Entrüstungsforschung oder: die Vertreibung aus dem Paradies

Das verlorene Paradies

Anna Klein und Wilhelm Heitmeyer leben im Paradies. Auf den Wiesen tanzen Menschen unbeschwert von Gedanken an die eigene Subsistenz, denn für ihr Auskommen sorgt ein Staat. Über die Felder wandern Menschen ohne Ziel, denn ihr Leben hat keinen Anfang und kein Ende, es ist ein langer gleicher Fluss, nichts, was die Gleichförmigkeit des täglichen Daseins stören würde, nichts, was die Gleichförmigkeit des Daseins stören könnte, denn ein Staat sorgt dafür, dass zwischen Wiege und Bahre keine Fragen bleiben. Das Leben der Menschen im Paradies von Anna und Wilhelm leidet keine Not. Der Staat sorgt für alles. Er bringt Nahrung, Kleidung und alles, was die Paradieskinder benötigen, und benötigen tun sie nicht viel. Ihre Wünsche sind bescheiden. Sie kennen kein Streben, kein Wollen und kein Müssen, denn sie sind alle gleich, ihr Staat will es so.

Die Ankunft der Schlange “K”

Mit der Ankunft der Schlange “K” hat sich im Paradies von Anna und Wilhelm alles geändert. Die Schlage “K” hat Wissen. Sie weiß, dass Menschen sich eigentlich Ziele setzen und danach streben, die Ziele zu erreichen. “K” weiß, dass man mehr wollen kann als das, was der Staat im Paradies für ausreichend hält. “K” kennt den Weg zu Wohlstand: Leistung, Arbeitsteilung und Handel. Mit “K” ändert sich alles. Die Paradieskinder suchen plötzlich nach Selbstverwirklichung. Sie wollen etwas erreichen, etwas aus sich machen und sich von einander differenzieren. Sie wetteifern darum, wer der Beste ist, beginnen mit dem Tausch von Dingen, die sie selbst erarbeitet haben. Sie werden erwachsen, eigene ökonomische Existenzen. Mit “K” kommt Wettbewerb, Effizienz, und mit “K” kommt die Erkenntnis, dass der Staat bislang gelogen hat, denn die Ressourcen im Paradies sind nicht unbeschränkt, die Wünsche der Paradieskinder nicht einförmig und Ehrgeiz nichts, was es zu bekämpfen gilt. Plötzlich herrscht Wohlstand im ehemaligen Paradies, und die unterschiedlichen Fähigkeiten der ehemaligen Paradieskinder, ihre verschiedenen Talente, führen dazu, dass nicht mehr alle dasselbe haben. Manchen haben weniger, manche haben mehr. Nicht nur Besitz differenziert die ehemaligen Paradieskinder, auch die Arbeit: Manche arbeiten mit ihren Händen, andere mit ihrem Kopf. Erste schaffen materielle Werte und stellen Letztere von körperlicher Arbeit frei. Letztere können sich statt dessen Gedanken machen, und erstere hoffen, dass sie von den Gedanken etwas haben.

In Gedanken im Paradies

Anna und Wilhelm machen sich Gedanken. Sie denken oft an die Zeit im Paradies und daran, wie alles war, bevor “K” kam. Bevor “K” kam, so sinnieren sie, war das Soziale noch sozial. Soziales Soziales ist Soziales ohne “ökonomistische Einstellungen” (Klein & Heitmeyer, 2011, S.377), es ist Soziales, ohne “bindungslose Flexibilität”. Im Paradies war es noch so, dass Menschen bedingungslos miteinander Beziehungen eingingen und jeder immer Fehler machen konnte, denn man hat nichts Besseres von ihm erwartet. Heute ist es so, dass viele der ehemaligen Paradieskinder sagen, Fehler könne man sich nicht mehr leisten, und “die Gesellschaft” nehme “zu viel Rücksicht auf Versager” (S.377). Heute herrscht ein anderes Menschenbild, eines, das Menschen nicht als Versager ansieht. Vielmehr hat “K” gelehrt, dass man mit Anstrengung zu Erfolg kommen kann. Doch damit nicht genug, manche Paradieskinder schätzen ab, ob Ihnen Kontakte mit anderen ehemaligen Paradieskindern etwas bringen, die begrenzten Zeitressourcen machen das notwendig, man hat halt nicht immer für jeden Zeit. Schlimmer noch: Manche der ehemaligen Paradieskinder sagen offen und ehrlich: “Es gibt Dinge, die wichtiger sind als Beziehungen zu anderen”. Anna und Wilhelm finden das furchtbar. Sie sind ehrlich entrüstet, und sie sehnen sich nach dem Paradies als man noch wahllos Hände fassen und Ringelrein tanzen konnte, immer im Kreis versteht sich, damit niemand an erster Stelle oder voran kommt.

Der Prozess

“K” ist mächtiger als der Staat, so lautet eine Anklage von Anna und Wilhelm. “K” reduziert “nationalstaatliche Autonomie” (S.364). “K” ökonomisiert das Soziale (,aber das hatten wir schon). “K” sorgt für die Notwendigkeit, das “eigene Leben an ökonomischen Imperativen auszurichten” (S.377). “K” gefährdet “demokratische Einstellungsmuster” (S.362). “K” erodiert die Akzeptanz der Gleichwertigkeit von Menschen (S.362). “K” hat “Desintegrationsrisiken, politische Entfremdung und Misstrauen im Gepäck (S.362). “K” entleert die Demokratie, zwingt den Staat zur “Vorratsdatenspeicherung” und “Überwachung durch Kameras” (S.365). “K” macht den Staat arm und das soziale Netz löchrig (S.365). “K” dezimiert die Höhe der Transferleistungen des Staates (S.366), macht seinen Arm kürzer und seine Kontrolle brüchiger. Das Stakkato der Anklagen wird zum Crescendo und kulminiert in dem Vorwurf, “K” mache fremdenfeindlich und führe zur Abwertung Obdach- und Langzeitarbeitloser (S.379). Derart menschliche Niedrigkeiten, so haben Anna und Wilhelm entdeckt, zeigen indes nicht alle ehemaligen Paradieskinder, sondern nur die geringsten unter Ihnen, die unteren beiden “Quintile”  – gemessen an (geringem) Einkommen, (geringem) Bildungsabschluss und (geringem) Berufsprestige. Die Anklage gegen “K” wird für Anna und Wilhelm zum Lebensinhalt. Damit fristen sie ihr Dasein, während die materiellen Werte, die ihnen das Verfassen der Anklageschrift erlauben, von denen erarbeitet werden, den unteren beiden Quintilen, die Anna und Wilhelm als fremdenfeindlich, rechtspopulistisch, langzeitarbeits- bzw. obdachlosenabwertend bezeichnen. Undank ist bekanntlich der Welten Lohn. Und da es sich mit der Form von Entrüstungsforschung, die Anna und Wilhelm betreiben, besser leben lässt als  in den beiden unteren Quintilen,  werden uns die beiden Entrüstungsforscher noch mit vielen Anklageschriften gegen “K” beglücken.

Epilog

Als ich den Artikel  “Demokratisieentleerung und Ökonomisierung des Sozialen: Ungleichwertigkeit als Folge verschobener Kontrollbilanz”, dessen Gehalt ich hier zusammengefasst habe, in der Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaften (Leviathan) gesehen habe, habe ich noch gedacht: Oha!, ein empirischer Artikel in einer Zeitschrift, die nicht gerade berühmt ist, für die Verbreitung empirischer Artikel. Nachdem ich den Artikel gelesen habe, weiß ich, warum die Berliner Zeitschrift nicht für ihre empirischen Artikel bekannt ist. Es ist besser, die Zeitschrift bescheidet sich in Zukunft mit nicht-empirischen Weltbetrachtungen, allemal besser als ein Pamphlet der Form zu veröffentlichen, wie es Klein und Heitmeyer geschrieben haben. (1) Ein empirischer Artikel zeichnet sich dadurch aus, dass Hypothesen getestet werden, die aus einer Theorie abgleitet wurden. Klein und Heitmeyer leiten Hypothesen aus ideologischen Annahmen ab. Ein Gutachter, der den Text der beiden Autoren vor Veröffentlichung begutachtet, muss das eigentlich merken.  (2) Die Qualität der empirischen Prüfung von Hypothesen hängt entscheidend davon ab, dass die Hypothesen richtig und wertneutral operationalisiert werden. Klein und Heitmeyer operationalisieren ihre Vorurteile über die Unterschicht. Das mag ganz lustig sein für Leser, die sich für Klein und Heitmeyers Vorurteile interessieren, hat in einer wissenschaftlichen Zeitschrift aber nichts zu suchen. Einem Gutachter, der den Text vor Veröffentlichung gelesen hat, hätte das eigentlich auffallen müssen. (3) Die statistischen Analysen der beiden Autoren sind etwas zu Fuss, was an sich nicht problematisch ist. Doch wenn dem Leser jede noch so irrelevante Variable, die Klein und Heitmeyer für “schlimm” halten, Buchstabe für Buchstabe vorgesetzt wird, er aber und ausgerechnet zu den abhängigen Variablen, von denen die gesamte Aussage des Textes anhängt, überhaupt keine Informationen erhält, dann ist das schon kein wissenschaftlicher Lapsus mehr, sondern grenzt an Unredlichkeit. Ein Gutachter, der den Text vor seiner Veröffentlichung gelesen hat, muss das eigentlich bemerken. Das sind nur die handwerklichen Fehler eines Textes, der mit einem ideologischen Bombast beginnt, der von wertenden Annahmen strotzt und u.a. den Irrtum enthält, in menschlichen Gesellschaften gebe es einen Unterschied zwischen dem Sozialen und dem Ökonomischen. Da beide auf “Tausch” basieren, wäre es eher verwunderlich, wenn das Soziale vom Ökonomischen getrennt wäre. Und wie Anthropologen nicht müde werden zu zeigen, basieren menschliche Gesellschaften durchweg auf Austauschbeziehungen (Boas, 1997[1985]; Lévi-Strauss, 1949; Malinowski, 1922, Polanyi, 1944; Sahlins, 1972), anders formuliert: ohne “das Ökonomische” ist “das Soziale” gar nicht zu denken. Der ideologische Bombast wird dann kurz unterbrochen, um die Ergebnisse einer kargen Analyse zu berichten, die zeigen, dass die Unterschicht bzw. die beiden unteren Quintile mit ihren Einstellungen Anlass zur Erregung geben. Hinweise darauf, dass Einstellungen mit Verhalten eher wenig zu tun haben bzw. was außer Erregung aus den  festgestellten problematischen Einstellungen folgt, sucht der Leser des Textes vergeblich. Vermutlich wissen Klein und Heitmeyer auch nicht, was ihre Ergebnisse bedeuten. Demgemäß ignorieren sie die Ergebnisse im Frazit fast vollständig und nehmen statt dessen, den ideologischen Bombast vom Anfang wieder auf. Das macht eines sehr  deutlich: Die Empirie ist nur Beigabe zu dem, was den Autoren am Herzen liegt, nämlich die Verbreitung ihrer ideologischen Vorstellungen, ihrer Entrüstung, und die eigene Abgrenzung von der Unterschicht, deren Einstellungen man im Auge behalten, die man kontrollieren und leiten muss und im Verhältnis zu denen eines klar ist, so wie die, sind Anna und Wilhelm nicht – und so beginnen selbst die letzten Anhänger paradiesischer Zustände, sich zu differenzieren. “K” hat also Recht!

Boas, Franz (1997[1985]) The Potlatch. In McFeat, Tom (ed.). Indians of the North Pacific Coast. Ottawa: Carleton University Press.

Lévi-Strauss, Claude (1949). The Elementary Structures of Kinship. London: Eyre & Spottiswoode.

Malinowski, Bronislaw (1922). Argonauts of the Western Pacific. New York: Dutton.

Polanyi, Karl (1944). The Great Transformation. New York: Rinehart.

Sahlins, Marshall D. (1972). Stone Age Economics. Chicago: Aldine.

Klein, Anna & Heitmeyer, Wilhelm (2011). Demokratieentleerung und Ökonomisierung des Sozialen: Ungleichwertigkeit als Folge verschobener Kontrollbilanzen. Leviathan – Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaften 39(3): 361-383.

Bildnachweis: Morlocksphinx

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