Telefondiagnose “Internetsucht”: how to make a living

Haben Sie sich nicht auch schon gefragt, wie man aus Nichts Geld machen kann, sich ein Auskommen schaffen kann? Da der Verkauf von Wunderelixieren derzeit nicht gut im Kurs steht und auch die heilenden Steine nicht mehr das Einkommen garantieren, das sie einmal garantiert haben, und auch Feng shui sich langsam totläuft, muss man Neues erfinden, um die entstehenden Einkommens-Lücken zu füllen. Es gilt, ein hinlänglich allgemeines Konstrukt zu erfinden, das man nicht auf den ersten Blick als in der Realität nicht auffindbar identifizieren kann. Hier bieten sich schwer diagnostizierbare Zustände an wie zum Beispiel die Internetsucht. Niemand weiß, ob es Internetsucht gibt. Niemand weiß, was Internetsucht sein soll. Niemand weiß, wie sich Internetsucht äußert. Niemand weiß, welche Folgen Internetsucht hat. Trefflich!

Um aus der Internetsucht ein einträgliches Auskommen zu extrahieren, benötigt man einen Sponsor. Besonders geeignet sind Institutionen oder Personen, von denen “Gutes” erwartet wird, die also einen gewissen Zwang verspüren, sich mit “ich tue Gutes” zu profilieren und die zudem über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, um Ihnen dafür ein Auskommen zu verschaffen, dass sie das Profilierungsmaterial bereitstellen.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat die Internetsucht entdeckt. 560.000 Menschen sind süchtig, weitere 2.5 Millionen sind problematische Internetnutzer. Das lässt die Dollarzeichen in die Augen derer steigen, deren Geschäft darin besteht, andere von Leiden zu therapieren, von denen diese in der Regel nicht einmal wussten, dass sie sie haben (im Jargon: die nicht einsehen wollen, dass sie krank sind). Und die Drogenbeauftragte sorgt für die kundenhungrigen Therapieanbieter: “Wir brauchen zielgenaue Präventionsarbeit und gute und effektive Beratung- und Behandlungsangebote besonders für die junge Altersgruppe”. Das ist Lobbyarbeit vom Feinsten. Bis eben wussten wir noch gar nicht, dass es Internetsucht gibt. Ab sofort gilt das als sicheres Wissen. Und da Sucht schlecht ist, muss man etwas dagegen tun, und etwas dagegen tun heißt häufig wenn nicht immer, Gelder bereitstellen, damit therapiert werden kann.

Therapiert werden müssen Sucht und Suchtfolgen, die darin bestehen dass Internetsüchtige Entzugserscheinungen wie “Missstimmung, Angst, Reizbarkeit oder Langeweile” zeigen. Schlimmer noch: Internetsüchtige nehmen für ihre Sucht negative Konsequenzen in Kauf: “Sie gehen nicht mehr zur Arbeit oder zur Schule, vernachlässigen soziale Kontakte und verwahrlosen teilweise sogar körperlich”. Diese Behauptungen sind erstaunlich, zeigen sie doch ein verblüffend konkretes Wissen über ein Gebiet, das es bis vor kurzem in der Forschung gar nicht gab. Wo kommt dieses Wissen her? Aus einer Studie, einer Studie durchgeführt von Hans-Jürgen Rumpf, Christian Meyer, Anja Kreuzer und Ulrich John von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität in Lübeck.

Mit 14.580 Euro Fördersumme ist es den vier Autoren gelungen, einen immerhin 19seitigen Bericht zu erstellen, in dessen Zentrum eine empirische Studie steht, von der die Autoren behaupten, dass sie “Internetsucht” gemessen habe. Dies klingt beeindruckend, und es wird noch beeindruckender: ein proportionaler Zufallsstichprobensatz und eine “umfangreiche Gewichtung” stelle die Repräsentativität der Ergebnisse sicher, heißt es gleich auf der dritten Seite. Dieses Fachlatein bedeutet, dass derjenige, der die Befragung durchgeführt hat, behauptet, er habe einen Querschnitt der deutschen Bevölkerung befragt, der als kleines Abbild der Bevölkerung gelten kann. Nachdem er die Daten gesammelt hat, hat er bemerkt, dass diese Behauptung nicht zutrifft, weil z.B. der Anteil der Arbeiter und Männer im Datensatz geringer ist als in der Bevölkerung und deshalb hat er gewichtet. Gewichtet heißt, wenn der Anteil der Arbeiter im Datensatz 15% beträgt, in der Bevölkerung aber 30%, dann werden die Arbeiter im Datensatz einfach mit dem Faktor 2 multipliziert. Das ist die mathematische Trivialität, die sich hinter dem gewichtigen Wort der Gewichtung verbirgt.

Derart gewichtige Daten haben die Autoren dann ausgewertet und behaupten nun auf Basis ihrer Auswertung, dass 1.3% der Frauen und 1.7% der Männer internetsüchtig sind, unter den 14-24jährigen gelten 2.5% beider Geschlecht als internetsüchtig. Die Prozentzahlen beziehen sich auf die gesamte Bevölkerung, denn gewichtete Datensätze erlauben, so jedenfalls die Meinung der Autoren, einen Schluß auf die Gesamtbevölkerung, und zwar selbst dann, wenn der gewichtete Datensatz gerade einmal auf 15.024 Befragten basiert. Die entscheidende Frage, die über die Internetsucht entscheidet, ist indes die Frage nach der Messung der Internetsucht. Hier erfährt der Leser, dass CIUS-Items verwendet wurden und dass der “cut-off” bei 28 gesetzt wurde. Die Kryptik kann wie folgt entschlüsselt werden:

CIUS = Compulsive Internet Use Scale; CIUS besteht aus den folgenden 14 Items:

Stellen Sie sich vor, Sie erhalten einen Anruf. Ein Student, der sich nebenbei bei infas das Studium finanziert, ist am Telefon und bittet Sie, die 14 items mit den in der Kopfzeile angegebenen Antwortkategorien von “nie” bis “sehr häufig” zu beantworten. Der junge Mensch liest Ihnen die Items vor, Sie antworten aus dem Bauch heraus und dabei kommt die mit den xen dargestellte Verteilung heraus. Nun kommen die Autoren der Studie mit ihrem “cut-off” von 28, was einfach nur sagt, dass die Antworten, die Sie gegeben haben, mit dem Wert in Klammern (also “1” für selten, “2” für manchmal) ersetzt und die Werte für alle Items addiert werden. Wer mehr als 28 Punkte hat, ist internetsüchtig. So einfach ist das. Und es ist in der Tat einfach, wie sich zeigt, internetsüchtig zu sein. Selbst wenn man die “härtesten” Items mit nie beantwortet, hat man eine gute Chance, die erforderliche Punktzahl zu erreichen, um als internetsüchtig zu gelten. Um so erstaunlicher ist es, dass die Autoren so wenige Internetsüchtige ausmachen, was sich vermutlich darüber erklärt, dass viele Befragte nicht alle Items beantwortet haben oder generell “nie” gesagt haben, weil ihnen die suggestive Form der items auf die Nerven gegangen ist.

Dessen ungeachtet und schlicht der Tatsache geschuldet, dass man bei der Datenschutzbeauftragten keine Ahnung hat, wie die Ergebnisse zu Stande kommen, das auch gar nicht wissen will und braucht, um Gelder für Präventionsmaßnahmen verschleudern und die Existenz der eigenen Behörde rechtfertigen zu können, leiten die Items, die oben dargestellt wurden, ministeriale Phantasien an: Internetsüchtige hätten Entzugserscheinungen, wie Missstimmung, Angst usw., sie vernachlässigten soziale Kontakte und verwahrlosten teilweise sogar körperlich. Es gibt absolut nichts, das diese Aussagen belegen könnte, weder wurde gemessen, ob es einen Zusammenhang zwischen Internetsucht und Missstimmung gibt noch wurde gemessen, ob Menschen, die lange vor dem Computer sitzen, verwahrlosen. Die entsprechenden Konstruktionen sind Hirngespinste aus der Behörde der Datenschutzbeauftragten, die lediglich zeigen, was man dort mit Internetsucht assoziiert und da sich – wie viele Philosophen, am überzeugendsten David Hume argumentiert haben -, Assoziationen im eigenen Kopf bilden und aus der eigenen Erfahrung speisen, möchte ich lieber nicht in die Verlegenheit kommen, das Gebäude der Datenschutzbeauftragten von innen zu sehen, denn die teilweise Verwahrlosung von Menschen, die lange Zeit vor einem Computer sitzen, ist dort anscheinend so präsent, dass sie sogar Eingang in Pressemeldungen findet.

Der ganze Hokuspokus der Internetsucht zeigt nur, wie leicht es in Deutschland ist, ein Hirngespinst zu einer sozialen Tatsache zu stilisieren und Forschungsgelder damit loszueisen. Vielleicht haben Sie ja auch eine entsprechende Idee. Wenn Sie täglich mit der Bahn zur Arbeit fahren, liegt es nahe, ein Forschungsvorhaben zur S-Bahn Sucht in Angriff zu nehmen. Oder sie hören täglich Radio und putzen sich täglich dabei die Zähne, das sind erste Anzeichen einer radiophobischen Zahnputzsucht, die unbedingt weiter erforscht werden müssen. Ein lohnendes Unterfangen wäre auch die Erforschung der Phobie mancher Forscher und Politiker, im alltäglichen Handeln anderer Menschen ein phobisches Verhalten zu erblicken oder anderen Menschen in manischer Weise die eigene Normalität aufzwingen zu wollen. Welche Phobie Sie auch immer interessiert, wenden Sie sich an die Datenschutzbeauftrage. Die hat ein Ohr für so ziemlich alles, was bei anderen zur Sucht (stilisiert) werden kann.

Zwischenzeitlich gibt es auch erste Outings uneinsichtiger Internetsüchtiger, wie z.B. Jan Filter, der wohl als nicht therapierbar zu gelten hat.

Über Michael Klein
... concerned with and about science

2 Responses to Telefondiagnose “Internetsucht”: how to make a living

  1. Ralf Wieland sagt:

    Danke für den guten Artikel. Der Spiegel schrieb dazu 1980:

    Zustatten kamen den Psycho-Richtern dabei die überaus dehnbaren “Ziehharmonika-Begriffe” (so US-Soziologe David Mechanic) ihrer Wissenschaft: Sie ließen, wie der Schweizer Psychiater Alex von Muralt konstatierte, die Diagnose oft gleichsam zur “schwarzen Magie” werden.

    Wo immer sich im Wilhelminischen Reich Nonkonformisten oder Polit-Abweichler regten, hielten die Psychiater notfalls schnell erfundene diagnostische Verwünschungsformeln bereit -vom allgemeinen “Querulantenwahnsinn” bis zum “Suffragettenwahn” oder zur “Paranoia reformatoria s. politica”, einer Schöpfung des prominenten Psychiaters Richard von Krafft-Ebing.

    Stets auf der Höhe der Zeit, entdeckten die Seelendoktoren, etwa während des Ersten Weltkrieges, bei Hamsterern eine gefährliche “Verproviantierungspsychose”, bei ängstlichen Patrioten die “pathologische Spionenfurcht”.

    Als schließlich auf Grund sich häufender Übergriffe um 1890 im Reich eine breite “Irrenrechtsreform”-Bewegung entstand, die gegen psychiatrische Willkür-Methoden zu Felde zog, diagnostizierten die Mediziner flugs eine “Massenpsychose der Psychiaterfeindschaft”; es gelang ihren Berufsorganisationen, die geforderten gesetzlichen Kontrollen vor allem der Einweisungspraxis als “Ehrenkränkung des Psychiaterstandes” zurückzuweisen: Die Macht der Psycho-Diagnostiker blieb ungebrochen.

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14319191.html

    Und die von Cartwright Mitte des 19. Jahrhunderts erfundene “Drapetomania”, die mit wissenschaftlichen Methoden entdeckte Weglaufsucht bei Sklaven, gehört ebenfalls zur Geschichte des bis heute andauernden “Psychopathologisierwahns”, den wir nicht zuletzt auch dem von vielen verehrten Sigmund Freud (“Die Psychopathologie des Alltagslebens”) zu verdanken haben.
    http://en.wikipedia.org/wiki/Drapetomania

    Was psychiatrische Diagnosen sind, nämlich “strategische Etikette”, um sich beispielsweise ein erträgliches Einkommen und Anerkennung zu sichern, hat Thomas Szasz bereits 1960 in seinem Text “Mythos Geisteskrankheit” (http://www.szasz-texte.de/texte/mythos-geisteskrankheit.html) treffend analysiert.

  2. Pingback: Lass’ und eine Sucht erfinden – Heute: Eßsucht – | Kritische Wissenschaft - critical science

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