7 Milliarden Menschen

Irgendwann im Verlauf der nächsten 6 Monate wird die Weltbevölkerung die Marke von 7 Milliarden überschreiten (je nach Berechnung). Von 1970 bis 2012 hat sich die Weltbevölkerung somit verdoppelt. Doch während in den 1960er und 1970er Jahren Demographen und Wissenschaftler aus allen Fachbereichen vor einer Überbevölkerung gewarnt haben und für Bevölkerungskontrolle eingetreten sind, ist es heute, da 7 Milliarden nur noch eine Frage der Zeit sind, unglaublich still und an die Stelle der Warnungen vor einer Überbevölkerung des Planeten sind eigenartige Kommentare getreten, wie z.B. der von Herwig Birg. Herwig Birg war Professor für Bevölkerungswissenschaft an der Universität Bielefeld und weiß im Interview mit Tagesschau.de erstaunliche Einsichten zu berichten.

7 Milliarden Menschen seien keine schlechte Nachricht, da “mit jedem Menschenleben mehr Werte verbunden sind als Gefahren, Risiken oder Schäden”. Platzmangel gebe es auch mit einer Weltbevölkerung von 7 Milliarden nicht. Platzmangel sei höchstens punktuell, im Nildelta oder im Zentrum von Berlin. Auch Ressourcenprobleme gebe es nicht, lediglich ein von Birg nicht näher benanntes ökologisches Problem gebe es, das sei aber lösbar. Und ab 2070 werde sowieso alles besser, weiß Birg, dann geht die Weltbevölkerung nach seinen Berechnungen nämlich zum ersten Mal zurück.

Um die Aussagen Birgs würdigen zu können, ist in der folgenden Abbildung die Entwicklung der Weltbevölkerung dargestellt. Wie sich zeigt, wächst die Bevölkerung erst im 20. Jahrhundert rasant an, was nicht zuletzt auf den überaus erfolgreichen Kapitalismus zurückzuführen ist, der erst die Ressourcen bereitsstellt, die dieses Bevölkerungswachstum möglich machen. Doch nicht alle teilen den Optimismus von Birg. Die UN hat eigens eine Abteilung eingerichtet, die sich ausschließlich mit Wasserversorgung beschäftigt und deren Einschätzung der Auswirkungen von Bevölkerungswachstum auf die Lebenssituation und Lebenschancen von Menschen mitnichten so optimistisch ist, wie die von Herwig Birg.

So weiß Un-Water zu berichten, dass infolge der wachsenden Bevölkerung seit 1900 die Hälfte der Feuchtgebiete  der Erde verloren gegangen sind. Jeden Tag werden 2 Millionen Tonnen Abfall in Flüsse und Seen entsorgt. Sechs Milliarden Menschen verbrauchen 54% der Frischwasserreserven der Erde. Jeder sechste auf der Erde lebende Mensch hat keinen Zugang zu ausreichend sicherem und sauberem Trinkwasser. Rund 2.5 Milliarden Menschen leben ohne ausreichende sanitäre Anlagen. Und alle 20 Sekunden stirbt ein Kind als Ergebnis der schlechten sanitären Versorgung.

Im Jahre 1968 hat Garrett Hardin seinen Beitrag “The Tragedy of the Commons” in Science veröffentlicht. Darin zeigt Hardin, dass das Bevölkerungswachstum das größte Problem der Menschheit darstellt, denn eine wachsende Bevölkerung bedeutet den Verlust von Freiheit für die Lebenden. Dies zeigt sich vor allem darin, dass die Gemeingüter verschwinden: Invers zur wachsenden Bevölkerung verschwinden Nutzungsrechte an gemeinem Land, Nutzungsrechte an der Natur werden durch Umweltverschmutzung beseitigt und das Recht auf Ruhe und freie Entfaltung ist nicht mehr praktikabel. Die relativ absrakten Aussagen sind leicht mit Beispielen zu illustrieren: Nutzungsrechte an gemeinem Land, die berühmte Dorfwiese, die allen zur Nutzung freisteht, gibt es nicht mehr. An ihre Stelle sind Spielplätze und somit Güter getreten, die nur von einer bestimmten Klientel genutzt werden können. Umweltverschmutzung reduziert den Erholungswert von Wäldern, Überfischung der Weltmeere vernichtet die Extistenz von Fischern und der tägliche Stau zur Arbeit vernichtet Arbeits- und Lebenszeit. Schließlich ist mit immer mehr Menschen immer mehr Lärm verbunden: Fluglärm, der zu Nachtflugverboten in Frankfurt und Nachtlärm in Köln führt, Kinderlärm von Tagesstätten, der Anwohnern den letzten Nerv raubt und dafür sorgt, dass Hauspreise in unmittelbarer Nachbarschaft verfallen.

Die ganzen Probleme, die mit einem ungebremsten Wachstum der Bevölkerung verbunden sind, haben Garret Hardin dazu geführt, Bevölkerungswachstum als moralische Frage zu sehen. Da die Ressourcen der Erde endlich sind, ist der moralische Kern somit in der Frage umschlossen, ob es vertretbar ist, den jetzt Lebenden eine überbevölkerte Erde zuzumuten, auf der ihre Lebenschancen und ihre Freiheit massiv beeinträchtigt werden und ob es vertretbar ist, den so gerne bemühten nächsten Generationen eine Erde zu überlassen, deren Ressourcen geplündert,  deren Umwelt verschmutzt und die überbevölkert ist. Für Hardin ist die Antwort angesichts der Alternative klar:  “In a welfare state, how shall we deal with the family, the religion, the race, or the class (or indeed any distinguishable and cohesive group) that adopts overbreeding as a policy to secure its own aggrandizement? To couple the concept of freedom to breed with the belief that everyone born has an equal right to the commons is to lock the world into a tragic course of action” (Hardin, 1968, S.1246). Entweder die Proponenten eines ungebremsten Bevölkerungswachstum sagen deutlich, dass die hohe Todesrate unter Kindern, die keinen Zugang zu angemessenen sanitären Anlagen haben, die ein Leben führen, das durch Dreck, Schlamm und Fäkalien geprägt ist, ein Preis ist, den es sich angesichts des so wichtigen Bevölkerungswachstums zu zahlen lohnt, und sie sagen denen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, dass die Bakterien und Verunreinigungen im Wasser, die zu Diarrhoe führen, der Preis sind, den sie für ihr Geborenwordensein zu zahlen haben oder sie nehmen Abstand davon, Bevölkerungswachstum gut zu reden.

Dies macht  deutlich, dass Hardin recht hat, wenn er die Frage des Bevölkerungswachstums als moralische Frage sieht. Sie zeigen auch, dass die Aussagen von Birg entweder zynisch (, denn die Probleme der Wasserversorgung sind derzeit schon vorhanden und derzeit gibt es auch eine Hungersnot in Somalia) oder dumm (, denn dass man vielleicht in Zukunft die derzeitigen Versorgungsprobleme lösen kann, nutzt denen wenig, die derzeit verhungern oder derzeit an Diarrhoe kläglich verenden – entsprechend warten wir auch derzeit auf einen konstruktiven Lösungsvorschlag von Herrn Birg) sind, und sie verweisen darauf, dass man als Regierung nicht ständig davon reden kann,  in einer globalisierten Welt zu leben, um dann eine Bevölkerungspolitik mit Anreizen zur Fortpflanzung in die Welt zu setzen, die den eigenen Krichturmblick ausdrückt, aber nicht die angeblich so wichtige Globalisierung. Deutschland liegt  auf Platz 16 gemessen an der Anzahl der Bevölkerung unter allen Ländern der Erde. In Deutschland drängen  sich 229 Einwohner pro Quadratkilometer  (in Zimbabwe, dem Land mit der höchsten Geburtenrate sind es gerade einmal 33). Entsprechend sollte man annehmen, dass in Deutschland eine Obergrenze an Bevölkerung erreicht ist und dass es in Deutschland, das sich zu den  hochentwickelten Ländern zählt, mittlerweile zu der Erkenntnis gereicht haben sollte, dass weniger Bevölkerung mehr ist und dass qualitatives Wachstum quantitativem Wachstum allemal vorzuziehen ist.

Hardin, Garret (1968). The Tragedy of the Commons. Science 162(3859): 1243-1248.

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