Ironische Anführungszeichen – Distanzierungsmittel der Feigen

Heike Diefenbach hat in ihrem letzten Beitrag auf die in bestimmten Kreisen so beliebte Verwendung des ironischen Anführungszeichens hingewiesen, die, wie man sagen könnte, Methode der Mutlosen und Feigen, mit der sie etwas angreifen wollen, sich von etwas distanzieren wollen, anzeigen wollen, dass sie dies wollen, ohne es so richtig zu tun und zu können, ohne die Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen.

Das ironische Anführungszeichen wurde von Victor Klemperer beschrieben, und zwar im Zusammenhang mit LTI – Lingua Tertii Imperii, der Sprache des Dritten Reiches. Wir geben hier das Kapitel aus Klemperers Buch wieder, in dem der Philologe das ironische Anführungszeichen bespricht. Ähnlichkeiten mit zeitgenössischer Verwendung der Anführungszeichen sind nicht zufällig:

Klemperer LTI“Bei einzelnen und bei Gruppen lässt sich bisweilen eine gewisse charakteristische Vorliebe für dies oder jenes Interpunktionszeichen beobachten. Gelehrte lieben das Semikolon; ihr logisches Bedürfnis verlangt nach einem Trennzeichen, das entschiedener als das Komma und doch nicht ganz so absolut abgrenzt wie der Punkt. Der Skeptiker Renan erklärt, man könne das Fragezeichen niemals zu oft anwenden. Der Sturm und Drang hat einen ungemeimen Bedarf an Ausrufezeichen. Der frühe Naturalismus in Deutschland bedient sich gern der Gedankenstriche: Die Sätze, die Gedankenreihen sind nicht mit sorgfältiger Schreibtischlogik durchgeführt, sondern reißen ab, deuten an, bleiben unvollständig, haben ein flüchtiges, springendes, assoziatives Wesen, wie das dem Zustande ihres Entstehens, wie es einem inneren Monolog und auch einem erregten Gespräch insbesondere zwischen denkungewohnten Menschen, entspricht.

Man sollte annehmen, dass die LTI [Lingua Tertii Imperii – Sprache des Dritten Reiches], da sie doch im Kern rhetorisch ist und sich immer wieder an das Gefühl wendet, ähnlich wie der Sturm und Drang dem Ausrufezeichen ergeben sein müßte. Das ist kaum auffällig; im Gegenteil, sie scheint mir ziemlich sparsam mit diesem Zeichen umzugehen. Es ist, als forme sie alles mit solcher Selbstverständlichkeit zu Anruf und Ausruf, daß sie dafür gar kein besonderes Interpunktionszeichen nötig habe – denn wo sind die schlichten Aussagen, von denen sich der Ausruf abheben müßte?

Dagegen bedient sich die LTI bis zum Überfluß dessen, was ich die ironischen Anführungszeichen nennen möchte.

Das einfache und primäre Anführungszeichen bedeutet nichts anderes als die wörtliche Wiedergabe dessen, was ein anderer gesagt oder geschrieben hat. Das ironische Anführungszeichen beschränkt sich nicht auf solch neutrales Zitieren, sondern setzt Zweifel in die Wahrheit des Zitierten, erklärt von sich aus den mitgeteilten Ausspruch für Lüge. Indem das im Reden durch einen bloßen Zusatz von Hohn in der Stimme des Sprechers zum Ausdruck kommt, ist das ironische Anführungszeichen aufs engste mit dem rhetorischen Charakter der LTI verbunden.

Erfunden worden ist es keineswegs von ihr. Als sich im ersten Weltkrieg die Deutschen ihrer überlegenen Kultur rühmten und auf die westliche Zivilisation herabsahen wie auf eine minderwertige und nur äußerliche Errungenschaft, ließen die Franzosen beim Erwähnen der ‘culture allemande’ niemals die ironischen Gänsefüßchen fehlen, und wahrscheinlich hat es eine ironische Anwendung der Anführungszeichen neben ihrem neutralen Gebrauch gleich nach der Einführung des Zeichens gegeben.

Aber in der LTI überwiegt der ironische Gebrauch den neutralen um das Vielfache. Weil eben Neutralität ihr zuwider ist, weil sie immer Gegner haben, immer den Gegner herabzerren muß. Wenn die spanischen Revolutionäre den Sieg erfechten, wenn sie Offiziere, wenn ein einen Generalstab haben, so sind es unweigerlich rote ‘Siege’, rote ‘Offiziere’, ein roter ‘Generalstab’. Dasselbe ist später mit der russischen ‘Strategie’ der Fall, dasselbe mit dem ‘Marshall’ Tito der Jugoslawen. Chamberlain und Churchill und Roosevelt sind immer nur ‘Staatsmänner’ in ironischen Anführungszeichen, Einstein ein ‘Forscher’, Rathenau ein ‘Deutscher’ und Heine ein ‘deutscher’ Dichter. Es gibt keinen Zeitungsartikel, keinen Abdruck einer Rede, die nicht von solchen ironischen Anführungszeichen wimmelten, und auch in ruhiger gehaltenen ausführlichen Studien fehlen sie nicht. Sie gehören zur gedruckten LTI wie zum Tonfall Hitlers und Goebbels’, sie sind ihr eingeboren.

Als Primaner mußte ich im Jahr 1900 einen Aufsatz über Denkmäler schreiben. Ein Satz darin hieß: ‘Nach dem Siebziger Krieg gab es fast auf jedem deutschen Marktplatz eine siegreiche Germania mit Fahne und Schwert: dafür könnte ich hundert Beispiele anführen.’ Mein skeptischer Lehrer setze mit roter Tinte an den Rand: ‘Ein Dutzend Beispiele bis zur nächsten Stunde beibringen!’ Ich fand nur neun und war ein für allemal davon geheilt, den Mund mit Zahlen zu voll zu nehmen. Trotzdem, und obschon ich in meinen LTI-Betrachtungen gerade über den Zahlenmißbrauch allerhand zu sagen habe, könnte ich im Punkte der ironischen Anführungsstriche mit ruhigen Gewissen schreiben: ‘Dafür ließen sich tausend Beispiele anführen.’ Eines von diesen sonst sehr gleichförmigen lautet: ‘Man unterscheidet zwischen deutschen Katzen und ‘Edel’katzen”. (Klemperer, 2007: 98-100).

Wenn Sie das nächste Mal ein ironisches Anführungszeichen lesen, mit dem ein Autor, auch ein vermeintlich wissenschafter Autor sich von dem distanzieren will, was er gerade zitiert, mit dem er beim Leser Zweifel an dem Zitierten wecken will, ohne ein Argument dafür vorbringen zu müssen, mit dem er seine emotionale Ablehnung ohne sie begründen zu müssen, deutlich machen will, mit dem er seine eigene Ideologie in einen Text einbauen will, ohne dass sie offen benennen zu müssen, dann wissen Sie, in welcher gesitigen Tradition der entsprechende Autor unterwegs ist.

Über Michael Klein
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24 Responses to Ironische Anführungszeichen – Distanzierungsmittel der Feigen

  1. Bernd sagt:

    Oh, jetzt ist hier das Niveau auch schon auf Nazivergleiche gesunken. Wie schön.

    • Was soll das sein? Der Versuch, Missfallen kund zu tun? Der Versuch, Sprechverbote durchzusetzen? Wenn Sie insinuieren wollen, dass derjenige, der Nazivergleiche anstellt, kein Niveau hat und entsprechend sich selbst als niveauvoll darstellen wollen, dann scheint mir das eine Form des Beitrages zu sein, die nur wenig vom ironischen Anführungszeichen entfernt ist.
      Und natürlich fordert ihr vermeintlicher Beitrag zur Frage auf: Was ist schlecht an Nazivergleichen? Wollen Sie nicht aus der Geschichte lernen?

      • Bernd sagt:

        Na klar lerne ich aus der Geschichte. Die Zeiten, in denen ich ironische Anführungszeichen und Autobahnen für harmlos hielt, sind definitiv vorbei. Jetzt weiß ich Bescheid.

        • Freut mich, dass Sie einen Erkenntnisgewinn hatten. Ich habe es fast für nicht möglich gehalten.

          • jck5000 sagt:

            Mit einem Verweis auf Poe’s Law (http://en.wikipedia.org/wiki/Poe's_law) darf ich hier anmerken, dass Nazivergleiche von Idioten (“Autobahnen”) und Nazivergleiche von intelligenten Menschen (“”””) nicht vergleichbar sind. Wer sowas vergleicht, ist ein totaler Nazi.

      • Martin Voigt sagt:

        Aus der Geschichte lernen? Kleiner, meinst Du Geschichten oder Fakten? Die Geschichten, insbesondere die der Besatzer und ihrer Lakaien und deren Vergangenheit ändern sich ständig. Siehe CIA-Willy, CIA-Merkel, CIA-Gauckler; Polen, Stalin, Churchill – you name em you got em. Stütz Dich mal zur Abwechslung auf Nazi-Israel und USrael, bevor Du noch ganz zu einer Seite abstürzt. Immer schön in der goldenen Mitte bleiben. Natürlich gab es den Holocaust. Und normal ist geworden, dass das Leben eines Zionisten hundert Mal wertvoller ist als “das Leben der Anderen”. Was kannst Du aus den Stories lernen? Gott regiert. Das ist das Einzige das am Ende des Tages übrig bleibt. Gott. Er interessiert sich nicht für “Zionisten”, “Nazis” etc. Sein Offsider, der Teufel, kümmert sich um sie. Sie sind fest in seiner Hand. Heil Hitler und Shalom und good night.

        • Ich gehöre zu den Menschen, die annehmen, Menschen hätten ein Urteilsvermögen und entsprechend erlaube ich mir Urteile auf Grundlage von Fakten. Und deshalb glaube ich – im Gegensatz scheinbar zu Ihnen – auch nicht an einen Gott oder mehrere Götter, ganz faktenbasiert übrigens.

          • Anynoymous sagt:

            Sie müssen nicht an Gott glauben. Sie können ihn nicht widerlegen. Ganz faktenbasiert übrigens. Objektivität ist peudowissenschaftlich, aber Sie kennen sich im Bereich Validität und Reliabilität bestimmt aus.

            • Was ist das für eine Aussage.
              Warum glauben Sie nicht an Azathoth, der im Dunkeln nagt, dessen Existenz kann man auch nicht widerlegen.

            • Dr. habil. Heike Diefenbach sagt:

              … und weil man Gott weder widerlegen noch seine Existenz beweisen kann, deshalb glauben Sie an ihn, während Sie Dingen, die intersubjektiv nachvollziehbar sind und gemessen an den methodischen Standards der Wissenschaft beobachtbar sind, als der große Skeptiker entgegentreten wollen?

              Und wenn sie Objektivität pseudowissenschaftlich finden, was ist dann Ihrer Meinung nach wissenschaftlich? Etwa der Unsinn, den Sie hier verzapfen, nach dem man halt einfach ‘mal glaubt, was man nicht widerlegen kann?

              Soll das ein (schlechter) Witz sein?!?

            • Wer etwas behauptet, der muß es beweisen. Der Gottesbeweis steht aus. So einfach ist das. Wer ständig die Beweislast verdrehen will, der kann nichts. So einfach ist das.

              Carsten

              “Doch Geschichtsfälschung ist keine Antwort auf Geschichtsfälschung.”
              Gaby Weber

        • Wer weiß, um wen der “Offsider, der Teufel,” sich noch alles kümmert!? Ich vermute, besondern um Leute, die gar nicht erst versuchen, etwas aus Erfahrungen zu lernen oder Verantwortung für das, was sie umgibt, zu übernehmen.

          Und was macht Gott inzwischen? Hilft Gott nicht denen, die sich selbst helfen?

  2. BeFree sagt:

    Viel schlimmer als die Verwendung von Ein- und Ausführungszeichen in der Schriftsprache oder Kommentaren – von denen ich finde, dass sie für Zitate schon ihren Sinn haben – ist eine aus den US-TV-Shows übernommene und total nervende Marotte auf unseren inflationär talkshowüberlasteten und von Schwatzbuden des blanken Unsinns überfluteten Bildschirmen:
    Da wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit – leider so überflüssig wie eingespieltes Bandgelächter für die Totaldummen – mit meist dem Zeige- und dem Ringfinger beider Hände in der Luft herumgekratzt. Nicht etwa um anzudeuten, man selbst oder der/die/das Gegenüber leide unter Neurodermitis, nein – und da wird offensichtlich, was hier geschrieben ist – ich kratze in der Luft, um das, was ich gerade sage, gesagt habe, sagen will, wieder wegzukratzen. Ich habe es aber trotzdem gesagt und gekratzt, weil ich fürchte, dass sonst der Zensor an der Studiotür auf mich wartet oder der mit dem schwarzen Schlapphut und dem Ledermantel. Ich halte diesen Hype der Luftkratzerei und die ihm massenweise Verfallenen für absolut grenzdebil. Aber keine Dummheit verbreitet sich bei uns schneller und wirkungsvoller als US-Importe des Schwach- und Unsinns. Dazu gehört auch dieses inzwischen bewußt eingesetzte sprachliche ‘eeeehmmm’ – ebenfalls ein dümmlicher US-Import. Und da kommen sie, die Anführungszeichen. Aber wie soll ich einen Rülpser oder Denkblockadenwegräumer im Text denn kennzeichnen, das Unding, das stets zum Einsatz kommt, um das nachfolgende inhaltliche Nichts vorsorglich mit ‘eeeehmmm’ zu weihen und dabei den Eindruck zu erwecken, man hätte über die gestellte Frage ganz besonders sorgfältig nachgedacht?

    • “dass sie für Zitate schon ihren Sinn haben”

      Das hat auch niemand bestritten, vielmehr kann man mit Klemperer argumentieren, dass es der Zweck ist, zu dem sie eingeführt wurden. Es ist ihr einziger Sinn…

      • Es ist ihr einziger Sinn…

        Denkste, Puppe…
        Eine Verwendung als Zitat hat eben einen anderen Sinn als die direkte Verwendung. Es ist schon ein Unterschied, ob ich schreibe, daß ich mich täglich neu erfinden muß oder daß ich “mich täglich neu erfinden” muß. Die Hervorhebung als Zitat schafft ja die Distanzierung vom Zitat, invertiert den Sinn und ironisiert damit. Im Zitat steckt also eine Distanzierung, eine Kenntlichmachung, die bedeutet, es ist nicht von mir. Diese Distanzierung, dieses Zeigen auf etwas, ist ein Ausschmieren, ein Verächtlichmachen, das Mobbing, das es schon bei Tieren gibt.
        Die Umdrehung liegt also in der Sache. In vielen Dingen des Lebens steckt die Umkehrung schon drin, sie ist nicht trennbar. Die Politiker schaffen es ja dauernd, etwas ins Gegenteil zu verkehren. Das liegt aber an der Struktur dieser Welt und ihrer Anmaßung. Wenn jemand Geld in die Hand nimmt, dann heißt das nicht, daß daraus was Positives folgt, sondern daß das lediglich eine Behauptung ist und die Moneten dann weg sind. Zitiert man das an geeigneter Stelle, dann wissen alle, daß die Verluste darauf zurückzuführen sind, daß da mal wieder einer “Geld in die Hand nimmt”.
        Es ist auch nicht alles Gold, was von Klemperer ist, weil es von Klemperer ist. Natürlich geht auch die inflationäre Verwendung der Strichelchen nach hinten los. Man kann eben alles übertreiben.

        Ironie geht aber auch gut ohne Zitatkennzeichnung, wenn dieses jeder erkennt, siehe Signatur. Nur wer befürchten muß, daß seine Distanzierung, sein Witz, nicht ankommt, der braucht das Gestrichel und das macht auch die amerikanische Luftnummer so albern.

        Carsten

        Terroristen schaffen Arbeitsplätze

  3. Meier, Hans (Kempten) sagt:

    Es ist ein Unterschied, ob ich schreibe:

    Die Kundinnen des Kölner Frauenturms leiden darunter, in einer rape culture zu leben.

    ODER:

    Die “Kundinnen” des Kölner Frauenturms “leiden” darunter, in einer “rape culture” zu leben.

    Welcher Satz wäre Ihnen denn lieber?

  4. Anynoymous sagt:

    Warum so viel Wind? Hegel’sche Dialektik… Gut zu gebrauchen, um Kreuzblick zu erzeugen. Oder zu polarisieren. Um Pseudo-Objektivität zu suggerieren. Intelligente kann man damit nicht beeindrucken.

    • Es ist jetzt gut. Wenn Sie ihren dadaistischen Unsinn gerne loswerden wollen, dann erzählen Sie es ihrem Nachbarn. vielleicht beeindruckt es ihn…, wenn nicht, dann ist er intelligent.

  5. Dr. habil. Heike Diefenbach sagt:

    Zur Klarstellung:

    1. Es geht hier nicht um Anführungszeichen. Anführungszeichen werden gemeinhein benutzt, um ein wörtliches Zitat anzudeuten, das von einer anderen Person stammt.
    Das ist, glaube ich, unbestrittten und wird von niemandem kritisiert.

    Hier geht es um IRONISCHE Anführungszeichen in dem Sinn, in dem Klemperer den Begriff benutzt.

    2. M.E. hat Klemperer einen interessanten (und für mich nachvollziehbaren) Beitrag über den Zusammenhang von Ideologie und sprachlichem Ausdruck geleistet. Und die Tatsache, dass die ironischen Anführungszeichen derzeit wieder und vor allem bei Linksextremisten Konjunktur haben, erhärtet m.E. die These, dass der Gebrauch der ironischen Anführungszeichen genau der Geisteshaltung und Absicht entspricht, die Klemperer annimmt.

    3. Es gibt keinerlei Anlass dafür, in Texten, die nicht von vornherein als satirisch erkennbar sind, ironische Anführungszeichen zu benutzen.

    Wenn ich von einer Idee oder einem Begriff, die ich mit einer bestimmten Idee verbunden sehe, Abstand nehmen will, dann kann ich das in der deutschen Sprache durchaus ohne Verwendung ironischer Anführungszeichen formulieren und außerdem begründen, warum ich etwas gegen die Idee/den Begriff habe. Wenn es mir so wichtig ist, dass alle Welt erfährt, wie ich der Idee/dem Begriff gegenüberstehe, dann sollte ich doch gute Gründe dafür haben, und die sollte ich ja wohl mitteilen können, wenn ich eine Sprache beherrsche.

    4. Es gibt eine weitere Variante der fragwürdigen Verwendung von Anführungszeichen, die ich leider manchmal selbst pflege, nämlich die, Anführungszeichen um ein Wort zu setzen, wenn es metaphorisch gemeint ist, wie z.B. in “der Genderismus ‘stirbt'”, was nur eine Metapher sein kann, weil ja nur lebende Wesen sterben können. Wenn ich einen solchen Begriff in Anführungszeichen setze, dann also in einem Anfall von Hyperkorrektheit, denn eigentlich ist das ja nicht nötig; meine Mit-Deutschsprecher wissen auch ohne die Anführungszeichen, dass das “stirbt” hier metaphorisch gebraucht wird; ich versuche, mir das abzugewöhnen ….

    5. Die Verwendung von ironischen Anführungszeichen in Texten, die als ernsthafte Texte gelten wollen, hat in der Vergangenheit schon zu einigen Irritationen geführt, nämlich dann, wenn in einem solchen Text wörtliche Zitate von anderen Leuten wiedergegeben werden UND an anderen Stellen ironische Anführungszeichen benutzt werden.

    Wenn dann nicht sauber zitiert wird, also die wörtlichen Zitate nicht durchgängig erkennbar belegt sind, dann weiß man irgendwann nicht mehr, wer nun was gesagt hat oder hier schreibt und wie es gemeint ist. Nach meiner Erfahrung lesen die wenigsten Menschen die Texte anderer Leute mit so viel Interesse und Aufmerksamkeit, dass sie sich so sehr um Rekonstruktion des Sinns bemühen.

    Schon weil sie Missverständnisse provozieren, haben ironische Anführungszeichen in Texten, die ernstgenommen werden wollen, nichts zu suchen.

  6. jürg Rückert sagt:

    “Martin Hohmann ist ein Nazi in Anführungszeichen”, sagte ein “großer” Deutscher, als ihm gerichtlich der Nazi-Terminus verwehrt worden war.
    Auch und gerade “kleine” Deutsche benützen ironische Anführungszeichen als Rechtsschutzversicherung. So einfach ist das!

  7. CountZero sagt:

    Ich benutze die ironischen Anführungszeichen auch. Z.B., wenn ich Antworten auf Kommentare schreibe, in denen die Vorkommentatorin auf die ‘jahrtausendelange Unterdrückung’ von Frauen Bezug genommen hat.
    Ich komme mir dabei nicht feige vor.

    • Das wäre dann ja auch ein Zitat, selbst wenn eine ironische Verwendung beabsichtigt ist.

  8. rugay sagt:

    Gut, den Artikel nehme ich mir insofern zu Herzen, dass ich bereits bemerkt hatte es in meinen Beiträgen mit “Anführungszeichen” auch gern mal “zu übertreiben”.
    Der Grund dafür ist, dass ich vieles was so an “Allgemeinplätzen” von eigendünkelnden “Politikern”, “Experten” und sonstigen “Welterklärern” des “Hauptstroms” rausgehauen wird – aus meiner Sicht über die ganze Palette kognitiv dissonanter, schizoider als auch paranoider Verhaltensauffälligkeiten bis hin zur Psychopathie reicht.
    Und sowas kann ich einfach nicht ernst nehmen. (Oder würden sie von Insassen einer geschlossenen Psychatrie eine akkurate und aufrichtige Analyse ihrer persönlichen Defizite erwarten ? )
    Muss ich die jetzt ernstnehmen oder darf ich die auch weiterhin “ernst” nehmen ?

    Wenn ich ihren Beitrag ernst nehme muss ich leider zustimmen, dass ein sehr hohes Maß an Manipulation, Häme und Tatsachenverfälschung über die Verwendung dieser verflixten kleinen “Gänsefüßchen” ausgeschüttet werden kann (und darum geht’s doch eigentlich ?) : Z.B. mit dem Hinweis es sei doch nur ein “harmlose Provokation”, haha ! So wie früher betreffs der “DDR” oder aktuell beim “Iwan” ….naja, “man weiß ja” (noch) wie wie der so ist, “der Russe”…..

    Komisch finde ich die Diskussion um Objektivität und Pseudo-Objektivität. Ein Beispiel: Es gilt heute als objektive Wahrheit, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Vor rund 500 Jahren wurde das Gegenteil als objektive (weil gottesfürchtige) Wahrheit verordnet. Inzwischen hat sich der Erkenntnishorizont in der Kosmologie (und nicht nur dort) gehörig erweitert und, tja, das “Erde um die Sonne drehen” reflektiert lediglich den subjektiv-physikalischen Standpunkt von der Erde aus betrachtet (so wie der einst umgekehrte subjektiv-religiöse Standpunkt). Objektiv bewegen sich die Planeten in einer fortlaufenden Spiralbewegung um eine konstant durch den Weltraum rasende Sonne was bei Draufsicht ein Muster zeigt, dass z.B. unseren DNA Strängen (oder auch einem Wind- oder Wasserwirbel) nicht unähnlich ist. “Objektivität” ist also auch immer vom Tellerrand abhängig, über den wir, in unserer derzeitigen evolutionären/kulturellen Entwicklungsstufe/Epoche gefangen, nicht hinausschauen können oder vielleicht auch garnicht wollen.Oder in dem man sich so bequem eingerichtet hat, dass jeglicher alternative Standpunkt sofort als “existentiell bedrohliche Ketzerei” wahrgenommen wird.
    MiT “DIE Wahrheit” ist’s ebenso : Es gibt keine “eine für alle ENDgültige Wahrheit”.
    Wohl aber an die sieben Milliarden Blickwinkel auf das was man für Wahrheit hält. Inkl. einiger größerer und kleinerer Schnittmengen…
    Deswegen mag ich auch unsere gesamte herrschende Intelligenzija auch nicht so besonders. Die will uns nämlich dazu verdonnern nur Ihre (objektive Wahrheit) überzustülpen um uns darin (mögl dankbar) ein kleines Nischchen einzurichten (damit man es im Alltagslabyrinth weiterhin einigermaßen bequem hat – sofern man sich anpasst)- und für den notwendigen Thrill im eindimensional geordneten Raum gleichzeitig noch hübsch “competitive”, anspruchsvoll, komplex und (natürlich!) hochgebildet & “objektiv” zu Werke gehen darf.

    Unter Freiheit und Freiheit des Geistes stelle ich mir aber was gaaanz anderes vor…..

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