Ein Stück Wissenschaftsgeschichte

Medicine Lake, Jasper, Alberta

Heute präsentieren wir den Lesern dieses blog ein Stück Wissenschaftsgeschichte. Es handelt sich um den ersten wissenschaftlichen Artikel, den Dr. habil. Heike Diefenbach und ich zusammen verfasst haben. Der Beitrag, der schnell zu einem Umfang gewachsen ist, der jede Möglichkeit seiner Publikation in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zerstört hat, hat dennoch viel Stoff zu Diskussionen und zum Philosophieren bereit gestellt.

So hat sich die damalige Herausgeberschaft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (KfZSS) über der Frage, ob dieser Mammuttext in der KfZSS veröffentlicht werden soll, zerstritten, und wir hatten viel Spass mit dem damaligen Redaktionsleiter der KfZSS, Heine von Alemann, über die vierte Form des Suizids, die Emile Durkheim unterschieden hat, zu debattieren. Letztlich ist der Text in einen Vortrag auf dem Kongress der International Sociological Association (ISA) in Montréal gemündet, hat einige dauerhafte Verbindungen mit Soziologen hergestellt und darüber hinaus zu einem wirklich sehr schönen Urlaub in den Kanadischen Rocky Mountains geführt.

Also: Ein wahres Stück Wissenschaftsgeschichte, das sich mit der Frage beschäftigt, wie eine Rational-Choice Erklärung theoretisch modelliert werden kann bzw. muss. Und dies, man glaubt es kaum, ist eine Frage, über die sich die Wissenschaftsgemeinde vor 2000 noch streiten konnte, und wie sie sich streiten konnte…

Hier die Zusammenfassung des Beitrags mit dem Titel

“Die Gewinnung von Brückenhypothesen und der Streit um die nomothetische versus idiographische Methode”.

Zusammenfassung:

Brückenhypothesen spielen eine zentrale Rolle in rational-choice Erklärungen, weil sie die Bedingungen formulieren, unter denen ein explanandum durch die Gesetze der rational-choice Theorie erklärt werden kann. Insofern sind Brückenhypothesen bei gegebenem explanandum die einzige Falsifizierungsmöglichkeit von rational-choice Modellen zur Erklärung kollektiver Phänomene auf der Basis menschlichen Handelns. Die Frage, wie man Brückenhypothesen gewinnt, ist zwischen Vertretern der rational-choice Theorie umstritten: den Verfechtern der idiographischen Methode stehen die Verfechter der nomothetischen Methode gegenüber. Im Rahmen des vorliegenden Artikels wird gezeigt, daß die idiographische Methode zur Gewinnung von Brückenhypothesen mit drei Problemen verbunden ist, die sie letztlich zum Scheitern bringt: (1) Erklärungen, die idiographisch gewonnene Brückenhypothesen beinhalten, sind nicht falsifizierbar; (2) die Formulierung von allgemeine(re)n Brückenhypothesen, die über den idiosynkratischen Entdeckungszusammenhang hinausweisen, ist – aufgrund der induktiven Vorgehensweise – nicht möglich und (3) der Versuch, Brückenhypothesen durch die Erfragung “wahrer Präferenzen” zu formulieren, ist in mehrfacher Hinsicht problematisch und resultiert unausweichlich in einer impliziten Festschreibung der Konstruktion von “Wirklichkeit”, die der jeweilige Forscher vornimmt.

Die Schwierigkeiten, die die idiographische Methode scheitern lassen, sind mit der nomothetischen Methode zu umgehen bzw. zu lösen: Im Gegensatz zur induktiven Vorgehensweise der Vertreter der idiographischen Methode steht bei Vertretern der nomothetischen Methode die Formulierung von Brückenhypothesen als “mutige Antizipation”, aus der Aussagen über die “Wirklichkeit” deduziert, an der “Wirklichkeit” geprüft und an der “Wirklichkeit” falsifiziert werden können, am Anfang. Nomothetische Erklärungsmodelle sind somit explizite Konstruktionen von “Wirklichkeit”, die an der “Wirklichkeit” überprüft werden können: Auf diese Weise ist es möglich, Gemeinsamkeiten zwischen “fremden Kulturen” zu finden und Unterschiede zwischen verschiedenen (Sub-)Kulturen durch Unterschiede in den Bedingungen für rationales Handeln der Akteure zu erklären anstatt sie als wesenhafte Unterschiede zwischen den (Sub-)Kulturen aufzufassen, wie dies Vertreter der idiographischen Methode zu tun gezwungen sind.

Und hier gibt es den kompletten Text:

Die Gewinnung von Brueckenhypothesen und der Streit um die nomothetische versus idiographische Methode

Bildnachweis:
Van Vliet

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