Politik für die Arbeiterschicht

von Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein

Nicht nur zu uns, auf sciencefiles, verirren sich immer wieder Kommentatoren, die von sich behaupten, sie seien “links” , würden für Arbeiter, die unteren Klassen, die Arbeiterschicht, sozial Benachteiligte, bildungsferne Schichten, Frauen eben all diejenigen kämpfen, die sie in der sozialen Hierarchie unter sich anordnen und bei denen man die Hilfe, die man ihnen angeblich angedeihen lassen will, trefflich dazu nutzen kann, den eigenen  als “höher” angesehenen sozialen Status zu zementieren. Richtig: Wir sind der Ansicht, diese Form von “Hilfe” dient lediglich der eigenen Psyche, der Sicherung der eigenen sozialen Position, der Festschreibung sozialer Hierarchien und der entsprechenden Verhinderung von vertikaler Mobilität und, last but not least, ist die entsprechende Hilfe zumeist ohnehin nur ein Lippenbekenntnis, das bestehende Verhältnisse verdecken und vor Veränderung schützen soll.

Keine der Parteien, die so vehement gegen den “Neo-Liberalismus” zu Felde ziehen, ist wirklich daran interessiert, der Klientel zu helfen, der sie angeblich so verpflichtet ist: Wären Arbeiter und Angehörige der Arbeiterschicht, wäre die Beseitigung der Zementierung sozialer Ungleichheit, die in Deutschland wie in keinem anderen Land über die Bildungs-, die Lebenschancen bestimmt, tatsächlich die Ziele von Linken, ihre Politik, ihre politischen Programme wären ganz anders ausgestaltet. Wir beide, Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein, kommen aus der Arbeiterschicht. Wir gehören zu denjenigen, die in der kurzen Phase eines “Bildungsfrühlings”, wie man die 1980er Jahre bezeichnen könnte, die Möglichkeit ergriffen haben, um obwohl aus der Arbeiterschicht, so doch zu studieren. Und wir haben unser Studium abgeschlossen und anschließend für kürzere bzw. längere Zeit den universitären Alltag ertragen. Wir gehören also zu denjenigen, für die linke Parteien “soziale Gleichheit” fordern.

Aber: Wir kommen nicht nur aus der so gerne als “bildungsferne” Schicht verunglimpften Arbeiterschicht (Warum bildungsfern? Ganz einfach, weil man dann Steuermittel loseisen kann, um den armen Menschen aus der “bildungsfernen Schicht”, in erster Linie aber dem eigenen Konto in Form regelmäßiger Gehaltszahlungen zu helfen.), wir haben unser Studium und alles, was danach kam, selbst finanziert und erarbeitet. Und wie alle Menschen, die auf ihre eigene Leistung stolz sind, wie alle Menschen, die wissenschaftliche Ideale haben, sind wir liberal.

Nun, was passiert, wenn zwei, denen linke Parteien soziale Gleichheit angedeihen lassen wollen, in Positionen kommen, in denen sie nicht mehr als Rezipienten von linker Hilfe angesehen werden können, wenn sie zudem ihren Weg in die soziale Schicht, in die Linke sie durch ihre Hilfe befördern wollen, gänzlich ohne diese Hilfe und nur aufgrund einer liberalen Phase in der deutschen Politik gemacht haben? Sie fangen an, über die Situation der Arbeiterschicht, der sie entstammen, nachzudenken. Sie fragen sich vor dem Hintergrund des Prinzips der Meritokratie, dem die deutsche Bevölkerung in ihrer Mehrheit zustimmt (Becker & Hadjar, 2009; und dem selbst Jürgen Trittin zustimmt), wie man die soziale Ungleichheit beim Zugang zu gesellschaftlichen Gütern, an der sich linke Parteien seit Jahrzehnten ohne Erfolg abmühen, beseitigen könnte, wenn man nur wollte (Tatsächlich üben sich linke Parteien seit Jahrzehnten darin, Menschen aus der Arbeiter- bzw.  Unterschicht umzuerziehen bzw. nach ihrem Ebenbilde erschaffen zu wollen. Die gesellschaftlichen Strukturen, die für eine über Generationen persistente soziale Ungleichheit verantwortlich sind, wurden von sogenannten Linken bislang zu keinem Zeitpunkt angetastet, und entsprechend hat die vermeintlich linke Politik der vergangenen Jahrzehnte zum einen dazu geführt, dass die Schuld für persistente soziale Ungleichheit, denen angelastet wurde, die einen sozial niedrigeren Status inne haben. Zum anderen haben die Versuche, die entsprechenden Menschen aus unteren sozialen Schichten umzuerziehen, eine aufgeblähte Sozialindustrie geschaffen und damit dazu beigetragen, dass das Geschäft mit der Umerziehung der Arbeiter- und Unterschichtler einträglich ist und diejenigen, die es betreiben, eigentlich gar kein Interesse daran haben können, soziale Ungleichheit beim Zugang zu gesellschaftlichen Gütern zu beseitigen und ihren Arbeitsplatz damit unnötig zu machen).

Und so sind wir zu dem Schluss gekommen, dass bislang noch nie jemand ernsthaft versucht hat, Chancengleichheit herzustellen, um die Vererbung sozialer Ungleichheit zu beseitigen. Statt dessen wurde und wird von linken Parteien Ergebnisgleichheit angestrebt, die per definitionem im Gegensatz zum meritokratischen Prinzip steht. Ausgehend von diesem Schluss haben wir dann ein Brainstorming veranstaltet und uns gefragt, wie eine linke und wie eine liberale Politik aussehen müsste, die tatsächlich Chancengleichheit im Zugang zu gesellschaftlichen Gütern befördern will. Dass sich die Ergebnisse dieses Brainstormings in keinem Parteiprogramm so genannter linker Parteien finden, weder bei SPD, Bündnis90/Die Grünen noch bei der Linken, ist zum einen nicht weiter verwunderlich, zum anderen sehr beredt.

Politikbereich Linke Politik, die soziale Ungleichheit adressieren würde Liberale Politik, die soziale Ungleichheit adressieren würde
Bildung Kosten für die Ausbildung in staatlichen Bildungsinstitutionen werden nach Abschluss der Aussbildung und in Abhängigkeit vom erreichten Schulabschluss proportional zur erreichten Berufsposition und proportional zum Einkommen der Eltern zurückgezahlt. Bildung findet ausschließlich in privaten Bildungsinstitutionen statt. Die Kosten sind individuell zu tragen. Begabte Schüler werden durch Stipendien gefördert.
Soziales: Kindergeld und Subventionen für Kinderbesitz Kindergeld und sonstige Subventionen für den Besitz von Kindern werden nach Einkommen gestaffelt, bezahlt. Je mehr Einkommen, desto weniger Kindergeld bzw. Subventionen. Es gibt kein Kindergeld und keine Subventionen für den Besitz von Kindern (weil persönliche Lebensentscheidungen  persönlich zu verantworten sind).
Soziales: Rentenversicherung Arbeiter erhalten für die gleiche Anzahl von Punkten eine höhere Rentenzahlung, einen Rentenbonus, da sie eine kürzere Lebenserwartung haben als Pensionäre oder Angestellte. Es gibt kein staatliches Rentensystem. Individuen können frei wählen, welche Form der Altersvorsorge sie treffen wollen.
Soziales: Krankenversicherung Es gibt keine Mitversicherung von Familienangehörigen. Krankenkassenbeiträge orientieren sich am beruflichen Risiko, zu erkranken. Je höher das berufliche Risiko, desto geringer die Krankenkassenbeiträge. Freizeitrisiken werden nicht auf die Allgemeinheit übertragen und sind selbst zu tragen. Es gibt keine gesetzliche Krankenversicherung. Die Absicherung gegen Krankheit erfolgt je individuell entsprechend der Präferenzen des Versicherten und über private Anbieter, die im Wettbewerb miteinander stehen.
Lohnverhandlungen Lohnverhandlungen werden dezentral von den Arbeitern in entsprechenden Betrieben und unter Brücksichtigung des Humankapitals der entsprechenden Arbeiter geführt. Gewerkschaften werden zu Solidarkassen umfunktioniert, deren Zweck darin besteht, entstehenden Streitigkeiten auf lokaler Ebene finanzielle Unabhängigkeit zu sichern. Lohnaushandlungen erfolgen individuell zwischen dem jeweiligen Arbeiter und Arbeitgeber. Eine Vereinheitlichung nach Tarifsystemen oder Gehaltstabellen findet nicht statt.
Erbschaftsrecht Eine Erbschaft ist nicht möglich. Nach dem Tod eines Vermögenden vorhandene Vermögen werden charitativen Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Vermögende können ihr Vermögen vererben, jedoch sind Blutsverwandte, Parteien und parteinahe Institutionen sowie staatliche Organisationen als Erben ausgeschlossen. Es gibt keinen Pflichtanteil.

Die in der Tabelle skizzierten Politiken wären Ideen, von denen wir glauben, dass sie im Prinzip dazu geeignet sind, über Generationen persistente soziale Ungleichheit zu beseitigen und entsprechend vertikale Mobilität zu befördern. Aber: Sie sind nur der Anfang. Es gibt noch viel mehr Politiken, die man formulieren kann, wenn man das Ziel erreichen will, eine Gleichheit von Startchancen zu gewährleisten, das wiederum die Voraussetzung der Beseitigung über Generationen stabiler sozialer Ungleichheit ist. Entsprechend rufen wir alle, die einen ähnlichen Hintergrund haben, wie wir, dazu auf, uns weitere Möglichkeiten zu mailen oder hier zu kommentieren, um ihre “linke Politik” oder ihre “liberale Politik”, also ihre Politik, Chancengleichheit im Hinblick auf den Zugang zu gesellschaftlichen Gütern herzustellen, vorzustellen. Denn es ist notwendig, dafür zu sorgen, dass z.B. Politiker und Wissenschaftler aus der Mittelschaft aufhören über uns zu sprechen, also über Menschen aus der Arbeiterschicht, die sie nur vom Hörensagen kennen und statt dessen mit uns sprechen.

Gorilla deep in thought

Für Wissenschaftler, die selbst einer subjektiv reflexiven und konstruktivistischen Weltsicht huldigen und deren Reflexion in der Regel daran hapert, dass der Inhalt der Reflexion zwar subjektiv, aber gänzlich uninformiert ist, stellen wir uns gerne als Inhaltsgeber zum weiteren reflexiven Reflektieren reflexiv-reflektierter Inhalte zur Verfügung – vielleicht kommt auf diese Weise und bei so viel reflexiver Reflexion ja einmal etwas Sinnvolles heraus.

Literatur:
Becker, Rolf & Hadjar, Andreas (2009). Meritokratie – Zur gesellschaftlichen Legitimation ungleicher Bildungs-, Erwerbs- und Einkommenschancen in modernen Gesellschaften. In: Becker, Rolf (Hrsg.). Lehrbuch der Bildungssoziologie. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Bildnachweis:
SPD Espelkamp
Science Skeptical.de
Die Linke
Xiaochaboh

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... concerned with and about science

15 Responses to Politik für die Arbeiterschicht

  1. A. Behrens says:

    Zum Brainstorming: Ich würde aus meiner Sicht noch ergänzen um das Bürgergeld nach Götz Werner. Wenn man akzeptiert das Sozialleistungsempfänger* mit hohen Bezügen (etwa reiche Rentner, arbeitslose Ingenieure der oberen Gehaltsklassen) deutlich verlieren würden, wäre das BGE heute bereits näherungsweise finanzierbar. Die Finanzierungsdifferenz liegt in Höhe heute gezahlter Wirtschaftssubventionen und ist deutlich unter den Kosten der Bankenrettung.

    Im Sinne einer Chancengleichheit bietet ein BGE ein bedingungsloses Grundeinkommen, welches die Elementarbedürfnisse Essen, Trinken, Wohnen und Gesundheit absichert, aber keinerlei Luxus bietet. Also weder Fernseher, noch große Wohnung oder Auto.

    Das Bürgergeld ermöglicht jedem Menschen ein Leben ohne Existenzangst und damit die Möglichkeit wirklich chancenorientiert zu leben und zu arbeiten.

    Größter Gegner des BGE waren bislang die Linken (die Partei) und Gewerkschaften. Ist logisch, weil die bei Zahlung eines BGE natürlich ihre Existenzgrundlage verlieren.

    * Summe aller staatlich und privat finanzierten Sozialleistungen etwa Krankentagegeld, Arbeitslosenhilfe, Rente, Kindergeld, Ehegatten- und Kindesunterhalt. Nicht gemeint ist die heute existierende Sozialhilfe.

  2. rüdiger says:

    Die “liberalen” Punkte, die sie da skizzieren, sollen helfen, Chancengleichheit zu erreichen? Oder habe ich das jetzt falsch verstanden? Sieht für mich eher so aus, dass (nur) derjenige, der Geld hat, sich Gesundheit, Bildung und Alterssicherung leisten kann. Verstehe nicht, wie das zu Chancengleichheit beitragen soll.

    • A. Behrens says:

      Eine vollständige Gleichheit gibt es nicht. Wenn der Unterschied nicht mehr Geld ist, dann ist es das Aussehen, Begabung, Intelligenz, Glück, Gesundheit oder der Zeitpunkt der Geburt (wer während des WKII geboren wurde, hatte generell weniger Chancen als jemand der in 60igern geboren wurde)

      Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: Es wird ohne Rücksicht auf Verluste jede Ungleichheit ausgemerzt. Unter Mao wurde sowas probiert. Damals hat man etwa begabten Klavierspielern die Hände gebrochen, damit sie nicht mehr besser Klavierspielen können als unbegabte Spieler… Radikale Gleichheit bedeutet letztlich Annäherung an die kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Bevölkerung hat sich also an den Hässlichen, Dummen, Faulen, Unglücklichen und Kranken zu orientieren. Alle die nicht hässlich,dumm, faul und krank sind, werden künstlich dazu gemacht Die Zukunft einer solchen Gesellschaft kann man sich selbst ausrechnen.

      Die Alternative ist es das Leben so zu akzeptieren wie es ist: Ungerecht. Das Leben selbst ist ungerecht.

      Akzeptiert man die Ungerechtigkeit des Lebens (und es gibt rational betrachtet ohnehin keine andere Wahl), dann kann man sich auf individuelle Chancenverwertung konzentrieren.

      Individuelle Chancenverwertung bedeutet dabei, dass jeder Mensch für sich ausgehend von seinem individuellem Lebens(un)glück Chancen findet und verwertet. Im Idealfall des bösen Liberalismus (iSv kapitalistisch freiheitlich) gibt es einen hohen Gewinn bei erfolgreicher Verwertung und die Möglichkeit eines Resets bei Fehlentscheidungen.

      Im Marxismus gibt es dagegen keine Chancen auf Chancen, da individuelle Freiheit per seh schlecht ist und Freiheit als Dienst an der Gemeinschaft (also Unterordnung unter die vermeintlichen Interessen der Gesellschaft) definiert wird.

      Bezüglich Bildung: Bildung ist gar nicht so teuer. Auch nicht in den USA. An einer billigen Hochschule kann man für 30.000$ studieren und es gibt umfassende Programme für Studiumskredite. Aufgrund der hohen Einkünfte von Studierten kann man die Schulden innerhalb weniger Jahre ziemlich problemlos tilgen. Das es Menschen gibt die es trotzdem nicht schaffen hängt mit einem zweiten Faktor zusammen: Allgemeine Lebenstüchtigkeit.

      Übrigens ist das Konzept des privat finanzierten Studiums in Deutschland zwischenzeitlich ziemlich verbreitet. Zumindest in meinem privaten Umfeld gibt es eine erstaunliche Anzahl von Leuten die zunächst etliche Jahre gearbeitet haben und _dann_ ein privat finanziertes (Fern-)studium aufnehmen. In meiner Familie: 3 von 5 Kindern. Die beiden anderen sind noch nicht alt genug. Außerdem beide Elternteile (also mich eingeschlossen). Und ich sehe meine Familie bei weitem nicht als Ausnahme. Wenn man auf Arbeit sich mal umhört, gibt es sehr viele Menschen die privat das erste oder zweite (oder gar dritte) Studium gemacht haben. Es gibt zwischenzeitlich sogar Menschen die studieren als Hobby begreifen und dann neben einem Abschluss in einem Erstfach auch noch weitere akadamische Abschlüsse in völlig unterschiedlichen Fächern haben.

      Es geht also.

  3. rüdiger says:

    Ihre Ausführungen in Ehren, nur wo schreibe ich, dass ich “vollständige Gleichheit” anstrebe? Dass Bildung, Gesundheit und Alterssicherung nur für Vermögende zu haben ist, kann man auch dann als ungerecht empfinden, ohne den Wunsch zu verspüren, mit der Gleichheitswalze über die Gesellschaft zu fahren.

    Im Übrigen gibt es individuelle Ungleichheiten auch außerhalb der Dimension der Finanzkraft. Jemanden in Armut mit Geldmitteln oder einem Versicherungssystem zu unterstützen, auf dass er sich Bildung, Gesundheit und eine Alterssicherung leisten kann, bedeutet nicht, alles gleich zu machen.

    • Marcel Elsener says:

      Die Behauptung, dass Bildung und Gesundheit nur für Vermögende zu haben ist, ist in einem System von (steuerfinanzierten) Volksschulen schlichtweg falsch. Eine gute Bildung zu erlangen, ist in hohem Masse abhängig vom individuellen Ehrgeiz und von der eigenen Lernbereitschaft.

      Selbst in einem privat finanzierten Bildungssystem hat man eine gute Chance, eine ausreichende Bildung zu erlangen, wie etwa das Beispiel von den zumeist eher ärmlichen Asiaten in den USA aufzeigt, die mittels starkem Lerneifer signifikant höhere Bildungserfolge erzielen als die saturierte ‘weisse’ Mittelschicht.

      Gesundheit kauft man sich nicht mit Geld, sondern man erhält sie sich durch eine gesunde Lebensweise. Auch das ist keineswegs teuer.

      Was die Alterssicherung anbelangt: absolute Sicherheit gibt es nicht. Die ist eine Illusion. Die einfachste Version einer Alterssicherung besteht darin, Kinder in die Welt zu setzen und darauf zu bauen, dass man durch sie im Alter versorgt wird. Daneben kann man auch sparen, d.h. Überschüsse aus dem Erwerbslohn sukzessive in Form von dauerhaft werthaltigen Objekten für das Alter zurückzulegen.

      Bezüglich der individuellen Ungleichheiten: freilich gibt es die jenseits der Finanzkraft. Diese sind teilweise naturbedingt, können aber in erheblichem Ausmass auch zum eigenen Vorteil positiv beeinflusst werden. Gerade die Eigenschaft seine Fähigkeiten gezielt zu entwickeln (= lernen) und damit seine Zukunft entscheidend zu gestalten, erhebt den Menschen über das weitgehend triebhafte und instinktgesteuerte Tier.

      Wenn ich etwas gut kann, das andere nicht so gut können, dann bin ich logischerweise ungleich zu den anderen. Ungleichheit kann somit ein sehr positiver Aspekt sein. Ich kann meine besondere Fähigkeit gezielt trainieren, um dadurch besser als die anderen zu werden. Wenn ich mich dabei auf eine Fähigkeit konzentriere, die auf dem Markt rege nachgefragt wird, dann kann ich sogar meinen Lebensunterhalt damit bestreiten und meine Finanzkraft verbessern; entscheidend ist eine gewisse Flexibilität und der feste Wille, es zu tun. Materieller Reichtum lässt sich dadurch zwar nur in seltenen Fällen und mit viel Glück anhäufen, aber einen bescheidenen Wohlstand kann man aus eigener Kraft sehr wohl erreichen.

      Wer sich jedoch permanent und ausschliesslich als Spielball äusserer Umstände betrachtet, ja, der ist dann natürlich auch deren Spielball. Er wird in seiner selbstgewählten Passivität keinen anderen Weg sehen, als von den Gestaltern der äusseren Umstände irgendwelche Leistungen einzufordern; das Schnorren (= rent seeking) wird zur (Über-)Lebensaufgabe – die klassische Wohlfahrtskarriere.

      • rüdiger says:

        Die Behauptung, dass Bildung und Gesundheit nur für Vermögende zu haben ist, ist in einem System von (steuerfinanzierten) Volksschulen schlichtweg falsch.

        Sollten obige neoliberalen (die nicht liberal sind) Forderungen durchgesetzt werden, wäre es aber so.

        Eine gute Bildung zu erlangen, ist in hohem Masse abhängig vom individuellen Ehrgeiz und von der eigenen Lernbereitschaft.

        Sehe ich auch so, aber woher kommt die Lernbereitschaft? Es existiert eine Korrelation zwischen ärmlicher Herkunft und mangelnder Lernbereitschaft, und ich denke hier herrscht ein kausaler Zusammenhang.

        Derjenige, der fleißig in Schule und später im Beruf ist, sollte sich mal ganz selbstkritisch die Frage stellen, ob das auch dann der Fall wäre, wenn er ein “vergiftetes” Erbe mitbekommen hätte. Exakt dieselben Gene, aber halt unter Assi-Eltern aufgewachsen. Ist unter dem Aspekt seine Verachtung und “nur-gerecht”-Haltung berechtigt? Woher nimmt er die selbstzufriedene Gewissheit, dass er unter diesen Umständen nicht auch ein Assi geworden, schon in der Schule abgeschmiert wäre und diese mit einem schlechten Hauptschulabschluss verlassen hätte?

        Gesundheit kauft man sich nicht mit Geld, sondern man erhält sie sich durch eine gesunde Lebensweise. Auch das ist keineswegs teuer.

        Krankheit kann jeden treffen, auch mit gesunder Lebensweise.

        Was die Alterssicherung anbelangt: absolute Sicherheit gibt es nicht. Die ist eine Illusion.

        Für Reiche weniger.

        Daneben kann man auch sparen, d.h. Überschüsse aus dem Erwerbslohn sukzessive in Form von dauerhaft werthaltigen Objekten für das Alter zurückzulegen.

        Nope, ein Tellerwäscher, der bis zum Umfallen arbeitet, aber mit einem Gehalt verhöhnt wird, welches mit Hartz IV aufgestockt werden muss, hat nichts, was er für’s Alter zurücklegen kann.

        Ansonsten stimme ich dir zu, dass ein Wille-zu gegeben sein muss. Aber: Der Wille garantiert nicht den Erfolg, man kann dennoch an unüberwindbare Grenzen stoßen. Das neoliberale Märchen vom Tellerwäscher zum Millionäre ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass der Tellerwäscher in Vollzeit und Überstunden mit einem Hartz IV Gehalt abgespeist wird und auch keinen Millimeter aufsteigt. Da kann er wollen wie er will.

        • Marcel Elsener says:

          >>Die Behauptung, dass Bildung und Gesundheit nur für Vermögende zu haben ist, ist in einem System von (steuerfinanzierten) Volksschulen schlichtweg falsch.

          >Sollten obige neoliberalen (die nicht liberal sind) Forderungen durchgesetzt werden, wäre es aber so.

          Sollten diese libertären Forderungen durchgesetzt werden, entstünden dem Staat deutlich weniger Kosten, was sich in Steuersenkungen und verringerten Lohnabzügen niederschlagen müsste. Die Ersparnis könnten die Bürger dann für die Bildung ihrer Kinder einsetzen. Leider gibt der Staatskrake erfahrungsgemäss nichts freiwillig zurück, was er sich einmal gekrallt hat. Die Politbürokratie dehnt sich immer nur aus, was Northcote C. Parkinson schon in den 50er Jahren aufzeigte. Dass ein privates Schulsystem auch für Nichtreiche funktioniert, beweisen andere Länder (z.B. die USA) jedoch durchaus.

          >>Eine gute Bildung zu erlangen, ist in hohem Masse abhängig vom individuellen Ehrgeiz und von der eigenen Lernbereitschaft.

          >Sehe ich auch so, aber woher kommt die Lernbereitschaft? Es existiert eine Korrelation zwischen ärmlicher Herkunft und mangelnder Lernbereitschaft, und ich denke hier herrscht ein kausaler Zusammenhang.

          Auf die Lernbereitschaft ihrer Kinder haben Eltern nachweislich grossen Einfluss. Deswegen schwingen in den USA die Kinder asiatischer Einwanderer bildungsmässig obenauf; dasselbe gilt bezeichnenderweise auch für Kinder, die von ihren Eltern zuhause geschult werden (Homeschooling). Deswegen haben sich die kleinen Tigerstaaten von einstigen Entwicklungsländern (Südkorea, Taiwan) zu Ländern mit vorbildlichem Bildungssystem gemausert. Überall finden sich im Elternhaus positive Lernklimata.

          Bei der von Dir vermuteten Kausalität sollten somit auch noch andere Hypothesen wie etwa kulturelle Hintergründe geprüft werden. Ostasiaten in Deutschland (z.B. Vietnamesen) scheinen nämlich trotz häufiger Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen nicht unter fehlender Lernbereitschaft zu leiden. Womöglich hat Herr Sarrazin mit seinen Thesen doch mehr Wahrheit verkündet, als ihm gemeinhin zugebilligt wird. Desweiteren sollte auch geprüft werden, ob nicht gerade die Wohlfahrt mitverantwortlich ist für die mangelnde Lernbereitschaft. Wer von Kindesbeinen ohne Gegenleistung Wohlfahrtsknete kassiert, dem fehlt logischerweise die Motivation sich aus dieser bescheidenen aber durchaus bequemen Versorgung zu befreien. Auch die grosse Zahl zertrümmerter Familien und die daraus resultierenden alleinerziehenden Mütter müssten als Erklärungsmöglichkeit berücksichtigt werden. Aber solche Alternativhypothesen sind pfuibäh. Die jetzigen Forschungsdaten reichen nicht aus, um irgendwelche Kausalitäten stichhaltig belegen zu können.

          >Derjenige, der fleißig in Schule und später im Beruf ist, sollte sich mal ganz selbstkritisch die Frage stellen, ob das auch dann der Fall wäre, wenn er ein “vergiftetes” Erbe mitbekommen hätte.

          Ob jemand ein ‘vergiftetes’ Erbe mitbekommen hat, das ist Schicksal. Was sollte es aus gesellschaftlicher Sicht bringen, wenn er sich solche Fragen stellt? Wer kein solches Erbe in Aussicht hat, der tut gut daran, fleissig zu sein, anstatt darüber nachzugrübeln, dass er keine reichen Eltern hat. Neid auf andere bringt niemanden weiter.

          >Krankheit kann jeden treffen, auch mit gesunder Lebensweise.

          Aber die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung (Herz- und Kreislaufbeschwerden) ist mit einer gesunden Lebensweise deutlich geringer. Wer auf das Rauchen verzichtet, spart viel Geld und mindert das Gesundheitsrisiko beträchtlich. Der freie, vorausschauende Bürger wird sich ausserdem für Eventualitäten etwas zurücklegen.

          >>Daneben kann man auch sparen, d.h. Überschüsse aus dem Erwerbslohn sukzessive in Form von dauerhaft werthaltigen Objekten für das Alter zurückzulegen.

          >Nope, ein Tellerwäscher, der bis zum Umfallen arbeitet, aber mit einem Gehalt verhöhnt wird, welches mit Hartz IV aufgestockt werden muss, hat nichts, was er für’s Alter zurücklegen kann.

          Vielleicht sollte sich der Tellerwäscher dann überlegen, ob er nicht den Beruf wechseln sollte, damit er etwas zurücklegen kann. Flexibilität ist eindeutig ein Vorteil. Im übrigen kann der Tellerwäscher sehr wohl Kinder in die Welt setzen, die ihm im Alter helfen. Das nennt man Solidarität und hat jahrtausendelang funktioniert. Die Zwangswohlfahrt hingegen zerstört jegliche Solidarität, denn jeder glaubt dann, dass irgendein ‘Sozialwerk’ für seine Eltern zuständig sei. Seine Kinder zum Lernen zu animieren, ihnen Lernbereitschaft auf den Lebensweg mitzugeben, ihnen Nestwärme zu bieten wäre dann ein Akt der praktischen Vernunft, denn gutgeschulte und von den Eltern geliebte Kinder würden viel eher in der Lage und bereit sein ihre Eltern im Alter zu unterstützen. Aber solche selbstverantwortlichen Gedanken sind im Zwangswohlfahrtssystem obszön, um nicht zu sagen undenkbar.

          >Ansonsten stimme ich dir zu, dass ein Wille-zu gegeben sein muss. Aber: Der Wille garantiert nicht den Erfolg, man kann dennoch an unüberwindbare Grenzen stoßen.

          Natürlich garantiert der blosse Wille keinen Erfolg. Aber wohlfahrtsstaatliche Umverteilung garantiert den Erfolg noch viel weniger.

          >Das neoliberale Märchen vom Tellerwäscher zum Millionäre ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass der Tellerwäscher in Vollzeit und Überstunden mit einem Hartz IV Gehalt abgespeist wird und auch keinen Millimeter aufsteigt. Da kann er wollen wie er will.

          Ach, Rüdiger, wer wird schon Millionär. Das sind doch nur ganz wenige. Das liberale Ideal besteht darin, dass jemand für sein Leben selbst verantwortlich ist. Niemand braucht Tellerwäscher zu bleiben, wenn der Lohn grottenschlecht ist. Alternativ kann man sich auch in selbstgewählten Solidargemeinschaften zusammenschliessen, wo man sich gegenseitig hilft; dadurch können Kosten gespart werden. Das bewundernswerte am Menschen ist seine Kreativität, mit der er widrige Umstände meistern kann. Das staatliche Wohlfahrtssystem mit seinen giesskannenartig ausgeschütteten Wohltaten tötet aber jede Kreativität ab. Gleichzeitig wird das Wohlfahrtssystem immer stärker belastet, bis es irgendwann zusammenbricht. Dann hat man einen Haufen unkreativer Menschen, der nie etwas anderes gelernt hat, als im scheinbar gut abgesicherten System dahinzuvegetieren. Diese Menschen sind im rauhen Wind der Freiheit nicht mehr lebensfähig und verenden wie gehätschelte Zootiere, die man in die Freiheit entlässt. Ich finde, dass jeder Mensch etwas besseres verdient hat, als ein solch jämmerliches Dasein in Abhängigkeit vom Sozialstaat.

          P.S. Weisst Du eigentlich, was Neoliberalismus ist? Wenn ja, bitte ich um eine kurze Ausführung darüber.

        • rüdiger says:

          Dass ein privates Schulsystem auch für Nichtreiche funktioniert, beweisen andere Länder (z.B. die USA) jedoch durchaus.

          In den USA ist die soziale Mobilität mangelhaft. Entgegen dem vielzitierten “American Dream” bleibt dort der arm, der arm geboren wird (Ausnahmen bestätigen die Regel).

          Ob jemand ein ‘vergiftetes’ Erbe mitbekommen hat, das ist Schicksal. Was sollte es aus gesellschaftlicher Sicht bringen, wenn er sich solche Fragen stellt? Wer kein solches Erbe in Aussicht hat, der tut gut daran, fleissig zu sein, anstatt darüber nachzugrübeln, dass er keine reichen Eltern hat. Neid auf andere bringt niemanden weiter.

          Mit “vergifteten” Erbe meinte ich z.B. die Vorbildfunktion, die Eltern ausüben. Glücklich, wer fleißige Asiaten als Eltern hat und dies auch vorleben. Hinzu kommen Einflüsse durch ein ärmliches Milieu, in welchem Kriminalität und Gewalt regiert. Da wird man leicht selbst kriminell und gewaltbereit.

          Aber die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung (Herz- und Kreislaufbeschwerden) ist mit einer gesunden Lebensweise deutlich geringer. Wer auf das Rauchen verzichtet, spart viel Geld und mindert das Gesundheitsrisiko beträchtlich. Der freie, vorausschauende Bürger wird sich ausserdem für Eventualitäten etwas zurücklegen.

          Du hast mein Argument nicht widerlegt. Auch ein vorbildhaft gesund lebender Mensch kann z.B. an Brust- oder Hodenkrebs erkranken; Krankheiten, die in ihrer Behandlung sehr kostspielig sind. Und da Du immer wieder die USA anführst: Die Mehrheit der Bevölkerung dort ist für eine Gesundheitsversicherung, was nicht schwer einzusehen ist, wenn man bedenkt, dass dort der Schicksalsschlag einer schwereren Erkrankung selbst für eine Mittelstandfamilie die soziale Vernichtung bedeuten kann (Quelle: Noam Chomsky, “Der gescheiterte Staat”).

          Vielleicht sollte sich der Tellerwäscher dann überlegen, ob er nicht den Beruf wechseln sollte, damit er etwas zurücklegen kann. Flexibilität ist eindeutig ein Vorteil.

          Flexibilität ist ein Euphemismus für Ausbeutung, dem Prinzip, dass der Mensch für die Wirtschaft dazu sein hat. Es sollte aber genau umgekehrt laufen: Die Wirtschaft hat für den Menschen da zu sein, und nicht nur für die oberen Zehntausend.

          Und der Tellerwäsche kann sich vielleicht einen anderen Job suchen. Nur welchen? Wenn er als Kippenaufleser auf öffentlichen Plätzen arbeitet, ist ihm nicht viel geholfen.

          Im übrigen kann der Tellerwäscher sehr wohl Kinder in die Welt setzen, die ihm im Alter helfen. Das nennt man Solidarität und hat jahrtausendelang funktioniert.

          Bei naturnahen Völkern, also auch in der jahrtausendlangen Geschichte, waren nicht nur die leiblich abstammenden Kinder für Kranke und Pflegebedürftige da, sondern der ganze Stamm, das ganze Dorf. In modernen Gesellschaft eben der Sozialstaat.

          Ach, Rüdiger, wer wird schon Millionär. Das sind doch nur ganz wenige. Das liberale Ideal besteht darin, dass jemand für sein Leben selbst verantwortlich ist.

          Was hat es mit Selbstverantwortung zu tun, jemanden den Zugang zu Bildung, Gesundheit und Alterssicherung zu verweigern, weil er nicht über die finanziellen Mittel verfügt?

          Niemand braucht Tellerwäscher zu bleiben, wenn der Lohn grottenschlecht ist. Alternativ kann man sich auch in selbstgewählten Solidargemeinschaften zusammenschliessen, wo man sich gegenseitig hilft; dadurch können Kosten gespart werden.

          Du meinst z.B. in Gewerkschaften, im Betriebsrat?

          Das bewundernswerte am Menschen ist seine Kreativität, mit der er widrige Umstände meistern kann. Das staatliche Wohlfahrtssystem mit seinen giesskannenartig ausgeschütteten Wohltaten tötet aber jede Kreativität ab.

          Oh jeh, jetzt kommt dieses neoliberale Märchen. Stoße einen Mensch in die Armut, und er wird kreativ. Nein, mein Herr: Entziehe dem Menschen in Armut die Sicherheit des Sozialstaats und er ist gezwungen, den miesesten Job zum miesesten Gehalt anzunehmen, sprich: sich ausbeuten zu lassen. Das ist die Regel, die Realität und nicht etwa Steve Jobs oder Bill Gates. Die Geschichte der deregulierten Wirtschaft ist keine Geschichte der kreativen Impulse sondern eine Geschichte der Ausbeutung, nur deswegen kam es zum Kommunismus-GAU (wo man dann nur von einer anderen parasitären Klicke ausgebeutet wurde, die Wasser predigte und Wein soff).

          Neid auf andere bringt niemanden weiter.

          Gier ebenso wenig.

          Man guckt sich seinen Steuerbescheid, ärgert sich und fragt sich:

          “Warum lebt so einer im Sozialstaat auf meine Kosten, der sich einen faulen Lenz macht?”

          Vorschlag: Zu jedem Preis jeden Produkts und jeder Dienstleistung gebe man den Zinsteil an. Dann ergibt sich nämlich eine weitere interessante Frage, nämlich:

          “Warum lebt so einer auf meine Kosten, dessen größte “kreative” Leistung darin besteht, sein Vermögen von Computerprogrammen hin- und herschieben zu lassen?”

          Im Übrigen: Es gibt weniger Sozialschmarotzer als immer wieder behauptet. Für die meisten gilt, dass sie nicht können und nicht, dass sie nicht wollen. Hier ging kürzlich ein Noname-Elektrofachmarkt pleite an der Konkurrenz von MediaMarkt und Saturn. Als Leichenfledderer bin ich zur “Alles muss raus” Aktion. Unter den Mitarbeitern dort herrschte eine merklich depressive Stimmung. Keiner sah der Arbeitslosigkeit frohen Mutes entgegen. Warum nicht, wo wir doch in so einem schönen Sozialstaat leben?

          Zu deiner Frage: Neoliberalismus ist der irrige Glaube, Deregulierung und Privatisierung führe zum größten Wohl der größten Mehrheit. Oder einfach Gier, zum Beispiel Profit damit zu machen, dass man jemanden zwingen kann, für einen Hungerlohn für einen zu arbeiten, ein Lohn, der dann noch teilweise vom Steuerzahler gezahlt wird (Hartz IV – Aufstockung).

          Ach, und was würdest Du jener Frau raten, die ich neulich beobachte, wie sie auf der Suche nach Pfandflaschen Mülleimer durchstöberte? Faul ist sie ja schon mal nicht, oder?

        • Marcel Elsener says:

          @Ruediger

          Ich sehe, dass wir beide völlig unterschiedliche Meinungen über das Wesen des Menschen haben, Rüdiger.

          Ich betrachte den Menschen als aktives Wesen, das sein Leben entscheidend mitgestalten kann; als ein Wesen, das sich selbst Bildung erarbeiten, sich seinen Lebensunterhalt verdienen und seine Entscheidungen an den jeweils bestehenden Möglichkeiten, die sich ihm bieten, ausrichten kann. Du siehst den Menschen als passives Wesen, das hilflos den Kräften seiner Umwelt ausgesetzt ist und demzufolge von irgendwelchen Institutionen mit Bildung, materiellen Dingen u.a. versorgt werden muss, weil es selbst nichts auf die Reihe kriegt. Von diesen beiden unvereinbaren Standpunkten aus werden wir immer zu vollkommen unterschiedlichen Beurteilungen kommen.

          Das aktive Wesen Mensch hat zumindest eine reelle Chance, seine Situation zu verbessern. Das passive Wesen Mensch hat aber durch seine Passivität noch nicht einmal diese Chance; so wird letzterer seine spärliche Aktivitäten darauf beschränken, herumzujammern, auf bessere Zeiten zu hoffen und vielleicht noch alle 4 Jahre irgendwelche politischen Wohltäter zu wählen, die ihm das Blaue vom Himmel herunter versprechen.

          Deine Antwort dazu, was Neoliberalismus Deiner Ansicht nach sein soll, ist erhellend. Besten Dank dafür.

          Der Frau, die nach Pfandflaschen in Mülltonnen sucht, werde ich nichts raten, weil ich sie nicht kenne. Jeder konkrete Ratschlag von mir wäre wegen meiner Unkenntnis ein Nackenschlag. Immerhin hat sie sich offensichtlich dazu entschlossen, ihr Leben ein Stück weit selbst zu gestalten. Sie sammelt Pfandflaschen und verdient sich etwas Geld damit; täte sie es nicht, dann hätte sie gar kein Geld anstatt wenig Geld, was eine noch schlimmere Situation wäre.

        • rüdiger says:

          Oh, dann will ich eine kleine Abschlussrede halten, nach dem die Unvereinbarkeit unserer Positionen festgestellt wurden:

          Ihr redet von “Freiheit”, und meint damit die Freiheit Anderer (!) unter der Brücke schlafen zu dürfen. Ihr redet von “Kreativität” und “Selbstveranwortung” meint aber im Grunde nur: “Selber schuld!” zu jemanden, der unverschuldet in Armut lebt und Ausbeutung erfährt unter einer neoliberalen Politik, die den Niedriglohnsektor ausbaut. Das nämlich ist die Praxis des “American Dream”: “Biste arm: selber schuld! Biste krank: Pech gehabt!” wie ein zeitgenössischer US-Bürger anmerkte.

          Ihr sagt: “Der Tellerwäscher muss nicht, wenn er nicht will.” Ach ja? Wie denn? Welche Alternativen gibt es denn? Kannst Du ein tragfähiges Konzept für ihn entwerfen, welches einen Realitätscheck übersteht und ihn aus dem Niedriglohnsektor rausholt? Nein? Eben, er ist in dieser Situation gefangen und warme Floskeln wie “Freiheit”, “Eigenveranwortung” und “Kreativität” helfen ihm kein bisschen wo er einem knallharten Zwang ausgesetzt ist, der zu real ist, als dass er sich mit gutem Willen überwinden ließe. Das leugnet ihr wie ihr zugleich von seiner Situation als günstige Arbeitskraft profitiert, da man dadurch gewinnträchtiger wirtschaften kann. Wessen Gewinn?

  4. G. Oberwahrenbrock says:

    “Vermögende können ihr Vermögen vererben, jedoch sind Blutsverwandte, …. ausgeschlossen.”

    Hallo? Ich halte mich für ziemlich libertär, aber das verstehe wer will Oder ist das nur ein Versehen? Ansonsten wäre ich für logische Aufklärung dankbar, will ja nicht dumm (mit lediglich verinnerlichten Ansichten “der Austrians”) sterben.

    • A. Behrens says:

      Hallo, ich finde das eine witzige Idee. So wird verhindert, dass sich Dynastien von Erben bilden, deren einige Lebensleistung darin besteht ähm die richtigen Eltern gehabt zu haben. In der Praxis wäre das Bluterben-Verbot allerdings nur beschränkt wirkungsvoll. Zum einen zerfallen Dynastien meist recht schnell wieder (üblicherweise: 1. Generation baut auf, 2. Generation baut aus und 3. Generation reißt ein) zum anderen gibt es ein wirksames Gegenmittel (Vermögen wird einer Familienstiftung übergeben).

      Interessant ist aber, dass es unter Superreichen in den USA eine Tendenz gibt, dass die eigenen Kinder tatsächlich nichts bzw. nur verhältnismäßig wenig ergeben. Die Tochter von Bill Gates bekommt eine Million (wenig ist immer relativ). Mehr als genug für einen guten Start ins Leben, viel zu wenig um gewohnten Lebensstandard aufrecht zu halten. Die hauptsächliche Erbmasse wird für karitative Zwecke gespendet.

  5. Hans Meier says:

    Ich habe das Glück, aus eigener Kraft und Selbstverantwortung mir Studienabschlüsse erarbeitet zu haben, samt Finanzierung.
    Der soziologische Blick auf Klassen oder Politiker-Schauspielerei hat mich daran nicht gehindert, ich war nicht mal neidisch auf die zukünftigen Juniorchefs, die schon eine Grundversorgung von ihren Eltern bezogen, für die ich erstmal noch eine Anstellung suchte.
    Ich war froh frei zu sein auch ohne große Unterstützung meiner Eltern „mein Ding“ zu machen.
    Darum halte ich auch heute noch die Erbschaftssteuer für eine Neidsteuer, die sich diejenigen wünschen, die sich im Leben als „zu kurz gekommene“ fühlen und verfeiern möchten.
    Beim Eintritt ins Leben einen „roten oder blauen Teppich“ vorzufinden der als Laufband zur „höheren Weihe“ führt, halte ich für albern.
    In einem Land, in dem die Wettbewerbs-Möglichkeit existieren, in einem nahezu kostenlosen Bildungssystem seinen Ambitionen freien Lauf zu lassen, kommt es doch vielmehr auf Selbstverantwortlichkeit an, denn die, kann keine Politik ersetzen.
    Den „Verhältnissen“ dabei eine „Schlüsselfunktion“ zu attestieren, unterschlägt nach meiner Erfahrung, die persönlichen Ambitionen. Ganz unabhängig in welcher Klasse man startete und wo man letztlich landete, man war doch immer persönlich für sich verantwortlich oder lagern wir unsinnigerweise diese Verantwortung an „die Gesellschaft“ oder „die Politik“ aus?
    Gerade die übergriffige Politik, die mir die Freiräume verstellt, die mich einhegen will, um mich zu bewirtschaften, infiziert meine liberale Gesinnung wie Hirn-Herpes einer Helferindustrie, die sich mit linker oder ökosozialistischer Dreistigkeit in Deutschland perpetuierend vorfindet. Ein Weniger an Bürokratie ein mehr an Wettbewerb und eine Freisinnigkeit, wie sie in einer Schweizer Demokratie angelegt ist, schafft für alle Beteiligten adäquaten Vernunft-Bezug und individuelle Teilhabe.

  6. Dummerjan says:

    “Es gibt keine gesetzliche Krankenversicherung. Die Absicherung gegen Krankheit erfolgt je individuell entsprechend der Präferenzen des Versicherten und über private Anbieter, die im Wettbewerb miteinander stehen.”

    Der Markt für Krankenversicherung wäre in einer Marktwirtschaft unvollständig Siehe Stiglitz/Rothschild “EQUILIBRIUM IN COMPETITIVE INSURANCE MARKETS: AN ESSAY ON THE ECONOMICS OF IMPERFECT INFORMATION” QJE 1976

    Märkte sind nicht per se besser.

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