Wissenschaftsfeindlich und differentialistisch: Genderisten und ihr Verhältnis zur Wissenschaft und zu Andersdenkenden

ein Nachtrag zu den (Ent-/)Äusserungen des Herrn Köhnen.

von Dr. phil. habil. Heike Diefenbach

Wenn ich die (Ent-/)Äusserungen des Herrn K. heute Revue passieren lasse, dann dominiert nach wie vor der Eindruck der Peinlichkeit. Trotzdem wird mir erst heute richtig klar, wie bemerkenswert der Satz des Herrn K. ist:

“Offensichtlich verfolgen die Gender-Gegner … mit dem Unwissenschaftlichkeitsvorwurf das Ziel, dass das Fach [Genderismus] von den Universitäten verschwinden soll” (Köhnen 2013: 42).

Das ist die beste Illustration des Verhältnisses von Genderisten zur Wissenschaft, die mir jemals vor Augen gekommen ist:

Aly unser kampfEs ist Genderisten schlichtweg nicht vorstellbar, dass es Leute geben könnte, die sich nicht für “Gender” interessieren, sondern für Fragen der Verteilungsgerechtigkeit und vor allem dafür, dass die Wissenschaft nicht vollständig vor die Hunde geht und DESHALB den Unwissenschaftlichkeitsvorwurf erheben, der die Forderung nach Schließung von Gender-Leerstühlen als natürliche Folge hat.

Unter dem Damokles-Schwert der Streichung von Stellen und Geldern im Bereich “Gender” richten die Genderisten ihren kurzsichtigen Blick auf eben diese Streichungsmöglichkeit – und sonst nichts.

Genderisten schließen von sich auf andere Leute: Ganz so, wie sie selbst “Wissenschaftlichkeit” bloß als Floskel im Kampf um Stellen und Gelder benutzen, unterstellen sie anderen Leuten, sie würden den Unwissenschaftlichkeitsvorwurf nur erheben, um die Streichung von Stellen für Genderisten zu fordern, sozusagen als Selbstzweck, nicht, weil diese Stellen in der Mehrzahl leider die Idee der Wissenschaft pervertieren.

Das sagt doch eigentlich alles, was es über Genderisten zu wissen gibt.

Oder doch nicht?

Nein. Sie sind nicht nur Opportunisten, denen Wissenschaft egal ist, sondern sie sind wissenschaftsfeindlich, und sie sind Differentialisten, ganz so wie Rassisten, die erstens in ihrer Ideologie pauschal Unterschiede zwischen Gruppen von Menschen (hier: Geschlechter, früher: Rassen) behaupten (von “Intersektionalität” keine Spur!) und zweitens grundlegende, essentielle und daher unüberbrückbare Differenzen zwischen sich und denjenigen behaupten, die sie als ihre Gegner wahrnehmen.

Dass Genderisten nicht anders können als Leute, die die Genderisten außerhalb ihrer ideologischen Sekte verorten, als “Gender-Gegner” zu bezeichnen, ist vielleicht die deutlichste Illustration der latenten Menschenverachtung und der latenten Aggression gegen Andersdenkende, die sie auszeichnet. Das erinnert doch sehr stark an das, was die Genderisten so gerne als rechtsradikales Gedankengut brandmarken: Wer nicht im Wolfspack mitheult und mittrabt, der ist “Fremder” und Feind – schlicht und einfach. SEHR schlicht und SEHR einfach!

TaguieffVor diesem Hintergrund verwundert es doch wirklich nicht, wenn sich Intellektuelle und Wissenschaftler wie Pierre-André Taguieff oder Götz Aly gegen das

“funktionale Überbleibsel eines ideologischen Apparats, der in the 1930er-Jahren in Erscheinung getreten ist, um das nationalsozialistische Regime zu bekämpfen”

wie Tuguieff (2001: 231) sagt, (wobei die Übersetzung vom Englischen ins Deutsche von mir stammt) wenden.

Götz Aly bemerkt auf Seite XIII im Vorwort zu seinem Buch “Unser Kampf 1968” (2009):

“Derartige, nicht zufällige Fehlleistungen und Nicht-Reaktionen [von denen er vorher einige beschreibt, die ich hier jetzt aber aus Zeit- und Platzgründen nicht wiedergeben will] dokumentieren hinreichend, dass zwischen den deutschen Achtundsechzigern und Hitlers jungen Leuten von 1933, den Dreiunddreißigern, historische und familiengeschichtliche Bande bestanden. Sozialisationswissenschaftlich betrachtet erscheint die Feststellung banal. Die Kontinuitäten mussten bestehen”.

Ich fürchte, Aly hat Recht.

logic-will-prevail2Aber dann gibt es logischerweise auch historische und familiengeschichtliche Bande und Kontinuitäten mit Bezug auf diejenigen, die auch (oder vielleicht muss man sagen: sogar) in Deutschland Widerstand gegen ideologische Übernahmen gezeigt haben und für die Vernunft eingetreten sind.

Literatur:

Aly, Götz. 2009. Unser Kampf 1968. Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag.

Taguieff, Pierre-André. 2001: “On Antiracism. Ideal Type, Ideological Corruption, Perverse Effects”. S. 230-258 in: Taguieff, Pierre-André: The Force of Prejudice: On Racism and Its Doubles. Minneapolis: The University of Minnesota Press.

Weiterführende Beiträge auf ScienceFiles:

  1. Die ewigen Dummchen: Das Frauenbild des Genderismus
  2. Der totale Genderismus
  3. Der Biologismus hinter der Frauenquote
  4. Die Opferrhetorik der Genderisten: Eine Erklärung
  5. Das Patriarchat
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7 Responses to Wissenschaftsfeindlich und differentialistisch: Genderisten und ihr Verhältnis zur Wissenschaft und zu Andersdenkenden

  1. Der Unwissenschaftlichkeitsvorwurf enthält ja die Möglichkeit, daß ein unberechtigter Vorwurf erhoben wird. Warum auf diese Diskussion einlassen?
    Es ist doch ganz einfach. Die Genderei nennt Definitionen, Theorien, Thesen, Fakten, empirische Funde, Methoden… — und dann sehen wir weiter. Alles andere ist Zeitverschwendung!
    Die Genderei hat ihren Anspruch, als Wissenschaft ernstgenommen zu werden, zu untermauern, nicht umgedreht.
    Es ist nicht Aufgabe der Universitäten, jeden ideologischen Furz aufzuschnüffeln und auf Wissenschaftlichkeit zu prüfen. Wo käme man da hin? Da könnte ja jeder kommen! Das sind zwei alte beliebte Argumente. Probieren wir sie doch hier mal aus.

    Carsten

    Häkeln gegen Atomkraft

    • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

      @Carsten Thumulla,

      ich denke, dass es ein großer Fehler war und ist bzw. wäre, wenn man sich auf die rhetorischen Figuren und Pseudo-Argumente, die Genderisten (und andere Ideologen) im öffentlichen Diskurs zu verankern versuchen, NICHT einlassen würde und sie als eben das ausweisen würde, was sie sind: rhetorische Figuren und Pseudo-Argumente. Naja, jedenfalls auf einige von ihnen; manche sind wirklich so absurd, dass man nicht weiß, was man überhaupt dazu sagen soll.

      Im Prinzip kann ich Ihre Haltung verstehen, aber das (empirische) Beispiel der letzten Dekaden hat gezeigt, dass es nun einmal nicht funktioniert, sich zurückzulehnen und abzuwarten, ob und wann die Ideologen ihren Ansprüchen gerecht zu werden gedenken.
      Nicht jeder hat Zeit und Lust, selbst zu recherchieren und prüfen, inwieweit die Dinge, die im öffentlichen Diskurs herumschwirren, Unsinn sind oder kein Unsinn sind. Und wenn es nicht der Job von Sozialwissenschaftlern ist, klarzustellen, wo Meinungen, Ideologien oder auch nur schlichtes dummes Gerede aufhört und wo ihre Wissenschaft beginnt, dann weiß ich nicht, wessen Job es sein soll. Sozialwissenschaftler werden in der Regel auch vom Steuerzahler bezahlt, also können sie etwas an ihn zurückgeben, oder?

      Nehmen Sie das Beispiel “Patriarchat”. Jede Menge Leute haben gedacht, dass das irgendwie schon einen realen Kern habe, denn sonst würde ja nicht überall als Tatsache davon gesprochen. Und wenn sie sich erst einmal an solche Begriffe gewöhnt haben, dann mutiert die vermeintliche Realität ganz schnell zur tatsächlichen Realität bzw. Tatsache, und aufgrund der “Tatsache” kann man dann alle möglichen Maßnahmen, Projekte usw. fordern und deren Finanzierung begründen, die niemandem nützen außer denen, die Stellen im Rahmen dieser Maßnahmen und Projekte bekommen und ihrerseits wieder damit beschäftigt sind, zu legitimieren, was sie da machen, um ihre Stelle zu erhalten und – weil das Projekt irgendwann ausläuft – noch mehr solche Stellen zu schaffen. Das ist doch eigentlich ein leicht durchschaubarer Mechanismus – vor allem. da wir doch alle während der letzten Dekaden Zeitzeugen genau dieses Mechanismus gewesen sind.

      Ich möchte diesem Mechanismus entgegenwirken als Mensch, als Sozialwissenschaftlerin und als Liberale. Zurücklehnen und Wegschauen hilft nicht; das sollten alle Deutschen seit dem 3. Reich und seit der DDR wirklich wissen.

      • Klar, man muß gegenhalten und Unsinn Unsinn nennen. Aber auch da muß man effizient vorgehen und darf sich das Handeln nicht diktieren lassen. Das wäre gegeben, wenn man nur fremde Kötteln einsammelt. Man muß den Handlungsdruck vorgeben:
        Definitionen?
        Nix? Pech gehabt!
        Theorien?
        Nix? Pech gehabt!
        Thesen?
        Nix? Pech gehabt!
        Fakten?
        Nix? Pech gehabt!
        empirische Funde?
        Nix? Pech gehabt!
        Methoden?
        Nix? Pech gehabt!
        (siehe Danisch, der hat den Laden komplett zersägt)
        Es muß Standardverhalten der Universitäten werden, wer nichts vorweisen kann, der bekommt kein Geld mehr und die Lehrstühle vor die Tür gestellt.

        Ja, Ideologien und Unsinn verfestigen sich. Nur mal als Beispiel das Wort Kapitalismus, das jeder im Munde führt, ohne zu berücksichtigen, daß es Teil der Klassentheorie ist oder neu definiert werden müßte.
        Man kann aber den alten Abraum nicht neu durcharbeiten. Die Litteratur(sic) ist nicht mehr zu bewältigen. Nur neue klare Ansätze sind möglich und beherrschbar.

        Eigentlich wären die Lehrstuhlinhaber diejenigen, die die Bastion halten müssen. Die sind aber zum Teil schon verloren.
        Es ist ein Prozeß der Verselbständigung, den Sie beschreiben. Genau so ist es. Die “Erdung” geht verloren, die Orientierung an den Fakten. Das System stellt sich selbst die Kriterien seiner weiteren Entwicklung — eine fatale Rückkopplung — ein prinzipielles Problem jeder Entwicklung, jeder!

        Ja, man darf die Stammtischhoheit nicht Schwätzern überlassen. Ist es nicht schon zu spät? In den mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Fächern nicht. Diese Bastion muß gehalten werden! Und sie muß ausgebaut werden. Diese ganzen Modefächer müssen schrumpfen, wenn das nicht katastrophal enden soll.
        Eigentlich könnte man aus der Konzentration der arbeitslosen Berufe deren Bedarf ableiten. Wer das ausbildet, was zu Arbeitslosigkeit führt, der wird abgebaut. Anders geht es nicht.

        In Bezug auf die DDR haben Sie recht, eine blanke Ideologie, die jeder ernsten Nachfrage aus dem Weg ging und sie abblockte. Das Dritte Reich war auch eine Ideologie. Dazu wird aber gern die Entstehungsgeschichte vergessen. Es war auch keine so geschlossene Theorie, wie sie der Wissenschaftliche Kommunismus zu sein vorgab. Das sind schon Unterschiede. Ebenso entzieht sich die Genderei jeder ernsten Nachfrage. Alle angesprochenen “Theorien” sind freiheitsfeindlich. Das ist das Hauptproblem.

        Inzwischen macht sich die Genderei allgemein lächerlich. Das läßt hoffen.

        Es geht nicht um Wegschauen sondern um effektiven Kräfteeinsatz. Statt Exzellenzuniversitäten zu benennen sollte man eine Liste veröffentlichen, die die Prozentsätze der nützlichen und der Junkfächer wiedergibt. Eine einfache Auflistung der Fächer und ihrer Umsätze in Geld und Studenten reicht schon, um sich einen Eindruck über die Anstalt zu verschaffen.

        Carsten

        FSK 12: Der Gute kriegt das Maedchen.
        FSK 16: Der Boese kriegt das Maedchen.
        FSK 18: Alle kriegen das Maedchen.
        Christoph Schmitz

  2. Ein schöner Text, der die Wissenschaftsfeindlichkeit der Gender Studies deutlich macht, findet sich auch hier:
    http://heroinefor1day.wordpress.com/2013/07/10/f-you-i-wont-do-what-you-tell-me/

    • qed says:

      Ist das alles wirklich wahr? Gibt es das an den Universitäten dieses Landes heutzutage? Als “Wissenschaft”?
      Wenn das wahr ist- warum geht keiner hin und schlägt dem beschriebenen Kretin den Schädel ein?

      Es kann gar nicht mehr anders sein: Wir sind im freien Fall in die Verblödung.
      Das ist mehr als nur ‘rent seeking’ von zeitgeistdominanten Ideologen. Das ist vorsätzlicher Genozid durch flächendeckende Enthirnung!

      Ceterum censeo Carthaginem esse delendam!

      • Etwa Mitte der ’90er stellte sich mir die Frage, verblöde ich oder verblödet Deutschland? Inzwischen habe ich mich beruhigt, was mich betrifft. Was mit Deutschland geschieht kann jetzt jeder selbst bewundern. Wir gehen auf interessante Zeiten zu — steht zu befürchten.

        [CcCed]
        Ja, vielleicht ist das Absicht.

        Carsten

        Wen die Götter verderben wollen, den treiben sie zunächst in den Wahnsinn.

  3. Erzet says:

    Einfach nur mal Danke! Dass sich hier kompetente und intelligente Kritik an dieser unsäglichen Genderei findet – die ist (in Anlehnung an Karl Kraus) so falsch, dass noch nicht einmal ihr Gegenteil wahr ist. (Aber jetzt verlangen Sie bitte nicht den Zitatnachweis, der Fackel-Reprint ist > als ein halber Meter). Weiter so!

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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