Politik für die Arbeiterschicht

von Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein

Nicht nur zu uns, auf sciencefiles, verirren sich immer wieder Kommentatoren, die von sich behaupten, sie seien “links” , würden für Arbeiter, die unteren Klassen, die Arbeiterschicht, sozial Benachteiligte, bildungsferne Schichten, Frauen eben all diejenigen kämpfen, die sie in der sozialen Hierarchie unter sich anordnen und bei denen man die Hilfe, die man ihnen angeblich angedeihen lassen will, trefflich dazu nutzen kann, den eigenen  als “höher” angesehenen sozialen Status zu zementieren. Richtig: Wir sind der Ansicht, diese Form von “Hilfe” dient lediglich der eigenen Psyche, der Sicherung der eigenen sozialen Position, der Festschreibung sozialer Hierarchien und der entsprechenden Verhinderung von vertikaler Mobilität und, last but not least, ist die entsprechende Hilfe zumeist ohnehin nur ein Lippenbekenntnis, das bestehende Verhältnisse verdecken und vor Veränderung schützen soll.

Keine der Parteien, die so vehement gegen den “Neo-Liberalismus” zu Felde ziehen, ist wirklich daran interessiert, der Klientel zu helfen, der sie angeblich so verpflichtet ist: Wären Arbeiter und Angehörige der Arbeiterschicht, wäre die Beseitigung der Zementierung sozialer Ungleichheit, die in Deutschland wie in keinem anderen Land über die Bildungs-, die Lebenschancen bestimmt, tatsächlich die Ziele von Linken, ihre Politik, ihre politischen Programme wären ganz anders ausgestaltet. Wir beide, Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein, kommen aus der Arbeiterschicht. Wir gehören zu denjenigen, die in der kurzen Phase eines “Bildungsfrühlings”, wie man die 1980er Jahre bezeichnen könnte, die Möglichkeit ergriffen haben, um obwohl aus der Arbeiterschicht, so doch zu studieren. Und wir haben unser Studium abgeschlossen und anschließend für kürzere bzw. längere Zeit den universitären Alltag ertragen. Wir gehören also zu denjenigen, für die linke Parteien “soziale Gleichheit” fordern.

Aber: Wir kommen nicht nur aus der so gerne als “bildungsferne” Schicht verunglimpften Arbeiterschicht (Warum bildungsfern? Ganz einfach, weil man dann Steuermittel loseisen kann, um den armen Menschen aus der “bildungsfernen Schicht”, in erster Linie aber dem eigenen Konto in Form regelmäßiger Gehaltszahlungen zu helfen.), wir haben unser Studium und alles, was danach kam, selbst finanziert und erarbeitet. Und wie alle Menschen, die auf ihre eigene Leistung stolz sind, wie alle Menschen, die wissenschaftliche Ideale haben, sind wir liberal.

Nun, was passiert, wenn zwei, denen linke Parteien soziale Gleichheit angedeihen lassen wollen, in Positionen kommen, in denen sie nicht mehr als Rezipienten von linker Hilfe angesehen werden können, wenn sie zudem ihren Weg in die soziale Schicht, in die Linke sie durch ihre Hilfe befördern wollen, gänzlich ohne diese Hilfe und nur aufgrund einer liberalen Phase in der deutschen Politik gemacht haben? Sie fangen an, über die Situation der Arbeiterschicht, der sie entstammen, nachzudenken. Sie fragen sich vor dem Hintergrund des Prinzips der Meritokratie, dem die deutsche Bevölkerung in ihrer Mehrheit zustimmt (Becker & Hadjar, 2009; und dem selbst Jürgen Trittin zustimmt), wie man die soziale Ungleichheit beim Zugang zu gesellschaftlichen Gütern, an der sich linke Parteien seit Jahrzehnten ohne Erfolg abmühen, beseitigen könnte, wenn man nur wollte (Tatsächlich üben sich linke Parteien seit Jahrzehnten darin, Menschen aus der Arbeiter- bzw.  Unterschicht umzuerziehen bzw. nach ihrem Ebenbilde erschaffen zu wollen. Die gesellschaftlichen Strukturen, die für eine über Generationen persistente soziale Ungleichheit verantwortlich sind, wurden von sogenannten Linken bislang zu keinem Zeitpunkt angetastet, und entsprechend hat die vermeintlich linke Politik der vergangenen Jahrzehnte zum einen dazu geführt, dass die Schuld für persistente soziale Ungleichheit, denen angelastet wurde, die einen sozial niedrigeren Status inne haben. Zum anderen haben die Versuche, die entsprechenden Menschen aus unteren sozialen Schichten umzuerziehen, eine aufgeblähte Sozialindustrie geschaffen und damit dazu beigetragen, dass das Geschäft mit der Umerziehung der Arbeiter- und Unterschichtler einträglich ist und diejenigen, die es betreiben, eigentlich gar kein Interesse daran haben können, soziale Ungleichheit beim Zugang zu gesellschaftlichen Gütern zu beseitigen und ihren Arbeitsplatz damit unnötig zu machen).

Und so sind wir zu dem Schluss gekommen, dass bislang noch nie jemand ernsthaft versucht hat, Chancengleichheit herzustellen, um die Vererbung sozialer Ungleichheit zu beseitigen. Statt dessen wurde und wird von linken Parteien Ergebnisgleichheit angestrebt, die per definitionem im Gegensatz zum meritokratischen Prinzip steht. Ausgehend von diesem Schluss haben wir dann ein Brainstorming veranstaltet und uns gefragt, wie eine linke und wie eine liberale Politik aussehen müsste, die tatsächlich Chancengleichheit im Zugang zu gesellschaftlichen Gütern befördern will. Dass sich die Ergebnisse dieses Brainstormings in keinem Parteiprogramm so genannter linker Parteien finden, weder bei SPD, Bündnis90/Die Grünen noch bei der Linken, ist zum einen nicht weiter verwunderlich, zum anderen sehr beredt.

Politikbereich Linke Politik, die soziale Ungleichheit adressieren würde Liberale Politik, die soziale Ungleichheit adressieren würde
Bildung Kosten für die Ausbildung in staatlichen Bildungsinstitutionen werden nach Abschluss der Aussbildung und in Abhängigkeit vom erreichten Schulabschluss proportional zur erreichten Berufsposition und proportional zum Einkommen der Eltern zurückgezahlt. Bildung findet ausschließlich in privaten Bildungsinstitutionen statt. Die Kosten sind individuell zu tragen. Begabte Schüler werden durch Stipendien gefördert.
Soziales: Kindergeld und Subventionen für Kinderbesitz Kindergeld und sonstige Subventionen für den Besitz von Kindern werden nach Einkommen gestaffelt, bezahlt. Je mehr Einkommen, desto weniger Kindergeld bzw. Subventionen. Es gibt kein Kindergeld und keine Subventionen für den Besitz von Kindern (weil persönliche Lebensentscheidungen  persönlich zu verantworten sind).
Soziales: Rentenversicherung Arbeiter erhalten für die gleiche Anzahl von Punkten eine höhere Rentenzahlung, einen Rentenbonus, da sie eine kürzere Lebenserwartung haben als Pensionäre oder Angestellte. Es gibt kein staatliches Rentensystem. Individuen können frei wählen, welche Form der Altersvorsorge sie treffen wollen.
Soziales: Krankenversicherung Es gibt keine Mitversicherung von Familienangehörigen. Krankenkassenbeiträge orientieren sich am beruflichen Risiko, zu erkranken. Je höher das berufliche Risiko, desto geringer die Krankenkassenbeiträge. Freizeitrisiken werden nicht auf die Allgemeinheit übertragen und sind selbst zu tragen. Es gibt keine gesetzliche Krankenversicherung. Die Absicherung gegen Krankheit erfolgt je individuell entsprechend der Präferenzen des Versicherten und über private Anbieter, die im Wettbewerb miteinander stehen.
Lohnverhandlungen Lohnverhandlungen werden dezentral von den Arbeitern in entsprechenden Betrieben und unter Brücksichtigung des Humankapitals der entsprechenden Arbeiter geführt. Gewerkschaften werden zu Solidarkassen umfunktioniert, deren Zweck darin besteht, entstehenden Streitigkeiten auf lokaler Ebene finanzielle Unabhängigkeit zu sichern. Lohnaushandlungen erfolgen individuell zwischen dem jeweiligen Arbeiter und Arbeitgeber. Eine Vereinheitlichung nach Tarifsystemen oder Gehaltstabellen findet nicht statt.
Erbschaftsrecht Eine Erbschaft ist nicht möglich. Nach dem Tod eines Vermögenden vorhandene Vermögen werden charitativen Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Vermögende können ihr Vermögen vererben, jedoch sind Blutsverwandte, Parteien und parteinahe Institutionen sowie staatliche Organisationen als Erben ausgeschlossen. Es gibt keinen Pflichtanteil.

Die in der Tabelle skizzierten Politiken wären Ideen, von denen wir glauben, dass sie im Prinzip dazu geeignet sind, über Generationen persistente soziale Ungleichheit zu beseitigen und entsprechend vertikale Mobilität zu befördern. Aber: Sie sind nur der Anfang. Es gibt noch viel mehr Politiken, die man formulieren kann, wenn man das Ziel erreichen will, eine Gleichheit von Startchancen zu gewährleisten, das wiederum die Voraussetzung der Beseitigung über Generationen stabiler sozialer Ungleichheit ist. Entsprechend rufen wir alle, die einen ähnlichen Hintergrund haben, wie wir, dazu auf, uns weitere Möglichkeiten zu mailen oder hier zu kommentieren, um ihre “linke Politik” oder ihre “liberale Politik”, also ihre Politik, Chancengleichheit im Hinblick auf den Zugang zu gesellschaftlichen Gütern herzustellen, vorzustellen. Denn es ist notwendig, dafür zu sorgen, dass z.B. Politiker und Wissenschaftler aus der Mittelschaft aufhören über uns zu sprechen, also über Menschen aus der Arbeiterschicht, die sie nur vom Hörensagen kennen und statt dessen mit uns sprechen.

Gorilla deep in thought

Für Wissenschaftler, die selbst einer subjektiv reflexiven und konstruktivistischen Weltsicht huldigen und deren Reflexion in der Regel daran hapert, dass der Inhalt der Reflexion zwar subjektiv, aber gänzlich uninformiert ist, stellen wir uns gerne als Inhaltsgeber zum weiteren reflexiven Reflektieren reflexiv-reflektierter Inhalte zur Verfügung – vielleicht kommt auf diese Weise und bei so viel reflexiver Reflexion ja einmal etwas Sinnvolles heraus.

Literatur:
Becker, Rolf & Hadjar, Andreas (2009). Meritokratie – Zur gesellschaftlichen Legitimation ungleicher Bildungs-, Erwerbs- und Einkommenschancen in modernen Gesellschaften. In: Becker, Rolf (Hrsg.). Lehrbuch der Bildungssoziologie. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Bildnachweis:
SPD Espelkamp
Science Skeptical.de
Die Linke
Xiaochaboh

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