Genderphantasien – Jedem seine eigene Pathologie

Erving Goffman (Goffman & Helmreich, 2007) und Harold Garfinkel (1996) gehören zu den ersten Soziologen, die sich mit Patienten in geschlossenen Anstalten beschäftigt haben, zu den ersten, die versucht haben, die Welt, in der die entsprechenden Patienten leben, zu verstehen. Um einen Einblick in diese Welt zu erhalten, so hat Goffman am Ende einer Reihe von Studien festgestellt, sei es das beste, die Patienten als normal zu behandeln und ihrem Gedankengang zu folgen. Dies aufnehmend hat Harold Garfinkel gezeigt, dass die Handlungen eines Patienten, der der Überzeugung war, von CIA und FBI verfolgt zu werden, ganz rational als Ergebnis dieser Überzeugung erklärt werden konnten. Die Ergebnisse von Goffman und Garfinkel haben einen etwas erschreckenden Beigeschmack, denn offensichtlich ist das, was die Insassen von Irrenhäusern von den Insassen der Außenwelt unterscheidet, die Prämisse, von der aus sie sich ihre Welt basteln. Und während derjenige, der denkt, CIA, FBI, NSI und wer auch immer, sei hinter ihm her, im Irrenhaus landet, laufen diejenigen, die der Überzeugung sind, in einer durch “patriarchalische Geschlechterhierarchien” geprägten Gesellschaft zu leben, frei und außerhalb von Irrenhäusern umher. Der Schrecken, ob dieser Willkür erinnert an das Unwohlsein von Bertrand Russell, angesichts seiner Feststellung, dass das einzige, was denjenigen, der sich für ein Rührei halte, als irr ausweise, die Tatsache sei, dass er sich in der Minderheit befinde. Daraus folgt, wenn man sich in der Mehrheit wähnt oder reklamiert, sich in der Mehrheit zu befinden, dann hat man gute Chancen, der Einweisung in eine geschlossene Anstalt zu entgehen.

Was uns Garfinkel und Goffman auch gelehrt haben, ist die Möglichkeit, Gedanken, seien sie von Insassen oder von Nicht-Insassen, zu entwirren, und zwar ausgehend von der Prämisse, auf der die entsprechenden Gedankengänge basieren. Nehmen wir z.B. den Gedankengang von Ralf Puchert und Stephan Höyng, den sie in einem Text offenbaren, der mit “Männer als Akteure im Gleichstellungsprozess?” überschrieben ist. Der gesamte Text basiert auf der folgenden Prämisse:

Wir leben in einer Gesellschaft, die durch eine patriarchalische Geschlechterhierarchie geprägt ist und in der ein Teil der Männer, Frauen und einen anderen, kleineren Teil von Männern daran hindert, Spitzenpositionen in der Berufswelt und eine entsprechende Bezahlung mit Teilzeitarbeit und Kinderzieherung zu vereinbaren. Denn: Männer wie Frauen wollen nichts sehnlicher als die nächste Generation produzieren und dann (teilzeit) zu Hause sitzen und darauf warten, dass die nächste Generation aus den staatlichen Betreuungsanstalten entnommen werden muss.

Ja. Das also ist die Prämisse von Puchert und Höyng, die beide im Rahmen eines von der Europäischen Union finanzierten Forschungsprojekts mit dem Titel “Towards a new organization of men’s lives – emerging opportunities for gender equality” entwickelt haben. Ich will die Frage, wer dem Gemeinwohl mehr Schaden zufügt, der Insasse, der sich verfolgt fühlt und dessen Aufenthalt finanziert werden muss, oder die Forscher, die Steuermittel verbrauchen, hier nicht beantworten, statt dessen will ich mich der qualitativen Befragung widmen, die Puchert und Höyng mit “40 männlichen Beschäftigten … aus zwei Berliner Senatsverwaltungen” geführt haben.

Ich war nie ein großer Freund qualitativer Sozialforschung, was unter anderem auf einen Vortrag anlässlich des Soziologentags in Halle zurückzuführen ist, bei dem die “Forscher” Ergebnisse der Befragung von sechs Schiffsköchen genutzt haben, um die sechs Köche in fünf Kategorien zusammenzufassen. Derartiger Humbug, der in der Welt der qualitativen Sozialforschung leider nicht selten ist, ist eine Ursache, für meine Probleme damit. Eine anderere Ursache ergibt sich daraus, dass man die Ergebnisse qualitativer Befragungen mit Leichtigkeit normativ belasten kann. Zwar ist der Werturteilsstreit bereits in den 1960er Jahren zu Gunsten von Hans Albert und Ernst Topitsch (dokumentiert 1971 in Albert & Topitsch) entschieden worden, das hindert “qualitative Sozialforscher” aber bis heute nicht daran, die Ergebnisse ihrer Forschung vor dem Hintergrund ihrer eigenen Überzeugungen (oder Ideologien) zu bewerten (zu verzerren). Puchert und Höyng sind hier keine Ausnahme! Sie benutzen ihre Daten, um ihre eigenen Überzeugungen zu illustrieren, geben keinerlei Informationen darüber, wie die Daten gesammelt, welche Frage gestellt, wie die Daten ausgewertet wurden, welche Methode der Auswertung zum Einsatz kam, welchen Erkenntnisfortschritt ihre “Studie” erbringt. All die Einzelheiten, die die wissenschaftliche Lauterkeit so verpflichtend macht, sie fehlen, wie immer wenn das Ziel einer Analyse nicht die Erkenntnis, sondern die Darstellung von Daten in einem bestimmten Licht ist. Und so ist ihre “Studie” lediglich eine Travestie auf wissenschaftliche Forschung.

Um die Ausführungen von Puchert und Höyng zu verstehen, ist es wichtig, sich an ihre oben dargestellte Prämisse zu erinnern, an der entlang ihre Welt wie ein Faden aufgespannt werden kann. Ausgehend von der Sehnsucht nach voller Bezahlung bei halber Leistung, der Sehnsucht nach Elternschaft als Ausdruck höchster Leistungskraft finden die beiden Autoren in ihren Daten die folgenden drei Klassen von Männern:

  • Den “guten Ernährer” in einer traditionell patriarchalen Arbeitskultur. Er ist verheiratet, seiner Frau kommt die Aufgabe der Kindererziehung zu, die zuweilen mit einem Teilzeitjob kombiniert wird. Der “gute Ernährer” ist loyal und ordnet sich in die betriebliche Hierarchie ein (und unter), und er ist zu kritisieren, denn: er vernachlässigt “das Arbeitsklima und soziale Bedürfnisse am Arbeitsplatz” und schafft damit ein “für Frauen üblicherweise schwieriges Klima”. Wie so oft, wenn Genderisten über die Bedürfnisse schreiben, die Männer nach ihrer Ansicht haben sollten, kommen sie bei den Bedürfnissen an, die sie Frauen unterstellen. Wie so oft fragt man sich, ob die Verfasser solcher “Werke”, die in diesem Fall den Namen nach zu urteilen männlichen Geschlechts sind, so wenig mit sich leben können, dass sie versuchen müssen, sich dem anzudienen, was sie als das vom anderen Geschlecht als gut sanktionierte Verhalten ansehen?
  • Die nächste Klasse von Männern, die Puchert und Höyng in ihren Daten entdecken, beschreibt den “Übererfüller in einer männerbündischen Arbeitskultur”. Der “Übererfüller” arbeitet Vollzeit, was ihn bereits verdächtigt macht. Er ist in leitender Position, was ihn noch mehr verdächtig macht, und er trifft sich mit anderen “Übererfüllern” am Stammtisch, um dort Unternehmenspolitik zu machen, was ihn mehr als verdächtig macht. Aber was dem Ganzen die Krone aufsetzt: Der “Übererfüller” will an seinem Stammtisch keine Frauen. Ja, mir haben die Finger gezittert als ich dies getippt habe. Es gibt unter uns Männer, die wollen in bestimmten Zusammenhängen unter sich sein. Unglaublich! Abgesehen davon, so die beiden Autoren, sei jeder “Übererfüller” ein charismatischer Führer. Ja. Auch das. Vermutlich hätte ich es dabei belassen, “Ja” und “Auch das” zu schreiben, hätten Puchert und Höyng diese Einsicht in charismatische Führer und ihre charismatische Herrschaft nicht ausgerechnet Max Weber zugeschrieben. Das hat mich dann doch ärgerlicher gemacht als ich es zu diesem Zeitpunkt sowieso schon war. Nur als kleines Intermezzo: Für Max Weber ist charismatische Herrschaft eine seiner drei Formen legitimer Herrschaft. Er definiert charismatische Herrschaft wie folgt: “Charismatische Herrschaft, kraft affektiver Hingabe an die Person des Herrn und ihre Gnadengaben (Charisma), insbesondere: magische Fähigkeiten, Offenbarungen oder Heldentum, Macht des Geistes und der Rede” (Weber, 1988, S.481). Charismatische Herrschaft wird also über diejenigen definiert, die dem Herrscher folgen, ihn als Herrscher legitimieren, weil sie ihm eine bestimmte Fähigkeit zuschreiben. Webers charismatischer Herrscher wird durch seine Jünger erhöht, er ist nicht derjenige, der die Jünger durch Druck gefügig macht. Ich denke, das ist das Gegenteil zu dem, was Puchert und Höyng implizieren wollen, und es wäre manchmal wirklich wohltuend, wenn die Benutzung der Namen von Wissenschaftlern, die in der Profession mit einem bestimmten Respekt versehen werden, auch mit der entsprechenden Kenntnis einhergehen würde. Dies ist natürlich eine Forderung, die Sorgfalt und Wissen zum Gegenstand hat, und den Anstand voraussetzt, anderer Namen nicht einfach für die eigenen Zwecke zu missbrauchen. Alle drei Charakteristika, Sorgfalt, Wissen und Anstand sind unter Genderisten nachweislich nicht weit verbreitet.  Bleibt noch zu ergänzen, dass die “charismatischen Übererfüller”, die Puchert und Höyng gefunden haben wollen, die Durchsetzung des in der Prämisse der Autoren beschriebenen Idylls verhindern, denn, wie gesagt, sie wollen keine Frauen am Stammtisch und sie wollen Vollzeit arbeiten. Zu dumm!
  • Schließlich sind da die “Zeitpioniere in einer lebenswerten Bürokultur”; der Lichtblick in der geistigen Welt von Puchert und Höyng. Sie machen aus Sicht der Autoren alles richtig. Sie arbeiten normalerweise nicht Vollzeit, sind an einem kooperativen Arbeitsstil interssiert und zeichnen sich durch eine Gabe aus, die Puchert und Höyng offensichtlich hoch schätzen, die wohl auch in Sado-Maso-Gruppen geschätzt wird, die mir aber bislang noch nicht begegnet ist, in der normalen Welt, meine ich: “Hier zeigt sich exemplarisch”, so schreiben die Autoren voller Hochachtung, “auch ein anderer Umgang mit den Gewinnen und Privilegien des Berufs auf der Basis von sozialen Kriterien wie Solidarität. Aufstiegsverzicht zugunsten einer Kollegin, Arbeitszeitverkürzung auch in höheren und gehobenen Positionen sind hier möglich”. Spätestens hier hat mich dann der Zweifel, ob ich es mit einem Text aus einer geschlossenen Anstalt zu tun habe oder nicht, eingeholt. Es adelt also Männer, wenn sie zu Gunsten einer Kollegin auf den beruflichen Aufstieg verzichten. Eine schöne devote Welt, in der die beiden Herren da leben und, ehrlich gesagt, habe ich dazu nichts mehr zu sagen.

Wie man sieht, hat auch die Methode von Goffman und Garfinkel ihre Grenzen, zumindest führt sie mich an Grenzen meiner Erkenntnisfähigkeit (Man kann halt doch nicht aus allem Sinn machen und muss doch den ein oder anderen an Psychiater und Neurologen verweisen). Bleibt mir abschließend noch darauf hinzuweisen, dass die normative Überladung des Textes von Puchert und Höyng dem, dem sie noch nicht deutlich geworden ist, deutlich werden sollte, wenn er sich die Benennung der drei Gruppen von Männern ansieht. Dass Puchert und Höyng den “Zeitpionier in einer lebenswerten Bürokultur” positiv bewerten und die “Übererfüller” und den “guten Ernährer” (Biedermänner zu schreiben, haben sich die Autoren nicht getraut) nicht, dürfte deutlich sein. Dass die Bewertung der Autoren die gesamte Darstellung ihres “Datenmaterials” durchzieht, ja den Daten Gewalt antut, ist offenkundig und wäre ich einer der “Übererfüller”, die von Puchter und Höyng befragt und dann diffamiert wurden, ich würde meine hegemoniale rechte Faust zum Einsatz bringen, würde mir einer von beiden über den Weg laufen.

Dieses Werk verdanken wird der Europäischen Union, die den Verein “Dissens”, der sich als “DISSENS mit der HERRschenden Männlichkeit” beschreibt, finanziert. Dissens ist einer der Vereine, die sich wie ein Speckgürtel um das BMFSFJ angelagert haben und von dem zehren, was u.a. ESF und BMFSFJ an finanziellen Wohltaten zu geben haben. Darüber habe ich bereits an anderer Stelle berichtet. Zudem zeigt bereits die Benennung dieses Vereins im Dissens mit der herrschenden Männlichkeit, warum der Beitrag von Dr. habil. Heike Diefenbach, in dem sie zeigt, dass es kein Patriarchat gibt, nie gegeben hat und dass alles eine Erfindung von (irren?) “Linken”, insbesondere von Friedrich Engels ist, die auf dessen vollständiger Fehlrezeption von Arbeiten, die er nur vom Hörensagen kennt, basiert, zu so erschreckten Reaktionen in den Reihen der Genderisten geführt hat. Setzte sich durch, dass es kein Patriarchat gibt, dass alles eine staatsfeministische Inszenierung ist, dann hätte die lebenswerte Bürokultur der Zeitpioniere, das Teilzeitarbeiten und Verbrauchen von Steuermitteln, die vermutlich von den als “Übererfüller” und “guten Ernährern” Verspotteten bereitgestellt werden, nämlich ein Ende.

Literatur:

Albert, Hans & Topitsch, Ernst (1971)(Hrsg.). Werturteilsstreit. Frankfurt: Wissenschaftliche Verlagsanstalt.

Garfinkel, Harold (1996). Studies in Ethnomethodology. New York: Polity Press.

Goffman, Erving & Heimreich, William B. (2007). Asylums: Essays on the Social Situation of Mental Patients and Other Inmates. New Brunswick: Aldine Transaction.

Weber, Max (1988). Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen: J.C.B. Mohr.

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7 Responses to Genderphantasien – Jedem seine eigene Pathologie

  1. …. ja, es ist schwierig, angesichts des anhaltenden Schwalls von Wortemissionen und dem anhaltenden Bearbeitet-Werden auf dem ideologischen Amboss geistig gesund zu bleiben und sich sein Urteilsvermögen zu bewahren. Insofern hoffe ich, dass Du, lieber Michael, diesen Text der beiden “Zeitpioniere” nur aus Versehen in die Kategorie der “normalen” bzw. immerhin noch “normaleren” Beiträge eingeordnet hast statt in die Kategorie des “Unsinns der Woche”!?!

    Angesichts desse, was “Zeitpioniere” von sich geben, könnte man auch überlegen, ob man eine Kategorie “Unsinn des Jahres” oder “Unsinn des Jahrzehnts” einrichtet – was hältst Du davon?

    Leider besteht aber immer die Möglichkeit, dass irgendwo irgend jemand tatsächlich meint, aufgrund der “Aufmachung” solcher Texte hätten sie irgendetwas mit Sozialwissenschaften zu tun, und dem kann man nicht oft genug und nicht deutlich genug widersprechen.

    Also: Was die “Zeitpioniere” in ihrer “Bürokultur” (wohl aus Langeweile ob der Verweigerung jeglicher Aktivität, die entfernt an Leistung erinnern könnte) für die lesende Welt außerhalb der “Bürokultur”, also in der realen Welt, angerichtet haben, HAT NICHTS, aber auch GAR NICHTS mit Sozialwissenschaften zu tun. Das brauche ich nicht zu begründen; wollte ich es tun, müsste ich ein 13bändiges Werk verfassen. Es ist viel einfacher (und zeitsparender – ich bin keine “Zeitpionierin”!), darauf zu warten, dass jemand verschroben genug ist, um auch nur eine einzige Begründung dafür vorbringen zu wollen, dass so ein Werk in irgendeiner Hinsicht wissenschaftlich sein sollte.

    Immerhin illustriert besagtes Werk, wie ich finde, sehr gut einen Punkt, den ich im dritten Teil meines Textes über die Idee vom “Patriarchat” deutlich machen wollte, dass nämlich, wer vom “Patriarchat” oder – derzeit viel beliebter – von “patriarchalischen Strukturen” schreibt, damit einfach nur seine Ablehnung von Leistung, Einsatz, Wettbewerb und Gerechtigkeitsprinzipien zum Ausdruck bringen will, die damit als irgendwie “männlich” attribuiert werden (obwohl sie damit rein sprachlich doch als “väterlich” attribuiert werden). Und wie wir alle wissen, ist aus Gründen, die derzeit niemandem einfallen, die aber trotzdem ganz bestimmt da sind (oder?!?) alles, was “männlich” ist, schlecht und muss überwunden werden.

    Was im Text der “Zeitpioniere” steht, ist doch ganz einfach, dass gleichgestellt werden solle, was ungleich ist, also alle mit allen und alles mit allem gleichgestellt werden soll/en, und zwar unabhängig von einfach ALLEM. Gleichstellung begründet sich selbst und weiht sich selbst, Gleichstellung ist “gut”, also irgendwie weiblich – und damit Schluss!

    Und wer, bitte, soll und kann solche grandiosen Tiefflüge ernst nehmen?

    Dabei ist Gleichstellung wichtig – für manche. Gleichstellung ist nämlich, wenn Leute, ohne einen Deut mehr zu tun als derjenige, der am allerwenigsten tut, möglichst genauso viel oder mehr aus denjenigen herausschlagen können, die noch nicht so “gleichgestellt” sind, dass sie schon genauso wenig tun würden wie diese Leute selbst.

    Theoretisch kompetenter formuliert: Gleichstellung ist, wenn Trittbrettfahrer ihre Überlebensprobleme dadurch “lösen”, dass sie an den Gewinnen, die andere durch ihre Lebensweise bzw. durch die Spezialisierung in ihrem Leben erzielt haben, in dem Maß partizipieren, als hätten sie selbst durch Spezialisierung zur Gewinnmaximierung beigetragen.

    Dass sich Trittbrettfahrer als “Zeitpioniere einer (für sie selbst) lebenswerten Bürokultur” bezeichnen, ist immerhin ein innovativer sprachlicher Akt – oder ist das einfach nur zynisch? Bedeutet “Zeitpionier einer lebenswerten Bürokultur”, dass man zwar keine Zeit, geschweige denn: Arbeit, investiert, aber von den Positionen, die mit “white collar jobs” verbunden sind, profitiert, so dass das Trittbrettfahrer-Leben “lebenswert” wird?

    Für Mancur Olsen waren Trittbrettfahrer noch ein Problem. Darauf, dass er sie einfach mit Nicht-Trittbrettfahrern hätte gleichstellen können, ist er nicht gekommen – darauf kann man wohl nur in einem gesellschaftlichen Klima kommen, in dem sich Rühreier wie Wissenschaftler vorkommen können.

    Aber was soll’s – als Übererfüllerin patriarchalischer Strukturen (oder sind die dann matriarchalisch???) habe ich anscheinend doch wenigstens Charisma. Fragt sich nur, wozu das gut sein soll, wenn wir alle “gleichgestellt” sind….

    • “…dass Du, lieber Michael, diesen Text der beiden “Zeitpioniere” nur aus Versehen in die Kategorie der “normalen” bzw. immerhin noch “normaleren” Beiträge eingeordnet hast statt in die Kategorie des “Unsinns der Woche”!?!

      Angesichts desse, was “Zeitpioniere” von sich geben, könnte man auch überlegen, ob man eine Kategorie “Unsinn des Jahres” oder “Unsinn des Jahrzehnts” einrichtet – was hältst Du davon?”

      Liebe Heike,
      ja, das habe ich mir auch überlegt, diesen Schwall unter Unsinn der Woche zu stellen, aber dann habe ich mich zur Ordnung gerufen, denn im Unsinn der Woche steht normaler Unsinn, kein irrsinniger Blödsinn… So betrachtet, müsste ich noch eine neue Kategorie “Neues aus der Klapse” oder so, einrichten.

      Auf der anderen Seite legen Deine Ausführungen zum Trittbrettfahren den Verdacht nahe, die beiden Herren wären gar nicht als Rührei unterwegs, sondern zweckrational und auf die Maximierung ihres Nutzens ausgerichtet. Nun haben wir/die beiden die Wahl – sind die einfach irre oder sind sie so unverfrohren, dass sie ganz öffentlich versuchen, in ihrer Bürokultur an der Mehrleistung der “Übererfüller” zu schmarotzen?

  2. Seid ich diesem Blog folge, tendiere ich auch immer mehr dazu mich verfolgt zu fühlen. Wenn man – überzeugend – vorgeführt bekommt, wie Propaganda (wie soll man sonst solche Arbeiten nennen) institutionalisiert wird, dann kann einen schon leichte Paranoia überkommen. Mir geht es jedenfalls so und ich entdecke nun mittlerweile überall seltsame “Wissenschaft”. Zuletzt rang ich noch um Verständnis bei einem Blogeintrag des Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch [1] “Ringen um Verständnis”, bei dem es auch um eine Anwendung einer “soziologischen” Arbeit geht, die ich letzten Endes kaum anders interpretieren kann, als den Versuch über Sprachregelungen Gedankenkontrolle auszuüben. Genderisiertes Neusprech.

    [1] http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog/kultur/2012-08-13/ringen-um-verstaendnis

  3. Michel Houellebecq says:

    Mit Ihnen hat die Männerrechtsbewegung einen eloquenten, agilen und klaren (Vor)denker dazu gewonnen, an dem sich ideologisierte Geister noch die Zähne ausbeissen werden.

    Ich bin zwar nicht immer mit Ihnen einverstanden, aber die Stringenz ihrer Analysen ist im allgemeinen bestechend.

    Sie reisen im November nicht zufällig in die Schweiz?

  4. Mo says:

    “Der “Übererfüller” arbeitet Vollzeit, was ihn bereits verdächtigt macht.”

    Nun, ich würde dieses Verhalten zwar nicht als verdächtig bezeichnen, wohl aber als auffällig.
    Ich finde es halt auffällig, dass der Mann seit Generationen dieses Verhalten an den Tag legt. Wann immer es möglich ist arbeitet der Mann in Vollzeit. Es muss doch mal erforscht werden, wieso er das tut.

  5. Das Problem solcher Befragungen ist es, dass lediglich Interviews geführt werden. Wie die Personen jenseits der Interviewsituation handeln, bleibt unbehandelt. Es wird also nur festgehalten, wie Leute über etwas reden. Aber handeln sie auch so, wie sie reden? Das wissen die beiden Autoren nicht. Die einzige Handlung, die sie wahrnehmen, ist die Interviewsituation.

    Zweitens fehlen in Interviews die sozialen Zusammenhänge. Kein Typ einer Person ist isoliert, er existiert nur in Beziehungen und in diesen formt er sich auch. Aber weil diese Beziehungen nicht beobachtet und beschrieben werden, wird auch nicht klar, wie diese Typen entstehen. Die Typen werden gar nicht erst verständlich. Warum gibt es sie (vorausgesetzt, es gibt sie wirklich und sie sind nicht lediglich Konstruktion der Autoren)?

    Hier müsste man sich doch mit “harten” Fakten auseinandersetzen, z.B. einer bestimmten Arbeitsorganisation. Wie kann man Arbeit effektiv organisieren und welche Folgen hat Arbeitsteiligkeit für die Beziehungen der organisierten Menschen? Aber das ist ja im weitesten Sinne “Technik” und daher nicht sonderlich beliebt bei vielen Kollegen. Nur gebiert eben eine arbeitsteilige rationale Arbeitsweise bestimmte Rollen, die vermutlich auch Typen hervorbringt wie den vollzeitarbeitenden Mann. Das kann man sicher auch gestalten, wenn es einem nicht gefällt. Aber man muss das dann auch als ökonomisches Problem behandeln: Welche Arbeitsergebnisse will ich haben und mit welcher Methode kann ich sie erreichen? Nur wenn man das ausblendet, kann man solche Rollen- oder Personentypen so einfach freihändig bewerten.

    Dass sie höchst normativ konstruiert sind, ist ja oben schon beschrieben worden. Der jeweilige Typ wird also gemessen an einem wünschenswerten Ideal. Erklärt wird nichts, es wird nur vermessen und bewertet. Das klingt dann eher nach Marktforschung, nämlich nach der Bestimmung von Zielgruppen für das jeweilige Beglückungsprogramm.

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Graben zwischen qualitativ und quantitativ nicht existiert. Die Wahl der Methode hängt von der Fragestellung ab.

  6. Pingback: Unsinn der Woche: Ute Scheub klärt uns über das Patriarchat auf « Kritische Wissenschaft – critical science

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