Unsinn der Woche: Schulzens Verschwörungsphantasien

Martin Schulz, der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Fraktion im Europäischen Parlament, hat einen Brief geschrieben. Und wer diesen Brief liest, der weiß, was der eigentliche Grund dafür ist, ein Briefgeheimnis rechtlich zu verankern. Leider hat Schulz seinen Brief nicht in der Sphäre des Privaten gelassen, nein, er hat ihn veröffentlicht. Und so weiß nun jeder, was Martin Schulz von “Barroso” will: “Martin Schulz fordert Barroso zum Einschreiten gegen Ratingagenturen auf”.

Im Originalton, den ich niemandem ersparen will:

“Hiermit möchte ich mich bezüglich der Herabstufung einzelner europäischer Staaten durch US-amerikanische und andere Ratingagenturen an Sie wenden. [1] Aus meiner Sicht ist das Verhalten dieser Agenturen nicht hinnehmbar, da derartig spekulative Falschmeldungen, wie sie in den letzten Tagen durch die Presse gehen, den Fortbestand des europäischen Binnenmarkts gefährden, ja, ihn zerstören können. [2] Es fällt auf, dass derartige Meldungen immer einige Tage vor europäischen Gipfeltreffen von Ratingagenturen anscheinend gezielt gestreut werden. Aus meiner Sicht ist dies kein Einzelfall],] sondern basiert auf einem klaren Kalkül der Ratingagenturen, den Standort Europa in bereits schwierigen Momenten noch stärker unter Druck zu setzen.” [3]

Martin Schulz beherbergt in seinem Gehirn eine Verschwörungstheorie, so zusagen die europäisierte und “upgedatete” Variante der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung: US-amerikanische Ratingagenturen (= der Feind) konspirieren mit sich und vermutlich der CIA, dem FBI oder der NSA und  dem Weißen Haus (oder  auch nicht), um Europa und den Europäischen Markt zu zerstören. Dazu lancieren Sie gezielt Meldungen unmittelbar vor europäischen Gipfeltreffen (vermutlich ist damit eines der zwischen 5 und 20 Treffen gemeint, auf denen bislang der Euro gerettet werden sollte – more to come), um Euroländer an den Finanzmärkten zu diskreditieren und den Euro im Wert fallen zu lassen. Damit die Verschwörung nicht auffällt, haben die Verschwörungs-Agenturen zunächst ihre Mitverschwörer, nämlich die USA, in ihrer Kreditwürdigkeit herabgestuft und opfern US-amerikanische Exportvorteile, die durch einen höheren Euro zu erzielen wären, dem langfristigen Ziel der Zerstörung des europäischen Binnenmarkts. Diese Rekonstruktion dessen, was Martin Schulz zu denken scheint, erinnert mich an einen entnervten Ausspruch von Bertrand Russell, der es als nicht erträglich angesehen hat, dass das einzige, was denjenigen, der sich für ein Rührei hält, als verrückt qualifiziert, die Tatsache sein soll, dass er sich in der Minderheit befindet…

Der logische Stellenwert von Schulzens Verschwörungsphantasien befindet sich auf derselben Ebene wie die Klage des Führers einer Terrorvereinigung darüber, dass immer dann, wenn er mühselig einen Anschlag vorbereitet hat, die Polizei die Bevölkerung davor warnt, dass nach ihren Erkenntnissen ein Anschlag bevorsteht.

Im Gegensatz zu Martin Schulz haben Ratingagenturen jedoch feste Kriterien, auf die sie ihre Bewertungen stützen. Die Kriterien kann jeder einsehen, manche der Kriterien haben sich  zuweilen als falsch erwiesen, und deshalb werden die Kriterien und vor allem die Bewertungsmethoden laufend angepasst. Kriterien und ein methodisches Vorgehen haben den Vorteil, dass man Entscheidungen begründen kann und so begründet z.B. Standard & Poors die Entscheidung vom 5. Dezember Deutschland auf “Credit Watch” zu setzen, wie folgt: “The CreditWatch placement is prompted by our concerns about the potential impact on Germany of what we view as depening political, financial, and monetary problems within the eurozone. To the extent that these eurozone-wide issues permanently constrain the availability of credit to the economy, Germany’s economic growth outlook – and therefore the prospoects for a sustained reduction of its public debt ratio – could be affected”.

Anders formuliert, hätte Deutschland weniger öffentliche Schulden als es hat, dann sähe S&P auch keine Gefahr, dass die Verfügbarkeit von Kredit für Unternehmen in Deutschland durch die Eurozonen-Krise in Gefahr geraten würde. Bleibt noch anzufügen, dass die hohen öffentlichen Schulden Deutschlands das Ergebnis von Politikern wie Herrn Schulz sind, die ihre eigenen Phantasien offensichtlich für die Realität missdeuten und Einbildung zur Handlungsbasis nehmen, z.B. die Einbildung, dass man immer höhere öffentliche Schulden anhäufen könne ohne dass damit Folgen verbunden wären – eine Einbildung, die man als public finance bubble oder “public Debtmania” bezeichnen kann.

Das ganze Problem von Martin Schulz lässt sich anhand dessen, was man gemeinhin als Rationalität bezeichnet, verdeutlichen. Verschwörungstheorien sind nicht an sich Unsinn, aber wenn man eine Verschwörungstheorie entwickelt, dann muss man sie mit nachvollziehbaren und prüfbaren Fakten verbinden. An die Stelle rationaler auf Nachvollziehbarkeit gerichteter Argumentation setzt Schulz seine Sicht und reklamiert für seine Sicht Allgemeingültigkeit ohne auch nur einen Grund dafür anzugeben, warum man seine Sicht für richtig halten sollte. Dies zeichnet Ideologen aus, Sie kommen nicht einmal auf die Idee, einen Grund für ihre Sicht anzugeben, denn sie haben doch Recht! Was mich angeht, mir sind Ratingagenturen, die sagen, warum sie zu welcher Bewertung kommen, lieber, und ich halte irrationale Politiker wie Herrn Schulz für die Ursache der derzeitigen Misere, denn die irrationale Schuldenpolitik der letzten Jahrzehnte hat die derzeitige Krise erst möglich gemacht.

 

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