürgern, dann muss er zunächst angeben, worin sich Wutbürger von Nichtwutbürgern unterscheiden, er muss Wutbürger, z.B. als “Bürger, die Gegenstände fremder Menschen, die im öffentlichen Raum sind, mit rotem Kopf zerstören”, definieren. Sodann muss er messen, ob das Verhalten “Gegenstände im öffentlichen Raum mit hochrotem Kopf zerstören” in der von ihm als Wutbürger bezeichneten Gruppe häufiger vorkommt als im Rest der Bevölkerung. Die Operationalisierung “Gegenstände im öffentlichen Raum mit hochrotem Kopf zerstören” ist hier besonders wichtig, denn nur sie ermöglich die unabhängige Prüfung der Wutbürger-Hypothese.

Und damit kommen wir zu einer Eigenartigkeit, die Ideologen immer teilen, seien sie Sozialisten oder Genderisten, Faschisten oder Kommunisten: Sie sind in Zirkeln unterwegs. Ihr Denken, sofern man die entsprechende Tätigkeit von Neuronen als Denken bezeichnen kann, verläuft im Kreis und ist auf sich bezogen.

Logik der ForschungDiese Eigenartigkeit, die man auch als Denkbehinderung auffassen kann, findet sich z.B. in der Rede von den Wutbürgern oder im Palaver über das Patriarchat. Diejenigen, die von Wutbürgern oder vom Patriarchat fabulieren, gehen von einer Beobachtung aus, die ihnen aufgrund ihrer Ideologie nicht passt. Sie sehen Menschen, die sich nicht in der Weise verhalten, wie sie es für richtig halten, oder sie sehen, dass Frauen seltener auf Vorstandsposten zu finden sind als Männer. Jeder normale Mensch würde nun versuchen, die Unterschiede, die er beobachtet hat, zu erklären. Nicht so Ideologen. Sie kreisen um Bewertungen. Dass Menschen von Verhaltensvorstellungen abweichen, ist für Ideologen Erklärung und zu Erklärendes zugleich. Dass Verteilungen zwischen Frauen und Männern variieren, ist ebenfalls Erklärung und zu Erklärendes in Fehlschlussunion.

Die Denkbehinderung oder die Kunst, sich selbst um den Verstand zu bringen, die Ideologen beherrschen wie niemand sonst, sie interveniert nun mit einem Begriff, einem affektiv geladenen Begriff. Dem Begriff “Wutbürger” oder dem Begriff “Patriarchat”. Wutbürger sind nicht etwa deshalb Wutbürger, weil sie wie oben definiert wurden und ihr Verhalten entsprechend gemessen wurde, sondern weil sie von den Verhaltens-Vorstellungen dessen, der den Begriff benutzt, abweichen. Der entsprechende Ideologe sieht die Abweichung, bewertet die Abweichung und denkt, weil er bewertet hat, hätte er auch erklärt. Ein Irrtum, dem wirklich nur Ideologen aufsitzen können.

Ähnlich verhält es sich mit dem Patriarchat, von dem die Gender-Ideologen annehmen, es sei für ungleiche Verteilungen zwischen den Geschlechtern verantwortlich. Wann immer die Gender-Ideologen eine ungleiche Verteilung in einem Feld finden, in dem sie eine gleiche Verteilung vorteilhaft finden (also nicht bei der Müllabfuhr), muss entsprechend das Patriarchat seine Wirkung entfalten. Dass es das Patriarchat weder gibt noch je gegeben hat, spielt dabei keine Rolle, denn es geht nur darum, sich selbst über die eigene Denkbehinderung hinweg zu täuschen.

Man könnte entsprechend Patriarchat durch Rhabarberkuchen ersetzen und würde denselben Effekt erzielen.

Das Bloßstellen der Hochstapler, die sich im institutionalisierten Wissenschaftsbetrieb ausgebreitet haben, es ist eines der Ziele von ScienceFiles. Wenn Sie uns dabei unterstützen wollen, diese Ziele nicht als Hobby und nebenbei, sondern rund um die Uhr zu verfolgen, dann können Sie sich am Projekt ScienceFiles beteiligen. Wenn bis zum 31. März 2016 Spenden in Höhe von 5.000 Euro zusammenkommen, dann können wir ein Redaktionsmitglied Vollzeit für einen Monat für ScienceFiles abstellen, wenn es 30.000 Euro sind, für sechs Monate.

Wer sich an diesem ScienceFiles-Projekt mit einer entsprechenden Spende beteiligen will, der kann dies entweder über Paypal oder über unser Spendenkonto tun. Wer auf das Spendenkonto überweisen will, dem empfehlen wir Transferwise. Es ist einfach, schnell, sicher und vermeidet die horrenden Bankgebühren, die in Deutschland bei Überweisungen ins Ausland anfallen.

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Von Werten, Wertigkeit und Logik

einige klärende Bemerkungen zur Diskussion anlässlich des ScienceFiles-Textes “Menschen sind nicht gleichwertig!”

Im Text “Menschen sind nicht gleichwertig!” haben wir aus einem Antrag von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag berichtet, in dem verschiedene Maßnahmen zur Bekämpfung u.a. von “Ideologien der Ungleichwertigkeit von Menschen” gefordert werden. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass Bündnis 90/Die Grünen für sich in Anspruch nehmen, Verfechter der These zu sein, nach der Menschen gleichwertig sind.

B90GDabei bleibt völlig unklar, was die These von der Gleichwertigkeit von Menschen genau bedeuten soll: Mit Bezug worauf werden von Bündnis 90/Die Grünen Menschen für gleichwertig erklärt? Von wem, für wen und in welchen Kontexten wird Gleichwertigkeit bestimmt, und vor allem: mit welcher Begründung und welcher Legitimation wird von einigen Menschen die pauschale, unspezifizierte These von der Gleichwertigkeit von Menschen aufgestellt? Und wie ist es möglich, dass das ausgerechnet solche Menschen tun, deren gesamter Text – d.h. der oben erwähnte Antrag – von Unterstellungen gegen andere, abfällige Bezeichnungen von anderen und Diskreditierungen von anderen Menschen nur so strotzt?

Man muss vermuten, dass die Verfasser des Antrages, die die Gleichwertigkeit von Menschen postulieren, diese Gleichwertigkeit auch gleich wieder bestreiten, denn die Rede ist u.a. von “populistischen Kräften”, die “lautstark” “in unserem [!] Land” “rassistische, völkische, homophobe und sexistische Deutungsmuster” “bedienen” (S. 2 im Antrag). Explizit wird z.B. die Bürgerbewegung PEGIDA als ein “klare[s] Warnsignal[…]” dafür bezeichnet, dass sich “die rechte Szene mobilisiert” (S. 4 im Antrag), obwohl empirische Forschung über die PEGIDA längst gezeigt hat, dass es sich bei ihr um Bürger mit ganz verschiedenen Anliegen handelt, die sich bei PEGIDA sammeln, um ihrer Unzufriedenheit mit dem derzeit herrschenden System in Deutschland kundzutun. Soviel Lautstärke ist für Bündnis 90/Die Grünen in einer Demokratie nicht erträglich, und deshalb wollen sie von der Bundesregierung Drohungen gegen die Bevölkerung ausgesprochen sehen wie die folgende: “Auch braucht es ein konsequentes Vorgehen gegen jede Form von Fraternisierung, Kumpanei, Durchstecherei zu Gunsten von Rechtsextremisten und Rechtspopulisten durch einzelne Beschäftigte in Sicherheitsbehörden” (S. 4 im Antrag).

U.a. um die Bigotterie, die diesen Antrag kennzeichnet, auf den Punkt zu bringen, haben wir unserem Text die Überschrift gegeben: “Menschen sind nicht gleichwertig!” – mit Sicherheit gilt dies nämlich in den Augen von Bündnis 90/Die Grünen, deren Antrag in jedem einzelnen Absatz genau die “gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” – die Autoren mögen diesen Ausdruck sehr; er findet sich in dem sechsseitigen Antrag dreimal auf S. 2, einmal auf S. 3 und einmal auf S. 5 – propagiert und Hassrede gegen bestimmte Gruppen der Bevölkerung führt, die sie angeblich stärker bekämpft sehen wollen.

So viel zu unserem Text, der in Reaktion auf die im Antrag von Bündnis 90/Die Grünen dokumentierte Bigotterie verfasst wurde.

Unser Text hat erfreulich viele Kommentatoren gefunden. Zwei oder drei von ihnen haben in ihren Kommentaren mitgeteilt, dass es ihnen unangenehm sei, Menschen mit Wertigkeiten zu verbinden, und im Anschluss hieran hat sich ein Kommentaraustausch zwischen ihnen und nicht nur, aber hauptsächlich, uns ergeben, der wie wir meinen, als solcher recht aufschlussreich war – zumindest für uns selbst.

Aufschlussreich fanden wir vor allem, dass zwei Kommentatoren – vermutlich unabhängig voneinander, aber hierüber können wir nicht sicher sein – darauf hingewiesen haben, dass sie von “Wert” oder “Wertigkeit” mit Bezug auf Menschen nicht sprechen wollten, weil diese Begriffe ökonomisch konnotiert seien und Menschen “zur Ware” machten. Einer dieser Kommentatoren hat berichtet, dass in seinem “soziokulturellen Umfeld” diese Begriffe sogar “verpönt” seien, und dass sie “allgemein” so aufgefasst würden wie von ihm, d.h. als ökonomisch konnotierte Begriffe. Er hat weiter behauptet, dass der Duden seine bemerkenswert enge Interpretation des Begriffes “teile”.

Weil dies eine für uns überaus überraschende (wenn auch für die Argumentation nicht weiter relevante) Behauptung war, nehmen wir sie zum Anlass zur Klärung

  1. der Frage, was nach dem Duden “Wertigkeit” und “Wert” bedeuten sollen, und
  2. der Frage, ob es logisch möglich ist, sich der These von Bündnis 90/Die Grünen

von der Gleichwertigkeit der Menschen anzuschließen, wenn man die Begriffe “Werte” und “Wertigkeit” als ökonomisch konnotierte Begriffe ablehnt.

Vorweg sollten wir vielleicht erklären, warum uns die oben berichteten Behauptungen überrascht haben:

Wir sind selbst deutsche Muttersprachler, haben mehrere Jahrzehnte in Deutschland verbracht. Wir wissen daher, dass es vollkommen üblich ist, davon zu sprechen, dass einem etwas oder jemand “etwas wert” ist, ohne dass der Sprecher plant, dieses oder diese Person in die Sklaverei zu verkaufen o.ä. Wir wissen auch, dass Leute gewöhnlich Vorstellungen wie die von Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Empathie etc. als ihre Werte bezeichnen, der Begriff “Wert” also meist gerade nicht im ökonomischen Sinn gebraucht wird.

Wir sind außerdem Teil des öffentlichen gesellschaftspolitischen Diskurses und Sozialwissenschaftler, für die die Rede vom Wertewandel und materiellen und nicht- oder immateriellen Werten eine Selbstverständlichkeit ist. Die Vorstellung, nach der die Begriffe “Werte” und “Wertigkeit” “verpönt” sein sollen, weil sie ökonomisch konnotiert sein sollen, war für uns deshalb ein Novum und so bizarr, dass wir uns diese Vorstellung nur dadurch erklären können, dass es irgendwo Ewig-Gestrige gibt, die meinen, durch ein von ihnen kreiertes Neusprech Menschen bestimmte Sprachgewohnheiten aufoktroyieren zu können, in der vergeblichen Hoffnung, dass damit bestimmte Gedanken oder Bewertungen verschwinden mögen. Wir sagen “Ewig-Gestrige”, weil das eine Vorstellung ist, auf die vor langer Zeit, z.B. im kommunistischen China recht drastische, aber (auch dort) offensichtlich vergebliche Versuche der Gehirnwäsche aufgebaut wurden, und wir sagen “vergebliche” Hoffnung, weil die Sapir-Whorf-Hypothese, nach der die Struktur einer Sprache einen großen Einfluss auf die Denkart und das Verhalten von Menschen haben, die diese Sprache sprechen, in dieser simplen Form so oft falsifiziert worden ist, dass wir kaum glauben können, dass es noch irgendjemanden gibt, der Neusprech für eine Möglichkeit hält, Menschen zu manipulieren!

Wir haben uns also gefragt, woher eine so skurrile Vorstellung wie die, nach der die Begriffe “Wert” und “Wertigkeit” ökonomisch konnotiert seien, kommen kann. Die einzig plausiblen Kandidaten für solche Clownerien sind für uns besonders unaufgeklärte, aber auch besonders extremistische Zirkel, in denen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gepflegt wird, wobei die verhassten Gruppen Liberale, Ökonomen, Demokraten und der so genannte Konsumbürger schlechthin sein dürften – eigentlich alle Leute außer ihnen selbst.

Wir können und wollen uns nicht weiter mit diesen Zirkeln und ihren Clownerien befassen, aber wir wollen zu ihrer und nicht nur ihrer Aufklärung die beiden oben genannten Fragen beantworten.

Die Antwort auf die erste Frage lautet wie folgt:

Im Online-Duden ist nachzulesen, dass die Begriffe “Wert” und “Wertigkeit” das Folgende bedeuten sollen:

Wert, der
Wortart: Substantiv, maskulin
Häufigkeit: ▮▮▮▮
RECHTSCHREIBUNG
Worttrennung: Wert
Beispiele: auf etwas Wert legen; von Wert sein

BEDEUTUNGSÜBERSICHT

  1. einer Sache innewohnende Qualität, aufgrund deren sie in einem gewissen Maße begehrenswert ist [und sich verkaufen, vermarkten lässt]
  2. (marxistisch) in einer Ware vergegenständlichte, als Tauschwert erscheinende gesellschaftliche Arbeit, deren Maß die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist
    • zu einem Satz gehörende Briefmarke mit einem bestimmten aufgedruckten Wert
    • in Zahlen oder Zeichen ausgedrücktes Ergebnis einer Messung, Untersuchung o. Ä.; Zahlenwert
    • positive Bedeutung, die jemandem, einer Sache zukommt
    • Dinge, Gegenstände von großem Wert, die zum persönlichen oder allgemeinen Besitz gehören
    • Kurzform für: Wertpapier

Wer­tig­keit, die

Wortart: Substantiv, feminin
Häufigkeit: ▮▮▯▯▯
RECHTSCHREIBUNG
Worttrennung: Wer|tig|keit

BEDEUTUNGSÜBERSICHT

  1. (Chemie) Verhältnis der Mengen, in denen sich ein chemisches Element mit einem anderen zu einer Verbindung umsetzt; Valenz
  2. (Sprachwissenschaft) Valenz
  3. [höherer] Wert

Damit ist für jeden nachlesbar die Behauptung des Kommentators, nach dem im Duden stehe, dass diese Begriffe ökonomisch (und nicht bzw. nicht überwiegend anders) konnotiert seien, falsch.

Nun zur zweiten Frage:

Ist es logisch möglich, sich der These von Bündnis 90/Die Grünen von der Gleichwertigkeit der Menschen anzuschließen, wenn man die Begriffe “Werte” und “Wertigkeit” als ökonomisch konnotierte Begriffe ablehnt?

Die Antwort lautet eindeutig “nein”, und zwar deshalb:

Logik f dummiesWenn man die Begriffe “Werte” und “Wertigkeit” als ökonomisch konnotierte Begriffe ablehnt, dann lehnt man eben ihre Verwendung ab. Und wenn man das tut, dann macht es keinerlei Unterschied, ob jemand von Gleichwertigkeit oder Ungleichwertigkeit spricht, denn in jedem Fall legt er nach Auffassung derer, die die Begriffe “Werte” und “Wertigkeit” als ökonomisch konnotierte Begriffe ablehnen, eben diese Begriffe und damit die – unterstellte – ökonomische Sichtweise auf den Menschen zugrunde.

Deshalb muss jemand, der die Begriffe “Werte” und “Wertigkeit” als ökonomisch konnotierte Begriffe mit Bezug auf Menschen ablehnt, die These von Bündnis 90/Die Grünen von der Gleichwertigkeit von Menschen ablehnen. Und da wir das auch tun, stimmen wir in der Ablehnung dieser These überein (wenn wir dies auch aus gänzlich unterschiedlichen Gründen tun).

Die erwähnten Kommentatoren scheinen sich hierüber nicht klar gewesen zu sein, und wir haben unsererseits versäumt, das in unseren eigenen Kommentaren explizit klarzustellen. Um weitere Verwirrungen im Umgang mit den Begriffen “Werte” und “Wertigkeit” und deren Implikationen zu verhindern, haben wir uns entschlossen, dies hier nachzuholen.

Für diejenigen, die das nicht verstehen oder daran interessiert sind, ihren Kindern oder Schülern Logik beizubringen, mag die folgende Analogie hilfreich sein:

  • Person A lehnt es ab, dass Menschen Kuchen essen und an andere verteilen, weil er damit die Zufuhr von Zucker und leeren Kohlehydraten befördert.
    1. Person B verteilt an vier Personen vier gleich große Stücke Kuchen.
    2. Person C verteilt an vier Personen vier ungleich große Stücke Kuchen.
    3. Person D verteilt nur an eine von vier Personen ein Stück Kuchen unbekannter Größe.

Preisfrage: Mit welchen der Personen B, C oder D stimmt Person A überein?

Richtig – mit keiner dieser Personen, eben weil Person A das Essen und Verteilen von Kuchen ablehnt. Für jemanden, der dies tut, ist die relevante Frage, ob jemand Kuchen ißt/verteilt oder nicht. Es ist für ihn aber eine völlig irrelevante Frage, wer wie viel an wen und zu welchen Teilen verteilt – es sei denn, er wäre selbst bigott und meinte nicht, was er sagt.

Vor diesem Hintergrund können wir nur hoffen, dass die Kommentatoren, die uns haben wissen lassen, dass sie die Begriffe “Werte” und “Wertigkeit” mit Bezug auf Menschen ablehnen, weil sie ökonomisch konnotiert seien, dies auch Bündnis90/Die Grünen wissen lassen werden und ihnen ihren Antrag aus diesem Grund um die Ohren hauen werden, der ein Grund unter vielen ist, warum man ihnen diesen Antrag um die Ohren hauen sollte!

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