Europäische Kommissare, allen voran Viviane Reding, sind immer dann, wenn es darum geht, die eigenen Interessen durchzusetzen, sehr gewieft. Ich habe bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, wie Frau Reding die Daten des Eurobarometer missbraucht und missinterpretiert, um ihre Agenda durchzuziehen und Unterstützung für ihren Plan zu erschleichen, die unternehmerische Freiheit abzuschaffen und börsennotierten Unternehmen vorzuschreiben, wie viele Frauen in ihrem Aufsichtsrat sitzen müssen. Neben der Manipulation der öffentlichen Meinung sind auch sogenannte „public consultations [öffentliche Konsultationen]“ ein beliebtes Mittel, das die Europäische Kommission immer dann nutzt, wenn es darum geht, die eigene Politik als von gaaaanz vielen anderen unterstützt darzustellen. Zu diesem Zweck werden dann regelmäßig Stakeholder aufgefordert, Fragen zu beantworten, die die Kommission, in diesem Fall die DG Justiz von Frau Reding vorbereitet hat.
Was würde man an Fragen in einer Public Consultantion on Gender Imbalances on Corporate Boards [Geschlechterungleichgewichte in höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen] erwarten, bei der es tatsächlich darum geht, die Meinung von Stakeholdern einzuholen? Folgendes:
- Ganz zu Beginn die Frage, ob „Gender Imbalances“ überhaupt ein Problem darstellen
- Für diejenigen, die denken, dass „Gender Imbalances“ ein Problem darstellen, die Folgefragen:
- Warum „Gender Imbalances“ ein Problem darstellen;
- Ob und wieso die Europäische Kommission etwas gegen diese „Gender Imbalances“ unternehmen sollte;
- Welche positiven Effekte von Maßnahmen gegen die „Gender Imbalances“ zu erwarten sind und welche wissenschatflichen Belege es dafür gibt, dass die entsprechenden Effekte auch eintreten;
- Ob Maßnahmen zur Beseitigung der entsprechenden „Gender Imbalances“ (z.B. durch die EU Kommission) und die damit zu erreichenden Gewinne die Kosten aufwiegen, die dadurch entstehen, dass die unternehmerische Freiheit und damit das Fundament kapitalistischer Systeme zerstört wird;
- Welchen persönlichen Nutzen sich die jeweiligen Stakeholder davon versprechen, eine Beseitigung der Gender Imbalances zu fordern.
- Für diejenigen, die denken, dass „Gender Imbalances“ kein Problem darstellen, die Folgefragen:
- Warum „Gender Imbalances“ kein Problem darstellen;
- Welche negativen Effekte von Maßnahmen gegen „Gender Imbalances“ zu erwarten sind, und welche wissenschaftlichen Belege es gibt, dass diese negativen Effekte auch eintreten;
- Welchen persönlichen Nutzen sich die jeweiligen Stakeholder davon versprechen, eine Beseitigung von Gender Imbalances abzulehnen.
So sähe in etwa eine öffentliche Konsultation aus, bei der es nicht darum geht, die eigenen Politikziele von willfährigen Statisten (nein Stakeholdern) legitimieren zu lassen, sondern darum, die Meinung der Stakeholder einzuholen.
Leser dieses blog werden sich schon denken, dass die Fragen, die ich zusammengestellt habe, nicht die Fragen sind, die die EU-Kommission unter der Verantwortung der ehemaligen Journalistin bei einem Luxemburger Provinzblatt, Viviane Reding, gestellt hat. Vielmehr wurden u.a. die folgenden Fragen gestellt:
- Für wie wirksam halten sie die Selbstregulierung durch Unternehmen im Hinblick auf den Abbau des Geschlechterungleichgewichts in den höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen in der EU?
- Welche zusätzlichen Maßnahmen (der Selbstregulierung bzw. Regulierung) sollten im Zusammenhang mit dem Abbau des Geschlechterungleichgewichts in den höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen in der EU ergriffen werden?
- Brächte Ihrer Meinung nach eine stärkere Präsenz von Frauen in den höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen wirtschaftliche Vorteile, und wenn ja, welche?
- Welche Zielvorgaben (z.B. 20%, 30%, 40%, 60%[!sic]) sollten für das unterrepräsentierte Geschlecht in den höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen festgesetzt werden und für welchen Zeitraum? Sollten diese Vorgaben bindenden oder empfehlenden Charakter haben? Warum?
- Soll es Sanktionen für Unternehmen geben, die die Zielvorgaben nicht einhalten?
Dies sind nicht die Fragen, die man stellt, wenn man seine Stakeholder ernst nimmt. Die Fragen sind eine Fundgrube für suggestive Fragen, es finden sich Beispiele für Framing, an denen Tversky und Kahneman (1974) ihre wahre Freude gehabt hätten, und die Fragen lassen eines von Anfang an nicht zu: Zweifel daran, dass die Gender Imbalances oder die Geschlechterungleichgewichte in höchsten Führungsgremien, wie es in der deutschen Ausgabe der Fragen heißt, beseitigt werden müssen (Ich habe hier durchweg „Gender Imbalances“ genutzt, sonst unterstellt mir noch jemand ich wäre gegen Dicke in Führungsgremien…).
Zwei Beispiel um die Manipualtion der Stakeholder bereits durch die Fragen zu demonstrieren, mögen genügen: So unterstellen die beiden ersten Fragen, dass ein Abbau der Gender Imbalances durch steuernde Eingriffe notwendig ist, dass sich das ganze also nicht von selbst z.B. dann beseitigt, wenn mehr Frauen eine Karriere der Familie vorziehen. Das ist klassische Suggestion, mit der man sicherstellt, dass die Antworter auch nichts Falsches sagen. Frage 3 ist nicht nur suggestiv, sondern arbeitet auch mit dem Ankereffekt, den bereits Tversky und Kahneman (1974) deutlich gezeigt haben: Sind Fragen positiv formuliert, dann ist die Zustimmung größer und die Frage, ob das, was da positiv formuliert wurde, vielleicht auch einen negativen Effekt hat, in Worten, „Brächte Ihrer Meinung nach eine stärkere Präsenz von Frauen in den höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen wirtschaftliche Nachteile“, kommt unkritischen Geistern gar nicht mehr in den Sinn.
Man sieht, die EU-Kommission hat die Manege gut bereitet, in der sie nun ihre Stakeholder vorführen will. Und wie die Zahl der Stakeholder, die sich willig haben vorführen lassen, zeigt, ist es der EU-Kommission problemlos gelungen, eine Liste der am wenigsten zur Kritik fähigen Organisationen in Europa zusammenzustellen. Und nun heißt es auch in diesem post: Manege frei für das Bundesforum Männer.
Die gesamte Stellungnahme des Bundesforums Männer enthält nicht einen kritischen Satz und sie unterscheidet sich im Inhalt und in der Aussage in keiner Weise von dem, was der Deutsche Frauenring e.V. geschrieben hat oder davon, was man vom Deutschen LandFrauenverband zu lesen bekommt. Insofern kann man das Bundesforum Männer wirklich abschaffen, denn was diese „Männer“ zu sagen haben, sagen bereits die Landfrauen oder die Frauen vom Ring und mehr als zweimal kann man den Unsinn nicht ertragen. Im übrigen würde ich es vorziehen, wenn ich wählen müsste, von Alice Schwarzer repräsentiert zu werden. Die hat wenigstens einen eigenen Standpunkt und eine eigene Meinung.
Bøhren, Øyvind & Staubo, Siv (2012). Changing Organizational Form to Avoid Regulatory Constraints: The Effect of Mandatory Gender Balance in the Boardroom.
Tversky, Amos & Kahneman, Daniel (1974). Judgements Under Uncertainty. Heuristics and Biases. Science 185: 1124-1131.
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