Arbeitssucht oder: Die Pathologisierung von Freude an der Arbeit und Befriedigung durch Arbeit

Auf den ersten Blick erscheint es wie ein Hohn, dass sich ausgerechnet der (jährlich erscheinende) Fehlzeiten-Report im Jahr 2013 des Themas der “süchtige[n] Arbeitsgesellschaft” angenommen hat, sollte man doch meinen, dass, wer arbeitssüchtig ist, die vergleichsweise niedrigsten Anteile an Fehlzeiten am Arbeitsplatz aufweist.

So geht's: Erst eine Sucht schaffen, dann damit Geld verdienen.

So geht’s: Erst eine Sucht schaffen, dann damit Geld verdienen.

Allerdings werden Themen in Deutschland – wie in vielen anderen Ländern auch – derzeit häufig nicht deshalb behandelt, weil sie nahelägen oder empirisch relevant wären; vielmehr werden Themen behandelt, weil sie zum Zeitgeist passen oder dazu benutzt werden können, gesellschaftspolitische Ziele zu legitimieren und insofern die jeweils gewünschte Stimmung zu machen. Das Thema “Arbeitssucht” darf als ein solches Thema gelten, stellt es die “Sucht” nach Arbeit doch schon rein terminologisch auf eine Stufe mit Drogen- oder Alkoholsucht und weckt es doch Assoziationen von Krankheit, Abhängigkeit und Fatalität für den Lebensalltag von Süchtigen und den Wohlstand der Nation.

In einer Gesellschaft, in der Erwerbsunterbrechungen samt des damit verbundenen Verfalls von Humankapital gut geheißen und auf Kosten der Steuerzahler gefördert werden und gleichzeitig jede Form von Erwerbstätigkeit, die nicht mit einer langfristig gesicherten Einbindung in eine Firma oder den öffentlichen Dienst mit möglichst ebenfalls langfristig vorhersagbarem Arbeitsvolumen und möglichst gleichbleibenden Ansprüchen verbunden ist, als prekär gilt und als dem vielgescholtenen Neoliberalismus geschuldet betrachtet und damit zum Mißstand erklärt wird, in einer solchen Gesellschaft werden Menschen, die gerne arbeiten und viel bzw. über klar geregelte und möglichst kurze Zeiträume hinaus und in Eigenverantwortung arbeiten, insbesondere Selbständige, für die dies Normalitäten sind, wahlweise zu Monstern oder zu bemitleidenswerten, eben weil “prekären” Kreaturen erklärt.

Die Rede von der Existenz einer Arbeitssucht ist geeignet, beides, das Monster und die bemitleidenswerte Kreatur, als die der gerne und viel arbeitende Mensch karikiert wird, miteinander in Einklang zu bringen: die Monströsität des gerne und viel arbeitenden Menschen ist nämlich als aus einer Notlage, d.h. aus dem prekären Erwerbsverhältnis, rekonstruierbar und damit sozusagen entschuldbar, denn das prekäre Erwerbsverhältnis zwingt den Menschen, zu viel und irgendwie falsch oder krankhaft zu arbeiten und eine Sucht nach Arbeit zu entwickeln.

Dagegen ist derjenige, der kein prekäres Arbeitsverhältnis nachweisen kann und einfach viel und gerne arbeitet, kaum entschuldbar; er ist ein Perfektionist oder ein erfolgsorientierter Arbeitssüchtiger (vgl. zu den verschiedenen Typen von Arbeitssüchtigen z.B. Scottl et al. 1997), der seine Arbeit einfach noch besser machen möchte als bisher oder in seinem Arbeitsgebiet erfolgreicher sein möchte als bisher, vielleicht, um irgendwann bessere Arbeitsbedingungen zu haben, die ihm dazu verhelfen können, noch erfolgreicher sein zu können. Er ist in Zeiten der Vereinbarkeitsrhetorik und der Gleichstellungspolitik inklusive ihrer Absage an das Leistungsprinzip ein besonders suspekter Zeitgenosse.

workaholic2Dabei stammt die Vorstellung von der Arbeitssucht aus den späten 1960er-Jahren, genau: aus dem Jahr 1968, und sie wurde von dem Psychologen Wayne E. Oates entwickelt. Er sprach von “workaholism”, um seine eigene Abhängigkeit von seiner Arbeit zu bezeichnen oder jedenfalls das, was von ihm als eine solche wahrgenommen wurde. Seitdem spricht alle Welt von “workaholism” oder “Arbeitssucht”,

  • ohne dass diesem Begriff bis heute eine klare und weithin geteilte Definition zugrundegelegt worden wäre,
  • ohne dass eine überzeugende Begründung dafür vorgelegt worden wäre, warum es eine Sucht oder eine Erkrankung darstellen soll, wenn man mehr als der Durchschnittsmensch arbeitet oder besonders gerne arbeitet,
  • ohne dass es Messinstrumente gibt, die eine Arbeitssucht eindeutig diagnostizieren können und
  • ohne dass – dementsprechend – Klarheit darüber herrschen würde, wie hoch die Prävalenz der ominösen Arbeitssucht ist, so es sie denn gibt bzw. man das Konzept in Ermangelung einer theoretischen Begründung überhaupt als sinnvoll akzeptieren möchte.

Dies alles wird auch im Fehlzeiten-Report 2013 festgestellt. Dennoch wissen die Autoren des Reports ganz genau, dass es Arbeitssucht gibt und die Vorstellung davon sinnvoll ist und dass die Idee es wert ist, ernstgenommen und diskutiert zu werden. Damit stehen die Autoren des Fehlzeiten-Reports nicht allein. Beispielsweise haben Schneider und Bühler im Deutschen Ärzteblatt (2001: A 463) den denkwürdigen Satz formuliert: “Das komplexe Phänomen Arbeitssucht ist trotz zunehmender Relevanz bisher wenig untersucht”. Aha. Schneider und Bühler wissen zwar, dass das einfach als existent vorausgesetzte Phänomen “Arbeitssucht” “wenig untersucht” ist, aber sie dennoch genau, dass es von “zunehmender Relevanz” ist.

Und sie wissen noch mehr: “Häufig fehlt es bislang an dem Bewusstsein, dass es sich bei dieser Sucht um ein ernst zu nehmendes Krankheitsbild handelt und nicht, wie häufig propagiert, um einen positiven Charakterzug oder gar eine Tugend”. Aha. Wer meint, viel zu arbeiten, mache ihm Freude und würde sein eigenes materielles und immaterielles Wohlbefinden, z.B. sein Gefühl der Selbstwirksamkeit, und das anderer Menschen steigern, der ist im Irrtum, denn Schneider und Bühler finden, dass er im Irrtum ist, und Schneider und Bühler haben ihre persönliche Weltanschauung schließlich im Deutschen Ärzteblatt niederlegen dürfen. Dies ist offensichtlich als argumentum ad auctoritatem gedacht, aber als solches ist es eben kein Argument, sondern nur eine persönliche Bewertung der Autoren.

Dass “Arbeitssucht” nicht zu einem sinnvollen Konzept entwickelt werden kann, hat einen einfachen Grund: es ist gegen die empirische Überprüfung an der Realität gleich in mehrfacher Hinsicht immunisiert:

Erstens weiß niemand, was genau “Arbeitssucht” sein soll, so dass jeder empirische Befund nach Belieben so interpretiert werden kann, dass er das Konzept der Arbeittsucht nicht falsifiziert. Definitionen von “Arbeitssucht” sind nämlich weit überwiegend tautologisch, indem sie “Arbeitssucht” z.B. als ein “obsessive need to work” (McGuire 2009: 163) definiert oder als “a progressive, potentially fatal, disorder, characterized by self imposed demands, compulsive overworking, inability to regulate work to the exclusion of most other life activities” (Robinson 1998: 81) oder als “exzessives Arbeiten” (Barth 2011: 44). Oder arbeitssüchtig ist, wer seinem “Arbeitsverhalten verfällt” (Städele & Poppelreuter 2009: 141 ). Kurz: arbeitssüchtig ist man, wenn man arbeitssüchtig ist, auch umschrieben als “von Arbeit besessen” oder einem “Zu-Viel-Arbeiten”. Aber wer legt wie und mit welcher Legitimation fest, was als eine Besessenheit von Arbeit oder ein Zu-Viel-Arbeiten gelten soll? Und damit sind wir beim zweiten Punkt:

worcoholism4Arbeitssucht gilt gewöhnlich als “eine ich-syntone Störung, bei der die ‘Devianzmuster aus der Eigenperspektive zunächst eher selten als störend oder abweichend erlebt werden’ …” (Fehlzeiten-Report 2013: 105)”. Das heißt, der angeblich Arbeitssüchtige verspürt keinen Leidensdruck mit Bezug auf seine Arbeit, und er ist sich nicht bewusst, dass er sich “abweichend” verhält. Dass er von bestimmten Leuten für krank erklärt werden könnte, weil sie es krankhaft finden, wenn er sich abweichend verhält, indem er mehr oder lieber als andere Leute arbeitet, kommt ihm vermutlich gar nicht in den Sinn. Man muss daher prinzipiell bereit sein, als Maßstab für eine Störung oder Erkrankung eine von einer anderen Person festgestellte Abweichung von einem Durchschnittswert zu akzeptieren; die Störung oder Erkrankung besteht dann in der Abweichung vom Durchschnittswert und äußert sich nicht in einem Leidensdruck auf Seiten des Betroffenen.

Messinstrumente, anhand derer “Arbeitssucht” feststellbar sein soll, messen daher entweder eine schlichte Abweichung vom Durchschnittswert oder basieren auf der Annahme, es wäre möglich, ein objektives, d.h. für alle Menschen gleichermaßen angemessenes oder ideales Maß an Arbeit festzulegen, das ja als Voraussetzung für ein Zu-Viel oder Zu-Intensiv gegeben sein muss.

Dies ist aber nicht möglich, weil keine Einigkeit darüber herrscht, was als Arbeit gelten soll und was nicht bzw. wie man Arbeit von Nicht-Arbeit, Freizeit oder was auch immer sinnvoll abgrenzen soll oder kann. Was dem einen als Arbeit gilt, gilt dem anderen als Hobby. Dementsprechend kann “Arbeitssucht” als Phänomen auch nicht sinnvoll eingegrenzt und von anderen Phänomenen abgegrenzt werden. Statt hier für konzeptionelle Klärung zu sorgen, verschieben Arbeitssucht-Forscher das Problem auf die Befragten, wenn sie in einem Messinstrument z.B. nach der Zustimmung zu folgenden Aussagen (Items) fragen: “Ich verbringe mehr Zeit mit Arbeiten als damit, meine Freunde zu treffen oder meinen Hobbies oder anderen Freizeitaktivitäten nachzugehen” (das Item stammt aus der deutschen Version der Dutch Work Addiction Scale (DUWAS), vgl Fehlzeiten-Report 2013, S. 56-59). Oder die Forscher verlassen sich auf Informationen aus zweiter Hand, die wiederum auf subjektiven Interpretationen beruhen wie z.B. durch Erfragen der Zustimmung zu dem Item: “Meine Frau sagt, ich opfere mich zu sehr für meinen Beruf auf” (dieses Item stammt aus einer Skala zur Messung von Arbeitssucht von Schneider und Bühler).

Die Befragten werden schon wissen, wo sie den Unterschied zwischen Arbeit, Hobby und Freizeit sehen, oder die von ihnen berichteten Meinungen von Familienmitgliedern oder anderen Leuten werden als Maßstab akzeptiert. Jedenfalls verzichten die Forscher freiwillig darauf, mit dem, was sie messen wollen, irgendeinen angebbaren Gehalt zu verbinden; das Gemessene wird einfach mit “Arbeitssucht” betitelt, und eine Sucht schreit schließlich nach Behandlung und Prävention, wofür sich trefflich Fördergelder eintreiben lassen.

Weitere Illustrationen der Beliebigkeit hinter der angeblichen “Arbeitssucht” bietet der Fragebogen zur Arbeitssucht, der von Mentzel 1979 entworfen wurde und im Fehlzeiten-Report 2013 vorgestellt wird (was schon zeigt, dass er keineswegs als überwunden gelten kann). Er beinhaltet u.a. die Items “Zeigen Sie auffallendes Selbstmitleid?”, “Vernachlässigen Sie Ihre Ernährung?” und “Haben sich Veränderungen in Ihrem Familienleben ergeben?”, deren Verbindung zu dem, was für den Befragten “Arbeit” ist, bestenfalls als völlig unklar bezeichnet werden kann. Ohnehin dient der Fragebogen nicht der Feststellung von Arbeitssucht, sondern sie wird im Fragebogen zumindest teilweise schon vorausgesetzt wie man an dem folgenden in ihm enthaltenen Item erkennen kann: “Vermeiden Sie in Gesprächen Anspielungen auf Ihre Überarbeitung?”.

Dem Befragten wird also von vornherein und kurzerhand Überarbeitung unterstellt – vermutlich dient dies als Legitimation dafür, dass man ihm diesen Fragebogen zumutet –, und wenn der Befragte keine solche erkennt oder nicht hinreichend unter ihr leidet, dann ist dies ein Indikator für seine Arbeitssucht, womit wir wieder beim oben genannten ersten Punkt angekommen sind, durch den sich das Konzept der Arbeitssucht gegen Prüfung immunisiert.

workaholic3Ein Konzept, das sich gegen seine Überprüfung immunisiert, statt bei seiner Formulierung bewusst Möglichkeiten seiner Überprüfung und Falsifikation zu schaffen, muss eine Glaubensfrage bleiben. Jedenfalls kann es keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben.

Warum wird dann aber versucht, es mit dem Schein der Wissenschaftlichkeit zu umgeben wie dies z.B. im Fehlzeiten-.Report 2013 der Fall ist? Weil Ideologie dann am besten an den Mann und an die Frau zu bringen ist, wenn sie nicht als Ideologie erkennbar wird, und was gilt traditionell als weniger ideologisch als Wissenschaft?!

Wer “Arbeitssucht” schnell und auf einfache Weise als rein ideologisches Konzept erkennen möchte, muss nur kleine Veränderungen in der Formulierung der Items im oben angesprochenen Fragebogen zur Arbeitssucht von Mentzel anbringen und sich dann fragen, auf wie viel Akzeptanz der daraus resultierende Fragebogen zur Familiensucht als einem wissenschaftlichen Konzept stoßen würde.

So könnte man das Item “Versuchen Sie, periodenweise nicht zu arbeiten?” ersetzen durch “Versuchen Sie, sich periodenweise von Aktivitäten mit der Familie freizuhalten?”, um Familiensucht zu messen. Oder man könnte zum selben Zweck das Item “Haben Sie wegen Ihrer Arbeit Schuldgefühle” in das Item “Haben Sie wegen Ihrer Familie Schuldgefühle” ändern. Und die Frage “Wurde Ihnen das Arbeiten zum Zwang?” könnte in die Frage “Wurde Ihnen das Zusammensein mit der Familie zum Zwang?”verändert werden. Schon hätte man ein Instrument zur Messung von Familiensucht.

Wie hoch die Prävalenz für diese durch uns und aufgrund unserer persönlichen Erfahrung – wir haben an uns selbst beobachtet, das wir uns exzessiv oder obsessiv oder _____ (negativ Wertendes nach Belieben hier einsetzen) unseren Familienangehörigen widmen – für real existierend erklärte Sucht ist, bliebe dann zu klären. Aber damit könnte man sich Zeit lassen. Die Prävalenz für das angeblich existierende Phänomen der Arbeitssucht konnte schließlich bis heute – und das bedeutet: seit nunmehr knapp fünf Jahrzehnten – auch nicht festgestellt werden; das ist eben so bei rein ideologischen Konzepten.

Der Leser fragt vielleicht was denn daran falsch oder problematisch oder gar gestört oder krankhaft sei, wenn man sich exzessiv oder obsessiv Familienmitgliedern widmet. Das genau ist der Punkt: nichts – solange man es auf eigene Kosten betreibt, ebenso wenig wie es falsch, problematisch oder gar gestört oder krankhaft ist, wenn man Arbeit über Untätigkeit oder soziales Leben stellt oder sich entschlossen hat, sich mit voller Kraft einer Arbeit zu widmen, die einem wichtig ist, warum auch immer.

Wonach man seinen Lebensalltag orientiert und womit man seine Lebenszeit füllt, ist die eigene Entscheidung. Sie geht niemanden etwas an, und andere Personen sollten diese Entscheidung respektieren, jedenfalls dann, wenn sie ihre eigenen diesbezüglichen Entscheidungen durch andere Menschen akzeptiert sehen möchten. Wer wegen irgendetwas in seinem Leben einen Leidensdruck empfindet, dem steht es frei, Hilfe zu suchen. Aber die Erfindung von substanzunabhängigen Süchten in Abwesenheit entsprechenden Leidensdrucks, um erst einen entsprechenden Leidensdruck zu schaffen, schadet dem arbeitenden Steuerzahler doppelt, nämlich psychologisch und finanziell.

Literatur:

Barth, Volker, 2011: Sucht und Komorbidität: Grundlage für die stationäre Therapie. Heidelberg: ecomed MEDIZIN.

Fehlzeiten-Report, 2013 (Badura, Bernhard et al.): Verdammt zum Erfolg – die süchtige Arbeitsgesellschaft? Berlin: Springer.

McGuire, Gary, 2009: The Secrets of Successful People. New Delhi: Epitome Books.

Mentzel, G. 1979: Über die Arbeitssucht. Zeitschrift für psychosomatische Medizin und Psychoanalyse 25: 115-127.

Oates, Wayne E., 1968: On Being a ‘Workaholic’ (A Serious Jest). Pastoral Psychology 19, 8: 16-20.

Poppelreuther, S. : Kann denn Arbeit Sünde sein? – Von Überstunden und Überallstunden in der modernen Arbeitswelt. S. 101-113 im Fehlzeiten-Report

Robinson, Bryan E., 1998: Chained to the Desk: A Guidebook for Workaholics, Their Partners and Children and the Clinicians Who Treat Them. New York: New York University Press.

Schneider, Christian & Bühler, Karl-Ernst, 2001: Arbeitssucht. Deutsches Ärzteblatt 98, 8: A-463 / B-391 / C-365.

Scottl, Kimberly S., Moore, Keirsten S. & Miceli, Marcia P., 1997: An Exploration of the Meaning and Consequences of Workaholism. Human Relations 50, 3: 287-314.

Städele, Michaela & Poppelreuter, Stefan, 2009: Arbeitssucht – Neuere Erkenntnisse in Diagnose, Intervention und Prävention. S. 141-161 in: Batthyány, Dominik & Pritz, Alfred (Hrsg.): Rausch ohne Drogen: Substanzunabhängige Süchte. Wien: Springer.

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13 Responses to Arbeitssucht oder: Die Pathologisierung von Freude an der Arbeit und Befriedigung durch Arbeit

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  2. meier, hans (kempten) says:

    Treffend, wie meist hier. Und, am wichtigsten: ein Thema aufgespießt, das diffuses Grummeln verursacht, ohne dass es bisher einer so klar benannt hätte! DANKE!

    Eine weitergehende Frage stellt sich mir: Cui bono? Die enormen Mittel, die mittlerweile in Arbeitsvermiesung gesteckt werden (“work-life-balance”, als gäbe es da einen notwendigen Widerspruch gerade in jener höhergestellten Berufsbene, für die diese Balance proklamiert wird – interessanter Weise habe ich noch niemand “work-life-balance” für Müllsortierer, Kanalarbeiter oder ALDI-Verkäuferinnen verlangen gehört), die enormen Mittel also, die in Arbeitsvermiesung gesteckt werden (und auch die Frauenquote, die ja gerne mit “work-life-balance” in Verbindung gebracht wird, gehört hierher), diese enormen Mittel also muss doch jemand einsetzen mit der Erwartung irgendeiner Art von “Gewinn” und Erfolg.

    Da wäre m.E. noch Platz für Nachfragen und Nachdenken.

    Arbeitshypothese: Das Leistungsprinzip steht seit je im Widerspruch zu feudalen Lebensordnungen: Man ist, was man ererbt. Oft ecken Leistungsträger bei den Erben von Besitztiteln an. Die derzeitiige Vermiesung von Arbeit bedeutet ja zugleich eine Lächerlichmachung des Leistungsprinzips. In dieser Kürze ist ein bestimmtes gesellschaftliches Interesse erahnbar.

    Dies nur so, als Diskussionsangebot…

    • a.behrens says:

      Gegenthese: Rund die Hälfte aller Arbeitnehmer in D arbeiten für den Staat. Rund 70% des Einkommens eines Arbeitnehmers werden an den Staat abgeführt. Nimmt man an, dass der Beamte / Staatsangestellte zwar fleißig arbeiten, aber wenig unternehmerisch begabt sind, dann heißt das nichts anderes als das 70% des deutschen Einkommens ineffizient verbraten werden. Die Folge ist, dass über kurz oder lang der Wohlstand eines Landes abnimmt.

      Falls meine These stimmt, müsste es für diesen abnehmenden Wohlstand Indikatoren geben. Zum Beispiel Schlaglöcher die nicht mehr repariert werden, Schulen die verwahrlosen, Vergabe von Professuren an Menschen die nicht wissenschaftlich arbeiten und ähnliches.

      Und damit das Volk nicht murrt, würde ich erwarten, dass das Volk propandistisch daran erinnert wird, dass man nicht jedes Jahr eine neue Jacke braucht und Weißkohl fast genauso gut schmeckt wie Papajas oder Mangos. Das ganze ist jetzt nicht von mir. Ich bin halt in der DDR aufgewachsen und da wurde das so gehandhabt.

      Eigenartig in diesem Zusammenhang ist die in (1) aufgeführte Argumentation des französischen Staats. Die machen sich Gedanken um die sozialen Kosten des Rauchens und wollen den privaten Einkommensverlust den Raucher erleiden durch zusätzliche Steuern ausgleichen. Wenn man sich etwas am Kopf kratzt, bedeutet das nichts anderes als das die Politik Freizeit und Pausen als Straftat wg. vorsätzlichem Reduzierens der Steuer auffasst. Mit anderen Worten: Du Volk, Du bist mein Sklave und hast zu arbeiten.

      (1) http://www.heise.de/tp/artikel/43/43128/1.html

      • Peter says:

        Danke für Artikel zur “Arbeitssucht”. Der Unsinn zeigt sich schon durch das erwähnte Umklappen auf eine ebenso ermittelbare “Familiensucht”. Aber, es stellt sich mir auch die Frage nach dem Warum.

        Den im Kommentar geäußerten Hypothesen vermag ich mich jedoch nicht anzuschließen. So ist bereits die Aussage “Rund 70% des Einkommens eines Arbeitnehmers werden an den Staat abgeführt” schlicht falsch. So gibt das BMF die Belastung des Arbeitslohns mit Steuern und Sozialabgaben unter Berücksichtigung von Transferzahlungen für 2010 zwischen 16,1% und 43,8% an, wobei nach der VGR etwa die Hälfte Abgaben zu den Sozialversicherungen sind, die letztlich zu einer Gegenleistung / Anspruch führen, vgl.:
        http://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Monatsberichte/Standardartikel_Migration/2011/06/analysen-und-berichte/b03-taxing-wages/taxing-wages.html?view=renderPrint
        http://www.sozialpolitik-aktuell.de/datensammlung/2/ab/abbII9.pdf

        Da ich annehme, daß in diesen Darstellungen die Verbrauchssteuern “vergessen” wurden, sind dem durchschnittlich noch gute 8%punkte aufzuschlagen (USt 7,3%).
        http://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_02.c.231565.de

        Damit dürfte die durchschnittliche Belastung mit Steuern und Sozialabgaben zwischen rd. 25% und max. 52% liegen. Das mag man bedauern, aber diese Belastung hat sich über die Zeit kaum verändert, sondern “nur” in der Struktur verschoben. Stichworte: deutliche Senkung des Spitzensteuersatzes, einseitige Anhebung der Sozialbeiträge bei den Arbeitnehmern.

        Meine Gegenhypothese:
        Dem Volk soll dauerhaft (partielle) Arbeitslosigkeit schmackhaft gemacht haben.

        • A. Behrens says:

          Die Steuerhöhe ist hier auf Sciencefiles vor kurzem diskutiert worden. Allein für RV+KV+PF muss mehr als 1/3 des Einkommens abgeführt werden.

          http://sciencefiles.org/2014/05/09/steuerknechtschaft-durchschnittsverdiener-zahlt-mehr-als-50-steuern/

        • Manfred Sachs says:

          Werter Peter, haben Sie da nicht einige grundlegende Faktoren vergessen?

          1. Nur weil es der Augenwischerei dienlich ist und man die Sozialabgaben widersinnigerweise in einen Arbeitnehmer- und einen Arbeitgeberanteil aufteilt – wobei man letzteren gänzlich vor dem Arbeitnehmer verbirgt, ändert das nichts daran, daß auch diese Kosten vom Arbeitnehmer zu erwirtschaften und somit legitimer Teil seines Bruttolohnes sind.

          2. Die Umsatzsteuer wurde zwischenzeitlich um satte 3 Prozentpunkte erhöht.

          3. Zu Lohnabgaben und Umsatzsteuer gesellen sich in Deutschland noch eine Vielzahl von Steuern (welche – was für ein schlechter Witz – die Berechnungsgrundlage für die Ust. erhöhen, sodaß man in D Steuern auf Steuern zahlt) und Zwangsabgaben (z. B. für Staatspropaganda)

          4. Und dann wären da auch noch die Kommunalabgaben…

          Sie sehen, mit Ihren max. 52 % für einen Arbeitnehmer kommen Sie nicht sehr weit.

          Grüße

          M. S.

          • Peter says:

            Zitat: “Sie sehen, mit Ihren max. 52 % für einen Arbeitnehmer kommen Sie nicht sehr weit”

            😀

            Nein, sie sind (fast) eine Punktladung: In dem vom @A. Behrens verlinkten Artikel und dem darin wieder verlinkten Studie[*] werden exakt 52,38% genannt!

            Mein “fast” bezieht sich allerdings nicht auf die Komma-Zahl, sondern auf die darin vorgenommen Abgrenzungen / Definitionen. So werden Beiträge zu den Sozialversicherungen mit als “Steuern” angesehen, sie kommen also nicht oben auf, sondern sind in den rd. 52% bereits enthalten. Hierzulande wird dann von der Abgabenbelastung gesprochen.

            Ich hatte bewußt keinen Durchschnitt gebildet, sondern eine Spanne angegeben, allerdings die Arbeitgeberbeiträge nicht berücksichtigt. Hier sind wieder die Beitragsbemessunggrenzen für Besserverdienende sowie deren Ausweichmöglichkeit auf die PKV zu berücksichtigen. Ich hatte wiederum höhere Verbrauchssteuern (USt) angesetzt.

            Kurz: Durchschnitt ist schwierig, aber deutlich unter 70%” (was mein Asugangspunkt war).

            [*] https://sciencefiles.org/2014/05/new-direction-die-steuerliche-belastung-eines-durchschnittsverdieners-in-den-eu.pdf

  3. meier, hans (kempten) says:

    Klar, ich sehe da aber keinen Widerspruch zu meiner Arbeitshypothese, wenn man Anstellung im öffentlichen Dienst oder gar Verbeamtung mit einrechnet als “angekommen in nicht leistungsgerechten feudalanalogen Verhältnissen”.

    Anders ausgedrückt: Hängematte vs. Leistungsträger.

  4. dielaemma says:

    Seit langem lese ich hier mit großem Interesse die hervorragenden Artikel,vielen Dank an Sie. Als Arbeitstherapeut erlebe ich die Folgen von Suchterkrankungen (Depressionen, Stoffwechselstörungen, Herz- Kreislauferkrankungen, etc.) täglich. Auch Arbeitssucht erlebe ich, wenn auch bisher im Zusammenspiel mit Zwangsstörungen und Medikamentenabhängigkeit (als Wechselspiel). Ich betrachte Arbeitssucht (klinisch) als eine recht gut therarapierbare Erkrankung.
    siehe: http://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/pdf/Veranstaltungen/Fachkonferenz_2008/arbeitssucht_poppelreuter.pdf (bitte nur S.4 – 8, der Rest, naja!)
    Wann ist diese Sucht krankheitswertig? Symptome sind deutlich erkennbar, auch wenn im ICD 10 vernachlässigt. Leidensdruck und Krankheitseinsicht teten erst bei sehr starken Symptomen auf, wie bei allen Süchten. Arbeitssucht, da haben sie völlig recht, ist für Ideologen ein gefundenes Fressen, lässt sich doch die böse Leistungsgesellschaft mit der Unschärfe zwischen Arbeitslust und -Sucht prima greifen.

    • @dielaemma

      Sie überlegen: “Wann ist diese Sucht krankheitswertig?”

      Aber spricht man nicht ohnehin nur dann von “Sucht”, wenn man etwas als mehr oder weniger krankhaft oder als behandlungswürdige Störung kennzeichnen will? Man spricht in vergleichsweise leistungsfeindlichen Kreisen von Arbeitssucht, aber nicht von Faulheit bzw. Freizeitsucht oder Entspannsucht, Familiensucht, Sozialsucht, Gemeinschaftssucht, oder Faulenzsucht oder was auch immer. Sie akzeptieren anscheinend, dass es so etwas wie Arbeitssucht gibt, und Sie halten Sie für eine “recht gut therapierbare Erkrankung”. Aber Sie wissen doch mindestens so gut wie wir, dass es bislang keine auch nur halbswegs vernünftigen Instrumente gibt, so etwas wie “Arbeitssucht” zu diagnostizieren – vorausgesetzt, es gibt so etwas bzw. es ist sinnvoll, ein solches Konstrukt zu formulieren.

      Vielmehr funktioniert das doch umgekehrt: Die Existenz von “Arbeitssucht” wird vorausgesetzt, warum, bleibt ungeklärt. Dann wird mit allen möglichen mehr oder weniger sinnlosen Items versucht, Abweichungen von der eigenen Vorstellung, was ein gutes Leben sei, bei anderen Leuten festzustellen (z.B. “Vernachlässigen Sie Ihre Ernährung?”), so, als würde hierauf nicht nahezu jede/r in irgendeiner Hinsicht “ja” sagen können, und so, als müsse dies irgendetwas mit dem Teil des Tagesablaufs zu tun haben, der mit Arbeit gefüllt wird, damit es zum “Symptom” oder zu den negativen Folgen von Arbeitssucht erklärt werden kann. Ich meine, das spricht doch für sich, d.h. ist offensichtlich absurd. Und selbst, wenn man das ernst nehmen wollte, dann würde sich immer noch die Frage stellen, ob diese “Symptome” oder negativen Folgen tatsächlich als negativ und behandlungswürdig zu werten sind. Wir glauben: nein.

      Und das genau war die Frage, die wir in unserem Text aufwerfen und aus unserer Sicht beantworten wollten: Wenn jemand gerne und viel und mehr als verlangt oder mehr als der Durchschnitt arbeitet und für Arbeit mehr Zeit aufbringt als für, sagen wir: soziale Kontakte, ist das dann umstandslos als eine Sucht bzw. als Störung einzuordnen, oder ist das eine Wahl, die jemand trifft, hinsichtlich der Frage, wie er seine Lebenszeit sinnvoll verbringen möchte, die von anderen Personen als solche zu respektieren ist?

      Sicher, wenn jemand mit Leidensdruck mit Bezug auf Arbeit zu einem Therapeuten kommt und Hilfe sucht, dann soll er sie bekommen, aber gewöhnlich entsteht Leidensdruck im Lebensalltag nicht durch dies oder jenes, sondern durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, und wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann sprechen Sie genau das ja auch an, wenn Sie aus Ihrer Erfahrung schon bei der Symptomatik auf “Zusammenspiel]e]” hinweisen. Wenn also z.B. die Erwartungen der Familienangehörigen an mich und meine eigenen Interessen und Prioritäten in Konflikt geraten und ich bei einem Therapeuten Hilfe suche, warum sollte er dann ggf. Arbeitssucht bei mir feststellen, aber nicht Familiensucht bzw. eine zu starke Fixierung auf das Familienleben bzw. auf die Vorgaben durch den kollektivistischen Zeitgeist? Und warum sollte ein Therapeut es nicht als seine Aufgabe definieren, Menschen dabei zu helfen, ihre Prioritäten zu erkennen und sie als solche anzunehmen, auch dann, wenn es gerade nicht die Familie oder soziale Beziehungen sind? Sicherlich gibt es durchaus Therapeuten, die genau dies tun wollen, aber wird es ihnen nicht schwieriger gemacht, wenn ihnen vage Konzepte von Süchten und Krankheiten wie “Arbeitssucht” vorgegeben werden, aber andere Lebensbereiche oder Tätigkeiten als prinzipiell positiv und gesund oder heilend dargestellt werden?

      Anders gesagt: Das Konzept “Arbeitssucht” ist ein Konzept, das den Zeitgeist wiederspiegelt und ein Verhalten pathologisiert, das zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort als völlig normal betrachtet wird oder als ein positives Verhalten. Und selbst, wenn es zu anderen Zeiten oder an anderen Orten ebenfalls eher negativ betrachtet würde, dann würde man es vielleicht dennoch nicht als Sucht oder als krankhaft betrachten, sondern einfach akzeptieren als eine Art zu leben, die für einen selbst nicht die richtige sein mag, aber anscheinend für andere. Und war das nicht die Grundidee vom Zusammenleben in einer demokratischen Zivilgesellschaft, in der jede/r möglichst weitgehend nach der eigenen Facon leben kann?

      So gesehen ist es schon sehr bemerkenswert, dass von allen Möglichkeiten, das Verhalten von Leuten zu betrachten und zu bewerten, genau diese eine gewählt wird: es zu pathologisieren, einfach, weil es eine Abweichung darstellt. Und wenn vom Mehrheitsverhalten abweichendes Verhalten als solches für krankhaft erklärt wird, dann sehe ich Faschismus, wenn nicht Totalitarismus am Horizont aufziehen.

      Aber in diesem Punkt sind wir uns ja auch einig: Die Idee von der Arbeitssucht ist für Ideologen tatsächlich ein gefundenes Fressen, wie Sie schreiben.

  5. Genugtuung says:

    Das Denunziantentum spiegelt sich selbstverständlich auch im Arbeitsleben wieder (Mobbing, Stalking, Selbstverachtung u.s.w.) 😉

  6. Pingback: Sozialismus 2.0: Die ultimative Form der Abhängigkeit | Kritische Wissenschaft - critical science

  7. Cource says:

    So wie die Thomsengazelle den ganzen Tag mit Revierkämpfen verbringt und dann am Abend völlig geschwächt ein leichtes Opfer der Raubkatzen wird, genau so beklopft sind die Schinderseelen die dann mit mit Beginn der Rente so abgewirtschaftet sind, dass Sie keiner Fliege mehr was anhaben können.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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