Entrüstungsforschung oder: die Vertreibung aus dem Paradies

Das verlorene Paradies

Anna Klein und Wilhelm Heitmeyer leben im Paradies. Auf den Wiesen tanzen Menschen unbeschwert von Gedanken an die eigene Subsistenz, denn für ihr Auskommen sorgt ein Staat. Über die Felder wandern Menschen ohne Ziel, denn ihr Leben hat keinen Anfang und kein Ende, es ist ein langer gleicher Fluss, nichts, was die Gleichförmigkeit des täglichen Daseins stören würde, nichts, was die Gleichförmigkeit des Daseins stören könnte, denn ein Staat sorgt dafür, dass zwischen Wiege und Bahre keine Fragen bleiben. Das Leben der Menschen im Paradies von Anna und Wilhelm leidet keine Not. Der Staat sorgt für alles. Er bringt Nahrung, Kleidung und alles, was die Paradieskinder benötigen, und benötigen tun sie nicht viel. Ihre Wünsche sind bescheiden. Sie kennen kein Streben, kein Wollen und kein Müssen, denn sie sind alle gleich, ihr Staat will es so.

Die Ankunft der Schlange “K”

Mit der Ankunft der Schlange “K” hat sich im Paradies von Anna und Wilhelm alles geändert. Die Schlage “K” hat Wissen. Sie weiß, dass Menschen sich eigentlich Ziele setzen und danach streben, die Ziele zu erreichen. “K” weiß, dass man mehr wollen kann als das, was der Staat im Paradies für ausreichend hält. “K” kennt den Weg zu Wohlstand: Leistung, Arbeitsteilung und Handel. Mit “K” ändert sich alles. Die Paradieskinder suchen plötzlich nach Selbstverwirklichung. Sie wollen etwas erreichen, etwas aus sich machen und sich von einander differenzieren. Sie wetteifern darum, wer der Beste ist, beginnen mit dem Tausch von Dingen, die sie selbst erarbeitet haben. Sie werden erwachsen, eigene ökonomische Existenzen. Mit “K” kommt Wettbewerb, Effizienz, und mit “K” kommt die Erkenntnis, dass der Staat bislang gelogen hat, denn die Ressourcen im Paradies sind nicht unbeschränkt, die Wünsche der Paradieskinder nicht einförmig und Ehrgeiz nichts, was es zu bekämpfen gilt. Plötzlich herrscht Wohlstand im ehemaligen Paradies, und die unterschiedlichen Fähigkeiten der ehemaligen Paradieskinder, ihre verschiedenen Talente, führen dazu, dass nicht mehr alle dasselbe haben. Manchen haben weniger, manche haben mehr. Nicht nur Besitz differenziert die ehemaligen Paradieskinder, auch die Arbeit: Manche arbeiten mit ihren Händen, andere mit ihrem Kopf. Erste schaffen materielle Werte und stellen Letztere von körperlicher Arbeit frei. Letztere können sich statt dessen Gedanken machen, und erstere hoffen, dass sie von den Gedanken etwas haben.

In Gedanken im Paradies

Anna und Wilhelm machen sich Gedanken. Sie denken oft an die Zeit im Paradies und daran, wie alles war, bevor “K” kam. Bevor “K” kam, so sinnieren sie, war das Soziale noch sozial. Soziales Soziales ist Soziales ohne “ökonomistische Einstellungen” (Klein & Heitmeyer, 2011, S.377), es ist Soziales, ohne “bindungslose Flexibilität”. Im Paradies war es noch so, dass Menschen bedingungslos miteinander Beziehungen eingingen und jeder immer Fehler machen konnte, denn man hat nichts Besseres von ihm erwartet. Heute ist es so, dass viele der ehemaligen Paradieskinder sagen, Fehler könne man sich nicht mehr leisten, und “die Gesellschaft” nehme “zu viel Rücksicht auf Versager” (S.377). Heute herrscht ein anderes Menschenbild, eines, das Menschen nicht als Versager ansieht. Vielmehr hat “K” gelehrt, dass man mit Anstrengung zu Erfolg kommen kann. Doch damit nicht genug, manche Paradieskinder schätzen ab, ob Ihnen Kontakte mit anderen ehemaligen Paradieskindern etwas bringen, die begrenzten Zeitressourcen machen das notwendig, man hat halt nicht immer für jeden Zeit. Schlimmer noch: Manche der ehemaligen Paradieskinder sagen offen und ehrlich: “Es gibt Dinge, die wichtiger sind als Beziehungen zu anderen”. Anna und Wilhelm finden das furchtbar. Sie sind ehrlich entrüstet, und sie sehnen sich nach dem Paradies als man noch wahllos Hände fassen und Ringelrein tanzen konnte, immer im Kreis versteht sich, damit niemand an erster Stelle oder voran kommt.

Der Prozess

“K” ist mächtiger als der Staat, so lautet eine Anklage von Anna und Wilhelm. “K” reduziert “nationalstaatliche Autonomie” (S.364). “K” ökonomisiert das Soziale (,aber das hatten wir schon). “K” sorgt für die Notwendigkeit, das “eigene Leben an ökonomischen Imperativen auszurichten” (S.377). “K” gefährdet “demokratische Einstellungsmuster” (S.362). “K” erodiert die Akzeptanz der Gleichwertigkeit von Menschen (S.362). “K” hat “Desintegrationsrisiken, politische Entfremdung und Misstrauen im Gepäck (S.362). “K” entleert die Demokratie, zwingt den Staat zur “Vorratsdatenspeicherung” und “Überwachung durch Kameras” (S.365). “K” macht den Staat arm und das soziale Netz löchrig (S.365). “K” dezimiert die Höhe der Transferleistungen des Staates (S.366), macht seinen Arm kürzer und seine Kontrolle brüchiger. Das Stakkato der Anklagen wird zum Crescendo und kulminiert in dem Vorwurf, “K” mache fremdenfeindlich und führe zur Abwertung Obdach- und Langzeitarbeitloser (S.379). Derart menschliche Niedrigkeiten, so haben Anna und Wilhelm entdeckt, zeigen indes nicht alle ehemaligen Paradieskinder, sondern nur die geringsten unter Ihnen, die unteren beiden “Quintile”  – gemessen an (geringem) Einkommen, (geringem) Bildungsabschluss und (geringem) Berufsprestige. Die Anklage gegen “K” wird für Anna und Wilhelm zum Lebensinhalt. Damit fristen sie ihr Dasein, während die materiellen Werte, die ihnen das Verfassen der Anklageschrift erlauben, von denen erarbeitet werden, den unteren beiden Quintilen, die Anna und Wilhelm als fremdenfeindlich, rechtspopulistisch, langzeitarbeits- bzw. obdachlosenabwertend bezeichnen. Undank ist bekanntlich der Welten Lohn. Und da es sich mit der Form von Entrüstungsforschung, die Anna und Wilhelm betreiben, besser leben lässt als  in den beiden unteren Quintilen,  werden uns die beiden Entrüstungsforscher noch mit vielen Anklageschriften gegen “K” beglücken.

Epilog

Als ich den Artikel  “Demokratisieentleerung und Ökonomisierung des Sozialen: Ungleichwertigkeit als Folge verschobener Kontrollbilanz”, dessen Gehalt ich hier zusammengefasst habe, in der Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaften (Leviathan) gesehen habe, habe ich noch gedacht: Oha!, ein empirischer Artikel in einer Zeitschrift, die nicht gerade berühmt ist, für die Verbreitung empirischer Artikel. Nachdem ich den Artikel gelesen habe, weiß ich, warum die Berliner Zeitschrift nicht für ihre empirischen Artikel bekannt ist. Es ist besser, die Zeitschrift bescheidet sich in Zukunft mit nicht-empirischen Weltbetrachtungen, allemal besser als ein Pamphlet der Form zu veröffentlichen, wie es Klein und Heitmeyer geschrieben haben. (1) Ein empirischer Artikel zeichnet sich dadurch aus, dass Hypothesen getestet werden, die aus einer Theorie abgleitet wurden. Klein und Heitmeyer leiten Hypothesen aus ideologischen Annahmen ab. Ein Gutachter, der den Text der beiden Autoren vor Veröffentlichung begutachtet, muss das eigentlich merken.  (2) Die Qualität der empirischen Prüfung von Hypothesen hängt entscheidend davon ab, dass die Hypothesen richtig und wertneutral operationalisiert werden. Klein und Heitmeyer operationalisieren ihre Vorurteile über die Unterschicht. Das mag ganz lustig sein für Leser, die sich für Klein und Heitmeyers Vorurteile interessieren, hat in einer wissenschaftlichen Zeitschrift aber nichts zu suchen. Einem Gutachter, der den Text vor Veröffentlichung gelesen hat, hätte das eigentlich auffallen müssen. (3) Die statistischen Analysen der beiden Autoren sind etwas zu Fuss, was an sich nicht problematisch ist. Doch wenn dem Leser jede noch so irrelevante Variable, die Klein und Heitmeyer für “schlimm” halten, Buchstabe für Buchstabe vorgesetzt wird, er aber und ausgerechnet zu den abhängigen Variablen, von denen die gesamte Aussage des Textes anhängt, überhaupt keine Informationen erhält, dann ist das schon kein wissenschaftlicher Lapsus mehr, sondern grenzt an Unredlichkeit. Ein Gutachter, der den Text vor seiner Veröffentlichung gelesen hat, muss das eigentlich bemerken. Das sind nur die handwerklichen Fehler eines Textes, der mit einem ideologischen Bombast beginnt, der von wertenden Annahmen strotzt und u.a. den Irrtum enthält, in menschlichen Gesellschaften gebe es einen Unterschied zwischen dem Sozialen und dem Ökonomischen. Da beide auf “Tausch” basieren, wäre es eher verwunderlich, wenn das Soziale vom Ökonomischen getrennt wäre. Und wie Anthropologen nicht müde werden zu zeigen, basieren menschliche Gesellschaften durchweg auf Austauschbeziehungen (Boas, 1997[1985]; Lévi-Strauss, 1949; Malinowski, 1922, Polanyi, 1944; Sahlins, 1972), anders formuliert: ohne “das Ökonomische” ist “das Soziale” gar nicht zu denken. Der ideologische Bombast wird dann kurz unterbrochen, um die Ergebnisse einer kargen Analyse zu berichten, die zeigen, dass die Unterschicht bzw. die beiden unteren Quintile mit ihren Einstellungen Anlass zur Erregung geben. Hinweise darauf, dass Einstellungen mit Verhalten eher wenig zu tun haben bzw. was außer Erregung aus den  festgestellten problematischen Einstellungen folgt, sucht der Leser des Textes vergeblich. Vermutlich wissen Klein und Heitmeyer auch nicht, was ihre Ergebnisse bedeuten. Demgemäß ignorieren sie die Ergebnisse im Frazit fast vollständig und nehmen statt dessen, den ideologischen Bombast vom Anfang wieder auf. Das macht eines sehr  deutlich: Die Empirie ist nur Beigabe zu dem, was den Autoren am Herzen liegt, nämlich die Verbreitung ihrer ideologischen Vorstellungen, ihrer Entrüstung, und die eigene Abgrenzung von der Unterschicht, deren Einstellungen man im Auge behalten, die man kontrollieren und leiten muss und im Verhältnis zu denen eines klar ist, so wie die, sind Anna und Wilhelm nicht – und so beginnen selbst die letzten Anhänger paradiesischer Zustände, sich zu differenzieren. “K” hat also Recht!

Boas, Franz (1997[1985]) The Potlatch. In McFeat, Tom (ed.). Indians of the North Pacific Coast. Ottawa: Carleton University Press.

Lévi-Strauss, Claude (1949). The Elementary Structures of Kinship. London: Eyre & Spottiswoode.

Malinowski, Bronislaw (1922). Argonauts of the Western Pacific. New York: Dutton.

Polanyi, Karl (1944). The Great Transformation. New York: Rinehart.

Sahlins, Marshall D. (1972). Stone Age Economics. Chicago: Aldine.

Klein, Anna & Heitmeyer, Wilhelm (2011). Demokratieentleerung und Ökonomisierung des Sozialen: Ungleichwertigkeit als Folge verschobener Kontrollbilanzen. Leviathan – Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaften 39(3): 361-383.

Bildnachweis: Morlocksphinx

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12 Responses to Entrüstungsforschung oder: die Vertreibung aus dem Paradies

  1. crumar says:

    Aiaiai.
    Ich stehe mit Artikeln auf dem Kriegsfuß, die über Absätze hinweg mit einer Erregung operieren dessen Anlass mir nach gefühlten 75% des Artikels klar wird.
    Also wenigstens der Eifer der Erregung.
    Können Sie nicht einfach die ersten drei Viertel streichen, mit dem Ende beginnen und mir *am kritisierten Text* durch Zitate klar machen, was Sie so erregt?

    Sie werfen den Autoren eine Paradiesvorstellung von Gesellschaft als Ideologie vor, so weit habe ich es verstanden.
    Was Sie jedoch als (biblische) Menschheitsgeschichte alternativ rekonstruieren ist auch nicht von schlechten Eltern.
    Nach dem Paradies kam der Kapitalismus, Gott ist der Staat, der wiederum Adam und Eva betrogen hat, die Schlange ist Wissen.
    Und was ist der Apfel? 😉

    Wie gesagt, ihre Kritik an (linken) Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die zur Genderforschung Mumpitz schreiben und aus Wissenschaft Scharlatanerie machen, teile ich in jeder Hinsicht.
    Die ist für mich nachvollziehbar, ihre Argumente sind stichhaltig und ihre Schlüsse sind plausibel.

    Wenn Sie jedoch an linker Sozialforschung Kritik üben, dann siegt erkennbar Ihre liberale Ideologie über Ihren Text. Das ist dann zu 75% einfach nur bashing.
    Finde ich schade.

    Schönen Gruß, C.

    • “Wie gesagt, ihre Kritik an (linken) Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die zur Genderforschung Mumpitz schreiben und aus Wissenschaft Scharlatanerie machen, teile ich in jeder Hinsicht.
      Die ist für mich nachvollziehbar, ihre Argumente sind stichhaltig und ihre Schlüsse sind plausibel.”

      Meine Artikel basieren alle auf den selben wissenschaftlichen Kriterien (logische Kohärenz der Argumentation, Prüfbarkeit der Aussagen, Übereinstimmung mit der Realität, Konsistenz der Behauptungen mit den empirischen Belegen …) .

      Ich lege diese Kriterien an wissenschaftliche Texte an oder an Texte, die behaupten, wissenschaftlich zu sein, egal, aus welcher Ecke sie kommen, denn eigentlich wollen es ja wissenschaftliche Artikel sein, und deshalb bleibt die Ideologie doch eigentlich aussen vor – oder? Wenn Ihnen nun die einen Texte gefallen und “plausibel” erscheinen, die anderen aber nicht, dann kann dies, da alle Artikel von mir anhand derselben Kriterien betrachtet werden, nur mit dem Inhalt zu tun haben, was zu dem Schluss führt, dass Ihnen meine Kritik dann gefällt bzw. plausibel ist, wenn Sie ihnen inhaltlich gefällt (oder sie dem Inhalt ideologisch nahe stehen) und dann nicht, wenn sie Ihnen inhaltlich nicht gefällt (oder Sie dem Inhalt ideologisch nicht nahe stehen). Das bedeutet, dass Sie affektiv und nicht rational auf die Kritik reagieren.

      Vielleicht nehmen Sie sich einfach einmal die Zeit, um die Texte FORMAL zu betrachten, denn Wissenschaftlichkeit ist nichts, was sich an Weltsichten ausrichtet, sondern Wissenschaft besteht in einer Methode des Vorgehens. Wenn diese Methode, wie im Fall von Klein und Heitmeyer nicht vorkommt, statt dessen aber ein ideolgischer Bombast aus ungeprüften Behauptungen aufgebaut wird, dann hat das ganze nichts mit Wissenschaft zu tun. Und wenn die entsprechende Methode in vermeintlich wissenschaftlichen Texten von Autoren fehlt, die Sie eher der rechten, liberalen oder welcher Richtung auch immer zuordnen, dann ändert das auch nichts daran, dass die entsprechende Methode nicht vorhanden ist und die Texte deshalb nicht wissenschaftlich sind. Oder anders formuliert: Es ist (mir) völlig wurscht, aus welcher ideologischen Ecke Personen kommen, die in wissenschaftlichen Zeitschriften vermeintlich wissenschaftliche Texte veröffentlichen, die nicht einmal im Ansatz den Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens entsprechen.

  2. Marc says:

    So, ich habe den Artikel eben auch gelesen und möchte daher gerne einmal auf diese Kritik hier eingehen. Allerdings werde ich nur das Fazit betrachten, da der erste Teil des Artikels keine angemessene Zusammenfassung, sondern ein alberner Versuch einer solchen ist, der lediglich der Diskreditierung dient und den Eindruck vermittelt, dass der Artikel schon inhaltlich eben nicht Ideologiefrei gelesen wurde.

    Zu (1) Die Hypothesen sind theoretisch begründet. Die Verweise auf die theoretischen Auseinandersetzungen und Überlegungen, aus denen die Hypothesen entwickelt werden, sind im Text angegeben. Warum das hier ignoriert wird, leuchtet mir nicht ein.

    Zu (2) An welcher Stelle hier Vorurteile über “die Unterschicht” operationalisiert werden, leuchtet nicht ein. Es werden vielmehr Hypothesen über den Zusammenhang von der Erfahrung mangelender Teilhabemöglichkeiten bzw. mangelnder Wirkmächtigkeit in der politische institutionalisierten Partizipation und Einstellungen gegenüber bestimmten Menschengruppen und der Zusammenhang sozioalstrukturellen Daten über die Lebenslage geprüft.

    Zu (3) Die Variablen werden m.E. alle erläutert. Welche Variable für “schlimm” gehalten werden, dass leuchtet mir hier nicht ein. Aber sicherlich ist es möglich die Kritik hier differenzierter darzustellen, so dass es mir vielleicht nachvollziehbarer wird.

    Zur scheinbaren ideologischen Aufladung:

    Was im Text unter Ökonomie zu verstehen ist, macht der Text deutlich und ermöglicht auch eine Abgrenzung dieses Ökonomiebegriffs gegenüber einem Begriff des Sozialen. Hier wird entweder der Text nicht verstanden oder absichtlich ignoriert. Schade eigentlich.

    • Hallo Marc,
      sei mir nicht böse, aber Dein Kommentar ist nicht gerade eine Eintrittskarte in den Club der kritischen Wissenschaftler. Und im Gegensatz zu Dir, der in mehreren Punkten unbelegte Behauptungen aufstellt, werde ich mein Urteil über dein kritisches Urteilsvermögen begründen:

      zu (1) Du bist also der Ansicht, die Hypothesen seien alle theoretisch begründet. Wenn ich dem folge, dann liegt eine theoretische Begründung immer dann vor, wenn ich eine eigene Behauptung dadurch belege, dass ich auf jemand anderen verweise, der auch schon eine ähnliche Behauptung aufgestellt hat. Dadurch, dass X behauptet, Y hätte etwas ähnliches behauptet, ist eine theoretische Begründung hergestellt. Klein und Heitmeyer machen genau das. Sie stellen in ihrem “theoretischen Teil” Behauptungen auf und behaupten weiter, andere Autoren hätten ähnliche Behauptungen aufgestellt. In Praxis bedeutet das, wenn ich jetzt z.B. behaupte, “Marc ist blöd” , dann kann der nächste, der behauptet “Marc ist blöd” auf mich verweisen und schon hat er eine theoretische Fundierung für seine Aussage und Leute wie Du würden nicht einmal prüfen, ob es sich bei beiden Marcs um denselben Marc handelt. Übrigens sind Klein und Heitmeyer nicht so blauäugig wie Du, denn Sie geben auf Seite 373 zu, dass ihre empirischen Modell “nur die in individuelle Ebene” betrachten. Der gesamte zweieben umfassende ideologische Überbau der vorhergehenden Seiten wird als NICHT GEPRÜFT. Das muss Dir entgangen sein, vielleicht deshalb, weil Klein und Heitmeyer im Fazit so tun, als hätten sie getan, was sie auf Seite 373 zugeben nicht zu tun.

      zu (2) das klingt sehr gut:

      “Es werden vielmehr Hypothesen über den Zusammenhang von der Erfahrung mangelender Teilhabemöglichkeiten bzw. mangelnder Wirkmächtigkeit in der politische institutionalisierten Partizipation und Einstellungen gegenüber bestimmten Menschengruppen und der Zusammenhang sozioalstrukturellen Daten über die Lebenslage geprüft.”

      Aber was um aller Götter Willen bedeutet es? Kannst Du das auch in deutscher Sprache formulieren, etwa in der Weise, dass Du wie Klein/Heitmeyer das tun, behauptest, dass Befragte der beiden unteren Qunitile häufiger z.B. politisch entfremdet sind (dann man weiß doch, dass Unterschichtler zu blöd sind, den politischen Prozess zu verstehen), was sich in ihrer Zustimmung zu dem Item “Leute wie ich haben sowieso keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut”, zeigt? Die Zustimmung zu diesem Item gilt in der Politikwissenschaft als Ausdruck politischer Anomie und es ist seit Jahren bekannt, dass sich die Zustimmung eher in unteren Schichten der Bevölkerung findet, weshalb man die unteren Schichten erziehen muss, damit sie der Demokratie nicht die Gefolgschaft versagen. Das genau ist der langweilige und abgelutschte Diskurs, in dem sich Klein/Heitmeyer, quasi in einer Form Neuauflage der Diskussion um das Unterschichtenfernsehen bewegen. Dabei entspricht das Item, das als “politische Anomie” gewertet wird, der Realität, wenn ich nicht zur Bundestagswahl gehe, dann werden die Sitze dennoch verteilt und wenn ich zur Bundestagswahl gehe, wird meine Stimme keinen Unterschied machen. Das ergibt sich einfach aus den Mengenverhältnissen. Entsprechend zeigt ein Unterschichtler, der diesem Item zustimmt, wie RATIONAL er ist und wenn ihm diese Rationalität als politische Anomie ausgelegt wird, dann nenne ich das ein Vorurteil über die Unterschicht, ganz davon abgesehen, dass es unglaublich borniert ist.

      zu (3) – okay, Du hast den Text gelesen und behauptest, alle Variablen werden erläutert. Dann poste hier die Operationalisierung von: “Rechtspopulistische Orientierungen”, “Fremdenfeindlichkeit”, “Abwertung Obdachloser”, “Abwertung Langzeitarbeitsloser”. Du wirst bei Deiner nochmaligen Lektüre feststellen, dass Du von den Autoren genarrt worden bist und über der übergenauen Darstellung der unabhängigen Variablen übersehen hast, dass Dir die wichtigsten Variablen, nämlich die genannten, einfach untergeschoben wurden und an keiner Stelle angegeben wird, wie sie gemessen wurden. Das ist wissenschaftliche Unredlichkeit!

      Ich warte ebenso auf Deine Darstellung der Abgrenzung des übrigens “Ökonomistischen” nicht Ökonomischen vom Sozialen. Bin schon richtig gespannt, denn ich habe die letzten Tage mit meiner Frau damit verbracht, darüber zu sinnieren, wie etwas Soziales aussehen könnte, das nicht gleichzeitig “ökonomistisch” ist. Ich teile daher Deine Vermutung, dass Du den Text nicht verstanden hast.

      • Marc says:

        Hallo Michael,

        ich bin keineswegs böse. Insbesondere nicht, da ich ja im Kommentar an einigen Stellen vielleicht im Ton etwas übers Ziel hinausgeschossen bin. Aber wenn man sich gerade “in Rage” schreibt, merkt man das manchmal zu spät. Dafür entschuldige ich mich erst einmal. Du scheinst damit umgehen zu können, danke schonmal dafür.

        So, nun will ich zu deinen Anmerkungen kommen.

        Zu (1) Eine theoretische Begründung liegt nicht immer dann vor, wenn man ich auf jemanden anderes Verweise. Da sind wir uns sicherlich einig. Allerdings gewähre ich den Autoren einen Vertrauensvorschuss. Man kann natürlich soweit zurück gehen, wie es nur möglich ist und dann feststellen, ob diese Hypothesen sich halten lassen oder nicht. Aber das ist mir aktuell nicht möglich. Und dies müsste man dann auch für jedes Gegenargument tun, dass in deinem Blogeintrag auftaucht. Man mag das Blauäugig nennen, aber die Argumentation erscheint mir schlüssig und ich sehe aktuell keinen Grund daran sie anzuzweifeln.
        Dies hat übrigens auch nichts damit zu tun, dass Heitmeyer und Klein nur die individuelle Ebene prüfen. Für diese Prüfung liefern sie im ersten Teil die analytische Begründung.

        zu (2) ich habe keine Behauptung aufgestellt, sondern beschrieben, was die Hypothesen zu prüfen versuchen. Darüber lese ich im Artikel weder Vorurteile noch Borniertheit. Vielmehr geht es um den Hinweis, dass die Lebenslage (im verwendeten Index von Klein und Heitmeyer) mit dem Empfinden politischer Machtlosigkeit zusammenhängt.

        zu (3) Die Definition von Rechtspopulismus findet sich im Text auf Seite 375 in Fußnote 11. Die anderen Konstrukte finden sich in der Reihe “Deutsche Zustände”. Hier ist die Kritik sicher angebracht, dass diese dargestellt sein müssten.

        Zum Begriff des Ökonomischen (der im Blogbeitrag Verwendung findet) kann man das Soziale sicher abgrenzen. Ökonomie soll an dieser Stelle eben die Organisationsform der Produktion und des Tauschs von Waren und Dienstleistungen meinen. Wenn man einem ökonomistischen gesellschaftstheoretischem Ansatz folgt, dann macht der Hinweis sicherlich Sinn. Und der Hinweis, dass es eben so zu verstehen ist, den du in deinem letzten Kommentar gegeben hast, macht das wesentlich deutlicher.

        • Hallo Marc,

          zu (1) Autoren, die auf Habermas verweisen, gewähre ich keinerlei Vertrauensvorschuss, und auch die anderen Autoren, die als “Beleg” angeführt werden, neben Heitmeyer sind das im Wesentlichen Crouch, Tönnies und Plessner zeichnen sich durch alles, aber mit Sicherheit nicht dadurch aus, dass sie jemals empirisch gearbeitet hätten. Entsprechend belegen Klein und Heitmeyer ihre Behauptungen durch ungeprüfte Sätze, die von anderen aufgestellt wurden oder durch die Forschung von Heitmeyer und somit durch sich selbst, das nennt man auch circular reasoning.

          Und das hat sehr viel damit zu tun, dass sie nur die individuelle Ebene prüfen, denn der komplette theoretische Bombast bezieht sich auf die Makroebene aus dem dann Aussagen auf der institutionellen und der subjektiven Ebene abgeleitet werden, fällt die Makrobene, dann fällt der Rest mit.

          zu (2) das ist der Unterschied zu mir, ich sehe, wie ich oben begründet habe, darin nichts anderes als langweilige, ausgelutschte, unfruchtbare und bornierte Forschung, für die man die Steuergelder besser gespart hätte.

          zu (3) Du hast den Text aber gut gelesen… Die Definition ist aber KEINE OPERATIONALISIERUNG. Was die Autoren gemessen haben, wie sie es gemessen haben und welche Reliabilität die Skalen, die sie verwendet haben, haben, bleibt ihr Geheimnis – obwohl selbst AMOS Auskunft darüber erteilt…

          Wenn ich zu meinem Nachbarn gehe und ihn frage, ob er mir Butter leihen kann, weil ich keine zuhause habe und einen Kuchen backen will und ihm zwei Stücke Kuchen bringe, weil er mir die Butter geliehen hat, was ist das dann, eine soziale oder eine ökonomische Beziehung? Wenn man aufhört in den wolkigen Nomialismen zu schwelgen, dann merkt man ganz schnell, dass die Unterscheidung zwischen ökonomisch und sozial Unsinn ist und nur der Brunnenvergifterei dient.

  3. Pingback: Sinn und Unsinn in den Sozialwissenschaften « Kritische Wissenschaft – critical science

  4. Tiemo says:

    Kein Eigentum => Kein Tausch! Keine Waren! Kein (Tausch)wert! -> Kein Geld, keine Profitorientierung! -> Kein Leistungsprinzip! Keine Abwertung von “Nutzlosen”! Keine überflüssige Arbeit!

    Gibt es einen empirischen Beweis für die Notwendigkeit von Tausch und Eigentum?!? Das wir im Moment in einer kapitalistischen Gesellschaft leben ist kein Beweis für die Notwendigkeit dessen!

  5. Pingback: Testen Sie Ihre Verdienstmöglichkeiten! | Kritische Wissenschaft - critical science

  6. Pingback: Land der Phantasten und Affektredner | Kritische Wissenschaft - critical science

  7. Pingback: RaW – Manifest des Rationalen Widerstands | ScienceFiles

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